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Schwere Zeiten

Charles Dickens: Schwere Zeiten - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleSchwere Zeiten
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071106
modified20180816
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Neunzehntes Kapitel.

Es war sehr merkwürdig, daß ein junger Mann, der nach einem konsequenten System unnatürlichen Zwanges erzogen worden, ein Heuchler geworden sein sollte; und doch war das unzweifelhaft bei Tom der Fall. Es war höchst sonderbar, daß ein junger Mann, der sich seiner eigenen Leitung nie auf fünf Minuten hintereinander überlassen war, unfähig sein sollte, sich selbst zu beherrschen. Aber so erging es Tom. Es war ganz und gar unerklärbar, daß ein junger Mann, dessen Phantasie schon in der Wiege erdrosselt worden, dennoch von ihrem Gespenste in der Form grob sinnlicher Leidenschaften heimgesucht werden sollte; aber ein solcher Mensch war ohne Zweifel Tom.

»Rauchen Sie?« fragte Mr. James Harthouse, als sie nach dem Hotel kamen.

»Das will ich meinen!« sagte Tom.

Er konnte nichts weniger tun, als Tom zu sich einladen, und Tom konnte nichts weniger tun, als diese Einladung annehmen. Teils durch ein kühles Getränk, das der Witterung angemessen aber nicht so schwach wie kühl war, und teils durch einen selteneren Tabak, als er in jenem Orte zu haben war, befand sich Tom bald in einem höchst freien und behaglichen Zustand an dem einen Ende des Sofas, und mehr als je geneigt, seinen neuen Freund am andern Ende zu bewundern.

Tom blies, nachdem er eine kleine Weile geraucht hatte, den Rauch beiseite und unterwarf seinen Freund einer genaueren Betrachtung. »Er scheint sich um seine Toilette nicht zu kümmern«, dachte Tom, »und doch, wie famos hat er sie aufgemacht. Was für ein eleganter Knabe er ist!«

Mr. James Harthouse, der Toms Blick zufällig auffing, bemerkte, daß er gar nichts trinke und füllte dessen Glas mit seiner eigenen lässigen Hand.

»Danke«, sagte Tom, »danke. Nun, ich hoffe, Mr. Harthouse, Sie haben heute Abend eine gehörige Dosis vom alten Bounderby genossen.« Tom sagte das, indem er ein Auge wieder schloß, und warf einen schlauen Blick über sein Glas nach seinem Gesellschafter.

»Ein sehr tüchtiger Mann, wahrhaftig«, versetzte Mr. Harthouse.

»Das ist Ihre Meinung, nicht wahr?« fragte Tom und kniff wieder das Auge zusammen.

Mr. James Harthouse lächelte. Er lehnte sich an das Kamingesims, rauchte und stand vor dem leeren Feuerplatze Tom gegenüber, so daß er auf diesen herabblickte. Dann bemerkte er: »Was für ein komischer Schwager Sie sind!«

»Ich glaube. Sie meinen wohl, was für ein komischer Schwager der alte Bounderby ist!«

»Sie sind boshaft, Tom«, warf Mr. James Harthouse ein.

Es lag so etwas Angenehmes darin, mit einer solchen Weste so intim zu sein, von einer solchen Stimme Tom genannt zu werden – und mit einem solchen Schnurrbart in so kurzer Zeit auf einem so vertrauten Fuße zu stehen, daß Tom mit sich selbst sehr zufrieden war.

»Oh, kümmern Sie sich nicht um die Bezeichnung des alten Bounderby«, sagte er, »wenn Sie das meinen. Ich habe ihn immer den alten Bounderby genannt, wenn ich von ihm sprach oder an ihn dachte. Ich werde jetzt des alten Bounderby wegen nicht anfangen, höflich zu werden. Das wäre etwas zu spät am Tage.«

»An mich brauchen Sie sich nicht zu kehren«, entgegnete James, »aber Sie sollen sich in Gegenwart seiner Frau in acht nehmen.«

»Seiner Frau?« rief Tom. »Meiner Schwester Lu? O, freilich!« Er lachte und nahm einen Schluck von dem kühlenden Getränk.

James Harthouse verharrte weiter in derselben lässigen Stellung auf dem gleichen Platze, rauchte die Zigarre in seiner eigenen leichten Manier und sah den Bengel vergnügt an, als ob er sich als eine Art angenehmen Dämon betrachtete, der nur über ihn zu schweben brauche, um ihm nötigenfalls seine ganze Seele aufzureißen. Es schien wirklich, als ob sich der Bengel seinem Einfluß füge. Er betrachtete seinen Gesellschafter schlau, er betrachtete ihn verwundernd, er betrachtete ihn dreist und legte ein Bein auf das Sofa.

