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Schwere Zeiten

Charles Dickens: Schwere Zeiten - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleSchwere Zeiten
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebenunddreißigstes Kapitel.

Es ist ein gefährliches Ding, im Umkreis eines dünkelhaften Prahlers etwas zu sehen, ehe es der Prahler selbst sieht. Mr. Bounderby fühlte, daß Mrs. Sparsit ihm unverschämt zuvorgekommen und der Ansicht war, weiser zu sein als er. Er war unversöhnlich aufgebracht gegen sie, wegen ihrer triumphierenden Entdeckung von Mrs. Pegler. Er drehte diese Vermessenheit von seiten einer Frau in ihrer abhängigen Stellung so lange um und um in seinem Sinne, bis sie im Umdrehen anschwoll wie eine Lawine. Endlich machte er die Entdeckung, daß es bedeuten würde, den größtmöglichen Betrag von krönendem Ruhm aus dieser Verbindung zu gewinnen, dieses Frauenzimmer mit den vornehmen Familienverbindungen los zu werden. Er wollte es in seiner Gewalt haben, zu sagen: »Sie war eine Frau von Familie und wünschte sich an mich zu hängen, aber ich wollte es nicht haben und machte mich von ihr los.« Zu gleicher Zeit würde man Mrs. Sparsit nach Verdienst bestrafen.

Mehr als je von diesem Gedanken erfüllt, kam Mr. Bounderby zum zweiten Frühstück und setzte sich in dem aus früheren Zeiten bekannten Speisezimmer nieder, in dem sein Porträt hing. Mrs. Sparsit saß am Feuer, ihren Fuß in ihrem baumwollenen Fußsacke, und dachte wenig daran, was ihr bevorstand.

Seit der Pegler-Angelegenheit hatte diese edle Dame ihre Teilnahme für Mr. Bounderby mit einem Schleier von ruhiger Melancholie und Ergebenheit umhüllt. Infolgedessen war es ihre Gewohnheit geworden, einen wehmutsvollen Blick anzunehmen, den sie jetzt auf ihren Herrn richtete.

»Was wollt Ihr, Ma'am?« sagte Mr. Bounderby in kurzer und rauher Weise.

»Bitte Sir«, antwortete Mrs. Sparsit, »beißen Sie meine Nase nicht ab.«

»Ihre Nase abbeißen, Ma'am!« wiederholte Mr. Bounderby. »Ihre Nase!« damit wollte er andeuten, wie Mrs. Sparsit wohl begriff, daß es zu diesem Zwecke eine zu ausgebildete Nase sei. Nach dieser beleidigenden Bemerkung schnitt er sich eine Brotkruste ab und warf das Messer mit gewaltsamem Geräusch nieder.

Mrs. Sparsit nahm ihren Fuß aus dem Fußsacke und sagte: »Mr. Bounderby, Sir!«

»Nun, Ma'am?« versetzte Bounderby. »Was starren Sie?«

»Darf ich fragen, Sir«, sagte Mr». Sparsit, »ob Sie diesen Morgen Unannehmlichkeiten gehabt haben?«

»Ja, Ma'am.«

»Darf ich fragen, Sir«, fuhr die beleidigte Frau fort, »ob ich die unglückliche Ursache bin, daß Sie Ihre gute Laune verloren haben?«

»Nun wohl, ich will Ihnen etwas sagen, Ma'am«, erwiderte Bounderby, »ich bin nicht hierhergekommen, um angeschrien zu werden. Ein Frauenzimmer mag noch so hohe Familienbeziehungen haben, und es kann ihr doch nicht gestattet werden, einen Mann in meiner Stellung zu langweilen und zu ärgern, und ich habe nicht Lust, mir das gefallen zu lassen.« (Bounderby hielt es für nötig, fortzufahren, denn er sah voraus, daß er geschlagen werden würde, sobald er auf Einzelheiten einging.)

Mrs. Sparsit erhob sich erst, dann zog sie ihre koriolanischen Augenbrauen zusammen, legte ihre Arbeit in ihren Korb und brach auf.

