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Schwere Zeiten

Charles Dickens: Schwere Zeiten - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleSchwere Zeiten
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Indem sich Mrs. Sparsit ruhig verhielt, um die Spannkraft ihrer Nerven auf Mr. Bounderbys Ruhesitz wieder zu erlangen, paßte sie unter ihren Coriolanischen Augenbrauen Tag und Nacht äußerst wachsam auf. Ihre Augen hätten wie ein Paar Leuchttürme an einer mit eisernen Reifen versehenen Küste, alle vorsichtigen Seeleute vor jenen kühnen Felsen ihrer römischen Nase und der düsteren und holperigen Region in ihrer Nachbarschaft warnen müssen, wenn ihr Benehmen nicht so sanft gewesen wäre. Man konnte schwerlich anderes glauben, als daß sie sich nur der Form wegen in der Nacht zurückzog, – so weit offen standen ihre klassischen Augen und so unmöglich schien es, daß ihre strenge Nase einem erschlaffenden Einfluß nachgeben könnte. Aber war doch ihre Weise zu sitzen, und ihre unbequemen, um nicht zu sagen kratzigen Handschuhe zu glätten, (sie waren nach dem kühlenden Prinzip eines Fleischschranks gebaut) oder mit ihrem Fuß in dem Steigbügel von Baumwollgarn hinzubaumeln – so vollkommen harmlos, daß die meisten Beobachter sie für eine Taube hätten halten müssen. Für eine Taube, die durch eine Laune der Natur in den irdischen Körper eines Vogels von dem Habichtschnabelgeschlecht verkörpert worden.

Ihre Art, im Haus umherzustreifen, war höchst sonderbar. Wie sie von Stockwerk zu Stockwerk geriet, war ein unlösbares Rätsel. Eine Lady, die an und für sich selbst so anständig und so vornehm war, konnte nicht in den Verdacht geraten, über die Geländer zu setzen oder diese hinunterzugleiten, und dennoch mußte ihre außerordentliche Leichtigkeit in ihren Bewegungen auf diese kühne Idee führen. Ein zweiter bemerkenswerter Umstand bei Mrs. Sparsit war, daß sie nie in übermäßiger Eile erschien, sie schoß mit vollkommener Geschwindigkeit vom Dache zur Halle, und war, sobald sie unten anlangte, dennoch im vollen Besitze ihres Atems und ihrer Würde. Auch hatte kein menschliches Auge sie große Schritte machen sehen.

Sie benahm sich sehr freundlich gegen Mr. Harthouse und hatte bald nach ihrer Ankunft ein angenehmes Gespräch mit ihm. Sie machte ihm eines Morgens vor dem Frühstück in dem Garten ihre Staatsaufwartung.

»Es scheint mir, als wäre es erst gestern gewesen, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »daß ich die Ehre hatte, Sie in der Bank zu empfangen. Damals wünschten Sie liebenswürdigerweise Mr. Bounderby's Adresse zu erfahren.«

»Gewiß, ein Ereignis, das von mir im Verlauf der Zeiten nicht vergessen werden wird«, sagte Mr. Harthouse, indem er mit möglichster Lässigkeit den Kopf vor Mrs. Sparsit verneigte.

»Wir leben in einer sonderbaren Welt, Sir«, sagte Mrs. Sparsit.

»Durch eine Begegnung, auf die ich stolz bin, habe ich die Ehre gehabt, eine dem Sinn nach gleiche Beobachtung zu machen. Nur daß ich sie nicht, wie Sie, in so epigrammatischer Kürze ausdrücken kann.«

»In einer sonderbaren Welt, möchte ich sagen, Sir«, fuhr Mrs. Sparsit fort, nachdem sie für das Kompliment mit einer Neigung ihrer dunklen Augenbrauen gedankt, deren Ausdruck nicht ganz so mild war, wie ihre süßtönende Stimme. »Ich meine, eine sonderbare Welt hinsichtlich der Bekanntschaften, die wir zu einer Zeit mit Personen machen, die uns zu anderen Zeiten ganz unbekannt waren. Ich erinnere mich, Sir, daß Sie damals so weit gingen, zu gestehen, daß Sie vor Miß Gradgrind wirkliche Furcht hätten.«

