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Schweres Blut

Juhani Aho: Schweres Blut - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJuhani Aho
titleSchweres Blut
publisherVerlag von Heinrich Minden
addressDresden und Leipzig
printrunDritte Auflage
year
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid4dd42e2f
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VI.

Schemeikka ist erwacht, hat sich das Tuch vom Gesicht gerissen – wo bin ich? was ist geschehen? – Da fällt ihm alles ein ...

Bin ich wieder einmal unvernünftig gewesen? Habe ich wieder eine Torheit begangen? Daraus wird noch ein Krieg entstehen, eine Fehde entbrennen. Eine üble Geschichte. Was will ich mit eines Fremden Weib? Hätte ich sie in Ruhe gelassen! Was fange ich nun mit ihr an? Soll ich sie mit nachhause schleppen – oder zurückschicken? Sie wird sich an mich klammern und heulen und weinen. Wenn sie einsähe, was für sie das Beste ist, bäte sie mich selber, sie ans Land zu rudern. Von dort würde sie sich schon am Ufer entlang heimfinden. Könnte sagen, sie habe nach den Kühen gesucht und sich verirrt, dann erführen sie nichts. Es hat dort niemand gesehen, wie wir davongefahren sind.

Es hat mich doch keine umarmt wie diese, keine so zu Tode drücken wollen. Sie wußte nichts davon, daß sie früher einen Mann umarmt hat. Ich brächte es auch nicht übers Herz, sie jetzt schon gehen zu lassen. Aber besser wäre es doch, sie kehrte nachhause zurück. Dort könnten wir uns im Herbst wieder haben und immer, wenn ich vorbei komme.

Schemeikka hat sich erhoben und sich auf die Ruderbank gesetzt. Da bemerkt er das Laub, womit das Boot geschmückt ist. Solch läppisches Zeug machen sie immer. Wäre wenigstens zu essen da.

Schemeikka ist hungrig, und während des Liegens sind ihm die Glieder abgestorben. Er blickt matt und überdrüssig vor sich und speit sauer in das Boot.

Sie hat Feuer angemacht – wozu hat sie denn Feuer angemacht? Hier ist ja doch nichts zu kochen und zu braten. Etwa, damit es die Verfolger sehen? Die konnten einem jeden Augenblick auf den Fersen sein. Waren vielleicht schon, während er schlief, vorbeigefahren und lauerten nun unterhalb der Schnelle.

Er stand auf und trat das Feuer aus und schleuderte das angekohlte Holz mit dem Fuß in das Wasser. Ging wieder zu dem Boote, um seinen Eßranzen hervorzuholen, und riß dabei das Laub vom Rand des Bootes ab. Fand den Ranzen und setzte sich auf einen Stein. In dem Ranzen zeigten sich an Speiseresten ein Brotranft und die Schwanzhälfte eines gesalzenen Fisches.

Marja stand nicht weit davon im Gebüsch und verfolgte Schemeikkas Tun mit den Augen ... Sie wollte ihn zuerst überraschen, von hinten kommen, ihn mit den Armen umschlingen. Aber plötzlich fuhr sie zusammen, als sie den Ausdruck in Schemeikkas Gesicht gewahrte. War er erzürnt? Weshalb war er erzürnt? Auf wen? Auf mich? Warum hat er das Laub weggerissen? Der Ausdruck in seinen Augen ist kalt, fast wild.

Er hat Hunger! kam es sogleich wie Freude über Marja, als sie sah, wie Schemeikka sich unzufrieden und mit saurer Miene über den Brotranft hermachte. Der Aermste hat ja Hunger! Der liebe Kerl nagt ja an einem trocknen Ranft und weiß nicht ... er weiß nicht, daß ich eine Fischsuppe und im Schoß ein Körbchen mit Beeren für ihn habe. Und je mehr sich Schemeikkas Antlitz verfinsterte, desto munterer wurde Maria.

»Schmeckt es nicht?« hörte es Schemeikka irgendwo in der Nähe auflachen. Zugleich bemerkte er Marja in dem Gebüsch. Dem gereizten Auge erschien sie alt, häßlich, dickbäuchig.

»Na, was lachst du denn?«

Marja lachte noch herzlicher, indem sie an die freudige Ueberraschung dachte, die sie ihm bereiten würde.

»Ueber dein Essen lache ich, armer Mann. Hast du denn nichts als das ...?«

Schemeikka antwortete nicht, er kaute wütend den Bissen im Munde und spie zugleich die eine Hälfte aus.

»Hier wäre etwas, wenn es dir nicht zu gering scheint,« knixte Marja von dem Steine her und hob das Kästchen mit der Suppe aus seinem Versteck.

