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Schweres Blut

Juhani Aho: Schweres Blut - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJuhani Aho
titleSchweres Blut
publisherVerlag von Heinrich Minden
addressDresden und Leipzig
printrunDritte Auflage
year
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid4dd42e2f
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III.

Es ist schon heller Tag, als Schemeikka in seinem Speicher erwacht. Auf dem Rücken liegend, die Hände im Nacken, mustert er sein Nachtquartier. Der Speicher einer Frau, vielleicht der Wirtin des Gehöfts. Das will einer der besten Bauernhöfe sein, aber die Schätze der Wirtin sind jedenfalls nicht bedeutend. Zwei Winterröcke aus Fries und ebensoviele hausgewebte für den Sommer, ein einziges reinleinenes Hemd, die übrigen aus Zwillich. Ein Bündel graue Strümpfe am Sparren. Kein Wunder, daß sich die Augen von seidenen Tüchern und einer Spange blenden lassen, dem Alten wie seinem Weibe. Habe ihnen vielleicht umsonst ein so teures Geschenk gemacht, sie hätten ihren Hof verkauft, wenn ich es nicht billiger hergegeben hätte. Aber der Schemeikka aus Uchtua hat ja wohl nicht zum ersten Mal ein Weib beschenkt. Es hätte nicht alle Seide, die er weggeschenkt hat, auf den Sparren dieses Speichers Platz. Und es ist ja gut, daß man auch an diesem Wege Freunde hat ... Das ist ein schmuckes Weib, hat mir fast im Schlaf keine Ruhe gelassen...

Plötzlich klang es, wie wenn der Wasserläufer auffliegend seinen gellenden Ruf ausstößt, es erklang die Stimme eines Liedes, die bei dem Viehpferch begann und von da über den Hof in das Haus trug und wieder nach dem Pferch und von da zurück – wohl hatte Schemeikka sie, die Weiber, singen hören, aber nie aus so tiefer Brust, nie so klar und leicht aus der Kehle quellend. Es war, als habe die Sängerin all ihre Freude und all ihren Jubel nicht in sich bergen können. Aus ihrem Singen hört man immer heraus, was sie sonst nicht wissen lassen. Aber nicht oft ist es so gegangen wie gestern: nicht einmal geschrien hat sie, obwohl ich fürchtete, daß sie zuschlagen würde... Ließ sich auf der Stelle bräutlich kleiden. Zitterte, obwohl sie an sich hielt. Die wäre bald zu haben, wenn man nur wollte. Aber, Schemeikka, von dir laufen ja schon mehr Sprößlinge, als für einen Mann genug wären, auf fremden Höfen umher, und erst auf deinen eigenen. Sie ahnen nicht, die Väter, wessen Söhne sie auf den Knien schaukeln. Sollte man ihm, dem guten Mann, hier auch die Freude machen? Das ist das Allerspaßigste und Tollste, wenn man nach einem Jahre in ein Gehöft kommt und einem da der eigene Junge zugeworfen wird, damit er einem am Barte zaust.

 

Er lachte mit halb geöffnetem, lautlosem Munde, und sein Blut siedete. Er stieß mit dem Fuße die Tür auf und sah Marja, eine Milchbütte tragend, mit wiegenden Schritten in das Haus gehen. Die hat eine Haltung wie die beste Bojarentochter, ja, das hat sie!

 

Marja seihte am Tischende die Milch durch, als Schemeikka in die Stube trat. Ihr Arm war im Bogen gehoben, wenn sie mit dem Schöpfer Milch in die Seihe fließen ließ. Es rauschte die Milch, rieselte dann, rauschte und rieselte wieder, während sich der Bogen des Armes hob und senkte.

»Morgen, Wirtin.«

»Ach, guten Morgen.«

Marja wich seinem Blick nicht aus. Erwiderte ihn lang, wie trotzend. Sie war in ihrem Sonntagskleid, über den Schultern Schemeikkas Seidentuch und an der Brust die Spange.

»Schläft der Wirt noch?« fragte Schemeikka.

»Ob der noch schläft? Ist schon vor Sonnenaufgang hinaus und fängt laichende Brachsen. Ich soll dem Langschläfer sagen, wenn er aufsteht, daß er nicht weggelassen wird, bis der Wirt kommt .. und wenn er bis zum Abend auf sich warten ließe.«

Schemeikka blieb stehen und verfolgte Marja mit den Augen, ein Lächeln auf den Lippen. Nachdem Marja die Milch durchgeseiht hatte, holte sie einen kleinen Holzkrug, füllte ihn und bat den Gast, ihn sich zu nehmen. Schemeikka lächelte nur. Marja fragte, ebenfalls lächelnd, ob er die Gabe des armen Gehöftes gering achte, weil er sie nicht möge.

