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Schweres Blut

Juhani Aho: Schweres Blut - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJuhani Aho
titleSchweres Blut
publisherVerlag von Heinrich Minden
addressDresden und Leipzig
printrunDritte Auflage
year
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid4dd42e2f
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I

Ein Mann – langrückig, in hedeleinenem Hemd und groben Rindenschuhen – fällt Bäume zum Schwenden auf dem Abhang eines hohen Hügels. Wenn die eine Birke niedersinkt, erbebt schon das Laub der anderen, und die Späne fliegen umher. Er haut Stämme um so dick wie sein Schenkel, wie wenn er Weidengestrüpp lichtete, ohne den Rücken zu strecken.

Der Hügel, dessen Abhang er rodet, liegt inmitten einer grenzenlosen Einöde, in der sich hier und da andere ähnliche Anhöhen erheben, wie Grashöcker auf einer überfluteten Schwemmwiese. All die anderen Hügel sind bis zur Spitze mit Wald bedeckt, nur dieser ist teilweise abgeschwendet; von unten nach oben ansteigend, vom südlichen Hang nach dem Scheitel hinauf strebt die Lichtung, doch ist sie noch nicht bis in die Mitte vorgedrungen. Indes ist da doch schon ein freier Fleck in der Wüstenei der Einöde, eine Kerbe im Urwald: ein grünendes Roggenfeld, weiter unten alte Rodungen, und noch weiter weg hinter einer Senkung ein Häuflein Gebäude, davor eine lange Landzunge, um die sich schmale Gewässer: kleine Seen, enge Straßen und Stromschnellen ziehen.

Soweit sieht man von da, wo der Mann den Wald fällt. Er macht eine Pause, blickt hinunter, sieht sein Feld, sein Gehöft, die Landzunge und die Stromschnelle. Er schwingt seine Axt, wie um in einen Baumstumpf zu schlagen, will aufatmen, senkt aber die Axt in einen neuen Stamm und schwankt von dem Schlag – der mit dem langen Rücken, dem hedeleinenen Hemd und den groben Rindenschuhen.

Die Axt hebt sich und senkt sich, löst sich los und schneidet ein; wenn ein Baum erkracht, bebt schon ein zweiter – und im Takt der Arbeit regen sich die Gedanken des Arbeitenden. Die einen kommen, die anderen gehen, indem sie eingreifen, wo sie haltgemacht, und haltmachen, wo sie angefangen hatten; immer ist es gleich schwer darüber hinwegzukommen und sich damit abzufinden.

– Mußte denn wieder im Unfrieden auseinandergegangen sein – mußten denn wieder die bitterbösen Worte gesagt werden! Daß sie es sagen konnte, wenn es ja auch wahr ist – aber daß sie es sagen konnte: »altes Gerippe, Krummbein, Hakenkinn!« Denn was kann ich dazu, was kann ich denn dazu, daß ich den Leibschaden habe? Das hast du ja gesehen, als du mich nahmst, du wußtest es ja, als du zu mir kamst, daß ich mit dem linken Beine hinke – aber daß du mir das sagen konntest?

Er hielt doch mit dem Fällen inne, legte die Axt auf den Boden und setzte sich.

– Ich bin ja schon alt, und ich habe ja auch nie mit meinem Aeußeren geprahlt. Aber brauchte ihr Auge denn darüber aufzublitzen wie bei einem bissigen, tückiscken Hund. Und wenn ich ihr da auch ein bißchen die Schultern streichelte, brauchte sie da aufzubrausen: »weg, pack dick, du!« – und nicht viel fehlte, so hätte sie mit dem Kochlöffel zugeschlagen. Ich wollte sie ja nur besänftigen, damit das Maulen aufhörte – damit wir uns wieder gut würden. – Ich habe sie ja immer in Ruhe gelassen .. wann habe ich mich denn an ihr vergriffen?

Wenn sie früher dann und wann ein heftiges Wort gesagt hat, bereute sie es gleich und vertrug sich wieder. – Hätte sie mir jetzt nur das Essen hergebracht, dann wäre es damit wieder gut gewesen. Wenn ich gehört hätte, daß sie kam, hätte ich ihr schon von fern gezeigt, daß ich nicht mehr daran denke. Wäre sie heute gekommen, wie sie früher kam, mit Singen, so daß der Wald vor ihr widerhallte, dann hätte ich ihr von hier entgegengebrüllt, ihr zugebrummt wie ein Bär, zum Zeichen, daß ich nicht mehr daran denke, darum solle sie es auch nicht.