»Was hast du da?«

»Ein wenig gehackte Forellen hätte ich.«

»Wo hast du denn die her?«

»Laß dich das nicht kümmern, versuch nur, wie sie schmecken.«

Schemeikka nahm das Kästchen aus Marjas Hand, trank von der Suppe und schob sich mit dem Umrührhölzchen ein Stück Forelle in den Mund.

»Wie hast du denn aber die Forellen gekriegt?«

»Ich fand in deinem Hut eine Angelleine, und eine Rute habe ich mir dort am Ufer gebrochen.«

Schemeikka aß, gierig, schlürfend. Marja wartete, daß er sie auch aufforderte. Nicht weil sie hungrig gewesen wäre, sondern nur, damit er sie aufgefordert hätte – wie Juha, der sie immer aufforderte, der nie gegessen hätte, solange der andere nicht aß, und wenn er selbst noch so hungrig gewesen wäre. Und immer noch hat er den kalten, fast zornigen Blick. Und weshalb hatte er das Laub von dem Boot gerissen, obwohl es ihm ja nicht im Wege war? Will er mich vielleicht nicht weiter mitnehmen?

Sie hörte Schemeikka aufstehen und stand selber auch auf. Als sie aber dann Schemeikka ansah, war er verändert. Er strich den Bart, auf dem Gesicht den zufriedenen Ausdruck des Satten. Sogleich glaubte Marja, daß sie sich geirrt habe. Er war müde gewesen und hatte Hunger gehabt. Und sie war so gerührt, daß sie ihm um den Hals hätte fallen können. Doch sagte sie nur, ihm das Beerenkörbchen anbietend:

»Hier wäre noch etwas ...«

»Hast du noch Beeren? Wann hast du die denn gepflückt?«

»Während du schliefst.«

»Habe ich lange geschlafen?«

»Ach nein, nur so lange, daß ich sie gut pflücken konnte.«

»Deine Beeren sind süß, und ausgezeichnet war auch deine Suppe.«

Schemeikka aß, während Marja das Körbchen vor ihn hinhielt. Und sie erschien ihm nicht länger häßlich und ihr Körper nicht unförmlich, nachdem sie die Schürze herabgelassen hatte.

»Iß du auch ... ich kann nicht alles.«

»Ich habe schon beim Pflücken gegessen. Wenn etwas übrig bleibt...«

Marja bebte über den ganzen Leib, sie wollte etwas sagen, brachte es aber nicht heraus – nahm ihre letzten Kräfte zusammen und sagte endlich:

»... und wenn etwas übrig bleibt, kannst du es ja ein andermal brauchen.«

»Und du?«

Schemeikka hatte den Arm um sie geschlungen.

»Ich brauche ja nichts.«

»Nicht? Weshalb nicht?«

»Ich habe von hier einen kürzeren Weg als du.«

Marja versuchte sich loszumachen. Aber ihr zarter, weicher und zugleich sehniger Körper hatte Schemeikkas Blut zum Wallen gebracht, und er ließ sie nicht.

»Willst wohl gar nicht mitkommen?«

Marja konnte aus Schemeikkas Augen nicht herauslesen, welche Antwort er erwartete. Und auch Schemeikka selbst wußte nicht mehr, was er wollte. Marja antwortete nicht.

»Wohin willst du denn? Nachhause zurück?«

»Dahin nie wieder!« rief Marja, sich von ihm losreißend.

»Aber wohin denn?«

»Einerlei, wohin! Du setzest mich ans Land, vielleicht finde ich mich irgendwohin.«

Ein Weinen schnürte ihr die Brust zusammen, vermochte sich aber noch nicht durchzubrechen.

»Hast du denn schon genug von der Fahrt mit mir?« fragte Schemeikka einen vorwurfsvollen Ton annehmend.

Marjas Züge strafften sich, es war darin ein Ausdruck wie im Antlitz eines Verzückten, eines, der Gesichte schaut.

»Mag meine Fahrt hier zu Ende sein, ich habe ja doch genossen, was ich mir mein Lebenlang gewünscht habe.«

Schemeikkas Auge loderte in Feuer, sein Blut brauste bis in die äußersten Spitzen der Adern. Viele Weiber hatte er gesehen und manchen Ausdruck ihrer Gefühle, aber niemals einen solchen Ausdruck, wie er ihn jetzt in Marjas Zügen sah. Manches hatte er Weiber sagen hören, aber nie das, was diese sagte und wie sie es sagte. Sie will nicht in ihr Heim zurückkehren, obwohl sie ein Heim hat! Geht eher davon, ohne zu wissen, wohin! Sie wird mir noch viel Freude machen.

»Du kommst doch mit mir, Marja!«

»Du willst es ja nicht?«

»Ich will es.«

»Du willst es? Sag, Schemeikka, willst du es ganz wirklich?« flüsterte Marja, indem sie sich an seinen Hals hängte.

