Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Juhani Aho >

Schweres Blut

Juhani Aho: Schweres Blut - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJuhani Aho
titleSchweres Blut
publisherVerlag von Heinrich Minden
addressDresden und Leipzig
printrunDritte Auflage
year
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid4dd42e2f
Schließen

Navigation:

XI.

Marja sitzt auf der Bank der Badestube, an einem Strumpf strickend und mit dem Fuß die Hängewiege in Bewegung erhaltend. Hinter der Wand knirscht der Schnee, es geht jemand an der Luke vorüber, die Tür öffnet sich, und eine wohlgenährte alte Frau schiebt sich herein.

»Geh doch ins Haus und iß, Marja. Ich werde dein Kind solange wiegen.«

Marja erwidert nichts.

»Dort bei den anderen ist es gemütlicher zu essen.«

»Ich möchte mir mein Essen lieber hierher holen.«

»Na, es kann dir ja auch gebracht werden, Anja bringt es ... solltest aber jetzt doch kommen. Weshalb kommst du nicht?«

»Ich habe es ja schon gesagt.«

»Bist immer noch stolz und böse. Aber verbittre dir doch das Herz nicht so, meine Liebe. Da wird auch deine Milch bitter, und dein Kind weint.«

»Davon weint es nicht.«

»Die ganze Nacht hört man es wimmern.«

»Es wird nach seinem Vater weinen, wenn es weint.«

»Es wird nicht lange mehr weinen, Schemeikka kommt bald.«

»Möchte er nie kommen!«

»Ohne Grund schiltst du ihn, ohne Grund trotzest du uns mit deinem Haß. Hättest du nicht einem anderen gehört, hätten wir längst eine Schwiegertochter aus dir gemacht.«

»Was redet ihr immer davon. Ich habe nie eure Schwiegertochter werden wollen.«

»Weshalb bist du dann mit ihm davongegangen?«

»Es war töricht genug.«

»Und auch sonst hättest du nicht zu uns gepaßt. Sieh mal, aus einer großen Sippe muß die sein, die als Wirtin zu Schemeikka gebracht wird. Sie muß als Mädchen aus einem Gehöft genommen oder ihrem Vater für schweres Geld abgekauft werden. Aus einer angesehenen Sippe muß sie sein, darf nicht sein vom Wasser ausgeworfen, vom Strom herbeigetragen, vom Strand geraubt. Ei, meine Beste, übermaßen reich muß sie sein. Er gehört selbst zu einer großen Sippe, von Vaters Seite, von der Mutter her. Wir sind die Ersten in Karelien, im Kriege wie im Handel berühmt. Als sein Vater starb, sagte er: ›Laß den Sohn keine Geringe heiraten.‹ Und jung muß Schemeikkas Liebste sein. Wenn du auch sonst getaugt hättest, du wärest schon zu alt für seine Frau. Hast schon Falten auf der Stirn, und um den Mund bist du sehr verbittert. Davon weißt du selbst nichts, man sieht es noch nicht in der Quelle.«

»Ich habe nicht danach geschaut.«

»Dann weißt du noch weniger davon.«

»Wäre mir auch gleichviel, wenn ich es sähe.«

»Wirst noch älter, da du dein Kind stillst. Nein, die Schemeikkas machen sich nichts aus Alten, müssen immer Junge und immer Neue haben – so mußte es auch bei seinem Vater sein.«

»Und das scheint euch ganz recht?«

»Sein Vater hat in den drei ersten Jahren keine andere angerührt. Ich war jung und schön, war sechzehn, als er mich in einen Schlitten schwang. Sommermädchen nahm er sich erst, als ich Kinder stillte, und er mochte sie auch nehmen – ich kam nicht zu kurz dabei.«

