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Schweres Blut

Juhani Aho: Schweres Blut - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJuhani Aho
titleSchweres Blut
publisherVerlag von Heinrich Minden
addressDresden und Leipzig
printrunDritte Auflage
year
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid4dd42e2f
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IX.

Vom Strande drangen Männerstimmen herauf, Lachen, Schreien, Zanken und dann wieder Lachen. Schemeikka kam auf den Hof, die anderen dann etwas hinter ihm. Marja sah in dem Häuschen an der Wand, ohne ihnen entgegenzugehen.

»Heda, Marja, heda!« hörte man Schemeikka rufen. »Wo ist die Wirtin?«

Er kletterte etwas mühsam über die Schwelle.

»Na, da ist sie ja! Weshalb kommst du mir nicht entgegen? Was für Ranzen sind denn das?«

Seine Augen waren trüb, die Knie mehr als sonst gekrümmt.

»Ich weiß nicht,« sagte Marja, indem sie versuchte vorbei und hinaus zu huschen. – »Deine früheren Mädchen haben sie gebracht.«

»Dann ist Essen für uns darin. Nun, jetzt hats keine Not. Hier ist Speise und hier ist Trank, von Schemeikkas Mädchen gebracht! Kommt herein, Jungens! Kommt, seht sie euch an, hier ist sie!«

Er packte Marja am Hals und ließ sie nicht entfliehen. Junge Männer standen in einem Halbkreis vor der Tür. Marja versuchte vergeblich sich loszureißen.

»Die müssen wir fliegen lassen! Die müssen wir fliegen lassen, dein neues Mädchen!«

»Laßt sie fliegen! Laßt mir mein neues Mädchen fliegen, Jungens!«

Marja wurde ergriffen und in die Luft geworfen. Nach etlichen Würfen gelang es ihr aus dem Kreis herauszukommen, indem sie mit dem Kopf unter einigen Achseln durchfuhr, und sie floh hinter die Hütte. Alle rochen sie nach starken Getränken. Hatten wahrscheinlich viele Tage getrunken. Die Berührung ihrer Hände brannte, es war, als müsse an jeder Stelle, wo sie sie gepackt hatten, ein Fleck geblieben sein. Sie waren ihr widrig, fremdrassig, wie dem Wild im Walde das Stalltier, wie dem Renntier die Kuhherde des Ackerbauers.

Denen hatte er sie zum Willkomm in die Arme geschoben!

Schemeikka kam hinter ihr her.

»Marja! Geh doch nicht! Jetzt gibts Spaß! Hast du Langeweile gehabt?«

»Laß mich!«

»Na, ich konnte ja nicht früher wegkommen. Ist die Badestube warm?«

»Sie ist jeden Abend warm gewesen, seitdem du gegangen bist.«

»Ich konnte ja nicht früher wegkommen. Sei doch nicht so. Komm, stell uns das Essen auf den Tisch, das uns die Mutter geschickt hat.«

»Das werdet ihr wohl selber können.«

In Schemeikkas Augen blitzte es auf:

»Du wirst es tun!«

»So? ich?«

»Ja, du. Und den Tee kochen und alles bereit stellen, während wir baden geben.«

Er sagte es befehlend wie zu einer Leibeignen und ging. Marja gehorchte, öffnete den Ranzen, nahm die Sachen heraus, stellte sie auf den Tisch, kochte den Tee und setzte ihn auf die Ofenbank. Als sie die Männer aus der Badestube kommen hörte, stand sie auf und ging hinter das Häuschen, wo sie durch die offene Luke alles hörte, was gesprochen wurde.

»Wohin ist denn dein Mädchen gegangen? Weshalb kommt es denn nicht, den Tee einzugießen?« hörte man einen fragen.

»Laßt sie nur, erwiderte Schemeikka darauf. Sie ist noch schüchtern. Sind blöde, die Schwedischen.«

»Sie sieht mir nach nichts aus, dein diesjähriges Mädchen,« sagte ein anderer.

