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Schweres Blut

Juhani Aho: Schweres Blut - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJuhani Aho
titleSchweres Blut
publisherVerlag von Heinrich Minden
addressDresden und Leipzig
printrunDritte Auflage
year
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid4dd42e2f
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V.

Als Marja – mit einem Herzen voll Grimm und Ueberdruß und voll Ekel vor dem Leben – halb laufend an das Ufer der Stromschnelle kam, ohne daran zu denken, wohin sie lief, wenn sie nur wegkam, sah sie ein Boot in der Strömung herabgleiten, und hinten in dem Boote erkannte sie Schemeikka, der wie mit zornigen Gebärden noch mit der Bootsstange auf dem Boden nachschob. Kaum aber hatte Schemeikka Marja bemerkt, da schwang er die Stange in einem Bogen über sich durch die Luft, wie wenn er ihr zugewinkt hätte: komm dorthin! Und aus Marjas Herzen rang sich ein wortloser Ruf los, und ihre Hand hob sich, wie wenn sie hätte sagen wollen: du hast mich ja doch nicht mitgenommen! nimm mich, führ mich, wohin du willst! laß mich nicht hier!

Marja lief am Ufer entlang, nicht mehr, um mitzukommen, sondern nur, um einen letzten Schimmer von ihm zu sehen, bevor er auf die große Stromschnelle geriet. Sie eilte nach der Landzunge, um die das Gewässer einen Bogen beschrieb und von der man bis hinunter sehen konnte. Schemeikkas Boot war verschwunden. Marja hastete immer schneller vorwärts, ihr Tuch wurde ihr von einem Erlenzweig abgerissen und blieb daran hängen. Es war keine Zeit es abzustreifen. »Weshalb habe ich ihn gehen lassen? Weshalb bin ich nicht mitgekommen, als er bat?« Als sie aber durch das Erlengestrüpp stürzte und quer über die Landzunge an das Ufer der Stromschnelle zurück, sah sie Schemeikka aus seinem Boot ans Land springen, die Spitze zwischen die Steine ziehen, die Stange in das Boot schleudern und ihr mit geöffneten Armen entgegenlaufen. Marja hielt an, taumelte im Lauf zurück, sie wurde um den Leib gefaßt, sie sank zu Boden, sie wurde aufgehoben, getragen, in das Boot geworfen, das zuerst gegen die Steine prallte und dann schwankte und sich neigte und nach einem Augenblick in den Strudeln schaukelte.

Marja rührt sich nicht aus der Spitze des Bootes, wohin sie geworfen worden war. Sie sieht da nichts als den Himmel und mitunter einen Schimmer von einem Baum, unter dem sie hingleitet. Einmal hebt sich die Spitze, ein andermal senkt sie sich. Schemeikka steht hinten im Boote, bald oben, bald unten, in seinem Rücken die Strudel und in seinem Rücken der Himmel, auf und ab gewiegt, jetzt ruhig dahingleitend, jetzt plötzliche, kräftige, stoßende Bewegungen machend. Marja versucht sich zu erheben, lüftet den Kopf, sinkt aber zurück. Sie ist mitten in den Wirbeln der Brandung, das Boot saust so schnell dahin, daß sie nichts als ein undeutliches, fliehendes Ufer erkennt, und Wasser spritzt ihr ins Gesicht. Immer geschwinder gleitet das Boot. »Herr, mein Gott!« Das Tosen nimmt zu, die Wände des Bootes krachen, es ist, als wolle es unter ihr auseinanderbersten. Es ist mitten in den Strudeln. Schemeikka ist weit weg, er scheint nicht im Boot, sondern in der Brandung zu stehen. Zugleich ist er wieder oben, groß, wie ein Riese, mit flatterndem Haar, der Bart auf beiden Seiten um den Hals gebauscht. Niemand in der Welt steht wie Schemeikka, da die rasenden Fluten unter seinen Füßen auf beiden Seiten des Bootes brennen. Nichts ist vom Land, nichts von den Bäumen zu sehen, die Wellen gleiten um die Wette mit Schemeikka, hinter ihm her jagend, holen ihn aber nicht ein. Plötzlich fällt von dort Schemeikkas Auge auf sie, es lächelt flüchtig, ist jedoch sogleich wieder anderswo; seine Stirn ist gerunzelt, seine Lippen sind straff gespannt. Marja versucht den Kopf ein wenig über den Rand zu heben, ein großer Felsblock gleitet vorüber und schrammt hinten am Boot. Ein anderer liegt auf der anderen Seite und prallt vorn an. Aber zwischen ihnen hindurch lenkt Schemeikka. Marja sinkt zurück. »Herr, mein Gott!«

