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Schweres Blut

Juhani Aho: Schweres Blut - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJuhani Aho
titleSchweres Blut
publisherVerlag von Heinrich Minden
addressDresden und Leipzig
printrunDritte Auflage
year
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid4dd42e2f
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II.

Als Juha vom Netzauslegen zurückkam, sah er, daß die Badestube geheizt und Wasser hineingetragen war und daß vor der Tür ein Bund Stroh für die Schwitzbänke stand. Seit langem waren die Schwitzbänke der Badestube nicht mit Stroh belegt gewesen! Sie hat sich besänftigt! Das beweist, daß sie mir wieder gut ist. Auch Quäste hat sie gemacht und nebeneinander in das Vorstübchen auf die Bank gelegt. Und hat sie wahrhaftig aus den Zweigen gebunden, die ich mitgebracht habe. Einen für sich, den andern für mich! Vielleicht kommt sie selbst zum Waschen und schickt gar nicht die Kaisa. Dann setzen wir uns zusammen zum Abendessen ... sie hakt die Tür ihres Speichers nicht zu ...

Juha erschien sein Gehöft wie neu. Als ob die ganze Welt rosig schimmerte, wie die eben noch kalte und finstere Rauchstube schimmert, wenn das Herdfeuer hell aufflammt: dort die Stuben, der Flur dazwischen, dort die Speicher, der kleine, der mittlere und der große, dort der Pferde- und der Rinderstall und die Scheune, das Gäßchen dazwischen, und vor den Ställen der Pferch, in dem die Schellen der Kühe beim Wiederkäuen scheppern, und der saubere Hofraum und dahinter der Hügel mit den Föhren! Das hätte ich doch nicht umsonst für Marja gebaut? Wenn ihr doch nicht alles so fremd wäre, ihr vielleicht sogar gefällt – da das Bund Stroh vor der Tür und die Quäste auf der Bank im Vorstübchen sind. Nun nichts mehr davon ... wer kann hier immer jedes Wort auf die Wage legen! Und Juha war ganz überzeugt, daß alles wieder gut sei, als er Marja aus dem Hause kommen sah, nicht mehr in ihren Arbeitslumpen, sondern in ihren Sonntagskleidern, wie wenn Besuch käme. Und kommt sie da nicht auch auf ihn zu? Erst geht sie nach dem Speicher hin, schwenkt aber dann auf den Strandpfad ab und kommt wie in großer Eile herbei, als wäre sie voller Freude, daß Juha endlich erschiene.

»Dort im Haus warten die Teerbrenner auf dich«, sagte Marja, mit glühenden Wangen und in den Augen helle Geschäftigkeit, »aber geh unter keinen Umständen auf ihr Vorhaben ein! Sie haben etwas Böses gegen die karelischen Männer im Sinne.« Und in Marjas Augen war keine Spur mehr von dem Ausdruck, der vorhin im Viehpferch darin gelegen hatte.

In dem Hause saßen einige schwarze, rußige, teerbeschmutzte Arbeitsleute, die im Sommer für die Bauern der Uferstriche auf den Kieferheiden beiderseits der Wasserscheide Kohlen und Teer brannten. Bekannte Juhas, die sich in seinem Gehöft mit Brot versorgten und im Winter als Jäger und Renntierdiebe bis an die Grenzen Lapplands streiften; halbe Räuber mochten sie sein, doch bemühten sie sich immer, mit Juha in gutem Einvernehmen zu bleiben. Jetzt mochten sie etwas Besonderes vorhaben, da sie finster blickend dasaßen und an ihren Hosengurten zogen und mit dem Fußballen leise auf die Diele trommelten ...

Juha setzte sich und wartete. Einer von ihnen rückte dicht an ihn heran, und die Augen funkelten in dem ruhigen Gesicht.

»Jetzt, Freund, jetzt wäre ein Bär umstellt.«

»Ein Fell, so schön wie nie,« fügte ein anderer hinzu. »Und jeder mit einem vollen Beutel auf der Brust und die Boote halb voll Waren.«

»Sie sind nur drei, und wir sind sechs.«

Juha begriff schon.

»Lassen wir die Bären! Umstellt sie im Winter, wo ihr wollt, dann ist auch besser vorwärtskommen, wenn sie aus ihrem Nest ausbrechen sollten.«

»Ausbrechen gibt's nicht. Vorn einen Strick um die Tatzen und hinten einen! – schwups, wie ein Kornsack ins Boot – das Boot vom Ufer los und auf und davon! Die Stromschnelle ist's gewesen, und niemand fragt danach.«

»Sie zählten am Strand ihr Geld,« begann der dritte. »Das wäre ein Fang!«

»Was liegt an 'nem Russen,« sagte der erste wieder. »Wir könnten sie auch einmal schröpfen.«

»Habt ihr das nur einmal getan?« erwiderte Juha.

»Niemals so wie sie! Wie haben sie's letzten Winter mit uns gemacht? Eine ganze Hütte voll Wild hatten wir am Abhang des Repovaara. Die haben sie ausgeräumt, daß wie zum Spott nur noch ein Eichhornfell drin hing.«

»Die hier?« versuchte Juha einzulenken.

»Wer weiß, ob die hier, aber das weiß ich, daß sie von dort waren.«

»Von dort waren auch die, die vorvoriges Jahr zu Allerheiligen in Kianta gebrannt und gewütet haben.«

Marja war hereingekommen und hatte an der Ofenbankecke herumhantiert.

»Einer von ihnen ist hier gewesen und hat um ein Bad und Nachtquartier gebeten.«

»Hast du zugesagt?« fragte Juha.

