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Schwere Zeiten

Charles Dickens: Schwere Zeiten - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleSchwere Zeiten
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Es dunkelte, als Stephen Mr. Bounderbys Haus verließ. Die Schatten der Nacht waren so dicht herabgesunken, daß Stephen nicht um sich blickte, während er die Tür zumachte, sondern sich gerade die Straße hinabschleppte. Nichts lag seinen Gedanken ferner als die sonderbare Alte, der er bei seinem früheren Besuche in demselben Hause begegnet war, als er einen wohlbekannten Schritt hinter sich hörte und sich umwendend diese in Rachaels Gesellschaft erblickte.

Er sah Rachael jetzt erst, da er sie vorher nur gehört hatte.

»Ach, meine gute Rachael! Liebe Frau, Sie mit ihr!«

»Jawohl, und nun seid Ihr sicherlich überrascht, und ich muß sagen, mit Recht«, entgegnete die Alte. »Hier bin ich wieder, wie Ihr seht.«

»Aber, wieso mit Rachael?« fragte Stephen. Er schloß sich ihnen an und ging, von einer zur andern blickend, zwischen beiden.

»Nun, ich traf dieses hübsche, gute Mädchen, als ich auf Euch gestoßen war«, sagte die Alte, in munterem Ton antwortend. »Meine Besuchszeit fällt dieses Jahr später als gewöhnlich, denn ich war von Atemnot geplagt und verschob daher die Reise, bis das Wetter gut und warm geworden. Aus demselben Grunde lege ich die Reise nicht an ein und demselben Tage zurück, sondern verteile sie auf zwei Tage, und übernachte heute im Kaffeehaus bei der Eisenbahn (ein hübsches, reinliches Haus das), und fahre morgen früh um sechs Uhr wieder mit dem Parlamentszug zurück. ›Nun, was hat das alles aber mit diesem guten Mädchen zu tun?‹ fragt Ihr. Das will ich Euch sagen. Ich habe gehört, daß sich Mr. Bounderby verheiratet hat. Ich las es in der Zeitung, wo es sich großartig ausnahm – oh, es nahm sich prachtvoll aus!« die Alte verweilte bei diesem Gedanken mit sonderbarer Begeisterung, »und ich möchte seine Frau sehen. Ich habe sie noch nie gesehen. Nun stellt Euch nur vor, seit heute mittag hat sie das Haus nicht verlassen. Um sie aber nicht zu leicht aufzugeben, wartete ich noch ein letztes Weilchen, als ich an diesem guten Mädchen zwei- oder dreimal vorüberging, und sie so freundlich ausschaute, so sprach ich sie an und wir kamen in eine Unterhaltung. Da habt Ihr's nun!« sagte die Alte zu Stephen, »das übrige könnt Ihr selbst erraten, und wie ich glaube, um vieles rascher, als ich es sagen kann.«

Stephen mußte abermals einen instinktmäßigen Widerwillen gegen diese Frau überwinden, obgleich ihr Benehmen so anständig und einfach wie nur möglich war. Mit einem Wohlwollen, das ihm und, wie er wußte, auch Rachael so natürlich war, blieb er bei dem Gegenstand, der sie in ihrem Alter noch so interessierte.

»Nun, Frauchen«, sagte er, »ich habe die Dame gesehen, und sie ist ebenso jung als schön. Sie hat schöne, dunkle und verständige Augen und ein stilles Wesen, Rachael, wie ich nie etwas Ähnliches erblickt habe.«

»Jung und schön. Ja«, rief die Alte ganz entzückt. »So lieblich wie eine Rose. Und was für eine glückliche Frau!«

»Freilich, liebe Frau, ich vermute, sie ist es«, sagte Stephen, warf jedoch einen zweifelhaften Blick auf Rachael.

»Ihr vermutet, daß sie es sei? Sie muß es sein. Sie ist die Frau Eures Herrn«, versetzte die Alte.

Stephen nickte beistimmend. »Obwohl, was den Herrn anbelangt«, sagte er, einen flüchtigen Blick auf Rachael werfend, »mein Herr gewesen. Es ist aus zwischen mir und ihm.«

»Hast du die Arbeit bei ihm verlassen?« fragte Rachael besorgt und schnell.