»Ihr Gedächtnis erweist mir mehr Ehre, als mein unbedeutendes Wesen verdient. Ich machte von Ihren gefälligen Andeutungen Gebrauch, um meine Schüchternheit zu überwinden, und ich brauche nicht hinzuzufügen, daß Ihre Winke völlig richtig waren; Mrs. Sparsits Talent für – in der Tat für alles, was Genauigkeit bedarf, mit einer Kombination von Geistesstärke – und Familie – ist zu gewohnheitsmäßig entwickelt, um noch bezweifelt zu werden.«

Er war über diesem Kompliment beinahe eingeschlafen – so lange dauerte es, bis er sich durchwand; sein Geist war laß und abschweifend.

»Sie finden Miß Gradgrind – ich kann sie wirklich nicht Mrs. Bounderby nennen – das ist höchst dumm von mir – so jugendlich, wie ich sie beschrieben?« fragte Mrs. Sparsit in süßlichem Tone.

»Sie zeichneten ihr Porträt vollkommen«, sagte Mr. Harthouse, »stellten ihr leibhaftes Bild dar.«

»Sehr liebenswürdig, Sir?« fragte Mrs. Sparsit, indem sie ihre Handschuhe langsam umeinander drehte.

»Ganz außerordentlich.«

»Man meinte immer«, sagte Mrs. Sparsit, »daß es Miß Gradgrind an Lebhaftigkeit fehle – aber ich gestehe, es scheint mir, als hätte sie in dieser Hinsicht höchst bedeutende und auffallende Fortschritte gemacht. – Ja, und in der Tat, hier kommt Mr. Bounderby!« rief Mrs. Sparsit, indem sie mit dem Kopfe vielmals nickte, als ob sie über niemand anders gesprochen oder gedacht hätte.

»Wie geht es Ihnen heute morgen, Sir? Bitte, zeigen Sie sich uns fröhlich, Sir.«

Diese beharrlichen Besänftigungen seines Elends und Erleichterungen seiner Bürde fingen nun an, die Wirkung zu haben, daß Mr. Bounderby milder als je gegen Mrs. Sparsit und härter als gewöhnlich gegen alle übrigen, von seiner Frau abwärts, war. Als daher Mrs. Sparsit mit erzwungener Gemütsruhe bemerkte: »Sie warten auf Ihr Frühstück, Sir, – ich glaube jedoch, daß Miß Gradgrind sich bald einfinden wird, um bei Tisch die Hausfrau zu stellen«, antwortete Mr. Bounderby: »Wenn ich warten wollte, bis meine Frau sich um mich bekümmerte, Ma'am, so wissen Sie recht gut, daß ich dann wohl bis zum jüngsten Tag warten müßte. Ich möchte Sie daher bitten, den Tee zu servieren.«

Mrs. Sparsit fügte sich und nahm ihre einstige Position bei Tische ein. Auch hierbei zeigte sich die treffliche Frau höchst sentimental. Sie war bei alledem so demütig, daß sie sich erhob, als Luise erschien, und dabei beteuerte, jetzt wirklich nicht mehr an jenem Platz sitzen zu können, so oft sie auch die Ehre gehabt habe, Mr. Bounderby's Frühstück zu bereiten – ehe Miß Gradgrind – sie bitte um Verzeihung – sie wollte sagen: Mrs. Bounderby – sie hoffe, man werde sie entschuldigen, aber sie könne sich wirklich noch nicht darein finden – obwohl sie die Hoffnung hege, bald daran gewöhnt zu sein – ihre gegenwärtige Stellung eingenommen hatte. Es geschah bloß (bemerkte sie) weil Miß Gradgrind sich ein wenig verspätete, und Mr. Bounderbys Zeit so kostbar sei. Sie wisse es von früher, wie wesentlich es für ihn sei, pünktlich zu frühstücken. Da habe sie sich die Freiheit genommen, seinem Ersuchen zu willfahren; denn sein Wille wäre seit langem für sie Gesetz.

