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Schweres Blut

Juhani Aho: Schweres Blut - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJuhani Aho
titleSchweres Blut
publisherVerlag von Heinrich Minden
addressDresden und Leipzig
printrunDritte Auflage
year
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid4dd42e2f
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XII.

Bellend und kläffend rannten die Hunde wieder eines Morgens hinter Marjas Badestube her auf das Eis. Aber vor Freude aufheulend und mit gellenden Kehlen stürmten sie nach einer Weile wieder zurück. Marja wußte, auch ohne nachzusehen, daß es Schemeikka war, der jetzt endlich mit seinen Männern kam. Sie öffnete nicht die Tür, schob nicht die Luke beiseite.

Einige Augenblicke später kam Anja wie der Blitz hereingestürzt und warf ein Kleiderbündel auf den Fußboden. – »Komm, Marja, komm! Sie sind da! Zieh gleich diese neuen Kleider an!« rief sie und wandte sich zugleich wieder weg, kehrte aber noch einmal zurück und riß Marja in ihre Arme. – »Er hat mich auch geküßt! Er hat mich umarmt und mich um den Leib an sich gedrückt! ›Ei, bist ja rund und drall geworden, Anja‹, sagte er, ›aber so zart wie früher ist dein Wuchs‹. Komm schnell, Marja! Komm! Streif die reinen Sachen an! – Jetzt essen die Männer, dann ruhen sie sich aus – am Abend wird getanzt, vielleicht gehen sie morgen schon wieder weg. Hörst du, sein Bart ist gewachsen, aber sonst ist er wie früher – ein Königssohn! Sput dich, schnell!«

Marja öffnete das Bündel. Da waren neue Kleider für sie, bunt und schmuck, und für das Kind auch. Sie legte sie in das Umschlagtuch zurück und band es zu.

Das Kind war unruhig, weinte den ganzen Tag und nahm die Brust nicht. Den ganzen Tag hörte man vom Hofe her Fahren, Rufen und Schellengeklingel. Die Pferde wieherten auf, die Hunde bellten. Um keinen Preis wollte Marja etwas davon wissen. Es wurde ihr kein Essen gebracht, und sie fragte auch nicht danach. Als sie nach Einbruch der Dunkelheit einmal hinausging, sah sie alles erleuchtet, Teerfackeln im Schnee rings um das Gehöft und an den Ecken. Man hörte Gesang, Musik und Tanz. Das Kind hatte sich beruhigt und schlief. Marja drückte sich in ihrem hochgezogenen Pelz auf die Bank. Aber je mehr sie versuchte nichts zu hören, desto mehr hörte sie, je mehr sie versuchte nichts zu denken, desto mehr dachte sie.

Morgen gehen sie schon wieder weg ... kommen erst im Sommer zurück ... Es ist doch gut, daß auch die arme Anja ihren Anteil erhalten hat. Da haben sie jetzt Stoff zum Reden ... wer das alles mag anhören können.

Es wurde ihr in der Kehle trocken. Sie hatte sich nicht für Wasser gesorgt. Sie ging hinaus, begab sich auf den Hof hinauf zum Brunnen und füllte ihr Gefäß. Plötzlich erwachte die Neugier und der Trotz in ihr. Ich gehe und sehe es mir an, denn ich bin ja eingeladen, ich gehe in diesen Alltagskleidern, dann sieht er, dann kann er mich so sehen, wie ich bin – der Königssohn sein altes Liebchen. Ich trete mitten auf der Diele vor ihn hin ... »hier bin ich ... kennst du mich noch?«

Auf dem Flur drängten sich Leute aus und ein. Marja wäre schon zurückgewichen, wenn sie gekonnt hätte. Doch mußte sie vor den Andringenden in den Flur schlüpfen. An die Wand gedrückt, schob sie sich so vorwärts, daß sie unter die Tür gelangte, von wo sie in die Stube sehen konnte.