»Nun, Rachael«, antwortete er, »ob ich die Arbeit verlasse oder ob die Arbeit mich verläßt, kommt auf eins heraus. Seine Arbeit und ich sind geschieden. Es ist auch gut so – besser noch – dachte ich, als daß du mit mir hättest gehen müssen. Es hätte mir nur Verdruß verursacht, wenn ich geblieben wäre. Vielleicht ist's gar eine Wohltat für mich. Jedenfalls muß es geschehen. Ich muß nun Coketown den Rücken kehren und mein Glück suchen, Liebe, indem ich von vorne anfange.«

»Wohin willst du gehen, Stephen?«

»Ich weiß noch nicht heute nacht«, sagte er, indem er den Hut lüftete und sich das dünne Haar mit der flachen Hand glättete. »Aber ich gehe noch nicht heute nacht fort, Rachael, auch morgen nicht. Es ist nicht so leicht zu wissen, wohin ich mich wenden soll, doch werden mir schon gute Gedanken kommen.«

Auch hier kam ihm seine Natur, uneigennützig zu denken, wieder zu Hilfe. Bevor er noch Mr. Bounderbys Haustür zugemacht hatte, war ihm der Gedanke gekommen, daß es wenigstens für sie gut sei, wenn er nun gehen müsse, da sie dadurch der Möglichkeit entgehe, in seine Angelegenheit mit hineingezogen zu werden, bloß weil sie zu ihm hielt. Obwohl es ihm viel Schmerz verursachen mußte, sie zu verlassen, und obwohl er keinen Ort wußte, wohin seine Verfehmung ihn nicht verfolgen würde, so war es vielleicht gegen die Schwierigkeiten und Drangsale, die ihm bevorstanden, noch eine Erleichterung, die Leiden der verflossenen vier Tage aufgeben zu müssen.

Darum sagte er auch mit voller Wahrheit: »Es ist mir wohler dabei, Rachael, als ich gedacht hätte.« Sie mochte nicht seine Last schwerer machen. Sie antwortete mit ihrem trostreichen Lächeln, und die drei setzten ihren Weg fort.

Das Alter findet, besonders wenn es sich bestrebt, selbstvertrauend und munter zu erscheinen, viel Rücksicht bei den Armen. Die alte Frau war so anständig und machte so wenig Umstände mit ihren Gebrechen, obwohl diese seit ihrer ersten Zusammenkunft mit Stephen sich noch vermehrt hatten, daß sie beide Interesse für sie faßten.

Sie war zu lebhaft, um zu dulden, daß sie ihretwegen langsamer gingen. Aber sie nahm es dankbar auf, daß man mit ihr sprach, und sie sprach selbst gern und ausführlich wie immer. Als die beiden nun ihr Stadtviertel erreichten, war die Alte munterer und lebhafter als je.

»Kommt mit in meine bescheidene Wohnung, Frau«, sagte Stephen, »und trinkt etwas Tee. Rachael wird auch kommen, und dann will ich Euch nach Eurem Reisehotel bringen. Es dürfte lange dauern, Rachael, eh ich wieder die Gelegenheit habe, in deiner Gesellschaft zu sein.«

Sie sagten zu, und alle drei begaben sich nach dem Hause, wo er wohnte. Als sie in die enge Straße kamen, warf Stephen einen flüchtigen Blick nach dem Fenster mit einer Angst, die seine trostlose Wohnung stets umschwebte. Es war jedoch offen, so wie er es verlassen hatte, und niemand befand sich daselbst. Der Dämon seines Lebens war seit einigen Monaten wieder verschwunden, und seitdem hatte er nichts von ihr vernommen. Das einzige Zeugnis von ihrer letzten Wiederkehr gaben die spärlicheren Möbel seines Zimmers und die grauer gewordenen Haare seines Kopfes.

Er zündete ein Licht an, machte ein Teebrett zurecht, holte warmes Wasser von unten und brachte von dem nächsten Kaufladen kleine Portionen Tee und Zucker, einen Laib Brot und etwas Butter. Das Brot war neubacken und krustig, die Butter frisch und der Zucker natürlich weiß – als Bestätigung der apodiktischen Behauptung der Coketowner Magnaten, daß »diese Leute wie die Prinzen leben«. Rachael bereitete den Tee (eine so große Gesellschaft machte das Borgen einer Tasse nötig) und der Gast genoß ihn mit vielem Vergnügen. Es war der erste Strahl gesellschaftlicher Freuden, der dem Wirt seit langer Zeit zuteil geworden. Auch er, vor dem die Welt wie eine weite Wüste dalag, erfreute sich des bescheidenen Mahles – wieder ein Beispiel zur Bekräftigung des Magnatenausspruches, daß es »diesen Leuten an aller und jeder Berechnung fehlt«.