Sie hat sich die Schürze über das Gesicht gezogen. Aber da scheint es langsamer vorwärtszugehen.

»Ah! Fürchte dich nicht, hab keine Angst!« hört sie Schemeikka sagen.

Sie sind im Stillwasser, Schemeikka steht und wrickt, und sein Rumpf biegt sich. Er ist groß und stattlich. Sie vermag ihm nicht in die brennenden Augen und in das glühende Gesicht zu blicken. Ach, wenn er doch anlegte! Aber er lenkt schon auf neue Strudel zu.

»Laß mich hinaus! Wollen ans Land gehen!«

»Willst du?« fragt Schemeikka, und das Boot ist nahe am Ufer. – »Spring!«

Doch Marja sinkt auf die Bank zurück. Sie wagt nicht und kommt nicht dazu ... und will auch nicht. Und sogleich ist das Stillwasser zu Ende, die Strömung saugt, das Boot ist in einer neuen Schnelle. – »Ei, zum Teufel!« ruft Schemeikka. Er macht heftige Bewegungen, das Boot schlingt sich zur Hälfte mit Wasser voll, das Wasser braust draußen und drinnen, der Boden rennt auf einen Stein, die Wände krachen, das Boot sitzt fest.

»Rudre!« ruft Schemeikka.

Aber ehe Marja an die Ruder kommt, macht sich das Boot los.

»Nicht nötig!«

Marja hat sich aufgesetzt. Sie sind einen fast senkrechten Fall hinunter gekommen und befinden sich wieder in Stillwasser.

»Laß mich hinaus,« fleht Marja. »Wir ertrinken.«

»Leg dich lang hin, es ist noch ein Buckel – dann kommst du heraus.«

Er lächelt ihr geheimnisvoll, schelmisch zu. Marja gehorcht. Mag kommen, was will! Er läßt mich nicht mehr weg. Und mag er mich nicht lassen ... mag er mich bringen, wohin es ihm gefällt!

Jetzt scheint die Schnelle ruhiger zu sein, es braust nicht so, es schlägt kein Wasser herein, aber das Boot scheint noch rascher dahinzugleiten als eben, wie ein losgegangener Schneeschuh über den Abhang des Hügels auf dem glatten Schnee, wird aufgeregter, springt ein paarmal steil auf – dann beruhigt es sich wie auf ebenem Boden – Marja fühlt einen Schwindel, unter dem Herzen hebt es sich, ihr wird übel – da macht die Spitze eine jähe Biegung, Schemeikka springt ins Wasser, zieht das Boot an den mittleren Dullen auf, und die Spitze rennt in den Kies. Marja will aufstehen, aber ehe sie dazu kommt, hebt Schemeikka sie auf und trägt sie ans Land.

»Nicht, Schemeikka, nicht, laß mich,« bittet Marja, drückt sich aber zugleich an seinen Hals und löst ihre Arme erst, als Schemeikka sie auf den Boden, auf einen Mooshöcker gelegt hat. Aber Schemeikka läßt seine Hände, neben Marja kniend, nicht los.

»Wo sind wir?« fragt Marja, die Augen schließend.

»Auf einer Insel,« sagt Schemeikka zögernd ... »Auf einer Insel zwischen den Strudeln,« wiederholt er. »Und jetzt bist du mein.«

»Ich bin nicht dein ... ich bin eines anderen.«

»Du bist mein.«

»Weshalb wäre ich dein?«

»Weil du es sein willst.«

»Dein?«

»Mein.«

»Ich bin eines anderen ... laß mich gehen ...«

»Du warst eines anderen,« flüstert Schemeikka, Augen und Stimme voll Jubel, – »warst eines anderen, solange du in Schweden warst, jetzt bist du in Karelien.«

»In Karelien? – Warum hast du mich hierher geschleppt?«

»Bist ja gern gekommen!«

»Bin ich?«

Und Marja wußte nicht, ob sie gern gekommen war oder ob er sie entführt hatte.