»Es ist ja auch früher nicht abgeschlagen worden. Und er fragte auch, ob er Korn kaufen könnte.«

»Welcher von ihnen war's denn?« fragte einer der Männer. »War es der große, lange?«

»Lang war er,« sagte Marja.

»Schwarze Haare und krauser Bart?«

»So einer war's wohl.«

»Sei auf der Hut,« begannen die Männer wieder eifrig, beinahe eindringlich auf Juha einzureden. »Angeblich kommen sie, um zu kaufen, sehen sich Haus und Gerät an, dieses Jahr erstehen sie was, nächstes Jahr nehmen sie's schon mit Gewalt. Wenn das Haus ausgeleert ist, wird es angesteckt, die Leute als Leibeigne weggeschleppt – was nicht mit dem Hause verbrennt. Wäre nicht das erste Mal.«

»Ich glaube nicht, daß sie meinem Gehöft etwas tun. Wir haben Frieden mit ihnen gehalten und tun es auch weiter. Laßt sie zuerst machen, ich fange nicht an und erlaube es auch anderen nicht. Was ihr anderswo tut, ist mir einerlei, an meinem Strand wird in Friedenszeiten kein Wanderer beraubt, soweit wie ein Ruf in der Runde zu hören ist.«

»Wir machen's so, daß du nichts hörst.«

»Ich hör's.«

Juha sagte die Worte mit solcher Bestimmtheit, daß nichts weiter hinzuzufügen war. Die Männer machten ein ärgerliches Gesicht, aber von Marja bekam er einen dankenden Blick.

»Man hätte gar nicht kommen und euch fragen sollen.«

»Ihr hättet es machen können, wie ihr wolltet, aber dann hättet ihr nichts mehr im Gehöft zu schaffen.«

»'S ist doch schlimm ... nun gehen sie uns gewiß durch.«

Und weg gingen die Männer, indem sie sich hinter den Ohren kratzten.

»Sollte man nicht noch hingehen und die Männer warnen?« drängte Marja – »wenn sie ihnen trotzdem etwas tun?«

»Das tun sie nicht, da sie einmal gefragt haben.«

»Aber sie können ihnen nachgehen und sie jenseits der Grenze ausrauben und totschlagen?«

»Da mögen sie tun, was sie wollen. Und sie können ihnen auch nichts anhaben, wenn sie erst auf den Schnellen sind.«

»Aber geh doch und warne sie!«

»Du bittest ja richtig ... richtig schön.«

»Richtig schön, wie ich's nur kann.«

»Die haben nichts zu fürchten ... aber ich kann ja gehen.«

Das war lange her, daß Marja ihn so gebeten hatte, so zu ihm gewesen war ...

Er erhob sich und wollte hinausgehen, als jemand an dem Fenster vorbeischritt.

»Da ist er jetzt!« rief Marja.

»Wer?«

»Na, der Mann von vorhin.«

Herein kam ein schlanker, schwarzbärtiger junger Mann, so lang, daß er sich in der fast zweimal zu niedrigen Tür bücken mußte, und, als er sich aufrichtete, sein Kopf die Längsbalken des Raumes streifte. Er hatte ein Bündel Säcke über dem Arm.

»He, da ist ja der Wirt!« sprach er. »Glück ins Haus! Hast wohl nicht gewußt, daß ich kam, da du deine Balken so niedrig gemacht hast? Guten Tag auch!« er reichte Juha die Hand. »Guten Tag auch!« er reichte Marja die Hand – frisch, fröhlich, mit einem hellen Klang in der Stimme, die Zähne weißschimmernd in dem fein-kräuseligen Bart, in den braunen Augen ein listiger Schalk und ein sorglos-freudiger Glanz.

»Woher kommt ihr denn?« fragte Juha.

»Wenn ich dir sagen wollte, woher ich komme, Wirt, dann müßte ich mich im Kreise drehen. Aus Kem, Sunkku, Archangelsk, Olonetz, Abo, Torneå! Verkaufst du Roggenkorn?«

»Etwas könnte ich wohl ablassen, wieviel soll es denn sein?«

»Füll mir die Säcke hier, das wird für diesmal genügen.« Und er warf die Säcke vor Juha hin, während er seine Blicke auf Marja richtete.

»Wieviel sind's?«

»Sieh nach, sieh nach!«

»Soll ich sie jetzt gleich füllen?«

»Ja, gleich,« er musterte Marja immer noch, »und kann ich wohl ein Pferd haben, womit ich sie zum Strand fahre?«

»Kann man die Dinger nicht das Stückchen Weg tragen?«

»Dann füll du die Säcke, ich hole mittlerweile meine Männer.«

»Laß sie bei ihren Booten, ich werde dir schon tragen helfen.«

»Dann ist's gut!«

Juha nahm die Säcke und ging, um sie zu füllen. Der Fremde hatte zu Juha gesprochen, Marja angesehen, ein Lächeln auf den Lippen, Leben in den Augen. Marja wußte nicht, weshalb seine Lippen lächelten, weshalb sich seine Augen freuten, aber auch sie lächelte dem angenehmen Fremden zu, wie er ihr.

»Wer bist du denn? Die Magd?«

»Sehe ich so aus?«

»Vorhin in deinen Melklumpen sahst du wie eine Leibeigne aus, bist aber wohl die Tochter, oder bist du die Schwiegertochter?«

»Vielleicht bin ich sogar die Frau. Wäre ich als Frau nicht gut genug?«

»Dem seine?«

»Der ist dein Mann, der –?

»Ja.«

»Deiner?«

»Ja, meiner! Was ist denn dabei – daß du so fragst?«

Der Fremde schwenkte die Hand.