»Ich hab' noch nicht daran gedacht, Mistreß«, sagte Stephen, »Euch nach Eurem Namen zu fragen.«

Die alte Frau stellte sich als »Mrs. Pegler« vor.

»Witwe vermutlich?« fragte Stephen.

»Oh, seit langen Jahren.« – Mrs. Peglers Mann (einer der besten, die es je gegeben) war, nach Mrs. Peglers Berechnung, schon tot, als Stephen geboren wurde.

»Das war auch ein schlimmes Schicksal, einen so guten Mann zu verlieren«, sagte Stephen. »Sind Kinder da?«

Mrs. Peglers Obertasse rasselte, wie sie diese in der Hand hielt, gegen die Untertasse und deutete auf ihre nervöse Aufregung. »Nein«, sagte sie. »Nicht jetzt, nicht jetzt.«

»Tot, Stephen«, deutete Rachael mit sanfter Stimme an.

»Es tut mir leid, daß ich davon gesprochen«, sagte Stephen. »Ich hätte daran denken sollen, daß ich eine wunde Stelle berühren würde. Ich – ich muß mich selbst tadeln.«

Während er sich entschuldigte, rasselte die Tasse der alten Frau immer mehr. »Ich hatte einen Sohn«, sagte sie mit seltsamer Betrübnis, die nicht den gewöhnlichen Schmerzäußerungen gleichkam, »dem es wohl, wunderbar wohlging. Aber, bitte, schweigen wir davon. Er ist –«, indem sie die Tasse niederstellte, machte sie eine Bewegung mit der Hand, wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, »tot«. Dann rief sie laut: »Ich habe ihn verloren!«

Stephen hatte sich noch nicht darüber beruhigt, der alten Frau Schmerz verursacht zu haben, als die Hauswirtin die enge Treppe heraufgestolpert kam, ihn an die Tür rief und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Mrs. Pegler war durchaus nicht taub, denn sie griff das Wort auf, so wie es ausgesprochen wurde.

»Bounderby«, rief sie mit gedämpfter Stimme, indem sie vom Tische aufsprang. »Oh, verbergt mich. Laßt mich um alle Welt nicht gesehen werden. Laßt ihn nicht herauf, bis ich fort bin. Bitte, bitte sehr!« Sie zitterte und war über die Maßen aufgeregt. Als Rachael sie zu beruhigen suchte, verbarg sie sich hinter dieser und schien nicht zu wissen, was sie anfangen sollte.

»Aber hört doch, liebe Frau, hört doch«, sagte Stephen erstaunt. »Es ist nicht Mr. Bounderby. Es ist seine Frau. Ihr werdet Euch doch vor ihr nicht fürchten. Ihr waret ja kaum vor einer Stunde noch ganz beglückt von ihr.«

»Seid Ihr aber gewiß, daß es die Lady und nicht der Herr ist?« fragte sie noch immer zitternd.

»Vollkommen gewiß.«

»Nun denn, bitte, sprecht nicht mit mir und nehmt auch keine Notiz von mir«, sagte die Alte. »Überlaßt mich ganz mir selbst in dieser Ecke.«

Stephen nickte zustimmend und sah Rachael fragend an. Aber auch sie konnte ihm keine Erklärung geben. Dann nahm er das Licht, ging hinunter und kehrte nach einigen Augenblicken, Luisen ins Zimmer leuchtend, wieder zurück. Der Bengel folgte ihr nach.

Rachael hatte sich erhoben und stand abseits mit ihrem Schal und Hut in der Hand, als Stephen, durch diesen Besuch höchst überrascht, das Licht auf den Tisch setzte. Dann stand er da, die Hände auf einem nahen Tische übereinandergelegt und harrte, was sie begehre.

Luise hatte zum erstenmal in ihrem Leben eine der Wohnungen der Coketowner Arbeiter besucht, und zum ersten Male in ihrem Leben erschienen ihr diese mit einer Art Individualität behaftet. Sie wußte von deren Existenz zu Hunderten und Tausenden. Sie wußte, welche Resultate eine gegebene Zahl derselben in einem bestimmten Zeiträume an Arbeitsmengen leisten würde. Sie wußte, wie diese in Massen, gleich Ameisen und Käfern, von oder zu ihren Nestern sich bewegten.