»Bleiben Sie nur, wo Sie sind, Ma'am«, sagte Mr. Bounderby; »bleiben Sie nur, wo Sie sind. Ich glaube, Mrs. Bounderby wird sich freuen, der Mühe überhoben zu sein.«

»Sagen Sie das nicht, Sir«, entgegnete Mrs. Sparsit beinahe mit Strenge, »denn das klingt sehr ungütig für Mrs. Bounderby; und ungütig sein, sieht Ihnen nicht gleich.«

»Sie können sich beruhigen, Ma'am. Du kannst es doch ruhig mit ansehen, nicht wahr, Lu?« sagte Mr. Bounderby in polternder Weise zu seiner Frau.

»Natürlich, die Sache hat keine Bedeutung, warum sollte sie für mich von Wichtigkeit sein?«

»Warum sollte sie überhaupt für jemand von Wichtigkeit sein, Mrs. Sparsit, Ma'am?« sagte Mr. Bounderby mit aufgeblasener Verachtung. »Sie legen diesen Dingen zu viel Wichtigkeit bei, Ma'am, zum Donnerwetter! Manche Ihrer Begriffe werden hier zurechtgewiesen werden. Sie sind noch altmodisch, Ma'am, Sie sind hinter der Zeit von Gradgrinds Kindern zurück.«

»Was fehlt Ihnen?« fragte Luise mit kaltblütigem Erstaunen. »Was hat Sie beleidigt?«

»Beleidigt?« wiederholte Bounderby. »Glauben Sie, wenn ich beleidigt worden wäre, ich würde dazu schweigen und nicht darauf dringen, daß es gutgemacht würde? Ich bin, wie ich glaube, ein gerader Mann, ich brauche nicht auf Nebenwegen zu schleichen.«

»Ich glaube, niemand ist je veranlaßt worden, Sie für zu schüchtern oder zu zartfühlend zu halten«, antwortete ihm Luise gefaßt. »Ich habe Ihnen nie diesen Vorwurf gemacht, weder als Kind, noch als Frau. Ich begreife nicht, was Sie haben wollen.«

»Haben?« erwiderte Mr. Bounderby, »nichts. Weißt du, Lu Bounderby, denn nicht recht gut, daß ich, Josiah Bounderby von Coketown, es sonst auch haben würde?«

Sie sah ihn, wie er auf den Tisch schlug und die Teetassen klirren machte, mit flammender Röte im Gesichte an, die nach der Meinung von Mr. Harthouse eine neue Nuance ihres Wesens war.

»Sie sind heute morgen unbegreiflich«, sagte Luise, »bitte bemühen Sie sich nicht weiter, sich zu erklären, ich bin nicht neugierig, Ihre Meinung zu wissen. Was ist daran gelegen?«

Es wurde über diesen Gegenstand nichts weiter gesprochen, und Mr. Harthouse unterhielt sich bald in lässiger Lustigkeit über gleichgültige Gegenstände. Von diesem Tage an wurden jedoch Luise und James Harthouse durch den Sparsit-Einfluß auf Mr. Bounderby enger aneinander geknüpft. Das verstärkte Luises gefährliche Entfremdung von ihrem Manne und das vertrauliche Verhältnis mit einem anderen gegen ihn. Sie war in dieses Verhältnis auf so feine Weise geraten, daß sie die Spuren, wie alles gekommen, trotz ihrer Versuche nicht aufzufinden vermochte. Ob sie es aber je versucht hatte oder nicht, lag in ihrem eigenen verschlossenen Herzen verborgen.