»Wirtin, du kennst wieder nicht karelische Sitten. Bei uns nimmt der Gast niemals selbst, die Wirtin reicht ihm alles in die Hand, was sie anbietet. Wie ein Wirbelwind so flink wird's ihm schon in der Tür entgegengebracht.«

»Ich kann dir dies ja bringen!« und Marja ergriff das Gefäß und reichte es ihm. Schemeikka hob es an die Lippen.

»Der Geber wartet bei uns, bis der Gast seinen Krug bis zum Boden geleert hat.«

»Muß denn hier alles gemacht werden wie dort?« lachte Marja.

»Ja, alles«, sagte Schemeikka ernst und blickte über den Rand des Gefäßes hinweg.

»Wäre es nicht besser so, wie es im Lande Sitte ist?«

»Nein«, sagte Schemeikka ebenso ernst und gemacht feierlich und reichte Marja den Krug. Marja wollte sich über die Späße des anderen totlachen, während sie den Krug auf den Tisch zurückstellte.

»Jetzt hat der Mann das Maul voll Milch wie ein Kalb!«

Schemeikka wischte sich den Bart nicht, leckte ihn nur ein wenig mit der Zunge ab und erwiderte immer in derselben Art:

»Das war eine andere schöne karelische Sitte. Es gibt noch eine dritte, die allerschönste. Der muß den Bart des Gastes abwischen, der ihn beschmiert hat.«

Mit einer raschen, aufzuckenden Bewegung streckte ihm Marja ihre Schürze hin, aber ebenso rasch griff Schemeikka sie hinten im Genick, während er ihr mit der anderen Hand ihr Kinn hob und einen langen Kuß auf ihre Lippen drückte. Marja spürte eine kräftige, lastende Brust und sah zwei dunkle, aufleuchtende Augen; Schemeikka fühlte einen weichen Busen und sah einen hinschwindenden, sich schließenden Blick.

»Nicht«, sagte Marja matt, und wenn sie nicht frei geworden wäre, so würde sie hingesunken sein – und als sie zurückwich, war ihr der Fuß so schwer, wie einem, der im Traume flieht.

Schemeikka ging langsam und ruhig hinaus und setzte sich auf die Treppe. Marja schritt vorbei.

»Das darfst du nicht wieder tun.«

»Nun, weshalb denn nicht?«

»Wenn es jemand gesehen hätte?«

»Deshalb nicht?«

»Und auch sonst nicht. Das mußt du versprechen. Ich getraue mich sonst nicht das Essen auf den Tisch zu stellen.«

Sie bat darum, als hätte sie es nicht aus eigener Kraft vermocht, mit fast flehenden Augen und Mienen.

»Dann will ich's versprechen. Darf man dich aber ansehen?«

»Ansehen meinetwegen.«

»Ist nur gut, daß man nicht mit geschlossenen Augen dazusitzen braucht.« Marja lächelte verlegen zärtlich... Hatte er seinen Spott mit ihr?

Nach dem Essen lag Schemeikka auf dem Hofe in der warmen Sonne auf dem Rücken, die Hände im Nacken. Marja spähte am Fenster der Stube, das Gesicht bleich und starr gegen die Scheibe gedrückt, mit wallendem Busen, und ihr Auge glitt über die gewölbte Brust und den sehnigen Bogen der Beine, wenn das eine Bein auf dem anderen ruhte.

Die Schwalben schossen hoch über Schemeikkas Kopf durch die Luft, ein warmer Wind fächelte Brust und Hals.

Sie will nicht mit mir sprechen, weicht mir aus. Habe ich sie zu sehr eingeschüchtert? Hätte ich sie vorsichtiger zutraulich machen sollen? Welches mag denn eigentlich das Locklied für dieses Vögelchen sein? Soll ich mich loben und rühmen: solch ein schlanker Bursch, ein weitbekannter Kaufmann, ein unvergleichlicher Jäger will dich haben! Oder soll ich sie selber rühmen, ihr ins Ohr flüstern: übermaßen schön bist du, ich habe nie deinesgleichen gesehen; du siehst doch, daß ich nicht anders konnte; als ich dich sah, mußte ich dich umarmen, mußte dich küssen. Die eine schmilzt bei klagender Musik, die andere läßt sich vom fröhlichen Lied betören. Aber was du auch singen magst, sing ohne auszusetzen das Schlaflied dem Weibe wie dem Kind, damit sie nicht vorher erwachen. Wenn du sie schon umstrickst, schweig nicht still, damit der Zauber nicht zergehe; wenn du einen Vers gesagt hast, wisse sogleich schon den zweiten, mit dem du fortfährst.

Es erschien auf der Schwelle ihres Speichers die Wirtin, setzte sich mit einer Näherei hin, wandte nicht den Kopf, hob nicht den Blick. Schemeikka betrachtete sie da, und schon wußte er, welches seiner Locklieder er diesem Vogel singen mußte.