»O je, ist zu alt für dich. Du bist zu hübsch und zu fein für den, den alten Kerl.«

»Den alten Kerl? Wart, bis du siehst, was für einen Sack er auf dem Rücken trägt.«

»Das Krummbein, das Hakenkinn! Aber dich habe ich schon einmal gesehen, wenn ich dich genauer betrachte. Du bist wohl die – ja, die bist du – derselbe Kopf, dieselbe Haltung – aber damals hattest du die Haare offen.«

»Ich? Wann?«

»Im vorvorigen 5ommer, vor drei Sommern. Du standest dort an der Bucht bei der Schnelle am Strand und kämmtest dich – splitternackt - ich bin im Boot an dir vorbeigeflitzt?«

»Das bist du gewesen?«

»Wenn ich meinen Kahn hätte anhalten können, hätte ich dich mitgenommen.«

»Hättest du?«

»Ja. Wäre ans Land gekommen, hätte dich, mit der einen Hand unter deinem Arm, umschlungen, mit der anderen deine Füße vom Boden gehoben ... da hebt sich ein Mädchen leicht, denn da muß es einem die Arme um den Hals schlingen – und hätte dich in meinen Kahn geworfen.«

»Nur so hineingeschwungen? – Du bist ein Prahlhans, wer du auch sein magst.«

»Weißt du nicht, wer ich bin, junge Wirtin?«

»Das Gesicht verrät es nicht.«

»Hast du nicht von Schemeikka aus Uchtua reden hören?«

Er streckte sich, reckte sich, verschränkte die Arme über der Brust – vertrat Marja nicht den Weg, fesselte sie mit den Augen, wo sie – die Hand am Pfosten der Ofenbank – stand.

»Schemeikka aus Uchtua?« sagte Marja zögernd.

»Hast du von ihm gehört?«

»Der Bekannte, aus Karelien?« entfuhr es Marja.

»Ja!«

»Der Sohn von Hilappa?«

»Ja!«

Juha rief draußen.

»Was will denn der Alte?«

»Du sollst ihm einen Sack aufhalten!«

Schemeikka drehte sich um, schwenkte die Hand und ging.

Einer von denen war er? Von den Schemeikkas! Von der größten Kaufmannsfamilie Kareliens, von den Waldläufern, Bärentötern, Renntier- und Elchschützen, der hochangesehenen reichen Sippe. Schon als kleines Mädchen, zuhause bei Juhas Mutter, hatte Marja von ihnen sprechen hören, von den Gefürchteten, Gehaßten, Verfluchten, den Mordbrennern, den Frauenräubern ... Hätte mich einfach mitgenommen, konnte aber sein Boot nicht anhalten? – Marja griff nach einer Arbeit, ohne zu wissen, wonach, eilte an die Tür, kam zurück, warf einen Blick durch das Fenster, sah, wie Schemeikka versuchte, sich einen Sack auf den Rücken zu ziehen, aber stolperte und auf die Treppe des Speichers zu sitzen kam. Das hält der Rücken nicht aus, obgleich er lang ist. Juha nahm Schemeikkas Sack und seinen eigenen, den einen auf die rechte, den anderen auf die linke Schulter. Marja entfuhr ein kurzes, spöttisch-rauhes Lachen. Brauchte der ihn gegen mich herabzusetzen? »Das Hakenkinn ... das Krummbein?« Aber ohne das Krummbein wärest du Schlenkerbein jetzt in der Stromschnelle, statt daß er deine Säcke trägt. Magst noch pfeifen, Unverschämter, und mit der Rute auf den Sack schlagen! Glaub nicht, daß ich nach dir sehe! Glotz nicht hinter dich! – und Marja zog sich vom Fenster weg. So einem habe ich die Badestube geheizt!

Als aber die Männer an den Fenstern vorbeigegangen waren, eilte sie doch hinaus und konnte noch sehen, wie der junge Mann mit einem leichten Satz sich über das Zaungatter schwang. Da stand auch die Magd mit einer Last Zweigbüschel auf dem Rücken zwischen Pferch und Rinderstall:

»Guck den tollen Kerl, ist wie eine Seejungfer über den Zaun geflogen. Wer war denn das?«

»Der Schemeikka aus Uchtua will er sein.«

»Da hat man den doch auch einmal gesehen ... wenn auch nur von hinten.«

»Lauf nach, dann kannst du auch sein Gesicht sehen!«

»Geht er schon mit Sack und Pack davon?«

»Ich weiß nicht, jedenfalls hat er nicht ›Lebewohl‹ gesagt. Aber ohne unseren Wirt läge der prächtige Bursch jetzt in der Schnelle, und seine Sachen gehörten einem anderen.«

Nach einer Weile hörte man die Männer zurückkommen, in lautem Gespräch, in guter Laune, Schemeikka mit einem Ranzen auf dem Rücken, den er ins Haus trug.

»Er ist wohl nicht weg?« fragte Marja.

»Die anderen sind weg, aber dieser bleibt noch.«

»Weswegen bleibt er denn? Hätte auch gehen können.«

»Laß nur. 'S ist ein guter Kerl. Er muß noch bis morgen hier auf seine neuen Handelsknechte warten, sagt er. Die kommen hier alle zusammen, und einige ziehen von hier aus andere Straßen, unterhalb der Schnellen. Vielleicht richten sie hier bei uns eine ständige Herberge ein, und ich habe gesagt: tut das nur. Weißt du, der muß ein Bad und Essen haben und in dem Speicher untergebracht werden. Den muß man behandeln wie einen Pfarrer.«

»Weshalb muß es denn der so haben, der Rekel?«

»Er hat gut bezahlt, um keine Kopeke gefeilscht, wie die anderen russischen Leute. Ist spaßig und nett. Hat mir sogar einen Schnaps für meine Mühe gegeben.«

»War er süß?«

»Ob er süß war? Das war er – irgend so was Ausländisches – prickelt mir in den Adern wie im Frühjahr der Saft in der Birke.«

»So als ob die Blätter an dir ausschlagen wollten?«

Juha entfuhr ein behagliches Lächeln und Marja ebenfalls.

