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Sechs Antworten auf sechs Fragen

Christoph Martin Wieland: Sechs Antworten auf sechs Fragen - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1781
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleSechs Antworten auf sechs Fragen
pages10
created20131127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Christoph Martin Wieland.

Sechs Antworten
auf
sechs Fragen.

 


 

1.
»Was ist Aufklärung?«

Das weiß Jedermann, der vermittelst eines Paares sehender Augen erkennen gelernt hat, worin der Unterschied zwischen Hell und Dunkel, Licht und Finsterniß besteht. Im Dunkeln sieht man entweder gar nichts oder wenigstens nicht so klar, daß man die Gegenstände recht erkennen und von einander unterscheiden kann: sobald Licht gebracht wird, klären sich die Sachen auf, werden sichtbar und können von einander unterschieden werden; – doch wird dazu zweierlei nothwendig erfordert: 1) daß Licht genug vorhanden sey, und 2) daß diejenigen, welche dabei sehen sollen, weder blind noch gelbsüchtig seyen, noch durch irgend eine andere Ursache verhindert werden, sehen zu können oder sehen zu wollen.


2.
»Ueber welche Gegenstände kann und muß sich die Aufklärung ausbreiten?«

Drollige Frage! Worüber als über sichtbare Gegenstände? Das versteht sich doch wohl, dächte ich; oder muß es den Herren noch bewiesen werden? Nun wohlan! Im 372 Dunkeln (ein einziges löbliches und gemeinnütziges Geschäft ausgenommen) bleibt für ehrliche Leute nichts zu thun als zu schlafen. Im Dunkeln sieht man nicht, wo man ist, noch wo man hingeht, noch was man thut, noch was um uns her, zumal in einiger Entfernung, geschieht; man läuft Gefahr, bei jedem Schritte die Nase anzustoßen, bei jeder Bewegung etwas umzuwerfen, zu beschädigen oder anzurühren, was man nicht anrühren sollte, kurz, alle Augenblicke Mißgriffe und Mißtritte zu thun; so daß, wer seine gewöhnlichen Geschäfte im Dunkeln treiben wollte, sie sehr übel treiben würde.Dieß leidet einige Ausnahmen, ich weiß es wohl; aber in den meisten Fällen bleibt es doch bei der Regel. Die Anwendung ist kinderleicht. Das Licht des Geistes, wovon hier die Rede ist, ist die Erkenntniß des Wahren und Falschen, des Guten und Bösen. Hoffentlich wird Jedermann zugeben, daß es ohne diese Erkenntniß eben so unmöglich ist, die Geschäfte des Geistes recht zu treiben, als es ohne materielles Licht möglich ist, materielle Geschäfte recht zu thun. Die Aufklärung, d. i., so viel Erkenntniß, als nöthig ist, um das Wahre und Falsche immer und überall unterscheiden zu können, muß sich also über alle Gegenstände ohne Ausnahme ausbreiten, worüber sie sich ausbreiten kann, d. i. über alles dem äußern und innern Auge Sichtbare. – Aber es gibt Leute, die in ihrem Werke gestört werden, sobald Licht kommt; es gibt Leute, die ihr Werk unmöglich anders als im Finstern oder wenigstens in der Dämmerung treiben können; – z. B. wer uns schwarz für weiß geben oder mit falscher Münze bezahlen oder Geister erscheinen lassen will, oder auch (was an sich etwas sehr Unschuldiges ist), wer gerne Grillen fängt, Luftschlösser baut 373 und Reisen ins Schlaraffenland oder in die glücklichen Inseln macht, – der kann das natürlicher Weise bei hellem Sonnenschein nicht so gut bewerkstelligen als bei Nacht oder Mondschein oder einem von ihm selbst zweckmäßig veranstalteten Helldunkel. Alle diese wackern Leute sind also natürliche Gegner der Aufklärung, und nun und nimmermehr werden sie sich überzeugen lassen, daß das Licht über alle Gegenstände verbreitet werden müsse, die dadurch sichtbar werden können: ihre Einstimmung zu erhalten, ist also eine pure Unmöglichkeit; sie ist aber, zu gutem Glücke, auch nicht nöthig.