»Meine Schwester Lu?« sagte Tom. »Sie kümmerte sich nie um den alten Bounderby.«

»Das ist die vergangene Zeit, Tom«, versetzte Mr. James Harthouse, indem er die Asche der Zigarre mit dem kleinen Finger abstreifte. »Jetzt befinden wir uns aber in der gegenwärtigen Zeit.«

»Rückbezügliches Zeitwort: sich nicht kümmern. Anzeigende Art: Präsens. Erste Person, Singular: Ich kümmere mich nicht. Zweite Person, Singular: Du kümmerst dich nicht. Dritte Person, Singular: Sie kümmert sich nicht«, erwiderte Tom.

»Gut. Sehr geistreich«, sagte sein Freund, »obgleich Sie nicht dieser Meinung sind.«

»Aber es ist meine Meinung«, rief Tom. Bei meiner Ehre! Wie, Sie wollen mir doch nicht sagen, daß Sie wirklich annehmen, meine Schwester Lu kümmere sich um den alten Bounderby?«

»Lieber Junge«, versetzte der andere, »was soll ich denn denken, wenn ich sehe, daß ein Ehepaar in Glück und Frieden zusammen lebt?«

Tom hatte mittlerweile beide Beine auf das Sofa gelegt. Wenn sein zweites Bein sich nicht schon daselbst befunden hätte, als er »lieber Junge« genannt worden, so würde er es bei diesem erhebenden Abschnitt des Gespräches emporgezogen haben. Da er jedoch alsdann fühlte, daß er etwas tun müsse, streckte er sich noch besser aus, und während er sich mit der Rückseite des Kopfes an das Ende des Sofas lehnte und eine unendlich lässige Manier im Rauchen annahm, wandte er sich mit seinem gemeinen Gesicht und seinen nicht zu nüchternen Augen gegen das Gesicht, das auf ihn so nachlässig und doch so mächtig herabblickte.

»Sie kennen unsern alten Herrn, Mr. Harthouse«, sagte Tom, »und brauchen daher nicht überrascht zu sein, daß Lu den alten Bounderby geheiratet. Sie hatte nie einen Liebhaber, und unser alter Herr schlug den alten Bounderby vor, und sie nahm ihn.«

»Das ist außerordentlich gehorsam von Ihrer interessanten Schwester«, sagte Mr. James Harthouse.

»Ja, aber sie würde nicht so gehorsam gewesen sein und die Sache wäre nicht so leicht zustande gekommen«, versetzte der Bengel, »wenn es nicht meinetwegen geschehen wäre.«

Der Besucher zog bloß seine Augenbrauen in die Höhe; aber der Bengel sah sich genötigt fortzufahren.

»Ich beredete sie«, sagte er mit einer erbaulichen Überlegenheitsmiene. »Ich ward in die Bank des alten Bounderby gepflanzt (wo ich nie sein mochte), und ich wußte, daß ich daselbst in die Klemme geraten würde, wenn sie dem alten Bounderby einen Korb gäbe. Ich teilte ihr daher meine Wünsche mit und sie erfüllte sie. Sie würde alles mögliche für mich tun. Das war sehr spaßhaft von ihr, nicht wahr?«

»Es war charmant, Tom.«

»Nicht, daß es ganz und gar so wichtig für sie war, als für mich«, fuhr Tom gleichmütig fort, »denn meine Freiheit und meine Behaglichkeit und vielleicht gar mein Weiterkommen hingen davon ab, und sie hatte keinen Liebhaber. Zu Hause bleiben war wie im Gefängnis sein – besonders wenn ich fort war. Es war nicht dies, daß sie einen andern Liebhaber für den alten Bounderby aufgab. Es war aber immerhin hübsch von ihr.«

»Ganz herrlich. Und sie erträgt es so gelassen.«

»Oh«, versetzte Tom mit verächtlicher Schutzherrnmiene. »Sie ist ein richtiges Mädel. So ein Mädel kann überall fortkommen. Sie hat sich fürs Leben gebunden und ihr ist's einerlei. Dieses Leben behagt ihr ebensogut wie jedes andere. Außerdem, obwohl Lu ein Mädel ist, so ist sie doch kein gewöhnliches Mädel. Sie kann sich in sich selbst verschließen und nachdenken – wie ich sie oft sitzen und das Feuer betrachten sah – eine volle Stunde.«

»Wirklich, wirklich? Sie findet Trost und Stärkung bei sich selber?« fragte Mr. Harthouse, ruhig fortrauchend.