Er stand auf, ging und setzte sich rittlings auf die Schwelle, mit dem einen Bein im Speicher, dem anderen draußen – und sagte plötzlich, überrumpelnd:

»Solltest mir deine Sorgen mitteilen, junge Wirtin.«

Marjas Stimme bebte etwas:

»Meine Sorgen? Was für Sorgen?«

»Alle, die du hast.«

»Woher weißt du, was für welche ich habe und nicht habe, oder ob ich überhaupt Sorgen habe?«

Schemeikka machte eine Pause in seinem Liede, dann rührte er wieder die Saiten, die, wie er fühlte, schon einen guten Klang gegeben hatten.

»Du hast kein ergötzliches Leben hier in der Einöde.«

Marja antwortete nicht, sie nähte.

»Dein Mann alt und klotzig, deine Magd still und einfältig, im Winter kommt kein Fremder ins Haus, wenn im Sommer einer kommt, geht er wieder.«

»Wenn man nichts Besseres gesehen hat, vermißt man nichts.«

»Komm mit mir nach Karelien, da wollen wir lustig sein!«

Marja fuhr zusammen und blickte auf, zugleich aber wieder zu Boden.

»Und was soll ich dort?«

Da kam die eindringliche, knappe, beengende Frage:

»Und was tust du hier – in diesem erbärmlichen Land – eine wie du?«

»Was ist denn an diesem Lande auszusetzen? Und ist es wohl anderswo besser?«

»Schlecht sorgen sie hier für ihre Weiber. Bei uns wird ihnen nicht wie hier der Nacken durch ewige Arbeit gekrümmt, bei uns werden ihnen nicht die Augen im Rauch der Korndarre geblendet, nicht das Gesicht auf der Schwende berußt, nicht der Rücken an der Handmühle gebrochen. Die jungen Frauen der Gehöfte sind hier wie die alten Leibeigenen bei uns, ihr Rücken krumm, ihre Augen triefend, ihre Brüste hängend, ihr Leib aufgetrieben, wie struppige Hunde im Sommer – du, Wirtin, bist merkwürdigerweise noch nicht so, aber bald werden sie auch aus dir eine solche machen. Bald wird das Rot von deinen Wangen schwinden, bald der Glanz in deinen Augen verlöschen.«

»Und wenn es auch hingeht – wer hat wohl Schaden davon?«

»Du weißt schon, wer.«

»Ist es denn dort wirklich besser?«

»Dort? Die Männer schaffen, die Männer regen sich, holen das Korn fertig aus fremden Ländern – das Weib halten sie zu ihrer Freude, nicht als Leibeigene.«

»Was tun dann die Weiber?«

»Nun, sie weben Stoffe, nähen, sticken ihre Sachen und lernen die Leibeigenen an. Im Sommer, wenn sie es zu ihrer Unterhaltung wollen, fangen sie Fische, pflücken Beeren, kochen Süßigkeiten. So bleiben sie immer jung, so lange es die Jahre erlauben, rotwangig, drall, weich. Leicht ist ihr Fuß beim Tanz, hell sind ihre Stimmen, wenn sie an den Abenden singend beim Herde sitzen. Zärtlich und freundlich bleiben sie, – hier sind alle grob und stumm. Siehst du, so sorgt der karelische Mann für seine Liebste.«

»Sie scheinen ja dort ein gutes Leben zu haben,« sagte Marja, ihre Näherei umwendend.

»In Gold rauschen, in Seide knistern sie einher. Wir liegen nicht den langen Winter in ihren Betten. Mit einer Brust voll Liebe kehren wir jedes Frühjahr heim, spielen einen kurzen Sommer mit ihnen, lassen sie auf unserem Knie sitzen.«

Schemeikka sprach dicht an ihrem Ohr, immer leidenschaftlicher wurde sein Lied, wie dem Auerhahn bei der Balz. Immer kommt er etwas näher, Marja rückt jedesmal etwas ab, auf den Lippen ein künstliches Lächeln, die Augen fest auf der Näherei, der Finger heftig die Nadel führend.

»Solltest einmal mit nach Karelien kommen, liebe Wirtin, da du aus Karelien stammst! Wir sind ja Nachbarn, von den Höhen der einen blinken die Feuer nach den Höhen der anderen hinüber. Einen Tag geht es durch Stromschnellen, einen zweiten rudern wir über stille Wasser, zwischenhin wandern wir etwas über Heiden, und am dritten flitzen wir wieder durch strudelnde Wasser, – da dämmert schon dort unterhalb einer Stromstille meine Fischerhütte, und von da noch ein wenig weiter, so sind wir in meinem Dorf. Dort ist ein großes Dorf mitten in einem unberührten Bruchwald. Dort habe ich ein altes, reiches Gehöft. Auf Händen trügen sie dich da, das Findelkind aus ihrem Stamm, von Freude zu Freude führten sie dich, von Fest zu Fest, ließen von Tanz zu Tanz dich schweben. Eine alte Mutter habe ich, ist übermaßen gut und freundlich, die würde dich wie ihre Tochter – in Seide und Sammet kleiden. Komm mit nach Karelien, liebe Wirtin!«

War dies Ernst oder Spaß? Die Stimme Ernst, aber unglaublicher Spaß, was er sagte.