»Die Badestube ist fertig, wenn ihr nichts anderes vorhabt.«

»Marja, du mußt selbst kommen und uns das Wasser auf den Ofen gießen.«

»Das versteht wohl Kaisa ebenso gut wie ich.«

»Nicht doch – du, die Wirtin, mußt für den Dampf sorgen. Hör mal! Geh doch nicht – nicht mehr bärbeißig sein ... Was?«

Er getraute sich, Marja mit der flachen Hand in der Seite zu berühren. Und sie fuhr ihn jetzt nicht an, tat, als hätte sie nichts davon bemerkt, wiegte sich nur ganz leise. Aber Juha war es, als habe er nicht die Erde unter den Füßen.

»In die Badestube, Freund!« rief er ins Haus, aus dem Schemeikka sogleich herauskam.

Marja war von den Speichern weg halblaufend nach dem Strande zu gegangen.

»Du hast eine prachtvolle Frau,« sagte Schemeikka, ihr nachsehend. »Hebt die Füße wie ein Füllen vor dem Schlitten.«

»Ja, die hebt die Füße!«

»Ist sie auch sonst nach deinem Sinn?«

»Ja, das ist sie, ist nach meinem Sinn wie sonst nichts. Und deine Frau?«

»Habe mir noch keine zugelegt.«

»So, nicht? Mußt dir eine nehmen. – War verdammt fein, dein Schnaps!« sagte Juha, mit den Fingern knipsend.

»Willst du noch?«

»Jetzt nicht, jetzt nicht ... später, wenn wir gebadet haben. Ich habe dir nichts vorzusetzen als ein bißchen bitteren Fusel. Laß dann die Frau auch etwas von deinem schmecken,« zischelte er, indem er seinen Gast in die Seite stieß. »Wenn du mehr Süßes in deinem Ranzen hast, wollen wir uns das später auch ansehen. Junge Menschen sind sehr hinter Süßem her.«

»Habe süße Sachen, habe schmucke Sachen!«

Juha tappelte und hopste und wußte nicht, wie er sein Behagen ausdrücken sollte ... Der Fremde war doch gerade zur rechten Zeit gekommen. Ohne ihn hätte das Verdrießlichtun noch eine Woche fortgedauert, und wer weiß, ob dann Frieden geworden wäre. Aber sobald ein angenehmer Gast kommt, ist sie gleich obenauf.

»Laß deine Lumpen hier auf dem Hof. Ich lasse sie auch da.«

»Mein Ranzen ist doch wohl in der Stube sicher?«

»Der ist sicher! Und wenn du alle Reichtümer Kareliens darin hättest.«

»Das nicht, das nicht, nur ein bißchen Kram und Plunder ...«

»Zu uns kommen keine Diebe. Bei uns ist noch keiner beraubt worden, so weit wie der Ruf zum Hofe klingt. In Juhas Gehöft kommt kein Bandit. Und wenn einer käme, würde er weggejagt! Sie fragen um Erlaubnis, ehe sie was nehmen. Nun komm! So einer ist der Juha!«

Während sie zur Badestube hinuntergingen, schlug Schemeikka seinen Wirt auf die Schultern.

»So einer ist er! Ein tüchtiger Kerl. Der beste alte Knabe von der Welt!«

Juha lachte aus vollem Halse und ging dem anderen voran in die Badestube.

Marja stand in dem Vorraum, als die Männer kamen, und kehrte ihnen den Rücken zu.

»He, Wirtin!« rief Schemeikka, splitternackt an ihr vorbeigehend. Aber Marja wandte den Kopf nicht um. Erst als sie hörte, daß sie auf den Schwitzbänken saßen, schlüpfte sie durch die Tür hinein, um die Quäste auf dem Ofen zu weichen.

»Bist wahrhaftig ein stattlicher Bursch,« sprach Juha. »Der Rücken wie eine schwanke Föhre, die Unterschenkel fein wie bei einem Elch, die Oberbeine wie die eines Schlittenfüllens – eine Kunst, mit denen über den Zaun zu kommen! Meine hier sind ein bißchen krumm, weil sie mich zu jung im Laufstuhl haben stehen lassen, aber ich komme auch damit vorwärts.«

»Da nimm,« sagte Marja, die Quäste hinstreckend.

»Gib sie nur her und sei nicht so blöde. – Sieh auch mal dem seine Arme an – die haben sich nicht in den Pflugsterzen gewiegt – na, da sind sie hingefallen!«

»Nun ja – da nimm!«

Marja hob die Quäste vom Boden auf und reichte Juha den einen, während sie den anderen an ihm vorbei Schemeikka in die Arme warf.

»Au!« rief Schemeikka.

»Oh, hats weh getan?«

»Ja.«

»Wo denn?« kicherte Juha.

»Irgendwo.«

Juha, dem der Dampf und das Behagen und der starke Trank immer mehr zu Kopfe stiegen, lachte und brachte auch Schemeikka zum Lachen. Aber Marja schrie wie aufgebracht:

»Verfluchte Taugenichtse!«

»Jetzt Dampf!« rief Schemeikka. »Jetzt Dampf, schöne Frau!«

»Noch mehr?«

»Genug, genug!«

Marja goß noch einmal, wie zum Trotz, Wasser auf den Ofen, zog sich dann in den Vorraum zurück und hörte dort alles, was die Männer in der Badestube sagten, wenn im Klatschen der Quäste eine Pause entstand.