Etwas, das so und so viel Arbeit liefern muß und mit so und so viel bezahlt wird und dann endigt! etwas, das unfehlbar nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage reguliert werden muß – zugleich aber etwas, das stets gegen diese Gesetze verstößt und sich in Verlegenheiten stürzt; etwas, das ein bißchen hungert, wenn Weizen teuer ist und sich überißt, wenn Weizen wohlfeil ist: etwas das mit so viel Prozent sich vermehrt, und wieder so viel Prozent in Verbrechen und so viel Prozent an Verarmung und Verelendung abwirft: etwas, das ein Handelsartikel im großen ist, wodurch schon unermeßliche Reichtümer erworben wurden: etwas, das gelegentlich gleich der See steigt und viel Schaden und Nachteil (vorzüglich sich selbst) verursacht und darauf wieder fällt – das war alles, was sie über die Coketowner Arbeiter wußte. Sie hatte jedoch kaum mehr daran gedacht, diese Massenbegriffe in Einheiten aufzulösen, wie die See selbst in die Tropfen, aus denen sie zusammengesetzt ist, zu teilen.

Einige Augenblicke stand sie da und blickte sich im Zimmer um. Von den wenigen Stühlen, den wenigen Büchern, den billigen Kupferstichen und dem Bett warf sie einen flüchtigen Blick auf die beiden Frauen und auf Stephen.

»Ich kam, um Euch wegen des soeben Vorgefallenen zu sprechen. Ich möchte mich Euch gern nützlich erweisen, wenn Ihr nichts dagegen habt. Ist das Eure Frau?«

Rachael erhob ihre Augen, die genugsam die Frage verneinten, und ließ sie dann wieder sinken.

»Ich besinne mich«, sagte Luise, über den Mißgriff errötend, »ich besinne mich, von Eurem häuslichen Unglück sprechen gehört zu haben, obwohl ich damals den Einzelheiten keine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Es lag nicht in meiner Absicht, eine Frage zu stellen, die einem der Anwesenden Schmerz verursachen könnte. Sollte ich eine andere Frage tun, die das gleiche Resultat hervorbringen könnte, so bitte ich Euch, mir zu glauben, daß es nur aus Unwissenheit geschieht, wie ich mit Euch zu sprechen habe.«

So wie Stephen sich erst vor kurzem instinktmäßig an sie gewandt hatte, so wandte sie sich jetzt instinktmäßig an Rachael. Ihr Benehmen war kurz und abgebrochen und doch unsicher und furchtsam.

»Er hat Euch gesagt, was zwischen ihm und meinem Manne vorgegangen war. Ihr müßt wohl, wie ich glaube, seine erste Zuflucht sein?«

»Ich habe das Ende davon gehört, junge Dame«, sagte Rachael.

»Verstand ich recht, daß er, wenn er von einem Arbeitgeber zurückgewiesen ist, wahrscheinlich von allen zurückgewiesen werden dürfte? Ich glaube, er sagte das ungefähr?«

»Die Aussicht ist sehr gering, junge Dame, beinahe gleich Null für einen Mann, der einen schlechten Ruf unter ihnen erlangt hat.«

»Was muß ich unter dem Ausdruck »schlechten Ruf« verstehen?«

»Den Ruf, ein unruhiger Kopf zu sein.«

»Er ist also durch die Vorurteile seines eigenen Standes und durch die Vorurteile des andern auf gleiche Weise aufgeopfert worden? Sind diese beiden Stände in unserer Stadt so sehr geschieden, daß sich zwischen ihnen für einen redlichen Arbeiter kein Platz vorfindet?«

Rachael schüttelte stillschweigend mit dem Kopf.

»Er fiel«, sagte Luise, »bei seinen Arbeitsgenossen in Verdacht, weil er das Versprechen geleistet, ihnen nicht beizutreten. Ich glaube, er muß Euch das Versprechen gemacht haben. Darf ich fragen, warum das geschah?«

Rachael brach in Tränen aus. »Ich habe ihn nicht dazu gedrängt, den Armen. Ich bat ihn, zu seinem eigenen Besten alle Unannehmlichkeiten zu vermeiden und dachte wenig daran, daß er durch mich dazu kommen werde. Aber ich weiß, daß er eher hundertmal sterben würde, als daß er sein gegebenes Wort bräche. Dafür kenne ich ihn zu gut.«

Stephen hatte in seiner gewöhnlichen, nachdenklichen Stellung, mit der Hand am Kinn, in stiller Aufmerksamkeit dagestanden. Er sprach jetzt mit einer etwas minder ruhigen Stimme als gewöhnlich.