»Komm auf einen Besuch, komm, um es dir anzusehen! Komm sofort! Mit mir!«

»Mit dir?«

»Was tust du hier, schöne, schmucke Frau! Wirst alt, welkst hin, wirst ebenso wie all die anderen. Wenn du hier noch etwas weiter lebst, werden deine Lippen das Lächeln verlernen. Deine Augen werden trübe, dein Haar verdorrt, deine Wangen sinken in Falten ein wie eine erfrorene Beere. Den Nacken werden sie dir krümmen, den Rumpf verbiegen, durch viele Arbeit dir die zierlichen Füße schief drehen – die zierlichen Füße ...«

»Sprich nicht so etwas.«

Aber Schemeikka fuhr fort:

»Und für wen? Für den Kerl mit der runzeligen Stirn, den schläfrigen Augen, den groben Lippen, dem dünnen Bart, dem langen Rücken, den krummen Beinen ...«

»Sprich mir nichts mehr!« – Marja schrie es fast heraus, wie um Hilfe rufend.

»Der da die Nächte hindurch ächzt und krächzt – röchelt und hustet –.«

»O, o – nicht!«

»Daß er sich nicht geschämt hat, sich einer wie dir anzubieten! Daß du bei einem solchen im Bette liegen mochtest?«

»Ich liege nicht bei ihm im Bett!« rief Marja plötzlich wie in Wut, während ihr Auge in Haß und Verzweiflung aufblitzte, und sprang auf, fühlte zugleich Scham und setzte sich auf die untere Stufe.

»Nicht? Wirklich nicht?«

»Und wen geht es etwas an, wo ich liege, und wenn ich im Schweinekoben läge?«

Sie wäre in Tränen ausgebrochen, wäre sie nicht aufgestanden und gegangen. Was fragt der mich nur alles? Und wozu redet er das zu mir? Und was hat er alles herabzusetzen? Was kann Juha dazu, daß er so ist, wie er ist? Und wen geht es etwas an, wen ich geheiratet habe? – Weshalb kommt Juha nicht endlich vom Fischen? – Und was höre ich denn auf sein Reden? Und trage seinen Schmuck?

Sie wollte ihn abreißen, von sich werfen, als sie Juha auf dem See kommen sah. Sie wandte sich um, eilte nach dem Strand, lief immer schneller.

Aber er hatte ja die Wahrheit gesagt – die Wahrheit hatte er gesagt. So war der arme Juha, genau so: langer Rücken, triefende Augen, krumme Beine, in seinem nassen Friesrock wie ein struppiger Hund. Aber je erbärmlicher er aussah, um so lieber wollte Marja zu ihm sein, um so mehr wollte sie ihm zeigen, wie sie sich über seinen Fang freute. Die Netze waren prall mit Laichbrachsen angefüllt, mit breiten, feisten, warzenköpfigen Burschen. Sie ergriff ein Netz und trug es zu dem Spanngestell.

»Laß doch, Marja, laß doch,« warnte Juha. »Mach dir dein seidenes Zeug nicht schmutzig – das kann ich ja mit Kaisa besorgen.«

Doch Marja nahm ihr Seidentuch ab und legte es von sich, zog sich Juhas Rock um, den er eben abgestreift hatte, wollte ebenso struppig und grau erscheinen wie Juha, wollte es Schemeikka, der pfeifend auf dem Hof daherging, zeigen ... der sollte sich nur nichts einbilden!

»Das ist aber ein Fang, fast wie in früheren Zeiten, Juha!« ereiferte sie sich, während sie an dem Netze hob. »Komm doch und hilf, damit es nicht reißt.«

»Es reißt nicht, es reißt nicht! ... warte, so,« lachte Juha laut, und er hielt das Netz in der Mitte, indessen Marja es über das Gestell ausbreitete.

»Wo hast du denn die Netze gehabt?«

»Nun, dort am Rand der Wiesenbucht.«

»Da wars ja auch damals, weißt du noch?«

»Freilich weiß ich das, weiß noch sehr wohl.«

»Wieviele Bottiche habe ich doch damals, im ersten Sommer, eingesalzen?«

»Da hast du ja wohl, da hast du ja wohl ... zum ersten Mal eingesalzen ... wi–wieviel mochtens wohl sein? ...«

Sie erinnerte sich der Zeit, sie wollte sich ihrer erinnern ... sie hat es gesagt, um nur davon zu sprechen!

Schemeikka stand an den Zaun gelehnt, beobachtete Marjas Bewegungen und lächelte vor sich hin und pfiff leise ... Du betrügst mich nicht.

»Dort drüben auf der Landzunge ist ein Feuer angesteckt!« rief Kaisa, vom Hof herbeieilend.

»Da ist jemand auf der anderen Seite des Sees, der übergesetzt werden will ... sollte das die Mutter sein?«

»Die Schwiegermutter? – Von der ist das Feuer. Die steckt immer eins an, so groß wie ein Johannisfeuer.«

Da war es um Juhas Freude geschehen. Marjas Antlitz war erstarrt, und ihr Mund war zu einem herben Bogen verzerrt.