»Nicht doch, beste Wirtin!«

»Ich habe ihn ja nicht immer gebraucht. Gab ihn gern denen, die keinen Mann hatten. Dann war er auch gegen mich freundlicher und zärtlicher. Wäre ich gewesen wie du gegen Schemeikka, dann hätte er mich verlassen wie Schemeikka dich; hätte mich nicht von vorn und nicht von hinten angesehen. Aber da ich ihn gehen ließ, wie er wollte, hielt er mich wert, hat sie nie zu mir an den Tisch gebracht. Und sie bemühten sich auch gar nicht darum, begnügten sich damit in der Ecke am Herd aus ihren eigenen Näpfchen zu essen. Ein Sommermädchen muß sich mit dem begnügen, was ihm gegeben wird und wie es ihm gegeben wird. Es ist ja eine Leibeigne, manchmal im Krieg erbeutet. Manch einer gibt ihnen auch schlechteres Essen, aber ich habe ihnen früher immer dasselbe gegeben, was wir selbst hatten, und gebe es ihnen noch heute. Aber dazu maulst du nur. Hast kein gutes Wort zum Dank. Wer weiß, wie es gegangen wäre, wenn wir dich in der Fischerhütte hätten weiter grollen lassen. Sind die schwedischen Weiber wohl alle so? Geh jetzt essen, Liebste, ehe dort alles kalt wird. Wenn du ißt und fröhlich bist, wird auch dein Junge dick werden. – Ach, er ist ja wach! Su – suh! Hat ja ganz die Augen seines Vaters! Su – suh! – Baba! baba! Komm zur Großmutter! Ja, du wirst schon auch noch den Ranzen auf den Rücken nehmen!«

Marja warf sich auf die Bank und brach in unaufhaltsames, verzweifeltes Weinen aus.

»Na, da, wieder! Nicht doch! Was ist denn los? Sag, fehlt dir etwas? Ich kann das Getue nicht mit ansehen. Was bist du denn hierher gekommen, wo du sogar gern gegangen sein sollst? Ach, die Unglückliche, wie sie weint! Na, das fehlte ... ich kann's nicht mehr hören. Dann bleib in Gottes Namen wo du bist, ich schicke dir durch Anja, was du brauchst.«

Die Alte eilte weg, Marja beruhigte sich nach und nach, gab ihrem Kinde die Brust und begann es zu wiegen.

So war also auch sein Vater gewesen, dachte sie. Ob wohl auch aus ihrem Sohn solch einer werden würde? Und sie beschloß:

– Nimmermehr! – Und auch seines Vaters Knecht soll dieser Junge nicht werden! Dafür werde ich schon sorgen, daß das nicht geschieht. Mag es mir ergehen, wie es will, mag ich sonst wohin geraten, hier bleiben wir nicht.

Sie öffnete die Luke und setzte sich mit ihrem Strickstrumpf daran. Die alte Badestube, die sie sich als Wohnung ausgebeten hatte, um nicht in dem Hauptgebäude den anderen zwischen die Füße zu kommen, lag etwas abseits unten an einem Hügelabbang. Das Gehöft mit dem Wohnhaus, dem Pferde- und dem Kuhstall lag in einem Haufen zusammen, unter demselben Dach, oben auf einem Absatz der Anhöhe. Es war gar nicht so prachtvoll, wie Schemeikka geprahlt hatte; schien bereits alt und verfallen. Da gingen viele aus und ein, lauter Weiber. Ihrer waren in diesem Gehöft und in den anderen ebenfalls eine zahllose Menge, ältere und jüngere. Sie waren es anscheinend, die hier alle Arbeit verrichteten, sowohl ihre eigene als die der Männer. Sie zogen auf Schleifen das Wasser vom See, das Heu aus den Schuppen herbei, schleppten es, wer mochte sagen wie weit, über den festgefrorenen Schnee. So war es mit ihren guten Tagen bestellt, von denen Schemeikka geredet hatte. Jetzt ziehen sie dort gerade mit großer Mühe das Waschfaß vom Strande herauf, da die Männer alle Pferde mithaben. Leibeigne sind sie, die einen wohl herbeigelockt, die anderen mit Gewalt entführt. Aber ich bin nicht die, die ihre Waschfässer ziehen wird.

Als es dämmerte, wurde die Tür etwas geöffnet, herein glitt ein bewegliches, schmächtiges, schmalwangiges, bleiches Weib. Sie kam, fast jeden Abend, um Marja Gesellschaft zu leisten, obwohl Marja sie nicht dazu aufforderte – es ihr allerdings auch nicht verwehrte. Ihr Gespräch drehte sich meistens um einunddasselbe. Sie saß da und blickte Marja an, die Hände im Schoß, die Augen von Zärtlichkeit gefeuchtet.