3.
»Wo sind die Grenzen der Aufklärung?«

Antwort: wo bei allem möglichen Lichte nichts mehr zu sehen ist. Die Frage ist eigentlich von gleichem Schlage mit der: wo ist die Welt mit Brettern zugeschlagen? und die Antwort ist wirklich noch zu ernsthaft für eine solche Frage.


4.
»Durch welche sichere Mittel wird sie befördert?«

Das unfehlbarste Mittel, zu machen, daß es heller wird, ist, das Licht zu vermehren, die dunkeln Körper, die ihm den Durchgang verwehren, so viel möglich weg zu schaffen und besonders alle finstern Winkel und Höhlen sorgfältig 374 zu beleuchten, in welchen das No. 2 erwähnte lichtscheue Völkchen sein Wesen treibt.

Alle Gegenstände unsrer Erkenntniß sind entweder geschehene Dinge oder Vorstellungen, Begriffe, Urtheile und Meinungen. Geschehene Dinge werden aufgeklärt, wenn man bis zur Befriedigung eines jeden unparteiischen Forschers untersucht, ob und wie sie geschehen sind? Die Vorstellungen, Begriffe, Urtheile und Meinungen der Menschen werden aufgeklärt, wenn das Wahre vom Falschen daran abgesondert, das Verwickelte entwickelt, das Zusammengesetzte in seine einfachern Bestandtheile aufgelöst, das Einfache bis zu seinem Ursprunge verfolgt und überhaupt keiner Vorstellung oder Behauptung, die jemals von Menschen für Wahrheit angegeben worden ist, ein Freibrief gegen die uneingeschränkteste Untersuchung gestattet wird. Es gibt kein anderes Mittel, die Masse der Irrthümer und schädlichen Täuschungen, die den menschlichen Verstand verfinstert, zu vermindern, als dieses, und es kann kein anderes geben.

Die Rede kann also auch hier nicht von Sicherheit oder Unsicherheit seyn. Niemand kann etwas dabei zu befürchten haben, wenn es heller in den Köpfen der Menschen wird, – als diejenigen, deren Interesse es ist, daß es dunkel darin sey und bleibe; und auf die Sicherheit dieser letztern wird doch wohl bei Beantwortung der Frage keine Rücksicht genommen werden sollen? Wahrlich, wir können ihretwegen ganz ruhig seyn; sie werden schon selbst für ihre Sicherheit sorgen. Sie werden auch künftig, wie bisher, ihr Möglichstes thun, alle Oeffnungen, Fenster und Ritzen, wodurch Licht in die Welt kommen kann, zu verbauen, zu vernageln und zu verstopfen; werden nicht ermangeln, uns Andern, die wir uns zu unserm und andrer Leute nothdürftigem Gebrauch 375 mit etwas Licht versehen, die Laternen zu zerschlagen, sobald sie die Stärkern sind, und, wo sie das nicht sind, alle nur ersinnlichen Mittel anwenden, die Aufklärung wenigstens in ein böses Geschrei zu bringen. Ich denke nicht gern Arges von meinem Nebenmenschen; aber ich muß gestehen, wo die Sicherheit der Aufklärungsmittel einem Frager so sehr am Herzen liegt, da könnte mir seine Lauterkeit wider Willen verdächtig werden. Sollte er etwa meinen, es gebe respectable Dinge, die keine Beleuchtung aushalten können? Nein, so übel wollen wir von seinem Verstande nicht denken! Aber er wird vielleicht sagen: »Es gebe Fälle, wo zu viel Licht schädlich sey, wo man es nur mit Behutsamkeit und stufenweise einfallen lassen dürfe.« Gut! nun kann dieß mit der Aufklärung, die durch Unterscheidung des Wahren und Falschen bewirkt wird, in Deutschland wenigstens der Fall nicht seyn; denn so stockblind ist unsere Nation nicht, daß sie wie eine Person, die am schwarzen Staar operirt worden ist, behandelt werden müsse. Es wäre Spott und Schande, wenn wir, nachdem wir schon dreihundert Jahre lang nach und nach einen gewissen Grad von Licht gewohnt worden sind, nicht endlich einmal im Stande seyn sollten, hellen Sonnenschein ertragen zu können. Es greift sich mit Händen, daß das blose Ausflüchte der lieben Leute sind, die ihre eigenen Ursachen haben, warum es nicht hell um sie seyn soll. 376