»Mag sie warten, ich habe jetzt keine Zeit,« sagte Juha wie gleichgültig.

»Am besten holst du sie sofort, geholt werden muß sie ja doch ... sonst macht sie vielleicht mir Vorwürfe.«

»Laß sie nur.«

Etwas später ging er aber doch, nachdem er zuerst am Strand ein Feuer angezündet hatte, zum Zeichen, daß die Aufforderung verstanden worden war.

Marja bewegte sich mit den Netzen heftig hin und her, als sei sie böse auf sie, riß die Fische los, wobei Löcher in das Garn kamen ...

»Ist die Schwiegermutter der Schwiegertochter kein angenehmer Gast?« sagte Schemeikka, immer noch an den Zaun gelehnt.

»Das einzig Richtige wäre, ich ließe das ganze Gehöft dahinfahren. Kaum kommt sie vom Strand herauf, fängt sie schon an und hört nicht auf, bis sie sich heiser geschimpft hat, und selbst dann zetert sie noch weiter.«

»Worüber schimpft sie denn?«

»Ich soll den Besten aus ihrer Sippe weggeschnappt haben ... er wäre zu gut für mich gewesen.«

»Zu gut für dich? Wer?«

»Juha.«

Schemeikka brach dort hinter seinem Zaun in ein kurzes, spöttisches Lachen aus, und Marja ließ ihn lachen.

Marja hat die Fische losgemacht und die Netze zum Trocknen ausgespannt, hat die Magd an das Ufer der Schnelle, jenseits des Gehöfts, geschickt, um die dort in der Weiche liegenden Fischbütten zu holen, und sie selbst sitzt neben der Netzhütte auf einem Stein und nimmt Fische aus. Schuppt sie, schneidet sie auf, spült sie und wirft sie in einen Spankorb. Nachdem sie einen ausgenommen, greift sie nach einem anderen, arbeitet wie im Zorn ... Was soll ich noch hier? Mögen sie ihr Haus allein bestellen, Mutter und Sohn! Wäre Juha ein Mann, dann schaffte er mir den Quälgeist vom Halse. Da er weiß, daß sie mir in der Nacht keine Ruhe, am Tag keinen Frieden läßt. Aber nein, obwohl ich ihn darum gebeten habe. Jeden Sommer läßt er sie herkommen. Fürchtet sich vor dem Drachen, wagt ihr kein Wort zu erwidern. ›Ertrag sie, ertrag sie noch einige Zeit.‹ Aber muß ich es ertragen, daß sie auch meine Mutter immer schmäht? ... einmal werde ich ihr so die Krallen zeigen, daß ...

Schemeikka machte sich vor dem Hause zu schaffen. Er schien seinen Ranzen zu packen ... Der will auch schon gehen ... Ob er wohl nur ›Lebewohl‹ sagen wird, der Windbeutel, der Spötter. Konnte daheim bleiben mit seinen Flausen.

Marja nimmt die Fische aus, ohne den Kopf zu lüften, mit dem Tuch im Gesicht, aber sie hört, wie jemand näher kommt, Schritt für Schritt. Jetzt ist er gerade hinter ihr, jetzt schleicht er vor sie und setzt sich auf den Stein ihr gegenüber. Sie sieht seine Füße bis zu den Knien und zwischen den Knien die Hände, feine, bewegliche Hände; und sieht ihre eigenen aufgesprungenen Finger und die knirschend abspringenden Schuppen.

»Wollen wir nun gehen?« fragt Schemeikka.

»Wohin?«

»Nach Karelien, wie's verabredet ist.«

»Weshalb redest du denn wieder davon?«

»Deswegen, weil du mir gehörst.«

»Weswegen sollte ich dir mehr gehören als anderen?«

»Deswegen, weil ich es will.«

Er hat sich fast über Marja gebückt.

»Deswegen, weil du es willst?« sagt Marja, immer noch aus ihrem Tuch heraus.

»Und deswegen, weil du selbst es auch willst. Kreisch nicht!« – Er ergreift Marjas Hand, drückt sie so, daß das Messer auf das Fischbrett fällt.

»Nicht Schemeikka – lasse mich –«

»Kommst du mit?«

Marja versucht sich loszumachen, aber es gelingt ihr nicht. Erst als sie aufhört zu zerren, gibt Schemeikka nach. Marja ist aufgestanden, sinkt aber zurück, wie wenn ihr der Kopf schwindelte.

»Ich gehöre ja dem anderen,« sagt sie fast flüsternd, in den Augen einen hilflosen, erschrockenen, wie um Erbarmen flehenden Ausdruck.