Er wollte glauben, daß Maria noch komme. Das Laubholz zischelte in dem warmen Wind, die Ruhe tat dem Blute wohl. Wenn sie es aber auch gesagt hatte! Es mochte ihr nur in der Hitze entfahren sein, im Aerger über irgend etwas, nicht über mich. Dort in die Gabel zwischen den beiden Birken hebe ich sie hinauf wie einst als kleines Mädchen. Da sitzt sie dann wie der Kuckuck im Baum, ich rede hier von dem Sumpf zu ihr wie zum Kuckuck, heiße sie eine Waldjungfrau, eine blaugekleidete Fee der Forsten, das hört sie gern, obwohl sie tut, als hörte sie es nicht; aber wenn sie auf den Viehpfaden hingeht, singt sie es selbst von sich. »Hilf mir, Juha«, ruft sie dann, »ich kann nicht herunter, wenn du nicht hilfst!« – und die Zarte springt mir an den Hals und läßt sich über die Schwende tragen und sich erst auf der glatten Rodung niedersetzen.

Und es sah Juha, wie er da mitten auf der Schwende saß, die Hände im Schoß des Arbeitskittels zwischen den Knien, wie er matt über die gefällten Stämme blickte – er sah Marja, mit bloßem Kopf, das Tuch in den Nacken geglitten, auf ihrer gemeinschaftlichen Schwende gehen mit der kleinen Hippe, die er geschmiedet, der kleinen, flinken, wie sie Laubzweige und Büschel abhieb, während er selbst große Stämme krachend niedersinken ließ. Und so kam sie noch in manchem Jahr auf die Schwende, voller Freude, voller Lieder, als junge Wirtin, und brachte Glück über die Saaten ihres alten Gatten, die die Hitze nicht austrocknete, der Frost nicht verheerte, kaum, daß man's sah, und Juha wußte wohl, weshalb: weil ihm eine Waldfee zur Seite stand – aus welchem Versteck sie auch gekommen sein mochte –, die Schöne aus Karelien, fernher jenseits der fremden Höhen.

Jetzt kommt sie nicht mehr, läßt sich nicht auf den Ast heben, nicht auf die alte Rodung tragen, kommt nicht, um zu singen, mit der Hippe zu helfen, nicht einmal mehr, um das Essen zu bringen. Ist unfreundlich gegen den alten Mann vom Morgen bis zum Abend.

Und doch horchte Juha immer noch, horchte, während er einhieb, auch dann, wenn ein Span gar boshaft pfeifend vom Maserholz abflog. – Rief da jemand? Er heftete den über die gefällten Bäume hin gerichteten Blick scharf auf den unteren Rand der Schwende, sprang auf den Stein, auf dem er gesessen hatte. Es war niemand dort. Ob es wohl weiter unten gewesen war, bis wohin man nicht sehen konnte? Dort vom anderen Rande mußte man sehen, ob jemand kam. Von dort sah man bis zum Hof, den Weg über die alte Rodung, die Wiese und den Feldrain bis zum Hofe. Wenn er ihr nicht schon so viele, viele Male umsonst entgegengegangen wäre, auf die er dort umsonst wartete, dann wäre er auch jetzt gegangen. Doch statt dessen griff Juha wieder nach seiner Axt und hieb, hieb drein, daß er mit jedem Baume, den er fällte, dem unteren Rand der Schwende näher kam, von wo man zum Hof sehen konnte. Er schlug nur die ganz außen stehenden nieder, um schneller hinzugelangen. Die Bäume heulten auf im Fall, als hätten sie über mehr als ihr eigenes Niederbrechen geheult.

Dort kam niemand. Die Kühe lagen weiter unten auf der alten Rodung in der Sonne. Auf dem See bewegten sich zwei Boote unter trägen Ruderschlägen vorwärts. Ein drittes wurde weiter hinten im Schutz des Ufers gerudert, als ob es den anderen nachspürte. Juha erkannte sofort, daß die beiden ersten Boote von russisch-karelischen Händlern waren, und er schloß aus ihrem Kurs, daß sie nicht die Landzunge umfahren und auf diesem Weg die Stromschnellen erreichen, sondern, um sie zu vermeiden, an seinem Ufer anlegen und die Boote mit ihrer Last über die Landenge ziehen lassen wollten. Die mochten ein Pferd brauchen. Sollte er hingehen? Aber mochten sie selbst es mit Marjas Erlaubnis aus der Hürde holen, sie wußten wohl Bescheid. Das dritte Boot schien der Espenholzkahn der Kohlenbrenner zu sein.