»Komm, jetzt werde ich dich abwaschen,« sprach Juha. »Streck dich aus. Sie hat ja gehörig draufgegossen. So recht aus der Fülle. Ja, die zieht mächtigen Dampf aus dem Ofen, wenn sie will. Das ist eine, das ist eine ... hätte nicht geglaubt, daß ich alter, etwas verkrüppelter Knabe eine so Junge und Stattliche bekäme.«

»Ihr seid doch kein Krüppel?«

»Ich hinke ja etwas, weil mich einmal ein Bär ins Bein gebissen hat. Dort sind noch die Narben von den Zähnen, und da ist die Sehne durch. Beim Gehen macht es nichts aus. Und ich merke es auch nur vor einem Wetter.«

»Ein Fremder merkt nichts.«

»Ich hätte sie vielleicht auch sonst nicht bekommen.« – Juha dämpfte die Stimme und glaubte nur noch zu flüstern – »dreh dich etwas auf die Seite ... hätte sie vielleicht auch sonst nicht bekommen, aber da ich sie mir von klein auf, von der Wiege an, selbst gezogen, wie die beste Kindermagd geschaukelt habe – ihre Mutter kam zu uns dort in das alte Karhula in dem Hungerjahr und brachte sie zur Welt und starb – ja, da ich sie da selber aufgezogen und zu einem Menschen gemacht, lesen gelehrt und zum Abendmahl geschickt habe, habe ich sie dann genommen, weil niemand anders da war, der sie genommen hätte, obwohl meine Mutter und die ganze Familie dagegen waren, weil sie nichts hatte und aus dem Russischen stammt.«

»Aus dem Russischen?«

Der Quast hörte auf zu klatschen.

»Aus euerem Stamm. Dorther war auch die Mutter, wie sie sagte, aber genaueres weiß man nicht; wohl ein leibeignes Mädchen, aus ihrem Kirchspiel entflohen; dort sollen ja die Bauern mit ihren Mägden machen, was sie wollen: weiß nicht, obs so ist.«

»Peitsch mir auch noch etwas die Fußsohlen!«

»Aber einerlei, von wem sie stammt,« hörte Marja ihren Mann fortfahren – dieselbe Geschichte, die er immer seinen Gästen erzählt, wenn er sich nur etwas die Nase begossen hat, der Tölpel. – »Sie ist darum nicht schlechter als die Mädchen hierherum. Meine Mutter hätte mir eine von den Reichen aufgehalst, und die hätte ich vielleicht auch bekommen; immer kommt gern eine in ein fertiges Gehöft ...«

»Daß er den Mund nicht hält!« fuhr Marja bei sich dazwischen.

»Daher ihrer Schwiegermutter Haß auf sie, daß ich sie genommen habe. Manchmal ist die Alte bei ihren Besuchen so böse, daß ich sie mitten in der Woche heimbefördern muß. Aber eine gute Zucht hat sie ihr seinerzeit beigebracht und sie zu den Arbeiten angelernt. Jetzt erbost sie sich auch darüber: ›Wenn ich gewußt hätte, daß ich mir aus dem Bettelmensch eine Schwiegertochter erzog, dann hätte ich sie nicht beschieden, wie man eine Nadel ins Öhr fädelt.‹ Aber was wollte ich gleich sagen? Leg dich auf den Leib, dann streiche ich dir auch über die andere Seite.«

»Es ist genug,« sagte Schemeikka. »Ihr sagtet eben, ihr hättet euch nicht an die Reichen gekehrt, obwohl sie zu haben gewesen wären.«

»Ja gewiß!« – Schemeikka stieg von der Schwitzbank und setzte sich weiter unten nieder. Juha sprach oben weiter, während er sich jetzt selbst mit dem Quast peitschte – »ja gewiß, aber sie ließen mich alle kalt, habe sie nicht von vorn und nicht von hinten angesehen, diese war mir ins Blut gegangen. Es zog mich nur zu der Marja.«

»Wie es den jungen Specht in den Baum zieht?« hörte man Schemeikka summen.

»Ei, was sie gut und nett sein kann, wenn sie will, lieb und munter, wie solch ein Quast im Sommer.«

Schemeikka ließ ein kurzes unanständiges Lachen ertönen. Marja hätte mit einem Holzscheit gegen die Tür schlagen mögen.

»Aber sie kann auch böse sein – ist sie dort im Vorstübchen? Sieh mal nach!«

Marja konnte gerade noch hinter die Tür schlüpfen, als Schemeikka sie ein wenig öffnete.

»Scheint nicht mehr da zu sein.«

»Dann sorg du mir jetzt für ein bißchen Dampf!«

»Soll ich dich auch klatschen?«

»Streck du nur deine Klauen aus. Wo war ich denn gerade?«

»Daß die Frau auch böse sein kann.«

»Ach ja, doch das kümmert mich nicht. Sie ist ein wenig leicht erregt, bald ganz traurig, bald lacht sie vor sich hin, singt sich eins und zwitschert wie ein Vöglein auf dem Baum. Ist wie das Wild im Walde, ruht sich nicht am Tage, kann nächtelang nicht schlafen, aber dann wieder kommt sie nicht aus dem Bett, und wenn sie aufsteht, geht sie wie ein Gespensterseher umher.«

Jetzt wusch sich Juha ab, schwieg einige Zeit, fuhr aber dann fort:

»Diese Badestube haben wir zusammen gebaut. Ich hatte hier damals eine Schwende, an deren Rand habe ich sie gezimmert. Ich habe hier manchen Sommer geschwendet und Fische gefangen. Aus dem Elternhof habe ich niemand zur Hilfe gehabt als Marja. ›Nimm die russische Bettelhexe mit, dort ist sie ja näher bei ihrer Heimat‹, haben sie gesagt. Einmal sind wir im Sommer zusammen aus meinem Dorfe über die großen Seen hierher gerudert. Damals habe ich noch nichts verlauten lassen, obwohl ich's schon mit mir herumtrug, daß ich sie mir noch einmal zur Frau heranziehen würde. Ich haute die Balken glatt, Marja zupfte Moos und drückte es in die Fugen. Auch das Haus haben wir zusammen gebaut im Laufe von mehreren Sommern. Wenn sie will, versteht sie auch mit der Axt umzugehen. Obwohl sie damals schon erwachsen war, habe ich sie nicht mit dem Finger angerührt. Waren wie Bruder und Schwester bis zur Trauung und auch noch etwas danach. – Gieß mir einen Eimervoll über den Rücken, Bester! Brrr ... gut, gut...«

»Habt ihr Kinder?« fragte Schemeikka danach.

Es war Juha, als sei er aus etwas erwacht. Was war das eigentlich? Wer war denn der dort, zu dem er von Marja gesprochen hatte? Was mochte er alles gesprochen haben?

»Nein,« antwortete er kurz und sagte dann nichts weiter.

Aber Marja empfand Ärger und Scham. Solch ein Narr, solch ein Töffel! Was braucht er sich und mich denn vor dem Fremden lächerlich zu machen! Wenn er auch von sich redete, brauchte er denn von mir anzufangen?

Als sie hörte, daß sich die Männer abspülten, huschte sie hinter die Wand des Vorstübchens. Sie war kaum hinaus, als Schemeikka kam und, ohne sie zu bemerken, langsam auf den Hof zuschritt, während seine rotbraune Haut in der kühlen Abendluft dampfte – lang, schlank, wohlgebaut – und Marja kam nicht mit den Augen von ihm los, bis sich Juha gebeugt, mit langem Rücken, kurzen Beinen aus der Tür hervorschob und, mehr als sonst hinkend, hinter jenem her eilte. Er holte den jungen Mann ein, bevor sie auf dem Hofe waren. Sie schritten nebeneinander dahin, ein Elch der eine, der andere ein Zugstier ... Und als sie sie anschaute, entfuhr Marja, während sie sich zum Bad entkleidete, ein ausgelassenes, schallendes Lachen; sie wußte selbst nicht, weshalb sie lachen mußte, aber sie mußte es auch noch in der Badestube, als sie sich mit dem Quast peitschte, daß es auf der Haut biß.

Als sie herauskam und zum Hof hinanging, saß Juha nackt – mit dem Hemd in den Armen – auf der Haustürtreppe. Er schmunzelte Marja von dort zu.

»Hast du auch schon gebadet? Hättest du gerufen, dann hätte ich dir für Dampf gesorgt.«

Hätte Marja tun können, was ihr gelüstete, so hätte sie nach ihm geschlagen.

»Solltest das Hemd anzieben und dich nicht nackt da herumrekeln!« zischelte sie im Vorbeigehen.

»Na, wart doch, bis wir uns abgekühlt haben!«

Aber auf dem Flur wandte sich Marja um und sagte freundlicher:

»Hier ist auch das Essen für dich und den Gast fertig!«

Als Marja in die Stube kam, saß Schemeikka da, mit einer silbernen Flasche und einem kleinen silbernen Becher auf der Tischecke und mit dem geöffneten Ranzen vor sich auf dem Fußboden. Er hatte reine Wäsche angezogen, weißes Unterzeug, ein Hemd wie aus Seide, am Hals und auf den Achseln rot und hellblau gestickt, zart wie ein Frauenhemd.

»Will nicht auch die Frau kosten, was der Gast anzubieten hat?« fragte er.

»Was ist es denn? Branntwein?«

Juha trat gerade ein in sackleinenem Hemd, mit behaarten nackten Beinen.

»Das ist kein Branntwein,« sagte er, – ist wohl auch welcher darunter, aber das hat noch einen anderen, wunderbaren Geschmack; weiß nicht, was es ist. Schmeckt wohl auch einem Weibermund?«

»Ich würde auch nichts anbieten, was dem Mund nicht schmeckt.«

Und Schemeikka reichte Marja den kleinen silbernen Becher hin, sah die ganze Zeit nach ihr, als sie langsam ihre Lippen damit befeuchtete, sah nach ihr, als sie, wieder aufgefordert, von neuem kostete, sah noch hin, als er den Becher zurücknahm und austrank, was Marja darin gelassen hatte – und Marja blickte nach ihm, die Lippen an dem Becher, die Augen an Schemeikka, einer gleichsam den anderen betastend.

»Das war gut, vielen Dank,« sagte Marja.

Aber Schemeikka hörte trotzdem nicht auf, Marja anzusehen.

»Es ist wahr, was du gesagt hast, Wirt.«

»Was hat er gesagt?« fragte Marja.

»Hat seine Liebste nicht umsonst gelobt. Aber gehörte sie mir, die dir gehört, dann schlänge ich sie in Seide. Wollen wir etwas Schmuckes für ihren Hals aussuchen, Wirt?«

»Wollen wir, wollen wir,« ereiferte sich Juha, vergnügt, daß sie sich nicht zu sträuben schien, obwohl ihr sonst kein Geschenk gefiel.

Schemeikka senkte schon die Hand in den Ranzen, und als er sie hervorhob, bauschte sich in seinen Fingerspitzen ein seidenes Tuch, rötlichgelb, geblümt, raschelte, flog auseinander und flatterte Marja ins Gesicht.

»Ja, das ist was, das ist was!« bewunderte Juha.

»Was das wohl kosten mag?« bebte Marjas Stimme, als ihre Hände das Tuch ausbreiteten.