Dort stand Schemeikka allein auf der Diele, alle anderen in einem Kreis um ihn herum. Er tanzte um ein junges Mädchen, ein behendes und rotbäckiges, bog sich, wirbelte herum, schnellte auf, juchzte mitunter, während sich das Mädchen ruhig, kalt und stolz auf ihrem Platze drehte. Marja kannte das Mädchen nicht, es war nicht aus dem Dorfe, ihr Kleiderschnitt nicht der hiesige, sondern fremdartig. Es mochte eine neue sein, vielleicht für nächstes Jahr als Sommermädchen ausersehen. Wieder kam Marja die Lust vorzustürzen, das Mädchen bei der Hand zu ergreifen und es hinauszujagen, vor Schemeikka hinzuspringen und zu sagen: »Du hast ein Kind in der Badestube! Du magst nicht wissen, daß du ein Kind in der Badestube hast!«

Aber plötzlich brach der Tanz ab, als Schemeikka das Mädchen unter den Armen nahm und es hoch in die Luft hob, es oben im Kreis herumschwenkte, so daß die Röcke an die Längsbalken bauschten, und es auf die Ofenbank setzte, während er selbst hinausstürzte, um sich abzukühlen, dicht an Marja vorbei, sie an der Schulter streifend, ohne es zu merken.

Zugleich begann in der Stube ein gemeinschaftlicher Tanz. Die auf dem Flur Stehenden schoben Marja vor sich her, aber sie duckte sich an den Türpfosten, um draußen zu bleiben. Anja bemerkte sie dort.

»Marja!« rief sie. »Komm herein, Marja!«

»Nein!«

Aber Anja faßte sie bei der Hand und wollte sie mit Gewalt hereinziehen. Marja riß sich los und versteckte sich in der dunkelsten Ecke des Flures. Doch Anja gab nicht nach.

»Weshalb kommst du nicht herein? Komm doch.«

»Ich will aber nicht .. laß mich gehen.«

»Wer will nicht?« hörte man Schemeikka vor der Haustür sagen.

»Hier ist Marja!«

»Anja, laß mich gehen.«

»Wo ist sie?« fragte Schemeikka, nach einer Fackel greifend, die zur Tür hinaus brannte und den Flur im Dunkeln ließ.

»Hier, hier!«

Schemeikka kam und beleuchtete Marja, die sich zuerst in die Ecke gedrückt hatte, sich aber jetzt aufreckte und vor Schemeikka stand, indem sie ihm trotzig ins Gesicht blickte. Dann schlug sie plötzlich die Fackel aus seiner Hand, so daß sie erlosch, und rannte hinaus.

In Schemeikkas Augen hatte zuerst die Neugier gestanden, dann Enttäuschung und Gleichgültigkeit, zuletzt hatte es um seinen Mund gezuckt, als hätte er etwas Widerwärtiges gesehen.

Aber Marjas Augen waren Schemeikka schöner erschienen als je. Und als sie sich, in lautes Weinen ausbrechend, über die Bank der Badestube hinwarf, wußte sie nicht ob sie darüber weinte, wie sie Schemeikka gesehen hatte, oder darüber, wie Schemeikka sie.

Weshalb bin ich auch hingegangen? Weshalb bin ich in diesen rußigen, zerlumpten Kleidern hingegangen und habe mich nicht wie die anderen angezogen, obwohl ich Feiertagskleider gehabt hätte wie sie? Vielleicht hat er sich vor meinen Kleidern geekelt und nicht vor mir? Vielleicht kommt er noch hierher? Wenn er doch käme? Er muß kommen, wenigstens um sein Kind zu sehen, wenn auch nicht meinetwegen. Die alte Wirtin und auch Anja lassen ihn nicht gehen, ohne daß er bei uns gewesen ist.

Sie steckte Kienspäne in die Wandritzen und zündete sie an, öffnete wieder das Bündel, das Anja gebracht hatte, wickelte das Kind in die Windeln der Wirtin und zog selbst die Sachen an, die die Wirtin für sie hatte nähen lassen. Dann saß sie die ganze Nacht wartend und die abgebrannten Kienspäne durch neue ersetzend.

Sie weiß selbst nicht, weshalb sie auf ihn wartet, was sie ihm zu sagen gedenkt. Nur das, daß Schemeikka kommen muß, daß er nicht gehen kann und darf, ohne dagewesen zu sein.

Oben vom Hof herab dringt immer noch Lärm und Freude und Johlen, und manchmal glaubt sie zwischen den Rufen der Weiber das Lachen Schemeikkas zu unterscheiden. Er kommt, wenn alle gegangen sind. Er kommt ganz sicher wenigstens morgen früh vor dem Aufbruch.

