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Schweres Blut

Juhani Aho: Schweres Blut - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJuhani Aho
titleSchweres Blut
publisherVerlag von Heinrich Minden
addressDresden und Leipzig
printrunDritte Auflage
year
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid4dd42e2f
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XIV.

Marja schläft in ihrem Speicher. Sie schläft nicht mehr, ist aber auch nicht richtig aufgewacht. Sie ist in der Badestube von Schemeikkas Gehöft, auf der Schwitzbank, mit dem Kinde neben sich auf dem Stroh. Plötzlich ist es gar kein Kind, sondern eine junge Katze, die sie von ihrer Brust reißt und auf die Diele schleudert. Da ist es wieder das Kind und liegt auf seinem Bettuch unten vor der Schwelle. Marja vermag sich nicht loszumachen, ihr ist, als sei sie mit Händen und Füßen an die Schwitzbank gebunden. Hinter der Wand dröhnen Schritte. Die Luke wird geöffnet, und man hört, wie jemand seinen Kopf hereinzwängt, aber Marja kann nicht sehen, wer es ist. Die Tür wird aufgerissen. Schemeikkas Mutter hebt ihren Fuß über die Schwelle. Marja will schreien, sie solle nicht auf ihr Kind treten, aber ihre Stimme versagt. Da ist es gar nicht Schemeikkas, sondern Juhas Mutter. Die kommt auch gar nicht herein, sondern weicht zurück und ruft hinaus: ›Komm und sieh! Früher standen ihre Brüste wie volle Samenbeutel, jetzt baumeln sie herab wie die Tasche eines Zugnetzes. Sie hat ein Kind geboren! – Schau, da ist es ja!‹ Sie nimmt es und gibt es dem, der seinen Kopf zur Fensterluke hereingeschoben hatte. ›Wirf es in die Wake. Juha, wirf die Mißgeburt von dem Russenmensch in die Wake!‹ Maria ruft: »Nehmt mir mein Kind nicht weg!« und erwacht.

Hatte jemand ihr Rufen gehört? Sie stand auf und öffnete die Tür ein wenig. Es ist niemand zu sehen. Der ganze Hof ist leer. Marja schwindelt der Kopf, und sie schwankt auf ihr Bett zurück.

Was soll aus allem dem noch werden? Ob ich es jemals hierher bekomme? Ob es Anja gelingt, es zu bringen? Wie konnte ich es dort lassen? Wenn ihm nur nicht am Ende etwas geschehen ist?

Es war Anjas Plan gewesen, und Schemeikkas Mutter hatte schließlich beigestimmt. Wenn sie aber nur beigestimmt hätte, damit sie mich los würden? Wäre es nicht besser, ich sagte Juha alles, statt daß ich ihn zu betrügen versuche? Er hat mich ja auch gegen seine Mutter verteidigt. Nein, er glaubt nichts, er hält mich für ebenso gut wie früher. Wie kann ich es ihm dann aber sagen? Er kann das Kind eines anderen nicht annehmen – er, der sich immer ein eigenes gewünscht hat. – Ob wohl jemand gehört hat, was ich im Traume gerufen habe?

Marja fiel in Halbschlummer und schlief eine Zeitlang. Dann erhob sie sich und ging in das Haus. Da saß Kaisa und las. Jetzt erst bemerkte Marja, daß Sonntag war – wie damals, als sie wegging. Es hatten sich ihr alle Tage in den Wäldern durcheinandergewirrt.

»Wo ist der Wirt?«

»Er ist wohl in den Wald gegangen.«

Um etwas zu sagen, erwiderte Marja:

»Da ist ja ein neuer Dielenbalken gelegt.«

»Ja, der alte ist zerbrochen,« erklärte Kaisa.