Mrs. Sparsit aber war von diesem Vorgang so sehr ergriffen, daß sie nach dem Frühstück Mr. Bounderby den Hut reichte und während ihres Alleinseins in der Halle ihm einen keuschen Kuß auf seine Hand drückte, indem sie murmelte: »Mein Wohltäter!« worauf sie sich von Schmerz überwältigt zurückzog. Dennoch bleibt nach dem Zeugnis dieser Geschichte folgendes eine unzweifelhafte Tatsache: fünf Minuten, nachdem er das Haus mit demselben Hut verlassen, schwang das Familienmitglied der Scadgers und Powlers den Handschuh ihrer rechten Hand gegen sein Porträt, schnitt eine verächtliche Grimasse gegen jenes Kunstwerk, und rief: »Geschieht dir schon recht, du Esel, und ich freue mich darüber!«

Mr. Bounderby war noch nicht lange fort, als Bitzer erschien. Bitzer war mit einem Sonderzug von Stone Lodge herabgekommen. Dieser Zug war pfeifend und rasselnd über die lange Schwibbogenlinie dahingefahren, die sich in jener wilden Gegend ehemaliger und jetziger Kohlengruben erhebt. Er brachte die eilige Botschaft für Luise, daß Mrs. Gradgrind sehr krank sei. Sie hatte sich, wie ihrer Tochter bekannt war, nie wohl befunden, seit den letzten Tagen jedoch hatte sie sehr abgenommen und war in der Nacht schwächer und schwächer geworden; jetzt war sie dem Tode so nahe, wie es ihre beschränkte Fähigkeit, in einem Zustand zu schweben, nur irgend gestattete, der den Schatten einer Absicht in sich schlösse, seiner ledig zu werden.

Begleitet von dem strohköpfigsten aller Laufburschen – einem geeigneten farblosen Portier an der Todespforte, wo Mrs. Gradgrind anklopfte – rasselte Luise nach Coketown, über die ehemaligen und jetzigen Kohlengruben hinweg, und wurde in den rauchgefüllten Rachen der Stadt hineingewirbelt. Sie überließ den Boten seinen eigenen Geschäften und fuhr ihrem elterlichen Hause zu.

Seit ihrer Verheiratung war sie selten dagewesen. Ihr Vater befand sich gewöhnlich bei seinem parlamentarischen Kehrichthaufen in London, sichtend und sichtend (ohne daß man ihn je viele kostbare Dinge aus dem Quarke herausfinden sah), und war sehr emsig in dem nationalen Schutt- und Müll-Abfuhrplatz beschäftigt. Ihre Mutter hätte es mehr als Störung betrachtet, wenn man sie besuchte, während sie auf dem Sofa ruhte. Als junge Person fühlte sich Luise ganz ungeschickt dazu; Cili hatte sich seit jener Nacht, wo des Landstreichers Kind die Augen zu Mr. Bounderbys künftiger Frau erhob, nie freundlich genähert. So hatte sie keine Veranlassung, zurückzugehen, und tat es auch selten.

Auch wurden keine schönen Eindrücke des Schauplatzes ihrer Kindheit in ihr rege, als sie sich jetzt dem Vaterhause näherte. Ihre Träume der Kindheit – ihre lustigen Märchen; ihre anmutigen, schönen, menschlichen, unmöglichen Freuden einer reichen Welt, an die einmal zu glauben so wohltuend ist, und so süß sich deren zu erinnern, wenn wir erwachsen sind! Denn dann wird die bescheidenste Erinnerung an jene Welt zur Stätte erbarmender Liebe im Herzen, wo Kinder eintreten dürfen, und mit ihren reinen Händen inmitten der steinigen Pfade dieses Lebens einen Garten pflegen; allwo, in vertrauensvoller Einfachheit, fern allem Welttreiben, sich öfter zu sonnen, für alle Adamskinder weit besser wäre – was wußte sie von alledem! Erinnerungen an eine Zeit, wo sie dem Wenigen, was sie wußte, auf dem Zauberpfade entgegengewandert war, auf dem Pfade des Lebens, das sie und Millionen unschuldiger Geschöpfe erhofften. Jenes Kinderparadies, in dem man beim Erwachen des Verstandes im duftigen Licht der Phantasie zuerst den liebenden Gott sah, der sich vor anderen, gleich großen Gottheiten beugte: keinen grimmigen Götzen, grausam und kalt, der seine Opfer an Händen und Füßen fesselt und der als stumpfe dumpfe Masse geistlos ins Leere von so und soviel Pferdekräften umzurechnen ist – was für Teil hatte sie daran? – Ihre Erinnerungen an Elternhaus und Kindheit waren Erinnerungen an das Austrocknen jeder Quelle und jedes Brunnens in ihrem jungen Herzen, wie sie hervorströmten. Die goldenen Fluten befanden sich nicht dort. Sie flossen, um das Land fruchtbar zu machen, wo Trauben von Dornen und Feigen von Disteln eingesammelt werden.

