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Schweres Blut

Juhani Aho: Schweres Blut - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorJuhani Aho
titleSchweres Blut
publisherVerlag von Heinrich Minden
addressDresden und Leipzig
printrunDritte Auflage
year
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid4dd42e2f
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XVII.

Marja ist am Strand bei dem Boot auf der Landzunge, neben dem großen Steinblock, niedergeduckt wie in einem Versteck, mit dem schlafenden Kind an der Brust, an dem unwirtlichen Strand, wo von dem öden insellosen See die vom rauhen Nordwest bewegte Welle plätschert. Das lichte Schilf schwankt hin und her, und das Erlengestrüpp am Ufer raschelt bald leiser, bald lauter. Die Stromschnelle braust hohl vom Winkel der Bucht herüber.

Juha kommt das Ufer entlang, erregt, mitunter strauchelnd. Nachdem er das Boot erblickt bat, eilt er darauf zu. Er sieht furchtbar aus, im bloßen Kopf, mit der Mütze in der Hand.

Jetzt schlägt er mich tot – und mag er. Wenn er nur das Kind nicht mordet ...

Doch als Juha näher kommt, sieht Marja in seinen Zügen nur grenzenlose Erschöpfung. Aufatmend setzt er sich auf den Stumpf eines umgefallenen Baumes, das Gesicht hart, die Haare feucht, die Stirn voll Schweißperlen, das Kinn schlaff herabhängend.

»Verzeih, wenn du kannst,« sagt Marja.

»Verzeihen ...« In seiner Stimme liegt eine hilflose, verzweifelte Mattigkeit, die Marja klingt wie: Was nützt das noch, wenn ich auch verzeihe.

Dann sagt Juha, wie für sich, immer vor sich hinstarrend, die Stimme ebenso erloschen wie der Blick:

»Du bist nicht mit Gewalt fortgeschleppt worden?«

»Nein.«

»Dir ist keine Gewalt angetan worden?«

»Nein.«

»Bist gern mitgegangen?«

Marja antwortete nicht.

»Weshalb hast du mir das nicht früher gesagt?«

»Ich habe es nicht gewagt.«

Jetzt gesteht sie es, wo sie es nicht mehr leugnen kann und es auch nicht mehr abzuleugnen braucht.

»Hast du gewünscht, daß ich tot wäre?«

Marja bringt keine Antwort heraus. Ein Schluchzen will ihr von der Herzgrube in die Kehle reißen .. Sie gesteht also auch das ein? Hätte sie das wenigstens geleugnet – obwohl es doch wahr ist.

Juha erhob sich wild, stieß das Boot vom Lande ab, so daß die Ruder und Sitze durcheinanderpolterten und -sprangen und er selbst von der Wucht des Stoßes auf die Knie sank.

»Steig ein!« befahl er barsch. Marja schien es, daß der Ausdruck in Juhas Augen wieder rasend, fürchterlich war. Sein Gesicht war bis über die ganze Kopfhaut rot übergossen. Marja fühlte sich von einem sinnlosen Entsetzen gepackt, und, ohne zu wissen, was sie tat, rief sie:

»Ich komme nicht, du bringst uns um!«

»Ich bringe euch nicht um ..« sagte Juha, leise jammernd, wie einer, der lange krank gewesen ist, das Gesicht wieder schlaff, die Augen eine Weile geschlossen.

»Wohin fahren wir?« fragte Marja scheu.

»Doch wohl heimwärts – oder willst du hier bleiben .. um ihn zu pflegen?«

»Nein, nein, Juha – laß uns nur gehen – ich habe nicht gewünscht, daß du tot wärest.«

Juha winkte mit der Hand, als wollte er sagen: laß nur .. ich weiß schon .. es nützt nichts mehr.

Marja stieg in das Boot und ging nach achter.

»Setz dich vorn, da ist es besser mit dem Kind.«

Er selbst nahm an den hinteren Riemen Platz, um zu rudern. Marja legte das Kind an die Spitze des Bootes und griff nach den Rudern.

»Laß, ich werde euch schon rudern.«

Er schwenkte das Boot auf die Stromschnelle zu, von der Schaumbälle mit der Strömung vorwärtstrieben. Er ruderte und mußte sich in der immer stärker werdenden Gegenströmung immer mehr anstrengen.

»Soll ich nicht doch rudern?«

»Laß.«

Aber er ermattete immer mehr und keuchte wie ein auf ungebahntem Wege ziehendes Pferd .. Kann ich denn nicht mehr? Was hat mir so die Kraft gelähmt? .. Wie bekomme ich sie nun alle Schnellen und Gegenströme hinauf? Was wird aus ihnen, wenn ich mitten drin zusammenbreche? Es schwindelte ihm der Kopf wie einem, der ohnmächtig wird. Die Ruder griffen in das Wasser wie in Eisbrei, das Boot schien sich nicht vom Fleck zu bewegen; die Ufer standen still, obwohl das Wasser nach hinten schoß.

»Dann rudre du nur auch.«

Mit Marjas Hilfe ging es durch die erste Strömung, und sie gelangten in Stillwasser, wo das Rudern leichter war. Juha glaubte zu rudern, aber die Ruder platschten in das Wasser wie in den Händen eines Ungeübten, ohne Takt.