5.
»Wer ist berechtigt, die Menschheit aufzuklären?«

Wer es kann! – »Aber wer kann es?« – Ich antworte mit einer Gegenfrage, wer kann es nicht? Nun, mein Herr? da stehen wir und sehen einander an? Also, weil kein Orakel da ist, das in zweifelhaften Fällen den Ausspruch thun könnte (und wenn eines da wäre, was hälfe es uns ohne ein zweites Orakel, das uns das erste erklärte?), und weil kein menschliches Tribunal berechtigt ist, sich einer Entscheidung anzumaßen, wodurch es von seiner Willkür abhinge, uns so viel oder wenig Licht zukommen zu lassen, als ihm beliebte: so wird es doch wohl dabei bleiben müssen, daß Jedermann – von Sokrates oder Kant bis zum obscursten aller übernatürlich erleuchteten Schneider und Schuster, ohne Ausnahme, berechtigt ist, die Menschheit aufzuklären, wie er kann, sobald ihn sein guter oder böser Geist dazu treibt. Man mag nun die Sache betrachten, von welcher Seite man will, so wird sich finden, daß die menschliche Gesellschaft bei dieser Freiheit unendlichmal weniger gefährdet ist, als wenn die Beleuchtung der Köpfe und des Thuns und Lassens der Menschen als Monopol oder ausschließliche Innungssache behandelt wird. Nur wollte ich allenfalls rathen, ne quid Respublica detrimenti capiat – eine höchst unschuldige Einschränkung dabei zu verfügen; und diese wäre: das sehr weise Strafgesetz der alten Kaiser des ersten und zweiten Jahrhunderts gegen die heimlichen Conventikel und geheimen Verbrüderungen zu erneuern und demzufolge Allen, die nicht berufen sind, auf Canzeln und Kathedern zu lehren, kein anderes Mittel zur beliebigen 377 Aufklärung der Menschheit zu gestatten, als die Buchdruckerpresse. Ein Narr, der in einem Conventikel Unsinn predigt, kann in der bürgerlichen Gesellschaft Unheil anrichten; ein Buch hingegen, was auch sein Inhalt seyn mag, kann heut zu Tage keinen Schaden thun, der entweder der Rede werth wäre oder nicht gar bald zehnfältig oder hundertfältig durch Andere vergütet würde.


6.
»An welchen Folgen erkennt man die Wahrheit der Aufklärung?«

Antwort: wenn es im Ganzen heller wird; wenn die Anzahl der denkenden, forschenden, lichtbegierigen Leute überhaupt und besonders in der Classe von Menschen, die bei der Nichtaufklärung am meisten zu gewinnen hat, immer größer, die Masse der Vorurtheile und Wahnbegriffe zusehends immer kleiner wird; wenn die Scham vor Unwissenheit und Unvernunft, die Begierde nach nützlichen und edeln Kenntnissen, und besonders, wenn der Respect vor der menschlichen Natur und ihren Rechten unter allen Ständen unvermerkt zunimmt, und (was ganz gewiß eines der unzweideutigsten Kennzeichen ist) wenn alle Messen einige Frachtwagen voll Brochuren gegen die Aufklärung in Leipzig ein- und ausgeführt werden. Denn die figürlichen Nachtvögel sind in diesem Punkte gerade das Widerspiel der eigentlichen: diese werden erst bei Nacht laut; jene hingegen schreien am grellsten, wenn ihnen die Sonne in die Augen sticht.

Sagt, hab' ich Recht? Was dünkt euch von der Sache,
Herr Nachbar mit dem langen Ohr?

 


 








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