»Ich nehme dich nicht mit Gewalt ... aber wenn du gern kommst...«

»Ich bin ja auch vorhin gern gekommen – oder glaubst du, du hättest mich mit Gewalt weggeschleppt? – Du! - Sag!«

Da zog Schemeikka sie neben sich. Marja brach in Tränen aus über die Freude, daß sie nicht in die Stromschnelle zu springen brauchte – was sie getan hätte, wenn Schemeikka jetzt von ihr gegangen wäre.

Ein einziger Rausch und ein Entzücken war der Weg von zuhause gewesen, die Stromschnelle und die Insel –, wie ein Traum war jetzt die Ruderfahrt durch die gewundenen Engen, bald zwischen felsigen Ufern hindurch, bald an ins Wasser gestürzten kahlen Föhren vorbei – das Sausen in der als Segel aufgestellten Birke über die rundumgrenzten Flächen, deren Namen man nicht kannte und nicht erfragte. Bald saß Marja rudernd vorn im Boote, bald Schemeikka, aber immer Auge in Auge, Blick in Blick, mit einem Lächeln, das wieder ein Lächeln hervorlockte, mit einem zärtlichen Wort stets, das die fröhlichen Reden beschloß: – »Bist du mein?« – »Frag doch nicht!« – »Ist es schön?« – »Du fragst, obwohl du es weißt.« – Und wenn nicht gesprochen, wenn nur still gerudert wurde, ließ Marja ihre Gedanken nicht weiter wandern als bis zur Kräuselung der Welle, die das Boot in das Wasser kerbte: wo sie wieder ausstrich, da strich ihr früheres Leben aus, wo sie vorn aufrauschte, da rauschte eine neue auf, und sie wollte gar nicht versuchen weiter nach ihr hinzuhorchen. – »Bist du mein, Marja?« – »Frag doch nicht.« – »Sag es doch.« – »Du weißt es ja, Schemeikka.« – Und derselbe Traum war es, wenn sie ans Land stiegen, die Moore querten und auf sandigen Hügelrücken hin unter Föhren nach neuen Gewässern wanderten, wo in den Buchten immer neue Boote lagen, wie von Geistern eigens für sie verborgen. Es war Holz zu einem Feuer für sie gehauen und ein Laubzweigbett unter dem Dach einer Reisighütte bereitet, wo sie auch übernachteten... Wer mochte es gemacht haben? Schemeikka lächelte nur, wenn Marja danach fragte.

»Leg dich an der Spitze nieder,« sagte Schemeikka unterhalb einer brausenden, langen Schnelle, der wievielten, das hatte Marja nicht in acht behalten können. – »Leg dich hin! Zieh das Tuch übers Gesicht.«

Und Marja fühlte, wie das Boot unter den kräftigen Schüben der Ruderblätter ruckte, sie hörte, wie die Spitze gegen die Kräuselwellen des schwachen Gegenwindes schwappte – das Rucken wurde sanfter, das Boot sauste in weichen Sand, aber ehe Marja das Tuch vom Gesicht ziehen und aufstehen konnte, fühlte sie, wie ein Arm sie unter den Knien und ein anderer im Rücken hob und wie sie am Ufer stand.

»Damit du kommst, wie du gegangen bist,« sagte Schemeikka.

»Wo sind wir?«

»Am Ziel.«

Marja sah einen hellen, sandigen Strand, etwas weiter oben eine grüne Wiese, dahinter einen schlanken Birkenwald, hinter dem Birkenwald einen hohen felsigen Bergrücken. Am Rand der Wiese, unter einer knorrigen Hängebirke stand ein Häuschen, aus runden Föhrenstämmen aufgebaut.

»Ich habe dich zum besten gehalten – mein Hof ist gar nicht größer als so.«

Marja brachte nichts heraus als ein zärtliches, entzücktes:

»Ach du, Schemeikka!«

Es kam ihr wie ein Schwindel, zog ihr eine Träne ins Auge, einen Schleier vor die Welt und das Leben. Ihr Auge weinte, ihr Herz frohlockte, und doch wußte keines, weshalb. Hübscher, zierlicher konnte nichts sein.

»Ich habe dich zum besten gehalten, Marja, ich habe doch noch einen anderen Hof als diesen hier. Wenn du dahin möchtest, gehen wir? Wenn du mit diesem zufrieden bist, bleiben wir?«

»Wir bleiben.«

»Aber ich muß zuhause nachsehen.«

»Das sollst du.«

»Wagst du denn allein zu bleiben?«

»Und wenn du ein Jahr fortbleibst oder gar zwei, wenn du nur im dritten kommst.«

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