»Welchem anderen?«

»Juha.«

»Du gehörst ihm nicht mehr als der Vogel, den er gefangen und in seinen Käfig gesteckt hat. Wenn jemand die Tür öffnet, darfst du fliegen, wohin dich verlangt. Du gehörst ihm nicht mehr als das Rentier, das sich von der Tundra in das Gehege eines fremden Herrn verirrt hat.«

»Wer ist denn mein richtiger Herr?«

»Ich.«

»Weshalb bist du ein richtigerer als Juha?«

»Deshalb, weil es dich zu mir drängt und nicht zu ihm. Deshalb, weil du von da bist, woher ich bin. Und deshalb, weil ich nicht um Erlaubnis frage, sondern nehme, ohne zu fragen, und weil ich dich, wenn du nicht gutwillig kommst, mit Gewalt davonführe.«

Schemeikka steht hinter ihr, spricht ihr ins Ohr, Marja ist schon, die Augen geschlossen, rücklings in seinen Armen.

»Deshalb, weil du mich herbeigewünscht und erwartet, weil du am Tage nach mir ausgeschaut und in der Nacht dich nach mir gesehnt, die langen Dämmerstunden bis zum Dunkel auf meine Tritte gelauscht hast!«

»Woher weißt du das?«

Marja fährt herum und greift mit beiden Händen nach seinem Arm.

»Wenn du in deiner Qual neben ihm lagst, klagtest du bei dir: ach, wenn einer käme, der mich hier wegrisse ...«

»Woher weißt du das?«

»Komm! Lauf zur Stromschnelle!«

»Ich darf nicht!«

»Komm – geh – dort herum! Es darf es niemand wissen.«

»Ich getraue mich nicht.«

»Ich habe dich damals gesehen – deinen ganzen Körper – deine Brust – deine Füße –«

Marja duckt sich, schützt sich, als sei sie nackt, Schemeikka reißt ihre Hände auseinander, Marja sammelt ihre letzte Kraft, um nicht mit dem Rücken über die hohe Schwelle der Netzhütte zu fallen, und stößt Schemeikka von sich, so daß er, mit dem Fuß in den Fischkorb geratend, stolpert und mit dem Korb ins Wasser fällt.

Als er sich wieder emporgearbeitet, war Marja verschwunden. Hinter der nächsten Insel kam ein Boot hervor, in dem vorn an den Rudern Juha und hinten eine Frau saß.

Marja war auf den Hof geflohen und hatte sich in ihrem Speicher versteckt. Sie sah Schemeikka kommen, seinen Ranzen von der Treppe des Hauses aufraffen, ihn sich über die Schulter werfen, mit erregten Schritten sich nach der Stromschnelle zu entfernen. Er hatte sich wehgetan, denn er hatte eine blutige Schramme auf der Wange.

Aber kaum war Schemeikka verschwunden, als es in Marjas Innerem aufschrie: Weshalb hast du ihm das getan? Weshalb hast du ihn erzürnt? Weshalb hast du ihn von dir gestoßen, der dich retten wollte? Endlich, endlich kam der, auf den du dein Lebenlang gewartet hast, kam der Stolzeste von der Welt – gab dir Seide und Gold – wollte dich mit Gewalt davontragen, dich in diesen Lumpen nehmen, das abgenutzte Gerät, das, was der andere übrig gelassen! Du hast ihn von dir gestoßen, daß er sich die Stirn blutig schlug ... Im Zorn ist er gegangen, ist wohl schon in sein Boot gesprungen, saust, ohne sich umzusehen, die Stromschnelle hinab und kommt niemals wieder ...

Sie riß sich die schmutzigen Lumpen ab, ließ sie da, wo sie stand, raffte ihren Sonntagsrock vom Sparren an sich und stürzte hinaus.

»Die Schwiegermutter!«

Auf dem Hofe stand ihr gegenüber eine große, magere, knochige alte Frau.

Sie sagte kein Wort, nicht guten Tag. Die Augen standen wie schlagbereit, und die Falten im Gesicht spannten sich bald an, bald glätteten sie sich. Da standen sich Schwiegermutter und Schwiegertochter kurze Zeit gegenüber, bis die Schwiegermutter aufkreischte:

»Weshalb sind die Fische aus dem Korb am Strand herumgestreut und die einen nicht ausgenommen?«

Marja antwortete nicht.

»Die Schweine sollen sie wohl einsalzen – und scheinen sie schon eingesalzen zu haben – und du selbst legst dich im Speicher schlafen?«

Marja antwortete immer noch nicht, wandte sich um und ging ins Haus; die Schwiegermutter hinter ihr her ...

»Keine Silbe wird geantwortet – nicht guten Tag gesagt.«

Noch immer sagte Marja nichts. – Wenn sie sitzt, gehe ich!

»Man wußte, daß ich kam, aber kein trockner Ranft ist auf den Tisch gestellt, geschweige denn ein Fisch gebraten.«

»Schwiegermutter, ihr braucht nicht gleich beim Eintreten Streit anzufangen.«

»Was gesagt werden muß, muß gesagt werden – je eher, desto besser – was früher gesagt worden ist und gesagt wird, solange sich die Zunge im Mund bewegt und die Stimme durch die Kehle dringt!«

Jetzt konnte Marja nicht mehr an sich halten.