»Manches ist ganz hübsch an ihr.«

»Aber finstre Augen macht sie dir.«

»Hast früher bessere gehabt.«

»Zum Beispiel?«

»Die Anja noch.«

Sie sprachen, brummten dazwischen von etwas anderem. Dann sagte Schemeikka:

»Und was habt ihr an dieser auszusetzen?«

»Mag wohl nicht mehr so jung sein.«

»Was tut das Alter, wenn sie sonst gut ist.«

»Ist sie das?«

»Als sie mich zum ersten Mal drückte, fürchtete ich, es wäre mein Tod.«

»Ich mache mir nichts aus den Wilden. Ich will eine Sanfte und Stille.«

»Ich will bald so eine, bald so eine,« hörte man Schemeikka mit einem Brocken im Munde sprechen. Bald eine Jungfer, bald ein Weib, bald eine Feurige, bald eine Kühle. Man wird einer bald überdrüssig.«

»Hast du überhaupt eine so lange gehabt, daß du ihrer hättest überdrüssig werden können?«

Schemeikka antwortete nicht darauf. Es war eine andere Stimme, die sagte:

»Je eine einen Sommer lang.«

»Mitunter habe ich doch einunddieselbe auch zwei Sommer gebabt,« sagte jetzt Schemeikka.

»Wieviele hast du wohl allein in dieser Hütte schlafen lassen?«

»Ich habe kein Kreuz in die Wand geritzt.«

»Womit du sie auch kirren magst, immer kriegst du welche. Sie fliegen dir zu, wie die jungen Haselhühner der Pfeife.«

»Durch Gesang macht man die Weiber kirre. Und ein Lied nur braucht's dazu: das von der Herrlichkeit ihres eigenen Ich. Das zieht immer. Wenn ich sie damit betörte, ermattete, sanken sie kraftlos neben mir hin. Die Melodie alt, die Worte neu. Wohl bekomms, Freunde!«

»Solltest einmal eine fest nehmen, Schemeikka, dann würdest du dich selber auch endlich festigen. Was ist das für ein ewiges Herumgejage?« klang die Stimme eines älteren Mannes. Sammelst das Haus mit ihnen voll wie mit Plunder. Da läßt du sie dann auf den Höfen herumfahren und weißt nicht, was du mit ihnen anstellen sollst.«

»Komme ich nicht für sie auf? Sorge ich nicht für sie?«

»Gewiß, du sorgst für sie.«

»Was redest du dann?«

»Aber diese hast du dir zu nahe weggeholt, fast vom Nachbar. Der Juha Karhunen am Rajavaara ist ja ein alter Freund von dir. Hast dich um eine gute Herberge gebracht. Wie soll man denn in Zukunft die Boote da vorbeiziehen? Hieraus werden sich noch Scherereien und mancherlei Unannehmlichkeiten entwickeln. Aber das ist ja wohl nicht das erste, was Schemeikka angestellt hat. Die Sippe der Karhus ist groß, sicher wird eine Fehde daraus. Es wäre gut, wenn du das Liebchen in das Boot trügest und sie zurückrudertest und sie an dem 5trand niedersetztest, wo du sie weggenommen hast.«

»Und dich schön bedanktest«

»Und fragtest, was du schuldig bist.«

»Ganz im Ernst, tu es, wenn du eine Fehde vermeiden willst.«

»Wenn eine Fehde daraus entsteht, dann mag sie entstehen,« hörte man Schemeikka sorglos sagen. »Dann kann man ja auch die Mitgift in Empfang nehmen.«

»Sollte wohl da etwas zu holen sein?«

»Der Speicher voll Getreide, Vieh wie eine Renntierherde. Und der Alte selber ein gewaltiger Urwaldroder, ein unvergleichlicher Schwendenbrenner.«

»Der Alte? Willst du ihn auch holen?«

»Als die Mitgift seines eigenen Weibes?«

»Na, warum nicht?«

»Schlag ein ... da, meine Hand! Du bist ein Kerl, Schemeikka!«

»Es wäre nicht der erste Arbeitsmann, der jenseits der Grenze geholt wird.«

»Ach du, Schemeikka!«

»Vielleicht kommt der Alte sogar gern, wenn er sein Weib zurückkriegt.«

»Die kriegt er noch nicht; nicht, ehe wir Brot vom neuen Korn essen.«

»Vom neuen Korn! Ei du, Schemeikka!«

Sie schüttelten sich und lachten einander ins Gesicht.