... Ich habe ihn zum Krüppel gehauen. Weshalb habe ich ihm den Arm und das Bein entzweigeschlagen? Es ist ja nicht seine Schuld, daß die andere gern mit ihm davongegangen ist ... vielleicht hat sie sich ihm sogar aufgedrängt ... Seine Sippe wird ihn nicht ungerächt lassen, den Besten in Karelien. Eine Fehde wird daraus entstehen ... Eine Plage werde ich ihr nur sein, in Zukunft wie bisher. Sie fürchtet, ich könnte sie und ihr Kind umbringen. Davor wird sie Tag und Nacht zittern ... Es wird kein richtiges Leben mehr werden ... Sie hat es doch gewünscht, hat gewünscht, ich wäre tot. Und das kann man ja auch von mir wünschen, da ich in der Wut so etwas vollbringe. Einen Unschuldigen habe ich zerschlagen, den Vater ihres Kindes. Ein Vater ist ein Vater. Dem hat sie das Kind geboren, nicht mir, bei mir hat sie es wohl auch nie gewollt – nein, nein ... Aber sie bekommt ja einmal das Gehöft ...

Das Boot fuhr unterhalb der Stromschnelle an das Ufer. Marja stieg mit dem Kinde aus. Juha blieb wie selbstvergessen, mit den Rudern im Wasser, auf der Bank sitzen.

... Sie bekommen ja das Gehöft. Die Sippe kann es ihr nicht nehmen, da sie einen Leibeserben hat. Das weiß auch Kaisa ... Da ist noch der oberste Scheitel des Hügels unabgeschwendet .. Ach, was wird mir das Atmen schwer ... Die hier zerstören vielleicht nicht den Hof ihrer Verwandten, solch eine gute Herberge ... Ich kann sie, kann sie vielleicht bis zum Sonntag dorthin rudern, wenn ich mich hier erst ein bißchen verschnaufe ... Wenn sie aber doch lieber da geblieben wäre, um ihren Liebsten zu pflegen ...

Juha erhob sich mühsam, er wäre beim Aussteigen fast gestolpert, nahm seinen Hut, wendete das Innere nach außen und trank Wasser damit; setzte ihn umgewendet auf den Kopf und stand, die Stromschnelle betrachtend, eine Weile da. Dann begann er langsam den Zugstrick vorn im Boote auseinanderzuwirren.

Marja saß weiter oben am Strand und beruhigte das Kind, das in seiner Hülle zu weinen angefangen hatte.

»Was weint es denn?«

»Ich weiß nicht .. vielleicht will es die Brust haben.«

»Gib ihm .. Na, gib ihm doch dann die Brust.«

»Ich kann ja nicht ..«

Sie nahm doch das Kind aus dem Tuch, in das sie es gewickelt hatte, und beruhigte es, indem sie es an sich drückte. Das Kind hörte auf zu weinen, lächelte, stammelte, mit Mund, Fingern, Augen die Brust suchend – eines Anderen Kind, ein fremdes, dunkelhaariges, mit Marjas Stirn, Schemeikkas Augen ...

Ihm hat sie eins geboren .. mir nicht .. nein, nein ...

Juha hatte sich abgewendet, das Boot vom Land gestoßen, den Strick über die Schulter geworfen und angefangen am Ufer der Schnelle hinzuschreiten, indem er das Boot nachzog. Als er es den Fall hinauf in das Stillwasser gebracht hatte, zog er es ans Ufer, stieg hinein und begann es, hinten stehend, mit der Stange stromaufwärts zu schieben.

Marja ist am Ufer entlang mitgegangen, um am Stillwasser in das Boot zu steigen und beim Schieben zu helfen. Aber er scheint ja allein fertig zu werden. Das Boot bewegt sich leicht, den Steinen ausweichend, hinauf. Juhas Rücken beugt und streckt sich immer heftiger, obgleich die Strömung keinen Widerstand mehr bietet, als wollte er hastig wegfahren, entfliehen. – Er wird doch nicht gehen und uns hier zurücklassen? Wenn er es sich nun so ausgedacht hat? Nein, nein –!

Plötzlich sieht Marja, wie das Boot still steht und das Vorderteil hoch auffährt, wie auf einen Stein. Juha drückt mit der Schiebstange auf den Boden, indem er das Boot zurückzustoßen versucht, aber es rührt sich nicht, neigt sich ein wenig auf die Seite und nimmt Wasser ein. Es ist wahrscheinlich zwischen zwei Steinen eingeklemmt, und das Wasser drückt es immer fester dazwischen. Jetzt geht Juha nach vorn, schlägt mit der Stange auf den Boden und versucht das Boot, vorsichtig gegen den Rand stemmend, loszumachen. Die Stange steckt irgendwo fest und geht nicht heraus. Juha läßt sie aufrecht stecken und macht ein paar Schritte nach hinten zu, schwankt, fällt aber nicht. Er geht wieder nach vorn, packt von neuem die Stange und dreht sie wild hin und her. Sie bricht durch, und Juha stolpert auf die Ruderbank, in der Hand die Hälfte der Stange. Zugleich macht sich das Boot los, und das Wasser beginnt es davonzutragen.

Weshalb greift er nicht nach den Rudern? Läßt er es auf den großen Fall zu gehen? – »Juha! Juha! rudre! weshalb ruderst du nicht?« – Mit zunehmender Geschwindigkeit gleitet das Boot querüber in die Strudel. Juha sitzt ruhig an seinem Platz. – Ach; der Unglückliche, er will nicht! – Marja läuft so nahe heran, wie sie kann, und fuchtelt mit den Händen. Als das Boot ihr gegenüber am Kamm des Falles ist, wirft Juha, nachdem er Marja gewahr geworden, das Ende der Stange in das Wasser und winkt wie zur Antwort ein-, zweimal mit den Händen, als ob er den Flug eines Vogels nachahmte, auf den Lippen ein sinnloses, eindrucksloses Lächeln, den Hut umgewendet auf dem Kopf. In demselben Augenblick schlägt das Boot um, und Juha stürzt den Fall hinab.

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