»Niemand außer mir kann wissen, welche Ehrfurcht, welche Liebe und Achtung ich für Rachael fühle – oder aus welcher Ursache das geschieht. Als ich jenes Versprechen leistete, hielt ich sie wirklich für den Schutzgeist meines Lebens. Es war ein feierliches Versprechen. Ich habe es geleistet für immer.«

Luise wandte sich mit dem Kopfe gegen ihn und neigte ihn mit einer Ehrerbietung, die neu an ihr war. Sie blickte von ihm auf Rachael, und ihre Züge nahmen einen milderen Ausdruck an.

»Was wollt Ihr beginnen?« fragte sie ihn. Ihre Stimme war ebenfalls milder geworden.

»Nun, Ma'am«, sagte Stephen, der gute Miene zum bösen Spiel machte, mit einem Lächeln, »wenn ich mit der Arbeit zu Ende bin, dann muß ich diesen Ort verlassen und es an einem andern versuchen. Glücklich oder unglücklich – der Mensch kann nichts tun, als versuchen. Man soll nichts lassen, ohne es versucht zu haben – außer das Sichniederlegen und Sterben.«

»Wie wollt Ihr reisen?«

»Zu Fuß, meine gute Lady, zu Fuß.«

Luise errötete, während eine Geldbörse in ihrer Hand sichtbar wurde. Das Rauschen einer Banknote ließ sich hören, während sie eine entfaltete und auf den Tisch legte.

»Wollt Ihr ihm sagen, Rachael – denn Ihr wißt, wie es ohne Beleidigung anzustellen sei – daß dies ihm ganz zu Gebote steht, um ihm die Reise zu erleichtern? Wollt Ihr ihn inständig bitten, es anzunehmen?«

»Ich kann es nicht, junge Frau«, antwortete sie, sich mit dem Kopfe abwendend. »Gott segne Sie, daß Sie mit so viel Güte an den armen Mann denken. Aber er muß sein Herz selber kennen und wissen, was demgemäß recht ist.«

Luise sah teils ungläubig, teils erschrocken und teils von schneller Sympathie ergriffen aus, als dieser Mann von so vieler Selbstbeherrschung, der so einfach und gesetzt während der kürzlichen Unterredung gewesen war, seine Fassung in einem Augenblick verlor, und nun mit der Hand vor dem Gesicht dastand. Sie streckte die ihrige aus, wie um ihn zu berühren – dann bezwang sie sich und blieb ruhig.

»Nein, selbst Rachael«, sagte er, als er wieder mit unbedecktem Gesicht dastand, »könnte ein so liebreiches Anerbieten nicht mit liebreicheren Worten machen. Um zu zeigen, daß ich kein Mann ohne Verstand und Dankbarkeit bin, will ich zwei Pfund nehmen. Ich will sie als Darlehen annehmen und sie wieder zurückbezahlen. Und die Arbeit soll mir die süßeste sein, die ich je verrichtet: denn sie soll mich in den Stand setzen, noch einmal meine ewige Dankbarkeit für Ihre heutige Tat zu erkennen zu geben.«

Sie mußte gern oder ungern die Banknote wieder zurücknehmen und die viel kleinere Summe, die er genannt hatte, an deren Stelle setzen. Stephen war weder höflich, noch hübsch, noch pathetischer Geste: und doch lag in der Art, wie er das Geld annahm und seinen Dank ohne viel Worte ausdrückte, eine Anmut, die Lord Chesterfield seinem Sohne in einem ganzen Jahrhundert nicht hätte beibringen können.Philipp Graf von Chesterfield (1694–1773), englischer Staatsmann, bekannt durch seine »Briefe an seinen Sohn« (London 1694, später noch oft herausgegeben), in denen er äußere Liebenswürdigkeit, aber wenig Herzensliebe fordert.