»He, Marja! Der Tee ist alle!« hörte man Schemeikka rufen.

Aber Marja lief hinter dem Häuschen weg in den Wald, eilte fort wie ums Leben, bis sie erschöpft war, und sank zu Boden. Er hatte sie beschimpft, verspottet, geschmäht, wie nackt ausgezogen vor ihnen, den Betrunkenen, wie ein Stück Marktvieh. Wohin soll ich, wohin soll ich aus ihren Händen hier fliehen? Nachhause, ich gehe nachhause! Ach, gnädiger Vater im Himmel, wohin bin ich geraten! Wenn sie es wirklich tun, sich aufmachen, das Gehöft niederbrennen und Juha hierher schleppen? – Sie kletterte den Abhang des Berges hinan, immer höher und höher, über Geröll, über Blöcke, durch Erlengestrüpp. Schließlich kam sie so hoch, daß die Welt unter ihr sich im Blau verlor. Noch weiter hinauf gelangt, erblickte sie im Westen ferne Berge. Einer von ihnen war auf dem Rücken eingekerbt, war das ihr Berg? Aber er blaute in schwindelnder Ferne hinter Mooren, Seen und Bruchwäldern. Dorthin finde ich mich nimmer, und meine Füße tragen mich nicht dahin. Und wenn ich es auch könnte, was soll ich dort – jetzt noch?

Sie kam immer weiter ab, auf die andere Seite des Berges, erschlaffte, setzte sich und schlief zuletzt über ihrem Weinen ein.

Es war weit nach Mitternacht, als Marja zur Hütte zurückkehrte. Sie schienen gegangen zu sein, da keine Stimmen zu hören waren und ihr Boot nicht mehr am Strande lag. Als sie näher kam, drang ein Schnarchen aus dem Häuschen. Schemeikka lag quer über dem Bett unter der Fensterluke. Marja zog den Kopf zurück und schob die Luke zu. Dann schlich sie um die Ecke zur Tür und schloß auch diese .. Soll ich auch die Stange vorlegen? Die könnte man so legen, daß niemand mit eigener Kraft herauskäme. Man könnte ihn wie in einer Falle einsperren. Man könnte ihn darin verbrennen wie eine Maus in ihrem Nest auf einer Schwende. Aber zugleich riß sie die Tür wieder auf und eilte an den Strand – weg vor diesen entsetzlichen Gedanken.

Der Fischer-Matti saß am Schilfufer und angelte. Marja rief ihn ans Land und erzählte ihm, um ihr Herz zu erleichtern, alles, was geschehen war.

»Ihr wußtet ja auch, daß er jeden Sommer ein neues Mädchen hat, und habt mir nichts gesagt.«

»Du hast ja nicht danach gefragt.«

»Wie hätte ich denn danach fragen sollen?«

»Er hat ja welche gehabt. Fast jeden Sommer war eine frische da. Bisweilen kommt er mit einer sogar zweimal.«

»Und sie kommen, obwohl andere dazwischen gewesen sind?«

»Die Mädchen sind nur froh, wenn sie wieder in Gnaden aufgenommen werden.«

»Laßt mich in euer Boot sitzen und fahrt mich weg!« bat Marja erregt.

»Das tue ich nicht. Ich habe gar keine Lust, mich mit dem in Streit einzulassen. Geh du nur zurück und schmeichle ihm, wenn er aufwacht. Das ist das Beste für dich. So habens die anderen auch gemacht.«

»Aber ich tue es nicht!«

»Es wäre doch am besten, du tätest es.«

Der Alte ruderte weg. Marja ging auf den Hof zurück.