Sie hörte nicht mehr, wie die Stromschnelle brauste. Dann brauste sie wieder, aber ganz in der Ferne.

»Trag mich in die Schnelle,« sagt Marja.

»Ruh da,« sagt Schemeikka.

»Ruh du auch,« bittet Marja. – »Geh nicht.«

Doch Schemeikka macht sich aus ihren Armen los, und sein Auge lächelte.

»Weshalb lacht mich dein Auge an?« fragte Marja.

»Es lacht nicht, es freut sich.«

»Weshalb? Sag, weshalb?«

»Es ist, als ob du früher nie einen umarmt hättest.«

»Das habe ich auch nicht ... ich habe früher nie gewußt ...«

»Was hast du nicht gewußt?«

»Daß es so etwas gibt.«

»Ich auch nicht.«

Aber er log. Marja war nicht die erste. Schon dünkte ihm Marjas Arm unter seinem Kopfe hart. Er wäre gern allein gewesen.

»Du bist müde,« sagte Marja zärtlich.

»Nein, nein.«

»Du hattest harte, schwere Arbeit in den Strudeln ... ich habe nur bequem im Boote gelegen. Ich will dir ein Lager vorn im Boot machen.«

»Willst du das? – Mach dir zugleich auch eins.«

»Nein, nur dir ... damit du recht friedlich ruhen kannst, Liebster.«

»Mach es denn.«

Schemeikka schläft im Vorderteil des Bootes. Marja hat es wie ein Hochzeitsbett geschmückt, hat Laub zwischen die Wand und das Wasserbord gesteckt. Sie selbst sitzt am Ufer auf einem Stein und denkt: läge Schemeikkas Boot im Wasser, dann schaukelte ich ihn wie ein Kind.

Sie hat ein Feuer zwischen zwei Steinen angezündet. Ueber dem Feuer hat sie ein Kästchen aus Birkenrinde, und ab und zu schürt sie das Feuer und rührt den Inhalt des Kästchens mit einem Hölzchen um.

Es ist ihr wohl, warm und schön; sie schließt mitunter die Augen, um es besser zu fühlen. Es kommt ihr vor, als bebe sie vor Wärme, außen und innen, zum erstenmal in ihrem Leben. Wo mag ich sein? Wie bin ich hierher gekommen? Wer mag der sein, der mich hierher gebracht hat? – Aber wo ich auch sein mag, wie es auch ist, wer der dort auch sei – wenn nur nichts mehr von dem ist, was früher war! Und das ist es nicht. Das ist wie losgetrennt, durchgebrochen, ich bin frei ... nichts hält mich mehr.

Es ist, als könnte nie in der Welt etwas anderes gewesen sein als das rindene Kästchen dort, worin die Fische kochen, die sie für Schemeikka gefangen hat, und diese Insel hier in der Schnelle. Was dort irgendwo ist, das geht sie nichts an. Sie werden wohl dort auf mich wettern und schmähen. Laß sie schmähen! Ich bin ihnen nichts schuldig, ich habe ihnen meinen Unterhalt vielfältig bezahlt.

Darf ich denn auch einmal auf der Welt neben meinem Liebsten wachen? Warten, daß er erwache? Wenn er sich recht ausschliefe. Wie schön war er auf der Schnelle, groß wie ein Geist an einem nebligen Abend! Er kam und holte mich, wie durch die Luft brachte er mich hierher. Wohin er mich wohl von hier führen will? Wird er mich noch weiter mitnehmen oder wird er mich hierlassen? Mag er tun, was er will! Wenn er mich auch hierläßt, wenn er auch wie ein Geist in der Luft zerrinnt! Ich klage nicht, und müßte ich jetzt gleich in die Schelle springen.