Tom hatte, bis der Besuch in dieses Stadium getreten war, auf dem Bett gesessen: er schwang mit ziemlicher Gleichgültigkeit einen Fuß hin und her und lutschte an seinem Spazierstock. Als er seine Schwester zum Aufbrechen bereit sah, stand er ziemlich rasch auf und rief:

»Warte nur einen Augenblick, Lu. Ehe wir fortgehen, möchte ich ihn auf einen Moment sprechen. Es fällt mir gerade was ein. Wenn Ihr mit mir auf die Treppe hinausgehen wollt, Blackpool, so will ich's Euch sagen. Wir brauchen kein Licht, Mann.« Tom war in merkwürdiger Ungeduld, als sich Stephen nach dem Speiseschrank hin wandte, um eines zu holen. »Man braucht kein Licht dazu.«

Stephen folgte ihm nach und Tom machte die Zimmertür zu und hielt das Schloß in der Hand.

»Hört einmal!« flüsterte er. »Ich glaube. Euch einen guten Dienst erweisen zu können. Fragt mich nicht, was es ist, weil vielleicht nichts daraus werden dürfte. Aber es schadet nichts, wenn ich's versuche.« Sein Atem wehte, einer Feuerflamme gleich, Stephens Ohren an, so heiß war er.

»Es war unser Bürodiener auf der Bank, der Euch diesen Abend die Botschaft hinterbracht hatte«, sagte Tom. »Ich heiße ihn unsern Bürodiener, weil ich auch zur Bank gehöre.«

Stephen dachte: »Was für Eile er hat!« Tom sprach auch wirklich ganz konfus.

»Nun, laßt einmal hören«, fuhr Tom fort. »Wann ist Eure Arbeitszeit hier endgültig aus?«

»Heute ist Montag«, erwiderte Stephen nachdenkend. »Nun, Sir, Freitag oder Samstag ungefähr.«

»Freitag oder Samstag«, sagte Tom. »Nun seht einmal. Ich bin nicht gewiß, ob ich Euch den guten Dienst erweisen kann, den ich beabsichtige – wißt, das ist meine Schwester, die in Eurem Zimmer ist – aber ich dürfte imstande sein, es zu tun, und sollte ich es nicht sein, so ist doch kein Schaden dabei. Darum will ich Euch was sagen. Würdet Ihr unsern Bürodiener wiedererkennen?«

»Ganz gewiß«, sagte Stephen.

»Sehr gut«, versetzte Tom. »Wenn Ihr eines Abends, zwischen heute und Eurer Abreise zu arbeiten aufhört, dann wartet doch ungefähr ein Stündchen bei der Bank. Wollt Ihr das? Laßt keine Absicht merken, wenn er Euch dort warten sieht; denn ich werde ihn nicht beauftragen, mit Euch zu sprechen, außer ich kann Euch den Dienst erweisen, den ich beabsichtige. In diesem Falle würde er einen Zettel oder eine Botschaft für Euch haben, sonst nicht. Also gebt acht! Ihr habt mich doch richtig verstanden?«

Er hatte in der Dunkelheit einen Finger in das Knopfloch von Stephens Rock gezwängt und drehte in einer ungewöhnlichen Weise jenen Winkel des Kleidungsstückes zu einem Knäuel zusammen.

»Ich verstehe wohl, Sir«, sagte Stephen.

»Nun, seht einmal«, wiederholte Tom. »Seid gewiß, daß Ihr Euch nicht irrt und vergeßt nichts. Ich werde meiner Schwester im Nachhausegehen sagen, was ich beabsichtige, und ich weiß, sie wird es billigen. Nun, seht einmal, die Sache ist doch in Ordnung, nicht wahr? Ihr versteht alles davon? Sehr gut also. Komm fort, Lu!«

Er stieß die Tür auf, während er sie rief, kehrte jedoch nicht mehr ins Zimmer zurück und wartete auch nicht, bis man ihr die engen Treppen hinunterleuchtete. Er war schon unten, als sie herabstieg, und befand sich schon auf der Straße, ehe sie seinen Arm nehmen konnte.

Mrs. Pegler blieb in ihrem Winkel, bis das Geschwisterpaar fort war und Stephen mit dem Licht in der Hand zurückkam. Sie befand sich in einem Zustand unaussprechlicher Bewunderung für Mrs. Bounderby, und weinte wie eine höchst seltsame Alte, »weil sie so ein liebes Wesen sei«. Zugleich war sie aber in solcher Angst, daß der Gegenstand ihrer Bewunderung zurückkehren oder sonst jemand kommen könnte, daß es mit ihrer Fröhlichkeit für heute abend vorbei war. Es war auch spät für Leute, die früh aufstanden und hart arbeiteten. Die Gesellschaft brach daher auf, und Stephen und Rachael begleiteten ihre rätselhafte Bekanntschaft bis an die Tür des Passagierhotels, wo sie sich von ihr verabschiedeten.