Gegen Morgen schlief Marja ein, erwachte aber plötzlich durch den Hufschlag von Pferden, das Knarren von Schritten, jähe Rufe von Männern und das Klingeln von Schellen. Ein Schlitten prallte gegen die Ecke der Badestube, so daß das Schwarze von dem Kienspan abfiel. Der Lärm zog vorüber wie eine Hagelwolke und verklang auf dem Eise. Als Marja die Luke öffnete, war es schon Tag. Der Hof war leer, die Schlitten und Männer verschwunden, die Weiber winkten dort denen, die im vollen Galopp über das Eis stoben, mit ihren Tüchern nach.

Er war gegangen! Er war nicht gekommen, um sie zu sehen, nicht einmal, um sein eigenes Kind zu sehen. Sie riß die Kleider ab, die sie sich und ihrem Kinde angezogen hatte, und stopfte sie in das Bündel zurück.

Er will von dir, der Vater von seinem Kinde nicht einmal so viel wissen, daß er dich hätte sehen und auf den Arm nehmen mögen! Und meinetwegen, meinetwegen! Du hast eine Mutter, armes Ding ... hast eine Mutter ... komm her! Marja drehte sich halb lachend, halb weinend auf der Diele mit dem Kind auf dem Arm, es küssend und an die Brust drückend.

Man hörte jemand nahen. Marja griff nach dem Besen und begann den Fußboden zu kehren. Es war die alte Wirtin, die kam. In ihrem Gesicht war nicht der einschmeichelnde Ausdruck wie früher.

»Meine Kleider waren der reichen schwedischen Dame nicht gut genug, waren ihr wohl zu unfein, es war wohl schöner in den eigenen Lumpen zum Vorschein zu kommen. Dann nehmen wir sie weg.«

»Ihr könnt sie mitnehmen,« sagte Marja, bemüht, es still und bescheiden zu sagen, und in der Hoffnung, daß die Alte gleich wieder wegginge. Aber diese war gekommen, um etwas zu sagen.

»Sie sind fort .. er ist jetzt fort ...«

Marja erwiderte nichts.

»Und niemand weiß, wann er zurückkommt. Er bleibt lange auf seiner Reise, hat viel zu verkaufen, manchen Jahrmarkt zu besuchen, in Moskau, in Nowgorod und wo er sonst sein mag. Mächtig waren die Lasten, groß die Beute, gut war es gegangen, billig erhandelt ... das versteht er, ist ja ein Kaufmann, der Schemeikka. Wer weiß, was für ein steinreiches russisches Mädchen er sich noch dorther mitbringt. ›Bring‹, habe ich gesagt, ›bring einmal eins mit, das du sofort nachhause bringen kannst, laß es nicht mehr in deiner Fischerhütte!‹«

»Was erzählt ihr mir davon ... was geht mich das an?«

»Na, was denn! Ist er denn gar hier gewesen?«

»Er hat sich nicht getraut. Hat sich geschämt. Und das ist gut. Wenn er gekommen wäre, hätte ich ihm hiermit eins gegeben.«

»Du, Leibeigene, deinem Herrn mit dem Besen? Daß du dich nicht schämst, du Schwedenmensch!«

Die alte Wirtin erregte sich so, daß sie sich auf die Bank setzen und von da sprechen mußte:

»Ich wollte dirs nicht sagen, aber jetzt sage ich es, sage es, obwohl ich es nicht, aus Mitleid mit dir, sagen wollte. ›Geh doch einmal zu der, die du in Schweden geraubt hast, bevor du wegfährst‹, sagte ich zu ihm. ›Geh einmal zu ihr und deinem Kind, du hast einen hübschen Jungen dort in der Badestube‹, sagte ich. – ›Ich habe sie ja schon gesehen‹, sagte er. ›Ihre Stirn ist voll Falten und ihr Haarboden welk, ihr Hals vertrocknet, ihr Leib aufgedunsen‹ – so sagte er. ›Geh aber doch‹, sagte ich, ›sie ist doch nicht übel, da sie dort nach dir geweint hat‹ ...«

»Das ist eine Lüge, ich habe nicht nach ihm geweint! ..« schrie Marja.

»›Sie wird dir schon wieder aufblühen‹, sagte ich.«

»Nie in meinem Leben werde ich dem ...!«

»Ich bin für dich eingetreten, aber wie es scheint, hätte ich das nicht tun sollen.«

»Laßt mich fort von hier!« rief Marja.