Sie trat mit schwerem, verhärtetem Gram in das Haus und in das Zimmer ihrer Mutter. Seitdem sie das Elternhaus verlassen, hatte Cili neben der übrigen Familie gleichberechtigt gestanden. Cili saß neben ihrer Mutter, und ihre Schwester Jane, die jetzt zehn bis zwölf Jahre alt war, befand sich auch im Zimmer. Es kostete viel Mühe, ehe man es Mrs. Gradgrind begreiflich machen konnte, daß ihr ältestes Kind da sei. Sie sank zurück und stützte sich aus bloßer Gewohnheit auf ein Kissen, und das alles in ihrer frühern gewöhnlichen Stellung, die ein so hilfloses Geschöpf annehmen konnte. Sie hatte sich entschieden geweigert, sich zu Bett zu begeben, und zwar aus dem Grunde, daß, wenn sie es täte, die Sache kein Ende nehmen würde. Ihre schwache Stimme klang so entfernt aus ihrem Bündel Schals, und der Klang einer andern Stimme, die sie ansprach, schien so lange Zeit zu gebrauchen, bis sie an ihr Ohr gelangte, als hätte sie im Grund eines Brunnens gelegen.

Die arme Frau befand sich näher der Wahrheit als je, was viel heißen wollte. Als man ihr sagte, Mrs. Bounderby sei da, antwortete sie im Geiste des Widerspruchs, daß sie ihm nie diesen Namen gegeben, seit er Luise geheiratet; daß sie, unentschieden in der Wahl eines passenden Namens, ihn bloß J nannte; und daß sie jetzt von dieser Regel nicht abweichen könne, da sie keinen andern zur Verfügung habe. Luise hatte bei ihr einige Minuten gesessen und das Gesagte mehrfach wiederholt, ehe sie es klar begreifen konnte, wer es sei. Hierauf schien sie es auf einmal zu begreifen. »Gut denn, mein Kind«, sagte Mrs. Gradgrind, »ich hoffe, du bist ganz zufrieden. Dein Vater allein hat es getan. Er hat darauf bestanden. Er muß es wissen, warum.«

»Ich will von dir hören, Mutter, und nicht von mir.«

»Von mir willst du hören, mein Kind? Das ist gewiß etwas Neues, wenn jemand von mir hören will; es geht mir durchaus nicht gut, Luise, sehr schwach und schwindelig.«

»Fühlst du Schmerz, liebe Mutter?«

»Ich glaube, es befindet sich ein Schmerz irgendwo im Zimmer«, sagte Mrs. Gradgrind, »aber ich kann nicht behaupten, daß ich ihn habe.«

Nach diesen sonderbaren Worten lag sie einige Zeit still. Luise ergriff ihre Hand, konnte aber keinen Puls fühlen. Als sie die Mutter aber küßte, spürte sie einen leichten, dünnen Lebensfaden in unruhiger Bewegung.

»Du siehst deine Schwester sehr selten«, sagte Mrs. Gradgrind. »Sie wächst auf gleich dir, ich wünsche, daß du dich ihrer annimmst. Cili, bringe sie her.«

Sie ward herbeigeführt und stand da, ihre Schwester bei der Hand haltend. Luise hatte sie ihren Arm um Cilis Nacken schlingen gesehen, und sie fühlte den Unterschied dieser Annäherung.