»War er denn schon morsch?«

»Nein, das nicht; der Wirt hat ihn zerbrochen.«

Und nach und nach erzählte Kaisa, wie der Wirt wegen irgend etwas über seine Mutter wütend geworden .. »na ja, ich kann ja jetzt sagen, weswegen – deswegen, weil sie gesagt hatte, ihr wäret gern weggegangen .. ja, darüber wurde er wütend und schmiß die Stampfe auf die Diele .. war dann lange Zeit wie blöde ... Ach, wie er euretwegen getrauert hat!«

Marja hatte nur den Wunsch, vor Kaisas forschendem Blick zu fliehen. Sie verließ die Stube, ging von einer Stelle zur anderen. So geht es nicht, so wird es nichts. Er wird nicht imstande sein, alles zu hören, wie es ist. Wenn ich wenigstens gut gegen ihn sein könnte. Aber ich habe es ja nicht über mich gewinnen können auf ihn zuzugehen, nicht einmal, ihm die Hand zu reichen. Weshalb bin ich so? .... Daß ich mich doch davongemacht, daß ich nicht doch auf Schemeikkas Rückkehr gewartet habe .. Wenn ich irgendwie einen Anfang fände hier, zum mindesten, bis sie mit dem Kinde kommen oder bis ich daran denken kann, wenigstens auf sie zu warten. Auf keinen Fall kommen sie schon in einigen Wochen, wenn sie überhaupt kommen. Wenn sie kämen, liefe ich sofort davon und bettelte mich gar bis ans Meer durch.

Marja irrte umher, auf dem Hofe und am Strand und überall, schaute um sich, ohne etwas zu sehen, ohne das Auge auf etwas zu heften. Alles schien zu sein, wie es gewesen war, ach, dort war ja noch die Nadel, die sie im vorigen Sommer in die Speicherecke gesteckt hatte. Aber alles war fremd, wie wenn sie hier nur auf der Durchreise gewesen wäre. Wenn ich irgendwohin entkommen könnte, wenn ich fortgegangen wäre und nicht die Schwiegermutter. Sie entfernte sich weiter vom Hofe, ging in das Gehege hinunter, wo sie die Schellen der Kühe hörte. Plötzlich stand Juha vor ihr auf dem Pfade. Zuerst wußten sie einander nichts zu sagen. Dann sagte Marja:

»Ich wollte nach den Kühen sehen ...«

Juha erwiderte:

»Ich habe Zaungatter ausgebessert ...«

Und dann gingen sie nach verschiedenen Seiten.

Sie weicht mir aus, dachte Juha, nach dem Hof gehend. Sie vermeidet es, mir ins Gesicht zu sehen wie früher. Hat mir auch nicht die Hand gegeben. Und sie klagt mich ja auch nicht ohne Grund an. Man muß ja einen Mann verachten, der sein Weib im Land der Räuber läßt, bis sie selbst zurückkommt, eine einzelne Weibsperson aus einem fremden Land, aus den Händen der Feinde, durch Moorwälder und Sümpfe. Und als sie kommt, wie wird sie da empfangen? Während sie dort in wer weiß welchem Elend lebt, währenddem schaltet die Schwiegermutter hier mit meiner Erlaubnis und fällt über sie her wie ein reißendes Tier. Und Marja mag glauben, daß ich derselben Meinung gewesen bin und es vielleicht immer noch bin, weil ich die Alte die ganze Zeit hier geduldet habe.

Marja ist nach einiger Zeit zurückgekehrt. Sie haben zu dreien gegessen, Juha, Marja und Kaisa. Gesprochen worden ist so gut wie nichts. Nach dem Essen ist Kaisa gegangen, Marja ist geblieben, um den Tisch abzuräumen und das Geschirr an der Ecke der Ofenbank zu säubern. Juha scheint es, daß sie auf etwas wartet. Jetzt muß es ins reine gebracht werden. Er will es schon sagen, da hält er wieder zurück, einmal nach dem anderen. Schließlich bringt er es heraus, indem er seiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben versucht:

»Wi–wie hast du dich denn von dort hierher gefunden .. und hasts ausgehalten?«

»Wenn ich irregegangen war, habe ich nach einer Stelle gesucht, von wo unser Berg zu sehen war.«