»Sir«, sagte sie majestätisch, »es ist offenbar, daß ich Ihnen gegenwärtig im Wege bin. Ich werde mich in mein eigenes Gemach zurückziehen.«

»Erlauben Sie mir, Ihnen die Tür zu öffnen, Ma'am.«

»Danke, Sir, ich kann es selbst tun.«

»Sie sollten es mir lieber erlauben, Ma'am«, sagte Bounderby, indem er an ihr vorüberging und seine Hand auf das Schloß legte, »weil es mir Gelegenheit verschaffen wird, Ihnen ein Wort zu sagen, ehe Sie gehen. Mrs. Sparsit, ich glaube, Sie sind hier beengt, nicht wahr? Es scheint mir, daß es unter meinem niedrigen Dache schwerlich genug Raum gibt für eine Dame von Ihrem Talent, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen.«

Mrs. Sparsit warf ihm einen Blick der finstersten Verachtung zu und sagte mit großer Höflichkeit: »Wirklich, Sir?«

»Ich habe seit den letzten Ereignissen darüber nachgedacht, sehen Sie, Ma'am«, sagte Bounderby; »und es scheint nach meinem unmaßgeblichen Urteile –«

»O, bitte, Sir«, unterbrach ihn Mrs. Sparsit mit lebhafter Heiterkeit, »setzen Sie Ihr Urteil nicht herab. Jedermann weiß, wie unfehlbar Mr. Bounderbys Urteil ist. Jedermann hat Beweise davon gehabt. Es muß das Thema der allgemeinen Unterhaltung sein. Setzen Sie alles an sich herab, nur Ihr Urteil nicht, Sir«, sagte Mrs. Sparsit lachend.

Mr. Bounderby, sehr rot und unbehaglich, wiederholte:

»Noch einmal, Ma'am, es scheint mir, daß eine andere Art Hauswesen eine Dame von Ihren Fähigkeiten ganz anders zur Geltung bringen würde. Solch ein Hauswesen etwa, wie das Ihrer Verwandten, der Lady Scadgers. Glauben Sie nicht auch, Sie dürften da einige Dinge finden, mit denen Sie sich befassen könnten?«

»Es ist mir nie zuvor eingefallen, Sir«, erwiderte Mrs. Sparsit, »aber jetzt, wo Sie es erwähnen, halte ich es für höchst wahrscheinlich.«

»Dann versuchen Sie es vielleicht einmal, Ma'am«, sagte Mr. Bounderby, indem er einen Umschlag mit einem Scheck darin in ihren kleinen Korb legte. »Sie können nach Gutdünken die Zeit zu Ihrer Abreise wählen, Ma'am. Aber indessen dürfte es wohl für eine Dame mit Ihren Geisteskräften angenehmer sein, ihre Mahlzeiten bei sich selbst zu essen, als daß andere ihr beschwerlich fallen. Ich muß mich wirklich bei Ihnen entschuldigen, daß ich Ihnen so lange im Lichte gestanden, obgleich ich nur Josiah Bounderby von Coketown bin.«

»Bitte, das ist nicht der Erwähnung wert, Sir«, erwiderte Mrs. Sparsit. »Wenn dies Porträt sprechen könnte, Sir, so würde es bezeugen, daß ich es schon vor langer Zeit als das Gemälde eines Einfaltspinsels ansah. Aber es hat den Vorteil vor seinem Original voraus, daß es nicht die Fähigkeit besitzt, sich selbst bloßzustellen und andere nicht anzuekeln. Nichts, was ein Einfaltspinsel tut, kann Erstaunen oder Unwillen erregen; das Tun und Lassen eines Einfaltspinsels kann nur Verachtung einflößen.«

Während sie dies sagte, bemühte sich Mrs. Sparsit, mit ihren römischen Zügen, wie die auf einer Münze, ihrer Verachtung gegen Mr. Bounderbys Ausdruck zu verleihen, maß ihn mit festem Blicke vom Kopf bis zum Fuße, schwebte verächtlich an ihm vorüber und stieg die Treppe hinauf. Mr. Bounderby schloß die Tür und stellte sich vor das Feuer. Nach seiner alten, unbeherrschten Art versenkte er sich in sein Porträt und in die Zukunft.