»Siehst du die Ähnlichkeit, Luise?«

»Ja, Mutter, ich sollte denken, sie ist mir gleich, aber –«

»Nun? ich sage es ja immer, sagte Mrs. Gradgrind mit unerwarteter Raschheit. »Und das erinnert mich. – Ich habe etwas mit dir zu sprechen, mein Kind. Cili, mein gutes Mädchen, laß uns einen Augenblick allein.«

Luise hatte die Hand losgelassen, dachte, daß das Gesicht ihrer Schwester schöner und heiterer sei, als ihres je gewesen, – sah in diesem Gesicht nicht ohne ein aufkeimendes Gefühl der Bitterkeit selbst hier zu dieser Stunde etwas von Sanftheit des anderen Gesichtes in dem Zimmer, des Gesichtes mit den vertrauensvollen Augen, das durch das reiche dunkle Haar blasser erschien, als es durch Wachen und teilnehmenden Kummer geschah.

Mit ihrer Mutter allein gelassen, sah Luise, wie diese dalag, mit einer trüben Schläfrigkeit auf ihrem Gesicht, gleich jemandem, der widerstandslos auf einem weiten Wasser dahinschwimmt, damit zufrieden, den Strom hinuntergetragen zu werden. Sie führte den Schatten einer Hand abermals an ihre Lippen und weckte sie aus ihrer Ohnmacht.

»Du wolltest mit mir sprechen, Mutter.«

»Ei! Ja gewiß, mein Kind. Du weißt, dein Vater ist fast immer abwesend, und deshalb muß ich ihm darüber schreiben.«

»Worüber, Mutter? Beunruhige dich nicht; worüber denn?«

»Du wirst dich erinnern, mein Kind, daß, wenn ich irgend etwas über einen Gegenstand gesagt hatte, man mich nie damit gelten ließ, deshalb habe ich seit langer Zeit unterlassen, überhaupt etwas zu sagen.«

»Ich höre dich wohl, Mutter«, aber sie konnte nur dadurch, daß sie ihr Ohr neigte und gleichzeitig die Lippen betrachtete, wie sie sich bewegten, dergleichen schwache und abgebrochene Töne in zusammenhängende Verbindung bringen.

»Du hast sehr viel gelernt, Luise, und ebenso dein Bruder, allerhand Ologien,Mrs. Gradgrind meint hiermit die Wissenschaften, deren Namen auf »ologie« endigen, wie »Geologie«, »Anthropologie« usw. von morgens bis abends. Wenn es noch irgendeine Ologie gibt, die in diesem Haus nicht zersetzt worden ist, so kann ich nur davon sagen, ich hoffe, nie ihren Namen zu hören.«

»Ich kann dich hören, Mutter, wenn du nur Kraft hast, fortzufahren.« Das sagte sie, um sie vom Davonschwimmen abzuhalten.

»Aber es gibt etwas, durchaus keine Ologie – das dein Vater unterlassen oder vergessen hat, Luise. Ich weiß nicht, was es ist. Ich habe oft daran gedacht, wenn Cili neben mir dasaß, ich werde mich jetzt seines Namens nicht erinnern. Aber dein Vater kennt es, es macht mich unruhig, ich will ihm darüber schreiben, damit er um des Himmels willen ausfinde, was es ist. Gib mir eine Feder! Gib mir eine Feder!«

Selbst die Kraft der Unruhe war verschwunden, ausgenommen von dem armen Kopfe, der sich gerade von einer Seite auf die andere drehen konnte.

Sie bildete sich aber ein, daß ihre Bitte erfüllt worden, und daß die Feder, die sie nicht halten konnte, sich in ihrer Hand befinde. Es ist wenig daran gelegen, welche Gestalten wunderbaren Unsinns sie auf ihren Umschlagetüchern zu zeichnen begann. Die Hand hielt bald mitten in der Bewegung inne. Das Licht, das hinter dem schwachen Lampenschirm immer matt und dunkel gewesen, ging aus; und selbst Mrs. Gradgrind, die aus dem Schatten heraustrat, in dem der Mensch wandelt und vergebens sich abmüht, nahm die grauenhafte Feierlichkeit der Weisen und Patriarchen an.


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