»Darauf bist du zugewandert! Der hat dir den Weg gezeigt? Unser Berg!«

»Ja.«

Jetzt mußte es gesagt werden. Aber wenn ich sie damit kränke. Wenn sie es mir übel nimmt, daß ich davon spreche ... Wenn es ihr womöglich wehtut. Wenn es besser ist, daß ich nicht daran rühre. Vielleicht hat sie es daraus verstanden, daß ich die Mutter sofort weggejagt habe. Wenn sie aber schon von Kaisa gehört hat, weshalb ich mich nicht aufgemacht habe, obwohl ich es wollte? Jetzt hat sie die Näpfe abgewischt. Gleich geht sie.

»Es war schlecht von mir, daß ich dir nicht zu Hilfe gekommen bin ...«

»Du kamst ja doch?«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe dich ja gesehen, als du an der Badestube standst .. dort ...«

»Warst du dort? In der Badestube .. dort?«

»Ich habe dich kommen und weggehen sehen.«

»Und hast nicht gerufen?«

»Ich durfte nicht ...«

»Hatten sie dir einen Knebel in den Mund gesteckt?«

Marja hatte ihm den Rücken zugekehrt. Jetzt wandte sie sich herum, und aus ihrem Munde glitt es so leicht und friedlich, daß sie sich selbst darüber wunderte:

»Nein, aber ich wagte nicht, weil sie gedroht hatten, sie würden mich totschlagen, wenn ich irgendwem meinen Aufenthaltsort verriete. Sie hätten jedenfalls dich totgeschlagen, wenn sie erfahren hätten, wer du warst.«

Juha stand da, wie vom Donner gerührt.

»Du warst da .. und ich sollte nicht wissen .. und kam nicht hinein, obwohl ich schon die Tür der Badestube geöffnet hatte .. aber weil dort ein Kind war, das bitterlich zu weinen anfing ..«

In Marja zuckte es auf, und sie sagte schnell, hastig:

»Das war das Kind einer Leibeignen des Gehöfts ... ich hütete es, weil seine Mutter gut gegen mich war. Sie war geraubt und in das Gehöft gebracht worden.«

»Wie du?«

»Ja, da sie sie mißhandelten, kam sie mit ihrem Kind weinend zu mir, als ich wegging. Nimm, nimm mich mit!« flehte sie.

Marja sprach schnell, wie hingerissen, so daß es auch Juha ergriff.

»Warum hast du sie nicht mitgenommen?«

Da traten Marja die Tränen in die Augen, indem sie sich erinnerte, wie Anja sie mit dem Kinde eine kurze Strecke begleitet hatte:

»Sie lief mir nach, die Ärmste, über die Heide mit ihrem Kinde.«

»Warum hast du sie nicht mitgenommen?« fragte Juha, ebenfalls immer mehr gerührt.

»Sie hätte es ja mit dem Kinde nicht gekonnt.«

»Wenn ihr es abwechselnd getragen hättet.«

»Das hätten wir ja gekonnt, aber wohin wären wir ... was wäre hier aus ihnen geworden, wenn es gegangen wäre – wer hätte sie hier in sein Haus genommen?«

»Sie hätte hierher zu uns kommen können. Wir hätten sie doch wohl nicht in den Wald gejagt, wenn sie gekommen wäre.«

»Wer weiß, ob die Schwiegermutter sie nicht weggejagt hätte.«

»Die Mutter? Die hat hier nichts mehr zu sagen!« brauste Juha auf.

»Wer weiß, vielleicht kommt sie ja noch einmal mit ihm her.«

»Laß sie nur kommen. Bei uns kann sie bleiben, solange sie will, weil sie gut gegen dich gewesen ist.«