»Frag nicht nach dem Preis,« sagte Juha.

»Darüber werden wir schon einig werden,« sagte Schemeikka.

»Du willst es mir kaufen – dies?«

Juha fragte sie, Schemeikka sah sie dabei an.

»Er gibt es dir aus Liebe,« versicherte Schemeikka.

»Gehört es auf den Kopf oder um den Hals?«

»Um den Hals,« sagte Schemeikka, stand auf, nahm Marja das Tuch aus der Hand, warf es ihr über die Schultern, zog es im Rücken zurecht, glättete es auf der Brust, hieß sie es an den Zipfeln festhalten, damit es sitze, und drehte sie um und schob sie vor Juha.

»Jetzt ist deine Liebste, wie sie sein muß!«

»Ja gewiß, ja...«

Und Juha summte und lachte, drehte sich hin und her, machte ein paar Schritte, hielt an, summte aber gleich wieder vor sich hin. Und Schemeikka summte in demselben Tone mit, Auge in Auge mit Marja darüber lachend.

»Nun fehlt noch eine Spange.«

»Gib auch eine Spange her, gib auch eine Spange, wenn du eine hast!« stimmte Juha bei.

»Ich habe ja schon eine Spange,« sagte Marja.

»Eine aus Messing – ja?« fragte Schemeikka.

»Meinst du etwa eine goldene?«

»Messing mag zum Linnen passen, Seide mußt mit Gold du fassen.«

»Gold?« barmte Marja.

Juha sah, daß es sie danach verlangte. Einmal verlangte doch auch Marja nach etwas! Und wenn es den Preis eines Pferdes kostete, sie soll haben, was sie sich wünscht.

»Zeig deine Spangen, zeig!«

Wieder taucht Schemeikka die Hand in den Ranzen, hebt ein Bündel hervor, das in seidenen Stoff eingeschlagen, mit vielen Bändern verknotet ist, öffnet es, löst es mit den langen, geschickten schlanken Fingern auseinander, indem er die Litzen mit den Lippen sammelt, – in seinen Händen enthüllt sich ein Kästchen voller Dinge, die in immer feinere Seide gewickelt sind, von vielerlei Gestalt, von vielerlei Größe, die legt er auf den Tisch in einen Haufen, packt sie wieder weg – silbern schimmern, golden glänzen sie – eins läßt er schließlich zurück, wickelt es auseinander, zwischen Daumen und Zeigefinger hängt ihm eine Brustspange von goldener Farbe, mit leuchtenden Perlen, mit einer Kette auf beiden Seiten – was Marja alles, den Atem anhaltend, betrachtet.

»So, die wird passen!«

»Nein, nein! so etwas nehme ich nicht!«

»Nimm's nur – nimm's nur!«

»Was für ein gräßliches Gold mag das kosten?«

»Laß es kosten, was es will!« sagte Juha.

»Du wirst doch nicht?«

»Ob ich werde!«

Und Juha lief in demselben Augenblick hinaus und über den Hof nach seinem Speicher.

»Zeig doch,« sagte Marja und ergriff die Spange und versuchte sie unter ihrem Halse anzubringen.

»Komm, laß sie mich festmachen,« sagte Schemeikka.

»Weshalb dich?«

»Das ist so Sitte bei uns: wer etwas gibt, der steckt es an.«

»Gibst du sie mir etwa?«

»Kannst ja warten, wie sie der Alte ansteckt – wenn du meinst, daß er es besser kann.«

»Nein, das nicht – aber ich nehme doch von einem Wildfremden nichts geschenkt,« sagte Marja, wie in Angst.

»Von einem Wildfremden? – meinst wohl, von einem deines eigenen Stammes?«

»Was weiß ich, welchen Stammes ich bin!«

»Aber ich weiß es und – sehe es.«

»Was siehst du denn?«

»Ich sehe, was ich sehe« – und etwas zurücktretend maß Schemeikka sie vom Kopf bis zu den Füßen – »eine schöne Tanne aus Karelien, eine Tanne mit stolzer Krone, wenn sie noch mit einer Blume geschmückt wird.«

Schon befestigte Schemeikka seine Spange an Marjas Brust, schob die linke Hand unter das Tuch und lüftete es, stach die Nadel mit der anderen Hand von oben durch und von unten wieder hervor und ließ sie einschnappen – langsam ging es, aber schön wurde es, an den Schultern drehte er sie um, strich ihr über den Rücken, zog wieder glatt, weil es etwas schief geraten war. Marja ruhte wie mit dem Rücken an seiner Brust, hätte sich gern an ihn gedrückt, tat es aber nicht – ihre Brust hob sich, ihre Augen flammten vor Entzücken, Schüchternheit, Behagen und Scham.

»Jetzt ist es gut – jetzt wird sie sitzen.«

Schemeikka drehte sie wieder um, entfernte sich, näherte sich und machte einige Schritte um sie herum, indem er Juhas Bewegungen nachahmte:

»Jetzt ist die Liebste, wie sie sein muß – so ist's – so ist's! gewiß – ja gewiß! und er summte dazu wie vorhin Juha, und Marja brach in ein schallendes Gelächter aus, und Schemeikka fiel ein.

Plötzlich, schnell wie eine Katze, hatte Schemeikka mit beiden Händen Marjas Gelenke erfaßt.

»Es ist noch eine andere Sitte in unserem Lande.«

»Was für eine Sitte?«

Marja will ihm mutig ins Auge sehen und sieht ihn trotzig, ohne Furcht, ohne Wanken, aber mit gespannten Zügen und auch mit heiß brennender Stirn an.

»Was für eine Sitte?«

Schemeikkas Gesicht war ihr so nahe, daß es ihr dunkel vor den Augen wurde.