* * *

Wie weit in die Zukunft? Er sah Mrs. Sparsit einen täglichen Kampf mit den Spitzen aller weiblichen Waffen gegen die neidische, beißende, reizbare, peinigende Lady Scadgers auskämpfen. Sie lag noch immer mit ihrem geheimnisvollen Fuße im Bette und hatte ihr unzureichendes Einkommen ungefähr in der Mitte jedes Quartals aufgezehrt, in einer schlechten, kleinen, luftlosen Wohnung, eine bloße Kammer für einen, nur ein Stall für zwei. Aber sah er mehr? Erhaschte er einen Schimmer von sich selbst, wenn er Bitzer den Fremden vorstellte als den strebsamen jungen Mann, so ergeben den großen Verdiensten seines Herrn, der den Platz des jungen Toms errungen und den jungen Tom beinahe selbst gefangen hätte, zur Zeit, als dieser von verschiedenen Landstreichern weggelockt wurde? Sah er einen schwachen Widerschein seines eigenen Bildes, wie er ein großprahlerisches Testament machte? Fünfundzwanzig Aufschneider sollten nach zurückgelegtem fünfundzwanzigsten Jahre jeder den Namen Josiah Bounderby von Coketown annehmen, für immer in Bounderbyhall speisen, für immer in Bounderbyhäusern wohnen, für immer eine Bounderbykapelle besuchen, für immer sich von einem Bounderbykaplan einschläfern lassen, für immer von einer Bounderbystiftung ernährt werden, sich für immer alle gesunden Magen mit einem Übermaß von Bounderbymischmasch und Bounderbyprahlerei verderben. Hatte er irgendeine Ahnung von dem Tage, fünf Jahre später, als Josiah Bounderby von Coketown an einem Schlaganfalle in der Coketownstraße sterben sollte, und dasselbe köstliche Testament seine lange Laufbahn von Spitzfindigkeiten, Betrügereien, falschen Ansprüchen, schlechtem Beispiel, wenig Nutzen und vielen Prozessen beginnen sollte? Wahrscheinlich nicht. Jedoch das Porträt mußte das alles miterleben.

Auch Mr. Gradgrind saß an demselben Tage und zur selben Stunde gedankenvoll in seinem Zimmer. Wieviel von der Zukunft sah er? Sah er sich selbst, einen ergrauten, verlebten Mann, seine bisher unbiegsamen Ideen der gegebenen Verhältnisse, Tatsachen und Träume dem Glauben der Hoffnung anpassen und der Menschenliebe unterordnen und nicht länger den Versuch machen, diese himmlischen Drei in seinen staubigen kleinen Mühlen zu zermahlen? Erhaschte er einen Blick von sich selbst, wie er deshalb von seinen früheren politischen Verbündeten verachtet wurde? Sah er sie in der Zeit, wo es allgemein anerkannt war, daß die nationalen Gassenkehrer nur miteinander etwas zu tun haben und keine Verpflichtung gegen eine Abstraktion, genannt Volk, anerkennen, das den ehrenwerten Gentleman mit diesem und mit dem und womit nicht, fünf Tage in der Woche bis zu den frühen Morgenstunden drangsalt? Wahrscheinlich hatte er eine starke Vorahnung davon, denn er kannte seine Leute.

Auch Luise betrachtete am Vorabend desselben Tages das Feuer, wie in früheren Zeiten, jedoch mit freundlicherer und demütigerer Miene. Wieviel von der Zukunft mochte vor ihrem Blick aufsteigen? Plakate an den Straßenecken, mit ihres Vaters Namen unterzeichnet, die den verstorbenen Stephen Blackpool, Weber, von dem falschen Verdacht entlasteten, und die Schuld seines eigenen Sohnes veröffentlichten, mit soviel Milderung als seine Jahre und Versuchung (er konnte sich nicht überwinden »Erziehung« hinzuzufügen) beanspruchen durften, gehörten der Gegenwart an. So gehörte Stephen Blackpools Grabstein, mit ihres Vaters Bericht über seinen Tod auch fast zur Gegenwart, denn sie wußte, daß das so sein sollte. Diese Dinge konnte sie leicht sehen. Aber, wieviel von der Zukunft?