»Fort – wohin?«

»Gebt mir Schneeschuhe und einen Schlitten und laßt mich gehen!«

»Wohin würdest du denn gehen?«

»Dahin, woher ich gekommen bin!«

»Mitten im Winter? Mit einem Kind von kaum einem Monat? Um im Walde im Schnee mit ihm zu verhungern?«

»Wenn wir auch verhungern.«

»Jetzt habe ich keine Lust mehr zuzuhören,« sagte die Wirtin und stand gekränkt auf. »Du selbst magst gehen, wohin es dich zieht, aber den Jungen nimmst du nicht mit.«

»Der Junge gehört mir.«

»Der Junge gehört Schemeikka.«

»Der Mutter gehört das Kind, das der Vater nicht als sein eigen anerkennt.«

»Aber bei uns gehört das Kind in das Gehöft, wo es geboren ist. Und es ist anerkannt, da es hier aufgenommen ist. Solltest dich doch schämen. Du bist eine. Erst wirft sie sich ihm an den Hals, verläßt ihren Mann und ihr Heim und alles und geht mit einem Fremden davon. Hier wird für sie gesorgt und getan, und sie würde gehalten werden wie der vornehmste Gast. Diese ist nur halsstarrig und wütend, will noch besucht und gelockt und umschmeichelt sein, wo sie nicht einmal so viel Anteil zeigt, daß sie zum Tanz der anderen reine Kleider anzöge. Da muß man sich ja vor der ganzen Welt totschämen, daß man hier ein Mädchen Schemeikkas in Lumpen umhergehen läßt, daß man sie vielleicht gar durch Hunger zu Tode quält. Aber das willst du wohl auch. Liegst absichtlich hier in der Badestube, obschon auch anderswo Platz wäre. So? fort? damit es heißt, daß ein Mädchen Schemeikkas mit ihrem Kind aus dem Hause gejagt worden ist. Schlag dir das nur aus dem Sinn! Sprich noch einmal von Schneeschuhen und Schlitten, dann nehme ich dein Kind und setze dich selbst hinter Schloß und Riegel.«

Marja zuckte zusammen, sie meinte es vielleicht ernst.

Aber die alte Wirtin hatten ihre eigenen harten Worte schon gerührt.

»Na, nimms nicht übel,« sprach sie, von der Tür zurückkommend. »Ich sage ja nicht, daß er seinen Sohn nicht hätte aufsuchen sollen. Aber so sind die Schemeikkas, so war auch sein Vater. Es ist ja schmählich, daß er jeden Sommer eine neue haben muß. Jetzt fängt er schon an und bringt sie im Winter. Was mag das für eine gewesen sein – hast sie ja gesehen – mit der er die ganze Zeit tanzte, ohne sich um die anderen zu kümmern. Was mag das für eine gewesen sein, sie verstand kein Wort, eine Russin, Serafina oder so etwas. ›Bring sie hin, woher du sie geholt hast‹, habe ich gesagt, ›ich habe genug Aerger und Sorge mit den früheren. Wie soll ich sie alle durchfüttern?‹ – Nicht doch, kleine Marja, ich werde ja schon für dich und dein Kind Sorge tragen. Wart, wenn wir nur den Sommer erleben. Wärest mir recht, mehr als irgendeine von ihnen ... obwohl ja auch Anja ...«

»Nicht doch, liebe Wirtin ... ich kann ja nicht ...«

Sie waren beide ins Weinen gekommen.

An einem knisternden kalten Morgen waren die Hunde wieder auf den See gerannt, wo sie jemanden kommen sahen, und waren mit diesem, kläffend und immer aufgeregter lärmend, bis an die Badestube gelangt. Die Tür öffnete sich, wurde aber sogleich wieder zugedrückt. Das Kind war über das Unwesen erschrocken und hatte laut zu weinen begonnen.

»Ach ein Kind ... weine nicht, ich lasse die Hunde nicht heran«, sprach eine Männerstimme hinter der Tür.

Man hörte, wie er die Hunde wegscheuchte und zum Hof hinanging. Vom Hof aus wurden die Hunde angerufen, und sie verstummten sofort. Marja öffnete die Luke ein wenig, warf sie aber sogleich wieder zu.