»Dann ist es das Beste, ibr bleibt und ich gehe.«

»Geh, Liebe, was bist du überhaupt gekommen!«

»Ein karelischer Mann war hier und hat mich mit sich zu locken versucht – wollte mich sogar mit Gewalt entführen.«

»Du lügst! Eine wie dich wollen sie nicht in Karelien, sie haben ja schon deine Mutter fortgejagt.«

»Schmäht meine Mutter nicht!«

»Ich schmähe sie. Ich schmähe die Mutter und die Tochter – werde sie immer und ewig schmähen – noch im Grabe werde ich dich schmähen, die mir meinen besten Sohn abspenstig gemacht hat – wärest du gegangen, hättest dich entführen lassen – ach, hätte ich mich gefreut, wenn du gegangen wärest – wer ist es denn, der so eine entführt hätte und dem die nicht nachgelaufen wäre?«

»Schemeikka aus Ucktua!« rief Marja, ihrer Schwiegermutter eine Grimasse schneidend, machte einen Sprung, drehte sich um und ging.

Auf der Treppe kam ihr Juha entgegen. Sie prallten aneinander, hätten sich beinahe umgeworfen.

»Wohin läufst du denn so wild?«

»Deiner Mutter aus dem Wege!« rief Marja zurück.

»Marja!« rief Juha hinter ihr her, aber Marja war schon hinter dem Hause verschwunden, in den Augen ein kalter, stechender, schneidender Blick, der in Juha eindrang, als hätte ihm jemand ein Messer durch die Brust bis in das Rückenmark gestoßen.

Mit schweren Schritten trat Juha in die Stube und setzte sich auf die Bank, vom Rudern ermüdet, die Schweißtropfen sich von der Stirn wischend.

»Hast ja doch nicht gehorcht, Mutter, obgleich du's versprochen hattest,« sagte er niedergeschlagen. «Kaum bist du auf dem Hof, fängst du schon Streit an. Das habe ich schon am Strande gehört. Ihr werdet ja diesmal ebenso wenig miteinander auskommen wie früher.«

Ueber das Gesicht der Mutter huschte ein spöttisches Lächeln. Aber da faßte Juha der Grimm, und er sprang auf und schlug mit seiner Mütze auf den Tisch und rief, als hätte er zugleich geweint:

»Aber das sage ich dir, und das kannst du glauben, – wenn hier nicht Frieden wird – und wenn du mir noch einmal Marja aus dem Hause treibst, dann setze ich dich ins Boot und rudere dich zurück, – und wenn du – wenn du dein ganzes Gehöft in Brand steckst, ich komme nicht noch einmal, um dich zu holen.«

Die Mutter wußte, daß es nur eine Drohung war, die er schon früber viele Male ausgesprochen und sie ebenso oft gehört hatte.

»Wenn du jemand ins Boot setzen willst, dann setz sie hinein und laß sie den Rajakoski-Fall hinunter gehen. Dann tust du, was du schon längst hättest tun sollen. Schick die Petze zu ihren Hunden, so werden sich hier keine mehr dorther ansammeln. Ja, ich weiß Bescheid! Eine Herberge für Russen soll hier eingerichtet werden?! Das habe ich erwartet. Ein Wunder, daß es nicht schon früher geschehen ist. Aber ich bin noch zur rechten Zeit gekommen, und auch für die ist der Rechte gekommen: der Sohn des Schemeikka!«

»Schemeikka?«

»Schemeikka, der Sohn des Schemeikka!« rief die Alte. »Des Mörders deines Vaters! Der deinen kleinen Bruder verbrannt hat! Dem sein Sohn hat sich hier von dir beschützen lassen, dessen Vater deinen Vater an die Wand spießte und danach das Kind aus der Wiege in den brennenden Ofen schmiß. Das hat er getan, und dessen Sippe schützt hier dein Weib, das zu derselben Art gehören mag, ja gewiß gehört!«

»Woher wißt ihr, daß es Schemeikkas Sohn gewesen ist?«

»Sie hat es mir eben, als sie ging, höhnend zugerufen.«

»Wer weint und jammert denn da?« fragte Juha, plötzlich aufhorchend.

Man hörte den Lärm von laufenden Schritten und ein immer näher kommendes Weinen und Jammern.

»Ist es Marja, die da weint?«

Juha eilte hinaus. Die Weinende war nicht Marja, sondern Kaisa, die ächzend vor der Treppe niedersank, die Hände gegen das Herz drückend, ohne ein Wort hervorzubringen.

»Was hast du?«

»Lauft an die Schnelle und helft!«

»Ist Marja ins Wasser gegangen?« brüllte Juha.