Ein Arbeitermädchen, namens Rachael, das nach einer langen Krankheit eines Tages wieder auf den Ruf der Fabrikglocke erschien und wieder zur bestimmten Stunde hin- und zurückging unter den Coketownschen »Händen«; ein Mädchen von gedankenvoller Schönheit, immer schwarz gekleidet, aber milden Sinnes und heiter, selbst munter. Sie allein schien von allen Leuten an dem Orte mit einer gesunkenen, versoffenen Elenden ihres eigenen Geschlechtes Mitleid zu haben, die man zu Zeiten in der Stadt insgeheim sie anbetteln und anrufen sah. Ein Arbeitermädchen, immer arbeitend, aber zufrieden damit, wie mit ihrem natürlichen Lose, bis sie zu alt zu fernerer Arbeit sein würde. Sah Luise das? So etwas sollte geschehen.

Ein verlassener Bruder, viele tausend Meilen entfernt, auf tränendurchnäßtem Papier schreibend, daß ihre Worte zu bald in Erfüllung gegangen, und daß alle Schätze der Welt unbedenklich hingeworfen werden würden für einen Blick auf ihr liebes Gesicht. Später dieser Bruder sich der Heimat nähernd, voll Hoffnung, sie zu sehen, und durch Krankheit aufgehalten; und dann ein Brief von fremder Hand, in dem es heißt: »er starb in dem Hospitale, am Fieber, und starb in Reue und Liebe zu Euch: sein letztes Wort war Euer Name.« Sah Luise diese Dinge? Solche Dinge sollten geschehen.

Sie selbst wieder ein Weib – eine Mutter – liebreich besorgt für ihre Kinder, immer voll Sorge, daß sie Kindlichkeit des Geistes in nicht geringerem Grade als Kindlichkeit des Körpers bewahrten, da sie erkannt, daß jene noch ein schöneres Ding sei und ein Besitz, von dem ein aufgespartes Stückchen ein Segen und ein Glück für den Weisesten? Sah Luise das? So etwas sollte nimmer geschehen.

Aber der glücklichen Cili glückliche Kinder, sie liebend; alle Kinder sie liebend; sie selbst, unterrichtet in kindlichem Wissen; nie denkend, daß eine unschuldige und hübsche Einbildung zu verachten sei; unablässig bemüht, ihre niedriger gestellten Mitgeschöpfe kennenzulernen und ihr maschinenmäßiges Leben der rauhen Wirklichkeit mit jenen idealen Annehmlichkeiten und Genüssen zu verschönen, ohne die das Herz der Kindheit verwelken, die stärkste physische Manneskraft vollkommen moralisch tot, und die klarsten Berechnungen über Nationalreichtum ein Wandgekritzel sein werden, – sie diesen Weg gehend ohne phantastisches Gelübde, oder Unterschrift, oder Brüderschaft, oder Schwesterschaft, oder Bürgschaft, oder Vertrag, oder Putz, oder Armenbasar,Bezieht sich auf die gefühlvolle Manie hochgestellter Ladys, durch Lotterien von Putzsachen und durch Märkte, welche zum Verkauf von Handarbeiten und Nippsachen bestimmt sind, »respektable« d. h. von der Hochkirche approbierte Arme zu unterstützen. Anm. des Übersetzers. sondern einfach als eine zu erfüllende Pflicht. Sah Luise diese Dinge von sich selbst? Diese Dinge sollten geschehen.

Lieber Leser! Es hängt von dir und mir ab, ob in unseren beiden Wirkungskreisen ähnliche Dinge geschehen sollen oder nicht. Laßt sie geschehen! Wir werden dann mit leichterem Herzen am Feuer sitzen und seine Asche grau und kalt werden sehen.

 


 

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