»Sei nicht so verbittert, Marja.«

»Es ist ein Wunder, daß du es nicht bist, obwohl er dich ja auch verlassen hat.«

»Ich bin es nicht. Ich bin zufrieden, wenn ich mit ihm zusammen sein darf, wenn er es will. Wenn er nicht mag, bleibe ich weg und arbeite für ihn. Dafür lobt er mich. Wenn er auch meiner überdrüssig wird und zu den anderen geht, denkt er doch mitunter wieder an mich und kommt dann zu mir.«

»Und du bist froh darüber und läßt dich streicheln wie ein Hund?«

»Ja. Meinen Arm schlinge ich um seinen Hals, denn er sagt, sagt jedesmal, wenn er mich um den Leib hält: ›Keine hat einen so zierlichen Wuchs wie du, Anja, keine küßt so süß wie du‹.«

»Das hat er zu mir auch gesagt.«

»Vielleicht hat er es gesagt, aber er hat es nicht gemeint, denn dein Wuchs ist nicht so zierlich wie meiner.«

»Und braucht es auch nicht zu sein.«

»Es ist vergeblich gegen Schemeikka zu murren. Nichts hindert ihn, wenn er gehen will, und nichts hält ihn zurück, wenn er kommen will. Mein Vater sperrte mich in den Speicher ein und legte sich selbst vor der Tür schlafen. Er kam und warf meinen Vater über den Zaun in den Wald und brach die Tür auf. – Ach, ach! Er hat sich schon mehrere Jahre nicht mehr um mich bekümmert. Andere hat er in der Fischerhütte gehabt, sich von anderen seine Badestube wärmen lassen. Aber er hat mir doch den kleinen Petri geschenkt. Aus dem mache ich ihm einen tüchtigen Mann. Vielleicht schenkt er mir noch einen anderen, vielleicht holt er mich auch noch einmal nach der Fischerhütte, und ich darf den Jungen mit hinnehmen, daß er sich am Ufer im Sande wälzen kann. Wenn er dich hinnimmt, dann bitte ihn, daß ich als deine Magd mitkommen darf.«

»Ich gehe nie mehr mit ihm nach der Fischerhütte, und wenn er mich auf den Knien darum anflehte.«

»Was liegt daran, wenn er in lustiger Stimmung ein paar Dummheiten geschwatzt hat. Ich kehre mich nicht daran, obwohl er mich auch geschlagen hat.«

»Hat er dich geschlagen?«

»Nun ja!« sagte das Mädchen mit strahlenden Augen. »Aber dann hat er mich geküßt und geweint und um Verzeihung gebeten.«

»Und du?«

»Ich hatte ihm schon verziehen, bevor er noch darum gebeten hatte.«

»Hast du keine Lust gehabt, ihn wieder zu schlagen?«

»O nein, nicht doch – ich wußte: wenn er schlägt, bereut er es und ist wieder gut. Wir haben zusammen geweint und dann gelacht.«

Es wurde nach Anja gerufen. Sie schlüpfte hinaus, sagte aber, daß sie gleich wiederkomme. Aber Marja fragte sich wieder und immer wieder: Wie konnte ich mich von ihm so kirren lassen? Was für ein Rausch hatte mich an dem Sonntag erfaßt? Was wollte ich eigentlich hier? Ich habe nicht bekommen, was ich holen ging, habe bekommen, was ich nicht wollte. Den dort in der Wiege, ein ewiges Andenken, seinem Vater so ähnlich, daß es mir schwer wird ihn anzusehen. – Und es entfuhr ihr ein Wunsch, entfuhr ihr, obwohl sie versuchte, ihm den Weg zu versperren, es entrang sich ihrer Brust doch der Wunsch: ... Wenn du doch Juhas Sohn wärest! Könntest verkrüppelt sein, könntest sonstwie aussehen, wenn du nur Juhas Sohn wärest! Aber du bist es nicht. Vor ihm habe ich mich jahrelang in meinem Speicher eingeriegelt, dem dort bin ich an den Hals geflogen wie eine Fledermaus in ein weißes Tuch. Hier bin ich, flügellahm, in ihrer schlechtesten Hütte, des Loses der Leibeignen gewärtig, ich, die ich immer noch dort in meinem eigenen Hof, in dem zusammen mit dem anderen aufgebauten, sein, als Wirtin schalten und walten könnte, und Juha erfüllte mir auch das kleinste Gelüst. Jetzt wirtschaftet dort die Schwiegermutter, in meinem Reich, backt die Brote, melkt die Kühe und füttert sie; ihr brummen sie aus ihren Ständen zu; ihr schnurrt mein Spinnrad, ihr flammt das Holzfeuer vom Herd, die von ihr gebackenen Brote duften auf dem Tisch in der Stube. Jedem, der ins Gehöft kommt, erzählt sie höhnisch: »Hier war sie, bekam einen Hof, bekam einen guten Mann, war nicht gemacht zu bleiben und festzuhalten ... ich habe es ja immer gesagt, hätte es aber nicht geglaubt, daß sie zu einem Russen in den Schlitten springen würde.« – Was mag Juha machen, was mag er denken? Daß ich mit Gewalt weggeschleppt worden? Oder daß ich gern gegangen bin? Er mag wohl denken, daß ich ertrunken bin oder mich selbst ertränkt habe? Wenn er doch das glaubte, dann wäre ihm vielleicht wohler ... Ich möchte, daß ihm wohler wäre.