»Juha!«

Marja war auf die Bank gesunken, einer Ohnmacht nahe ... Er war dort gewesen, hatte die Tür geöffnet, hatte hier hereingeblickt. Er hatte das Schreien des Kindes gehört, hatte die Tür wieder zugedrückt, um es zu beruhigen, und war nicht hereingekommen ... Weshalb ist er hier? Hört er sich nach mir um? Sucht er mich? Werden sie mich verraten? Wenn er hierher kommt? Dann schlägt er uns tot? Marja sprang auf, riß das Kind aus der Wiege, um irgendwohin zu entfliehen, war schon draußen, stürzte aber zurück, warf das Kind wieder in die Wiege, um allein zu fliehen. Sie war wie gelähmt, wie erschöpft, ohne von der Stelle zu kommen, sank auf die Bank, ohne ein Glied rühren zu können.

Nachdem ihr die Kräfte so weit zurückgekehrt waren, daß sie es vermochte, öffnete sie die Luke einen Spalt weit. Juha stand oben auf dem Hofe, um ihn herum eine Gruppe Weiber. Er schien eifrig zu fragen, und die Weiber schienen mit Handbewegungen zu antworten, als hätten sie gesagt: wir wissen gar nicht ... hier ist niemand dergleichen gewesen ... Jetzt kommt die alte Wirtin heraus und scheint ihn aufzufordern, er solle eintreten. Juha zögert, stellt aber dann seine Schneeschuhe an die Wand und geht hinein.

Marja späht aus, indem sie durch die Luke starrt wie ein an einen Mooshöcker geducktes Schneehuhn, das von einem Fuchs beschlichen wird. Wann kommt er zurück? Werden sie mich verraten? Werden sie ihn hierher bescheiden? Jetzt kommt Anja.

Anja war aus dem Hause gehuscht und lief aus allen Kräften auf den Strand zu.

»Er ist hier .. er ist es!«

»Ich weiß .. was er will!«

»Woher weißt du es? Hast du ihn gesehen?«

»Ja, ja .. was will er? Habt ihr gesagt, daß ich hier bin?«

»Nein doch .. wir errieten sofort ...«

»Wenn sie es aber anderswo verraten?«

»Nein – die Wirtin hat schon im Dorf herumgeschickt.«

»Jetzt kommt er!«

Juha war, von der Wirtin begleitet, auf der Treppe erschienen. Er schritt sie hinunter und trat matt, gebeugt, mit dem Ranzen auf dem Rücken zu seinen Schneeschuhen. Stieg nicht darauf, sondern trug sie den steilsten Uferabhang hinab, den er, wie es schien, nicht hinunterzufahren wagte.

»Er geht weg,« flüsterte Anja.

»Wenn er hierher kommt, dann sag, daß das Kind dir gehört .. und daß ich nur mit Gewalt weggeschleppt worden bin ...«

»Er kommt nicht hierher, er macht sich schon die Schneeschuhe fest.«

Sie blickten beide durch den Lukenspalt. Schon von weitem sah Marja in dem blendenden Sonnenschein jeden Knopf an Juhas abgetragenem Pelz, jede Runzel in seinem erschöpften Antlitz. Er hat sich den Bart wachsen lassen, der ist grau und struppig. Die Augen liegen tief im Kopfe, und sie haben einen jammervollen Ausdruck, wie damals, als er nach tagelangem Herumwandern im Walde erschöpft und hungrig nachhause kam. Es ist darin ein Ausdruck wie in den Augen des Wanderers, der kein Nachtlager bekommen hat und nicht weiß, wohin er gehen soll, während die Augen nach dem Himmel und vom Himmel nach der Erde irren, und der Mund steht ihm offen. Keinmal fällt sein Auge auf die Badestube, er scheint sie gar nicht zu bemerken, obgleich er gerade vor ihr stehen geblieben ist ... Er schaut nach dem Gehöft zurück, aus dem er gekommen ist, blickt nach den anderen Gehöften jenseits des Sees, räuspert sich, setzt mit seinen Schneeschuhen an und gleitet auf den See.

»Ach, wie der mir leid tut,« flüstert Anja. »Er sucht dich mit hohlen Augen wie eine Tote. Daß es Schemeikka auch übers Herz gebracht hat, dich ihm zu rauben!«

»Wenn er mich nur geraubt hätte, aber wo ich gern mitgegangen bin ... ich laufe ihm nach ...«

Marja huschte nach der Tür. Aber als sie sie aufstieß, stand da die alte Wirtin und versperrte ihr den Weg.

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