Schemeikka bewegte sich in seinem Boot, erwachte nicht, wandte sich nur auf die andere Seite.

Aber vielleicht brauche ich gar nicht mehr in die Schnelle? Vielleicht ist es noch gar nicht zu Ende? Fängt vielleicht erst jetzt richtig an. Auf ihn habe ich immer gewartet, der kommen, der mich nehmen sollte – und er kam ja, nahm mich ja.

Wo ich auch bin, hier koche ich ihm jetzt – und wache neben ihm? Hier, in dem ganz Neuen und doch dem Alten so nahe, daß, wenn ich Feuer an jene Fichte legte, sie es dort sähen. Soll ich sie anzünden, damit er käme und die Ausreißerin holte, seine ›Liebste‹ zurückforderte? Möchte er kommen! möchte er es versuchen! »Sie ist nicht mehr die deine!« würde ihm Schemeikka zurufen. Sie würden miteinander kämpfen. Das wäre doch seltsam anzusehen. Marja fühlte eine unbändige Freude in der Brust, als sie es sich vorstellte. Schemeikka möchte dem armen Wicht nicht das Leben nehmen, er packte ihn nur am Arm und schwenkte den Schlotterbeinigen so, daß er in die Schnelle sauste. Er ginge unter, bald mit dem Rücken, bald mit dem Leibe – zappelte jetzt mit den Armen, jetzt mit den Beinen, an einem Fuß einen Schuh, der andere nackt – holterdipolter die Schnelle hinunter. – Aber laß ihn, was habe ich noch mit ihm zu schaffen ...

Marja hob das Kästchen mit der fertigen Fischsuppe vom Feuer, deckte es mit einem Zeugstück zu und schlich an das Boot, wo Schemeikka schlief. Sein Gesicht, über das sie zum Schutz gegen die Mücken ein Leinentuch gebreitet hatte, sah sie nicht, aber sie sah die Brust, die breite, hohe und gewölbte, die sich leise hob und senkte; sah die schlanken Glieder – und hätte sie mit der Hand streicheln mögen, wenn sie nicht gefürchtet hätte, sie werde seinen Schlaf stören. Sie streichelte sie in Gedanken, von fern, mit eingebildeten Bewegungen.

Ob ich nicht noch etwas Gutes für ihn finde, einen Leckerbissen zu der Suppe, wenn er aufwacht? Sie entfernte sich tiefer ins Innere der Insel. Diese lag mitten in einer Stromschnelle, zwischen zwei gleich stark brausenden Armen. An den Ufern hin standen Birken und Erlen; in der Mitte war sie etwas höher, da lag ein Felsen, auf dem Felsen eine Moorsenkung, die mit gelben Multbeeren besät war. Zwischen den Blöcken war weiter unten Himbeergestrüpp. Während Marja auf der Insel herumstreifte, fand sie auch noch ganz in der Nähe der Feuerstelle einen wilden Johannisbeerbusch ... »Ob wohl hier je vor uns jemand gewesen ist? Hier hat er mich hergebracht. Wahrscheinlich ist er auch früher hier gewesen, da er wußte, daß man hier anlegen kann. Er hat mich an ein bekanntes Plätzchen gebracht! Aber daß er mich mitgenommen hat! Daß er mich mochte! Wer bin ich denn? Ein elternloses, namenloses Bettelmensch, das nur für den Alten, Halbverkrüppelten gut war. Bin ich auch etwas? Er sah mich zum erstenmal, gleich nahm er mich. Sprach so, lockte so, wurde zornig, als er glaubte, daß mir nichts an ihm liege. Gehöre ich nun nicht wie einem Königssohn, einem Weitberühmten, dem Prächtigsten in Karelien! In ein mächtiges Gehöft wird er mich führen, mir eine gute Schwiegermutter geben.«

Während sie in den Beerenbüschen auf der Insel der Stromschnelle, zwischen den Felsen umherstreifte, wo das Tosen bisweilen gar nicht zu hören war, dann wieder wie hinter großen Wäldern tönte, pflückte sie nach und nach ihr rindenes Körbchen voll, in der Brust die Ruhe des Glücks, auf den Lippen sein Lächeln.

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