»Marja!« klang es aus der Hütte. »Marketta! Wo bist du? Komm! Komm doch, kleine Marja!«

Die Stimme war schmeichelnd, lockend, wie wenn einer seinen Hund ruft. Marja rührte sich nicht von dem Fleck, wo sie saß. Nach kurzer Zeit erschien Schemeikka in der Tür.

»Na, weshalb kommst du nicht! Komm nun! Wo warst du denn hingegangen? Wo bist du gewesen?«

Marja antwortete nicht. Als Schemeikka auf sie zukam, stand sie auf. Schemeikka griff nach ihr.

»Laß mich in Ruhe!« schrie Marja.

Schemeikka griff wieder nach ihr, aber da stieß Marja ihn zurück, daß er schwankte.

»Wa–was soll denn das heißen?« erzürnte sich Schemeikka und faßte sie bei den Handgelenken.

»Ich habe alles gehört, was ihr gesprochen habt! Laß mich los! Du hast alle Sommer ein neues Mädchen hier gehabt!«

»Hast du vielleicht geglaubt, du wärest die erste?«

»Und nächsten Sommer bringst du wieder ein neues?«

»Glaubst du vielleicht, du wärest die letzte?«

»Warum wurde ich überhaupt hierher gebracht?«

»Ich dich gebracht? Hast du nicht selbst gewollt? Bist du mir nicht in die Arme gelaufen?«

Marjas Trotz zerbrach. Schemeikka ließ ihre Hände fahren, und sie sank auf einen Stein.

»Was soll jetzt hier aus mir werden?« weinte sie.

»Meine Mutter wird dich ebenso gut aufnehmen, wie sie alle anderen aufgenommen hat.«

»Ich gehe nie dahin, wo alle deine früheren sind,« sagte Marja aufschnellend.

»Dann hilft wohl nichts, als daß ich dich nachhause fahren lasse.«

»Und Juha soll ich dein Kind als Geschenk mitbringen?«

»Ist es so?«

»Ja!«

Schemeikka grinste.

»Du sagst, es wäre von ihm.«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Weshalb nicht?«

»Weil ich es nicht kann!« sagte Marja immer erregter.

»Dann sag, daß es von mir ist. Vielleicht freut er sich sehr darüber. Ich schenke es ihm.«

»Du gäbest ihm dein Kind?«

»Ich habe auch für andere welche, und habe auch schon welche weggegeben. Habe auch eins und das andere mit seiner Mutter weggegeben.« – »Geh nicht, Marja! Ich meine es ja nicht ernst. Du brauchst ja nicht zu gehen, wenn du nicht selbst willst. Ich mache dich auch zu einer Wirtin, wenn es sich trifft. Schiel nur nicht so, als ob du beißen wolltest. Komm her, Marja, ich werde schon einen Mann aus deinem Kind machen, wenn es ein Junge ist. Mag er dort unter den anderen herumlaufen – dort sind Höfe genug. Tu nicht so, laß uns Freunde sein, kümmre dich nicht, Marja, höre, du bist mir besser als jede andere – besser, hübscher als je ...«

Er näherte sich ihr mit süßen, noch müden Augen, trüber Stirn, vom Rausche roten Lippen. Wobei Marja zuerst zurückwich, dann stehen blieb.

»Mich kirrst du nicht noch einmal mit dem Lied! Nein, du Schlenkerbein, du sollst nicht noch einmal prahlen, daß ich dich zu Tode drücke – und mein Kind wirst du nicht in deine Herde führen, du Bock. Laß mich in Ruhe.«

»Sei böse, Marja, sei noch ein bißchen böse, du bist um so hübscher, je wütender du bist.«

Da, indem Marja sich erinnerte gehört zu haben, daß man einen Angreifenden in die Herzgrube stoßen müsse« – schrie Schemeikka auf und fluchte, Marja fiel rücklings hin und wurde ohnmächtig.

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