»Nicht so viel wie Sie vermuten mögen«, entgegnete Tom, »denn unser alter Herr hat sie mit allerhand dürren Knochen und Sägespänen vollgepfropft. Das ist so sein System.«

»Formte seine Tochter nach seinem eigenen Modell?« erläuterte Harthouse.

»Seine Tochter? Ach, und alle Welt sonst. Nun, er modellierte auch mich auf diese Weise«, sagte Tom.

»Unmöglich!«

»Doch, er tat es«, sagte Tom, kopfschüttelnd. »Glauben Sie mir, daß, als ich zuerst das väterliche Haus verließ und zu dem alten Bounderby kam, war ich so flach wie eine Bettflasche und wußte nicht mehr als eine Auster vom Leben.«

»Gehen Sie, Tom. Das kann ich gar nicht glauben. Sie scherzen.«

»Bei meiner Seele«, sagte der Bengel. »Ich rede ernsthaft, wirklich ernsthaft.« Er rauchte eine Weile mit großer Würde und Gelassenheit. Dann fügte er in äußerst gefälligem Ton hinzu: »aber ich habe seitdem was gelernt. Das bestreite ich nicht. Doch ich tat es allein und habe dem Herrn Papa nichts dafür zu danken.«

»Und Ihre intelligente Schwester?«

»Meine intelligente Schwester ist ungefähr noch auf demselben Standpunkt, wo sie früher stand. Sie pflegte sich zu beklagen, daß ihr dergleichen Vergnügungen mangeln, wie Mädchen sie gewöhnlich haben, und ich weiß wirklich nicht, wie sie darüber hinauskommen konnte. Aber ihr ists einerlei«, fügte er scharfsinnig hinzu, die Zigarre abklopfend. »Mädchen können überall auf irgendeine Weise ausdauern.«

»Als ich gestern abend in der Bank nach Mr. Bounderbys Adresse fragte, fand ich daselbst eine altmodische Dame, die viel Bewunderung für Ihre Schwester zu hegen scheint«, bemerkte Mr. James Harthouse und warf den letzten Rest der Zigarre fort, die er jetzt aufgeraucht hatte.

»Mutter Sparsit?« fragte Tom. »Was! Sie haben sie also schon gesehen?«

Sein Freund nickte bejahend. Tom nahm die Zigarre aus dem Mund, um das Auge (das ganz unlenksam geworden war) mit mehr Ausdruck zusammenzukneifen und mit dem Finger mehrere Male hintereinander sich auf die Nase klopfen zu können.

»Mutter Sparsits Gefühl für Lu ist, ich sollte meinen, mehr als Bewunderung«, sagte Tom. »Sagen Sie lieber Wohlwollen und Ergebung. Mutter Sparsit hatte nie nach Bounderby geangelt, als er noch Junggeselle war. Oh, nein!«

Die letzten Worte wurden von dem Bengel ausgesprochen, ehe ihn noch eine schwindlige Schläfrigkeit überfiel, der vollständige Vergessenheit nachfolgte. Aus diesem Zustand ward er durch den unangenehmen Traum geweckt, vermittels eines Stiefels aufgeschreckt zu werden, während eine Stimme rief: »Auf! Es ist spät! Wir müssen fort!«

»Gut«, sagte er, indem er von dem Sofa herunterkrabbelte. »Ich muß doch Abschied von Ihnen nehmen. Ich glaub's. Ihr Tabak ist sehr gut. Nur zu schwach ist er.«

»Ja, er ist zu schwach«, versetzte sein Gesellschafter.

»Er ist – ist lächerlich schwach«, sagte Tom. »Wo ist die Tür? Gute Nacht!«

Er hatte einen zweiten seltsamen Traum, von einem Kellner durch einen Nebel geführt zu werden, der, nachdem er ihm Mühe und Schwierigkeit in den Weg gelegt, sich in die Hauptstraße verwandelte, in der er jetzt allein stand. Er ging dann ziemlich leicht nach Hause, obwohl nicht ganz frei von dem Eindruck der Gegenwart und dem Einflusse seines neuen Freundes – als ob er noch in derselben nachlässigen Stellung irgendwo in der Luft lehnte, ihn mit demselben Blick betrachtend.

Der Bengel ging nach Hause und legte sich schlafen. Wenn er irgendein Gefühl davon gehabt hätte, was er in jener Nacht angerichtet, und weniger Bengel und mehr Bruder gewesen wäre, so würde er sich plötzlich auf der Straße umgewandt haben, wäre zu dem übelriechenden Flusse, der schwarz gefärbt war, hinabgegangen, hätte sich daselbst für immer schlafen gelegt, und hätte sich den Kopf für alle Zeiten mit des Flusses schmutzigen Wellen bedeckt.


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