»Der karelische Mann – der – der hat unsere Frau – mitgenommen.«

»Wie hat er sie mitgenommen? Wo?«

»Eben, eben – gerade – ich hab's gesehen –«

»Was hast du gesehen?«

»Er riß sie in sein Boot.«

Mehr vermochte das Mädchen nicht zu erklären, sie schwenkte die Hand und brach wieder in Tränen aus.

Juha eilte an die Stromschnelle, in die Bucht, wo die karelischen Männer angelegt hatten und wo nach dem Abzug der anderen gestern Schemeikkas Boot zurückgeblieben war. Das war weg. Er eilte weiter hinunter auf die Landzunge, von wo man den Unterlauf der Schnelle überblicken konnte. Es war nichts zu sehen als die weißen Wellenkämme gegen die schwarze Wolke, und ein Lachs schnellte sich im Stillwasser bei dem Anfang des Gefälles empor. Es ist umsonst! Er rannte aber doch vorwärts, so schnell er auf dem geröllbedeckten Ufer konnte, fiel, stand auf und gelangte um das Stillwasser herum in den Winkel einer Bucht. Da am Rande wuchs Gras, das war zertreten, und junger Laubwald, in dem mit den Händen Blätter abgestreift worden waren. Dort lag ein Tuch, Marjas Tuch, dort ein Halbschuh, ihr Schuh.

Juha begreift nur so viel, daß er Hilfe holen muß, um nachzusetzen ... ihr nach, so weit, bis er sie einholt, sei es bis ans Ende der Welt, sei es bis unter die Erde, wohinab die Stromschnelle wie in den schwarzen Schlund der Unterwelt zu stürzen schien.

Die Mutter, Kaisa und zwei von den Teerbrennern standen auf dem Hof, als Juha kam.

»Ihr wißt, was geschehen ist,« sagte er zu den Männern, keuchend, kaum vernehmbar, von dem Laufen außer Atem. – »Er hat sie geraubt, der schlechte Kerl. Da ist ihr Tuch.«

»Was ist darin?«

»Ein Schuh – ich habe beides am Ufer gefunden. – Der hätte ertränkt werden müssen.«

»Du hast's ja selbst verhindert. Hättest uns machen lassen sollen.«

»Hätte ich's getan.«

Juha saß eine Weile schweigend da.

Wollt ihr mir helfen, Männer, obwohl ich euch nicht geholfen habe? Wir setzen ihm nach, vielleicht holen wir ihn noch ein?«

»Den holen wir nicht mehr ein, da er einmal auf den Schnellen ist. Der Rajakoski ist eine Meile lang, und noch ehe wir aufbrechen könnten, ist er unten, und da teilen sich die Wasser nach drei Seiten, und niemand weiß, welchen Weg er gegangen ist.«

»Wir verfolgen ihn, bis wir ihn haben, meinetwegen bis in sein Land.«

»So ein Zug muß mit stärkeren Kräften gemacht werden.«

Juha sah selbst ein, daß er mit diesen Männern, auch wenn sie gegangen wären, nichts hätte ausrichten können.

Die Männer redeten wie von irgendeiner gleichgültigen Sache.

»Man sollte meinen, es müßte nicht leicht gewesen sein, einen so großen Menschen mit Gewalt ins Boot zu kriegen.«

»Ach was,« sagte der andere. »Wo er sie einmal im Boot hatte – und weshalb hätte er sie nicht hineintragen können – und das Boot in den Strudel gestoßen war, da hat einer gerade Lust hinauszuspringen. Hat sie glücklich erwischt und behält sie. Haben sie auch früher behalten. Und der ist nicht allein dabei. Die anderen warten dort auf ihn, obwohl sie taten, als zögen sie voraus.«

Die Magd kam, immer noch schluchzend, aus dem Haus und wollte in den Pferch gehen.

»Wie ist es denn eigentlich zugegangen?« fragte Juha.

»Ich weiß nicht, ach, ich kann es nicht ...«

»War es in der Bucht, wo er sie gepackt hat?«

»Da war mit einem Mal ein Boot ... ich habe nicht gesehen, wie es gekommen ist, obgleich ich da war.«

»Wo warst du?«

»Wie ich da war und die Gefäße ausspülte, sah ich die Frau kommen ... und dann warf er sie in das Boot und sprang nach ... und Marja fiel rücklings in das Boot und stürzte mit der Schürze vor dem Gesicht hin, weiter weiß ich nichts ...«

»Das hast du gesehen?«

»Ja.«

Juha stand auf und ging in seinen Speicher.

»Bist du sicher, daß er sie mit Gewalt fortgeschleppt hat?« fragte die alte Wirtin.

»Ach, daß so etwas geschehen mußte!« weinte das Mädchen.

Die Alte sah, wie Juha in seinem Speicher eilig seine Sonntagskleider anzog.

»Willst du irgendwohin?«

»Ich lasse das Kirchspiel aufbieten.«

»Darum wird sich wohl das Kirchspiel nicht aufbieten lassen.«

Juha lief schon nach dem Strande, stieß das Boot ab und begann nach Süden zu rudern.

 

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