Er wandte sich ab, schlug wieder eine Front bis zum oberen Rand der Schwende und von da wieder eine bis zum unteren Rand zurück, immer war noch niemand zu sehen. Und warum auch? Wieder kam er zum oberen Rand. Jetzt aber fühlte er das Bedürfnis, sich auszuruhen, und er setzte sich auf denselben Stein wie vorhin, unter die zusammengewachsenen Birken. Das mußte er überlegen, er mußte ausdenken, wie alles dies gekommen war, wie es kam. Doch gelang es Juha nicht, seine Gedanken zu lenken, wie er wollte, sie gingen immer wieder ihre eigenen Wege.

– Früher hat sie immer das Essen gebracht, wie weit der Arbeitsplatz auch entfernt war. Brachte gebackene Fische, trug Dickmilch im Lägel herbei .... jetzt bin ich ihr zu alt: »so ein Gerippe, so ein Krummbein .. so ein Hakenkinn«. So kann es ja sein, aber wann habe ich ihr vorgeworfen, daß sie arm gewesen ist, daß sie nichts hatte, daß ich ihr das Haus gebaut, die Bäume gefällt, die Moore gerodet habe. – Kommt es denn darauf an, wie der Mann aussieht oder wie alt er ist, wenn er nur ein Mann ist? Kommt es nicht darauf an, daß er etwas fertig bringt und etwas leistet? Ist das nicht mein Werk: der Hof, mitten in den kalten Wald gebaut, auf der sonnigen Lichtung, am kühlen Wasser, auf der Landzunge zwischen den Schnellen – der Pferdestall, die Speicher, die Badestube, das Rinderhaus, das Pferd und die fünf Kühe? Mag Marja sagen, welcher andere sie dem Bettelmädchen, dem Findelkind, der Fremden erarbeitet hätte. Wäre es besser gewesen, als Leibeigene im eigenen Lande zu leben, wäre es besser gewesen, als Magd in dem alten Karhula-Hof? Mag sie's sagen! Und was habe ich dafür als Dank? Sie glaubt mich wohl schon damit belohnt, daß sie gut gewesen ist, als ich noch nicht so uralt war .. als ich noch nicht pustete und hustete.

Juha kam die Reue. Was klage ich über sie? Sie war ja damals noch ein Kind. Ich, der Aeltere, hätte es besser wissen sollen ... Aber wenn sie sich nur einmal mit mir freute – wenn sie sagte: »Da hast du aber wieder ein Stück Bruchwald niedergelegt, das wird wieder ein prächtiges Neuland geben!« Aber nein! – Seine Gedanken standen eine Weile still. – Das ist es, daß wir kein Kind haben! Ja, das ist es. Es ist ihr selber leid! Darum ist sie so, wie sie ist. Wir haben kein Kind und bekommen keins mehr! Denn wie soll sie eins bekommen, wenn sie nicht will...

Da hörte man, wie unten am Ende der Schwende jemand hackte, wie einer, der es nicht versteht. Juha flog auf, sah aber nichts als schwankende Laubzweige. Ob es Marja war? Ob sie das Mittagbrot brachte und Büschel abhieb? Vielleicht ist sie schon wer weiß wie lange dort, und ich habe nichts davon gemerkt?

Es war nicht Marja. Es war Kaisa. Wenn sie aber Kaisa vorangeschickt hat und selbst mit dem Essen kommt? – So war es auch nicht, dort war das Mittagbrot.

Die Magd begann das Bündel, das sie brachte, zu öffnen, aber Juha sagte, er gehe nach Hause. Kaisa solle bleiben und Büschel brechen. Er fühlte, er konnte heute nicht mehr fällen. Und es war ja Sonnabend, und die Netze mußten auch ausgelegt werden. – »Ich breche dort Quäste für die Badestube.« – Aber da sah er wieder ein Bild vor sich, sah Marja als junge Wirtin Büschel von einer Birke brechen, die er vor ihr gefällt hatte, Marja, mit bloßem Kopf, das Tuch im Nacken, lang, schlank, geschmeidig wie eine astlose Birke. Es gibt keinen herrlicheren Menschen als sie, wenn sie auch braunäugig, schwarzhaarig, dunkelhäutig ist! Sie wirft die Büschel in einen Haufen, daß die Espenblätter rascheln. Stemmt die Arme in die Seiten, wendet den Kopf und lächelt: »Da haben aber die Schafe den ganzen Winter zu knabbern!« Und als der Haufen aufgeschichtet war, da ging es mit den Quästen unterm Arm nach Hause, und der Weg lief quer durch das Feld, und da wurde geplaudert, wie dort im nächsten Jahr eine Schwende angelegt werden solle, und dort eine andere, und wenn man lebe, werde nicht locker gelassen, bis man um den ganzen Hügel herum sei und der Fichtenwald zu Laubwald geworden und ganz oben auf dem Scheitel nur ein großer Steinhaufen übrig wäre. Reich würden sie, schafften sich einen Hof, gegen den der Elternhof nichts wäre, obgleich der der beste im Kirchspiel sei, ein alter, reicher – »schaffen ihn recht deiner großen Sippe zum Trotz«, hatte sie gesagt – wie es auch geschehen war. Und vorangehend hatte sie die Quäste durch die Luft geschwenkt und hatte sich über das Zaungatter geschwungen ...