»Gut war sie.«

»War sie aus unserer Gegend geraubt?«

»Ich glaube, sie war wohl aus ihrem eigenen Lande.«

Marja findet sich dabei, wie sie Wasser aus dem Brunnen heraufholt, ohne sich erinnern zu können, weshalb sie sich aufgemacht, es zu holen. Wie war das so leicht gegangen? – Jetzt ist ja alles so weit vorbereitet! Er ahnt nichts und argwöhnt nichts. Niemals kann er sich denken, daß ich ihn auf die Weise belügen konnte. Wie konnte das so leicht gehen? Ich muß versuchen, gut gegen ihn zu sein. Ich muß ihm für all das Böse lohnen, das ich getan habe. Wenn ich nur so gegen ihn sein könnte, wie ich müßte. Dort gebt er hin, wie um etwas bittend, scheu und ängstlich, wie früher, wenn er mit mir reden wollte und ich nichts dazu tun konnte ... nichts, wie sehr ichs auch versuchte. Was könnte ich ihm tun, was könnte ich ihm sagen?

Juha hatte nicht in Worte zu fassen vermocht, was er gern gesagt hätte. Aber er mußte es sagen können, auf der Stelle, noch heute abend. Marja durfte nicht länger in dem Glauben wandeln.

Er sieht Marja mit müden Schritten nach ihrem Speicher gehen und begibt sich nach einer Weile dahin, indem er sich scheu auf die Schwelle setzt, wo zuletzt Schemeikka gesessen hatte. Marja hat eine Näherei auf ihrem Knie. Was näht sie? Einen Knopf an ein Hemd – an mein Hemd? Kaum ist sie da, so fängt sie schon an einen Knopf an mein Hemd zu nähen, das nicht fertig geworden war, als sie ging.

»Ich bin ja gewiß gekommen, wie du sagtest. Aber ich hätte doch viel früher kommen sollen, auf der Stelle. Und ich wäre ja auch gekommen .. Ich habe mir selbst deswegen Vorwürfe gemacht und mache sie mir noch jetzt.«

»Wozu das noch!«

»Wenn du mir das verzeihen könntest – und noch etwas anderes.«

»Verzeihen? Was?« fragte Marja verwundert.

»Ich habe ja – ich habe ja zuerst geglaubt, du wärest gern gegangen.«

Juha wartete, aber er erhielt keine Antwort. Marja drückte den Kopf auf die Näherei.

»Ich hätte ja nicht ... aber da mir meine Mutter immer das Gift ins Ohr goß – du mußt es mir verzeihen, wenn du nur kannst – ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn du mir nicht verzeihst.«

»Das ist ja nichts,« sagte Marja ausweichend.

»Doch – daß ich so etwas von dir denken konnte, die – die – und daß ich der Mutter und vielleicht auch den anderen – auch den Teerbrennern – daß ich mir statt deiner eine neue, reiche holen wollte und keine Bettlerin wieder .. obwohl du noch gar nicht tot warst, sondern nur jenseits der Grenze .. und der ein Haus bauen wollte wie ein Krämer in der Stadt .. und Grüße an dich bestellte .. höhnische .. an dich. Jetzt weißt du, was für einer ich bin .. während du dort weggeschleppt warst und als Leibeigne gehalten wurdest ... da habe ich so etwas ...«

Er war zu Marja gekommen und hatte ihre Hand ergriffen. Er mußte es los werden, die Rührung begann ihm in der Brust zu schwellen und drohte hervorzubrechen, er mußte Marja verlassen und hinausgehen, vor seiner Bewegung irgendwohin entfliehen. Aber schon hinter den Speichern mußte er ihr freien Lauf lassen.

Sie hat mir noch nicht verziehen, es schien nicht, als hätte sie es. Aber mag sie mich damit strafen ... sie darf mich strafen, wie sie will, nachdem ich es ihr endlich habe sagen können ... damit sie weiß, was für einer ich bin .. und nun weiß sie es.

Marja hörte Juhas Rührung. Er bittet mich um Verzeihung? .. Wenn er aber einmal erfährt, wie es ist, dann bringt er entweder mich oder sich um. So ist er. Soll ich ihm alles mitteilen? Wie konnte ich ihn noch so belügen? Was soll hieraus werden? Wie soll ich sein?

Aber sie war so müde, daß sie nur dies wußte: ich kann jetzt nicht, mag es gehen, wie es geht.

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