Sie gingen zusammen bis zur Ecke der Straße zurück, in der Rachael wohnte, und je näher sie dieser kamen, desto schweigender wurden sie. Als sie zu der dunklen Straßenecke gelangten, wo ihre seltenen Zusammenkünfte gewöhnlich endeten, hielten sie; noch immer schweigend, inne, als ob beide sich scheuten zu sprechen.

»Ich werde versuchen, dich noch einmal zu sehen, Rachael, bevor ich gehe, wo nicht aber –«

»Du wirst das nicht tun, Stephen, ich weiß es. Es ist besser, wir entschließen uns, offen gegeneinander zu sein.«

»Du hast immer recht. Es ist kühner und besser. Ich dachte daran, Rachael, daß es besser ist, wenn man dich nicht mit mir sieht, meine Liebe, da es doch nur einen oder zwei Tage dauern wird. Es könnte dir nur, ohne irgendeinen Nutzen, Unannehmlichkeiten verursachen.«

»Deshalb hätte ich nichts dagegen, Stephen. Aber du kennst unsere frühere Übereinkunft. Und das ist die Ursache.«

»Gut, gut«, sagte er. »Es ist besser so, wie es auch immer sei.«

»Du wirst mir schreiben, Stephen, und mir alles mitteilen, was vorfällt?«

»Ja. Was kann ich aber nun mehr sagen, als: Gott sei mit dir, Gott segne dich, Gott belohne dich und vergelte dir's!«

»Möge er auch dich segnen, Stephen, auf all deinen Wegen und dir endlich Frieden und Ruhe schenken!«

»Ich sagte dir, Liebste«, versetzte Stephen Blackpool, »an jenem Abend – daß ich nichts sagen oder denken wollte, was meinen Zorn reizte, ohne daß du zu meinem Besten im Geiste bei mir stehen würdest. Du stehst mir auch jetzt zur Seite. Du läßt es mich mit gelassenem Blick ansehen. Gott segne dich. Gute Nacht. Leb' wohl!«

Es war ein rascher Abschied auf der gewöhnlichen Straße, und doch blieb er für diese beiden gewöhnlichen Leute eine heilige Erinnerung. Ihr Staatsökonomen und Nützlichkeitstheoretiker, ihr Schulmeistergerippe, eleganten und abgenützten Ungläubigen, ihr Prediger so mancher armseligen Glaubensbekenntnisse, die Armen sind immer euch nahe! Pflegt in ihnen, während es noch Zeit ist, alle Gaben der Phantasie und des Herzens, um ihr Leben damit zu schmücken, das so sehr der Schönheit bedarf, oder die Wirklichkeit wird, in dem Augenblicke eures Triumphes – wo die Romantik aus ihrer Seele gänzlich verscheucht ist und sie kahler Existenz euch von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, einen wolfsartigen Charakter annehmen und euch ein Ende machen.

Stephen arbeitete den nächsten Tag und den folgenden, ohne von jemanden mit einem Wort erfreut zu werden. Er blieb wie früher in seinem Tun und Lassen von allen gemieden. Am Ende des zweiten Tages erblickte er Land, und am Ende des dritten stand sein Webstuhl leer.

An jedem der ersten zwei Abende hatte er länger als eine Stunde vor der Bank gewartet, aber nichts war vorgefallen, weder Gutes noch Schlimmes. Damit er jedoch nicht seinerseits nachlässig erscheine, entschloß er sich, in der dritten und letzten Nacht volle zwei Stunden zu warten.

Er sah die Dame, die einst den Haushalt von Mr. Bounderby besorgte, wie früher am Fenster des ersten Stockwerkes sitzen, und auch der Bürodiener befand sich dort, der zuweilen mit ihr sprach, zuweilen über das Firmenschild herabsah, wo »Bank« geschrieben stand, und zuweilen vor die Tür kam und sich auf die Stufen stellte, um frische Luft zu schöpfen. Als er zuerst herauskam, meinte Stephen, er suche ihn und ging nahe an ihm vorbei; der Bürodiener warf ihm aber nur einen blinzelnden Blick zu, sagte indessen nichts. Zwei Stunden wartend herumstreifen war nach der langen Tagesarbeit eine starke Anstrengung. Stephen setzte sich auf eine Haustürstufe, lehnte sich an die Mauer eines Schwibbogens, schlenderte hin und her, lauschte den Schlägen der Turmuhr, hielt inne und betrachtete die spielenden Kinder auf der Gasse. Es ist aber natürlich, daß jeder Wartende eine bestimmte Absicht hat, daß ein bloßer Faulenzer immer sonderbar aussieht und sich auch so fühlt. Als die erste Stunde um war, fing selbst Stephen an, von einem unbehaglichen Gefühl beschlichen zu werden, daß er für den Augenblick eine schimpfliche Rolle spiele.