»Für die Brautspange erhält der Bräutigam einen Kuß zum Lohn.«

»Er kommt!«

Sie flüsterte es. Man hörte Juha kommen, zwei Schritte, der eine schwerer als der andere, auf dem knarrenden Fußboden des Flures.

Schemeikka ließ Marja los, schob sie mit raschem Schwung gegen die Tür auf Juha zu.

»Jetzt ist die Liebste, wie sie sein muß! Da ist sie in Seide und Gold! Sieh, ist sie nicht schmuck so?«

»Das ist sie, das ist sie – gewiß, ja gewiß.«

Genau, wie ihn Schemeikka vorhin nachgemacht hatte! – er tat ein paar Schritte, drehte sich herum. Und Marja und Schemeikka brachen darüber zusammen in ein neues Gelächter aus, gerade wie vorhin.

Juha aber warf – ein wenig prahlerisch – eine Handvoll Silbergeld auf den Tisch.

»Da ist für das Tuch und die Spange. Ich frage nicht nach dem Preis – nimm, was es kosten mag.«

Schemeikka nahm das kleinste Geldstück, warf es in die Höhe, knipste mit den Fingern, fing es auf und ließ es in die Tasche gleiten.

»Weshalb nimmst du nur das?«

»Das ist auch schon zuviel.«

»Warum schenkst du mir denn aber etwas?«

»Damit du mir ein Gegengeschenk machen kannst.«

»Wenn er das aber schon getan hat!« entfuhr es Marja.

»Was denn? – ach so!«

Sollte er es wirklich erraten haben – das Vorhaben der Teerbrenner, und wollte sich so auf feinfühlige Weise erkenntlich zeigen? Das ist ein rechter Kerl, ein braver Mann! Und Juha hatte nicht oft einen Gast mit so warmem Herzen zu Tisch gebeten wie jetzt Schemeikka zu der harrenden Mahlzeit, zu der Marja, mit dem schmucken Tuch um die Schultern und der leuchtenden Spange auf der Brust und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, von der Stube in den Vorratsspeicher und von dem Vorratsspeicher in die Stube eilend, immer neue gute Sachen herbeitrug.

Es wurde gegessen, und nach dem Essen wurde noch von Schemeikkas süßem Schnaps getrunken. Und zu dreien wurde geplaudert. Schemeikka schien Marja gar nicht zu sehen, mitunter nur blickte er lässig nach ihr hin, während er zurückgelehnt auf der Bank saß, die Beine schlank, gerade auf die Diele hinaus gestreckt, die Sehnen und Muskeln in Ruhe nach dem guten Bad und dem satten Mahl – die Arme auf der Brust verschränkt und die Hand von Zeit zu Zeit nach dem silbernen Becher langend. So saß er und erzählte von seinen Reisen, von seinen Fahrten zu Wasser und zu Lande und wo er sich sonst in fremden Reichen und fernen Städten herumgetrieben hatte – und lobte ein wenig sich selbst und seine Geschäfte und sein Tun, so daß Juha dann und wann meinte: »Nicht doch – ach so – na, das ist ja ...« Dann aber schien er müde zu werden und begann zu gähnen, und er fragte, ob er in der Badestube sich niederlegen oder hier im Haus auf der Bank sich ausstrecken dürfe. Morgen müsse er wieder auf und davon.

»Im Speicher wäre Platz,« sagte Marja. »Führ ihn hin, Juha!«

Juha ging voraus, um den Weg zu zeigen. Schemeikka ging mit, wandte sich aber auf dem Flur um und kam in die Stube zurück.

»Hast du etwas vergessen?« fragte Marja.

»Ich habe ja den Ranzen ganz vergessen.«

»Da hast du freilich nicht wenig vergessen: den Ranzen!«

Schemeikka nahm ihn an einem Achselband auf die Schulter, während Marja an dem anderen half. Die linke Hand hatte er an dem Band, die rechte war frei.

»Ist noch etwas hier?«

»Die Mütze noch.«

Marja nahm sie von der Bank und brachte sie. Da packte Schemeikka Marja unter den einen Arm und drückte sie an seine Brust und hielt sie da einen Augenblick. Ließ sie dann los, als ob nichts geschehen wäre, sagte nichts und ging. Und auch Marja brachte kein Wort hervor. Sie blieb nur mit Schemeikkas Mütze in der Hand stehen. Juha erschien in der Tür. Marja warf ihm die Mütze zu und wollte hinausschlüpfen.

»Bring dem Fremden die Mütze!«

Aber Juha stand in der Tür, vertrat ihr den Weg, und sein Mund und seine Augen lächelten.

»Was willst du?« Marja rief es fast schreiend das Auge kalt und scharf wie eine Messerspitze.

»I–ich wo–wollte was trinken« stotterte Juha.

»Du hast doch schon.«

»Ja, ja, aber mi–mir ... ich habe so viel Salziges ...«

»Da, nimm!«

Marja schob ihm den Holzkrug mit verdünnter Sauermilch vom Tisch zu. Juha wollte etwas sagen. Er brachte es nicht heraus, dafür trank er Milch aus dem Kruge. Erst dann bekam er Mut.

»Wo–wo wi–willst du denn schlafen, da – da –?

»Da was?«

»Da du dem Fremden dein Bett gegeben hast.«

»In der Badestube!« fuhr ihn Marja an.

»Vielleicht wä–wäre es in ma–meinem Speicher kühler ...? Ich kann ja auf dem Pferdestallboden schlafen.«

Marja ging hinaus. Sie schien zu gehen, als ob sie wieder über etwas böse wäre. Und Juha ging mit seinem Kruge in seinen eigenen Speicher.

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