Anja kam wieder und brachte in ihrem Schoß warme Pasteten. Als ob sie etwas erraten hätte, ließ sie Marja von ihrem früheren Leben erzählen.

»Wie war der, dem du zuerst gehörtest?«

»Wie er war? Er war so einer, viel älter als ich.«

»Aber gut?«

»Woher weißt du, daß er gut war?«

»Ich höre es aus deiner Stimme.«

»Er war ja wirklich gut, viel zu gut. Die anderen wichen dem Bettelmädchen aus, er hütete und liebkoste mich von klein auf, mag mich wohl auch gewiegt haben. Ging er in den Wald, so nahm er mich mit, fällte er Bäume zum Schwenden, so sagte er: Für dich fälle ich sie. Baute einen Hof und sagte: Für dich baue ich ihn.

»Dir hat er einen Hof gebaut?«

»Alles, sagte er, mache er für mich.« Marja quollen die Tränen in der Kehle empor. – »Zusammen haben wir ihn gebaut, das Vieh großgezogen.«

»Und du hast ihn verlassen. Er baute dir einen Hof und du hast es übers Herz gebracht ihn zu verlassen?«

»Weil er so alt und krummbeinig war, der alte Kerl.«

»Wenn er es auch ein wenig gewesen ist.«

»Ich weiß nicht. Werde wohl verzaubert gewesen sein. Mitunter wünschte ich, daß er tot wäre, um einen zu bekommen, der mir gefiele.«

»Er, dem du das Einzigste warst?«

Im Grimm über ihre eigene Rührung schrie Marja auf:

»Das Einzigste? Sollte ich denn sein Einzigstes sein ... sollte ich deswegen meinen Arm um seinen Hals schlingen, weil er niemand anders hatte als mich? Meinetwegen hätte er noch so viele haben können. Haha! Und wenn er sich nur bald eine nimmt, seine Mutter wird ihm schon eine schaffen, hat ihm vielleicht schon eine geschafft.

»Du tadelst Schemeikka, daß er sich nicht mit einer begnügt ... jetzt verstehe ich dich nicht,« sagte Anja.

»Ich auch nicht!«

Anja schwieg, Marja mit verwunderten Augen groß anblickend, ohne sie zu verstehen. Sie saß eine Weile stumm da, lachte dann kurze Zeit mit dem Kinde und schlüpfte ebenso lautlos hinweg, wie sie gekommen war – wie ein Tier des Waldes.

Als aber Marja wieder allein blieb, um die lange Nacht ihr Kind zu wiegen, kam die Reue doppelt so stark. Weshalb habe ich den armen Juha wieder geschmäht? Weshalb habe ich gesagt: Der Krummbeinige, der Krüppel? Er nimmt niemals eine andere. – »Dem du das Einzigste warst?« sagte sie – ja, ja. Ich habe ihn verlassen, dem ich das Einzigste war, und habe mich an den weggeworfen, dem ich nichts bin. Der mich behütet und für mich gesorgt hat, wie ein Vater für sein Kind. Der wie ein Vater zu einer Waise war.

Ein Vater? überkam es sie. Wie ein Vater wirklich. Er ist mir ja auch eher wie ein Vater gewesen. Und hatte sich fast schon darein gefunden wie ein Vater zu sein. Der alte Mann konnte ja nicht mehr anders. Wenn ich zu ihm zu gehen versuchte wie zu einem Vater! Ginge mit meinem Kind wie eine verirrte Tochter zu ihrem Vater. Bäte ihn wie einen Vater um Verzeihung? Wenn er dort vor mir stände, auf die Knie fiele ich vor ihm nieder, schleppte mich hinter ihm her, weinte, flehte um Verzeihung, gestände alles. Er würde verzeihen. Und Marja schien es ganz sicher, daß er verzeihen werde – schien es so in der dämmerigen Badestube, während sie das Kind an ihrer Brust hielt, schien es noch sicherer, als der Kleine in der Hängewiege leicht atmete, am allersichersten, als sie hinausgehend die flimmernden Sterne an dem kalten Spätwinterhimmel ansah und, wieder in die Hütte zurückgekehrt, leise auf ihrem Lager einnickte. – –

Anja sitzt wieder da und plaudert. Anja spricht immer von Schemeikka. Er wird jeden Tag zurückerwartet. Es weiß niemand, wann er kommt und wo er ist, aber alles ist vorbereitet, wann er auch kommen mag. Da er im Vorwinter mit seinen Männern, um Pelze aufzukaufen, das nördliche Norwegen und die Gegenden am Weißen Meer durchstreift hat, führt im Spätwinter seine alljährliche Reise über das Dorf nach Süden. Lange können sie nicht zuhause weilen, einige Tage, höchstens eine Woche. Dann werden Feste und große Tänzereien veranstaltet. Dann kleiden sich alle Mädchen in ihren besten Staat.