Dann erschienen der Lampenanzünder und zwei sich verlängernde Lichtstreifen längs der ganzen Perspektive der Straße, bis sie sich in der Ferne vermengten und verloren. Mrs. Sparsit schloß das Fenster des ersten Stockwerkes, ließ die Jalousien herab und ging in das obere Stockwerk. Ein Licht folgte ihr gleich nach, indem es auf seinem Weg nach oben zuerst an dem fächerartigen Türfenster und an den beiden Treppenfenstern vorüberschwebte. Bald darauf geriet eine Ecke der Jalousie im zweiten Stockwerk in Bewegung, als ob Mrs. Sparsits Blick sich dahinter befände; ebenso die zweite Ecke, als ob das Auge des Bürodieners an dieser Stelle wäre. Dennoch erhielt Stephen keine Mitteilung. Um vieles erleichtert, als die zwei Stunden endlich vorüber waren, ging er, um die verlorene Zeit wieder einzuholen, raschen Schrittes nach Hause.

Er hatte nur noch von der Hauswirtin Abschied zu nehmen und sich dann auf das improvisierte Lager auf dem Boden niederzulegen; denn sein Bündel war für den folgenden Tag schon geschnürt und alles für seine Abreise vorbereitet. Er beabsichtigte, die Stadt frühzeitig zu verlassen – noch ehe die »Hände« sich in den Straßen zeigten.

Es war kaum Tagesanbruch, als er das Zimmer verließ, nachdem er einen Abschiedsblick um sich geworfen und traurig darüber nachdachte, ob er es je wiedersehen werde. Die Stadt lag so öde da, als ob deren Einwohner sie lieber verlassen hätten, als mit ihm Gemeinschaft zu pflegen. Alles hatte einen blaßtrüben Anstrich um diese Stunde. Selbst die aufgehende Sonne erschien blaß und öde am Himmel – wie ein trübes Meer.

Vorbei an dem Hause, wo Rachael wohnte, obgleich es nicht in seiner Wegrichtung lag – durch die ziegelroten Straßen – vorbei an den großen stillen Fabriken, die noch nicht erzitterten – vorbei an der Eisenbahn, wo die Signallichter in dem heller werdenden Tag erblichen – vorbei an der unordentlichen Umgebung der Eisenbahn, die halb niedergerissen und halb wieder aufgebaut war – vorbei an den zerstreuten, ziegelroten Landhäusern, wo das rauchgeschwärzte Immergrün mit schmutzigem Staub gesprenkelt war, gleich unsauberen Schnupfern – vorbei an kohlenbestaubten Wegen und einem großen Durcheinander von häßlichen Dingen – gelangte Stephen auf die Spitze eines Hügels, von wo aus er zurücksah.

Die Sonne ergoß ihren hellen Schimmer über die Stadt, und die Glocken läuteten zur Morgenarbeit. Noch brannte kein Herdfeuer, und den hohen Schornsteinen gehörte noch der Himmel, den sie bald genug bedeckten, wenn sie ihre giftigen Massen emporbliesen. Für eine halbe Stunde jedoch erglänzten die Fenster von manchen Häusern golden, Fenster, die den Coketownern durch rauchgeschwärztes Glas eine ständig verfinsterte Sonne zeigten.

Es ist so sonderbar, von den Kaminen zu den Vögeln zu gelangen – so sonderbar, den Straßenstaub anstatt der Kohlenschlacken unter den Füßen zu haben – so sonderbar, solange schon gelebt zu haben und doch an diesem Sommermorgen wie ein Schulknabe wieder zu beginnen! Mit diesen Betrachtungen im Kopf und mit dem Bündel unter dem Arm, wandte Stephen sein gedankenvolles Gesicht längs der Landstraße. Und die Bäume wölbten sich über ihm und flüsterten ihm zu, daß er ein treues, liebevolles Herz zurückgelassen.


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