Damals sagte sie nicht: »altes Gerippe, Krummbein«, wenn sie es gedacht haben mochte ... obwohl ich ja jetzt nicht viel anders als damals bin, da ich immer so gewesen bin wie jetzt.

Jetzt hat sie an nichts mehr Freude, was wir gemeinsam durchgemacht haben, nichts gefällt ihr, was mir gefällt. Aergerlich macht sie sich am Morgen aus ihrem Speicher an die Arbeit, böse legt sie sich am Abend in ihrem Speicher schlafen und hakt ihre Türe zu. Soll ich sie mit zum Propst nehmen, der uns getraut und uns die Hand gereicht und Glück gewünscht hat? Ob sie ginge? Ob wohl der Propst Macht hat über ein verzaubertes Gemüt?

Das waren ewig die Pfade von Juhas Gedanken, die er ging und tappte, ohne ans Ziel zu kommen; die immer in das Moor und auf Bebeland führten, wie die Steige im Oedwald das Vieh.

Der Weg führte zuerst abwärts durch das Roggenfeld, dann am Rande einer alten Rodung hin, dann durch Gestrüpp, senkte sich in eine feuchte Mulde, in der man das Brausen der Stromschnelle hörte und zwischen den Bäumen hindurch die aufspringenden Wellen sah. Nun verschwand die Schnelle hinter dichterem Jungwald, der Weg stieg zu einer Wiese hinan, von der Wiese auf einen Acker und von da auf den Hofraum.

Marja war im Viehpferch und melkte, reckte sich, um über die Kuh hinweg zu sehen, wer auf dem Gäßchen zwischen dem Pferch und dem Rinderstall kam, beugte sich zurück, sagte nichts, sandte aber doch einen stechenden kalten Blick und riß mit einem bitteren Zucken ihrer Mundwinkel dem anderen in die Seele, wie der Zahn der Säge reißt... Sie hatte sich immer noch nicht beruhigt. Steckte sogar noch in denselben Lumpen wie am Morgen, wie immer, solange sie in der Stimmung war. Sie hatte ihre Worte noch nicht bereut. Wie wenn sie bereit gewesen wäre, sie noch einmal über den Zaun zu schleudern. Mochte wohl denken: da geht er, das alte Gerippe, das Krummbein. Und Juha war es, als er über den Hof nach dem Wohnhaus schritt, als ob man ihn bei jedem Tritt mit Pfeilen in den Rücken geschossen hätte.

Er nahm aus dem Speisekämmerchen einen Brotranft mit und ging an den Strand, raffte ein paar Netze aus dem Netzschuppen an sich und schob das Boot ab.

Als Marja Juha kommen sah, hatte sie das Gefühl gehabt, als müsse sie einige freundliche Worte sagen. Aber sie blieben ihr in der Kehle stecken wie ein Stück harter Hungerkuchen. Und in ihr schrie es: so ist es ... und es wird nicht mehr anders! und ich kann nichts dagegen! und ich kann nicht anders sein, als ich bin! Nein, müßte ich auch ins Wasser gehen! Und ich bringe es nicht fertig, gut gegen ihn zu sein, bettelte er mich auch wie ein Hund mit den Augen darum an!

Denn was kann ich dazu, daß er mir ist wie ein quakender Frosch und ich selbst mir ebenso? – Nun, ich sage nichts, sage nichts mehr, ich mache den Mund nicht auf! Aber wer hat ihn geheißen mir nahezukommen? Und wäre er damit zufrieden gewesen, mich als seine Magd zu halten – wozu brauchte er mich zum Pfarrer zu locken?

Sie ließ das Schäumen in sich mit dem Schaum der Milch in den Eimer zwischen ihren Knien fließen, als sie hinter sich eine Stimme hörte und sah, wie ein fremder, hochgewachsener, krausbärtiger Mann an den Pferdezaun gelehnt stand und mit fröhlicher, klingender, männlicher Stimme sagte:

»He, Mädchen, gibt es wohl ein Nachtlager im Hause, gibt es wohl ein Dampfbad bei euch für einen Wandersmann?«

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