»Dann schmückst du dich auch mit Seide und Spangen, Marja – nicht wahr?«

»Ich habe keine Seide und keine Spangen.«

»Doch. Die Wirtin gibt sie dir wie den anderen Mädchen, allen die gleichen.«

»So, allen die gleichen,« lachte Marja auf.

»Damit die eine nicht die anderen beneidet.«

»Wenn ich meine eigenen Sachen trage, werdet ihr mich um so weniger beneiden.«

»In den rußigen willst du zum Tanze kommen?«

»Wenn ich komme, komme ich in diesen.«

»In solchen darf keine kommen. Das würde Schemeikka sehr übel nehmen. Du wirst gekleidet, und dein Sohn auch. Wenn Schemeikka hinten in der Stube auf der Bank sitzt und den Willkommstee schlürft, dann trittst du zur Tür herein, mit dem Jungen auf dem Arm, und wirfst ihn seinem Vater an die Brust.«

»Nimmermehr, nimmermehr!« sagte Marja, leidenschaftlich abwehrend, mit flammenden Wangen.

»Sie werden es sehr übel nehmen, wenn du nicht tust, wie sie bitten.«

»Nimmermehr, nimmermehr lege ich dieses Kind dem Mann auf das Knie.«

»Aber wo willst du es hintun.«

»Ich gehe davon, bringe es nachhause.«

»Sie lassen dich nicht fort – auf keinen Fall geben sie dir das Kind. Du solltest dich doch endlich beruhigen, Marja, und du wirst dich auch beruhigen, wenn er kommt.«

»Beim Weggehen hat er mir nicht einmal Lebewohl gesagt. Wenn er mein Kind sehen will, mag er hierher kommen.«

»Du bist sehr böse.«

»Jawohl.«

Aber Schemeikka kam Marja nicht aus dem Sinn, so sehr sie ihn auch zu verdrängen suchte. Sie wachte gegen ihren Willen auch in der Nacht und lauschte auf das Bellen der Hunde. Die heulten bald die Nächte hindurch oben im Hofe, den Herrn herbeiwünschend, zurückahnend, bald rannten sie, aus vollem Halse bellend, auf das Eis, wie wenn er schon dort wäre und sie ihn im Triumphzug auf den Hof bringen könnten. Da schlich Marja hinaus und horchte, den Atem anhaltend, oder sie warf sich, auf sich selbst zornig, auf ihr Bett und zog sich die Felldecke über die Ohren, um nichts zu hören und nichts von seiner Ankunft erfahren zu müssen. Aber wenn die Hunde nicht bellten und nichts zu hören war, dann sah sie um so mehr. Sah Schemeikka vor sich stehen und Juha auslachen, sah ihn auf der Treppe des Speichers dort zuhause sich über sie beugen, sah ihn schlank aus der Badestube treten, sah ihn wieder, wie er sie umarmte, wie er ihr aus dem Boote entgegenlief, sah ihn bald in den Wirren des Traumes, bald mit wachenden Augen.

Einmal sah sie ihn so deutlich, als hätte er dagestanden: wie er die Tür öffnete, sich mit bereiftem Bart hereinschob, in der Türöffnung stehen bleibend sagte: »Marja, wo ist der Junge, wo ist unser Junge?«

Da eilte Marja zur Wiege, riß den Knaben in ihre Arme, stützte ihn unter den Achseln am Rande der Schwitzbank ... Du gehörst Schemeikka, du Schwarzäugiger, Schlanker, Ranker ... du gehörst nicht Juha, nein, Gott sei Dank ... und brauchst ihm auch nicht zu gehören!

Und je mehr sich Marja dann bemühte nicht zu warten, desto mehr wartete sie. Und obwohl sie schon wußte, daß das Bellen der Hunde nichts zu bedeuten brauchte, erbebte sie jedesmal, wenn sie auf das Eis rannten, woher alle kamen, die in das Gehöft wollten.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.