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Schwere Zeiten

Charles Dickens: Schwere Zeiten - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleSchwere Zeiten
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071106
modified20180816
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Vierzehntes Kapitel.

Die Zeit bewegte sich in Coketown wie dessen Maschinen: so viel Stoff verarbeitet, so viel Brennmaterial verbraucht, so viele Kräfte abgenützt und so viel Geld gemacht. Aber weniger unerbittlich als Eisen, Stahl und Messing machte sie ihre veränderlichen Jahreszeiten selbst in dieser Wildnis von Rauch und Ziegelsteinen geltend und brachte die einzige Abwechslung hervor, die jemals in der schrecklichen Einförmigkeit dieses Ortes stattgefunden.

»Luise«, sagte Mr. Gradgrind, »ist beinahe zur Jungfrau gereift.«

Die Zeit mit ihrer unzählbaren Pferdekraft arbeitete fort, unbekümmert darum, was jemand sagen mochte, und stellte den jungen Thomas jetzt um einen Fuß höher hin als damals, wo sein Vater zum letztenmal besondere Notiz von ihm genommen.

»Thomas«, sagte Mr. Gradgrind, »ist beinahe zum jungen Mann gereift.«

Die Zeit brachte unterdessen Thomas in dem Mühlwerke vorwärts, während sein Vater noch darüber nachdachte; und da stand er nun in einem langen Rock mit Schößen und in einem steifen Hemdkragen.

»Wahrhaftig«, sagte Mr. Gradgrind, »die Zeit ist nun da, wo Thomas zu Mr. Bounderby gehen sollte.«

Die Zeit hatte Thomas fest in ihrer Gewalt und versetzte ihn in Mr. Bounderbys Bank; sie machte ihn zu Mr. Bounderbys Hausgenossen, machte den Ankauf des ersten Rasiermessers für ihn erforderlich und übte ihn fleißig in seinen Berechnungen in bezug auf Nummer eins. Derselbe große Fabrikant, fortwährend mit einer unermeßlichen Mannigfaltigkeit von Arbeit in jedem Entwicklungszustande beschäftigt, brachte auch Cili in seinem Mühlwerke vorwärts und arbeitete sie wirklich zu einem ganz hübschen Artikel heraus.

»Ich befürchte, Jupe«, sagte Mr. Gradgrind, »daß dein ferneres Verbleiben in der Schule keinen Zweck mehr hat.«

»Ich befürchte das ebenfalls, Sir«, antwortete Cili mit einem Knix.

»Ich kann es dir nicht verbergen, Jupe«, sagte Mr. Gradgrind mit Stirnrunzeln, »daß ich mich in dem Resultat deiner Probezeit hier getäuscht sehe, sehr getäuscht sehe. Du hast unter Mr. und Mrs. M'Choakumchild bei weitem nicht den Grad von exaktem Wissen erlangt, den ich erwartete. Du bist äußerst unvollkommen in deinen Tatsachen. Deine Bekanntschaft mit Zahlen ist sehr beschränkt, du bist arg zurückgeblieben und weit vom Ziele.«

»Es tut mir leid, Sir«, antwortete sie, »aber ich weiß, es ist vollkommen richtig. Und doch habe ich mir große Mühe gegeben, Sir.«

»Ja«, sagte Mr. Gradgrind, »ich glaube, daß du dir große Mühe gegeben; ich habe dich beobachtet und finde in dieser Hinsicht nichts zu tadeln.«

»Ich danke, Sir. Manchmal dachte ich«, Cili sprach hier äußerst furchtsam, »daß ich mich vielleicht bemühte, zu viel zu lernen und daß, wenn ich um Erlaubnis gebeten hätte, ein bißchen weniger zu versuchen – dann dürfte ich wohl –«

»Nein, Jupe, nein«, sagte Mr. Gradgrind, das Haupt in seiner vollkommensten und höchst ausgezeichnet praktischen Weise schüttelnd. »Nein, den Weg, den du verfolgtest, hast du nach dem System verfolgt – nach dem System – und dazu läßt sich überhaupt weiter nichts bemerken. Ich kann bloß der Vermutung Raum geben, daß die Verhältnisse deines früheren Lebens für die Entwicklung deines Verstandes zu ungünstig waren, und daß wir zu spät angefangen haben. Jedenfalls bin ich in meinen Erwartungen getäuscht worden.«

»Ich wollte, ich wäre imstande gewesen, meine Dankbarkeit, mein Herr, besser zu bezeugen! Ihnen zu danken für Ihre Güte gegen ein armes, verlassenes Mädchen, das auf solcherlei keinen Anspruch hatte und für Ihren Schutz, den Sie mir gewährten.«

»Nun, weine bloß nicht«, sagte Mr. Gradgrind, »weine nicht. Ich beklage mich nicht über dich. Du bist ein liebevolles, ernstes, gutes Mädchen und – wir müssen uns damit zufrieden geben.«

»Danke, Sir, danke Ihnen sehr«, sagte Cili mit einem dankbaren Knix.

»Du bist für Mrs. Gradgrind von Nutzen, und im allgemeinen bist du auch der Familie dienlich gewesen. So sagte mir Luise, und ich habe es in der Tat selbst gemerkt. Ich hoffe daher«, sagte Mr. Gradgrind, »daß du dich in diesem Verhältnis wohl befindest.«

»Mir würde nichts zu wünschen übrig bleiben, Sir, wenn –«

»Ich verstehe, was du meinst«, sagte Mr. Gradgrind, »du kommst immer wieder auf deinen Vater zurück. Ich hörte von Miß Luise, daß du jene Flasche noch immer aufbewahrst. Gut! Wenn deine Erziehung, in der Wissenschaft zu exakten Resultaten zu gelangen, erfolgreicher gewesen wäre, so würdest du in diesem Punkte vernünftiger gewesen sein. Ich will nichts mehr darüber sagen.«

Er hatte in der Tat Cili zu lieb, um sie geringzuschätzen. Im übrigen aber hatte er von ihren rechnerischen Fähigkeiten eine so geringe Meinung, daß er zu einem solchen Urteil kommen mußte. Auf die eine oder andere Weise faßte er die Idee, daß in diesem Mädchen ein Etwas vorhanden sei, das kaum durch tabellarische Formeln errechnet werden könnte. Ihre Definitionsfähigkeit konnte mit einer niedrigen Zahl, ihre mathematische Begabung mit Null bezeichnet werden. Trotzdem war er nicht gewiß, ob er imstande gewesen wäre, sie vollständig zu zensieren, wenn man an ihn die Forderung gestellt hätte, sie in einem Parlamentsberichte genau auseinanderzusetzen.

Der Prozeß der Zeit geht bei manchen Stufen der Produktion in der menschlichen Fabrik äußerst rasch vor sich. Der kleine Thomas und Cili, die sich eben auf dieser Stufe ihrer Ausbildung befanden, erlebten diese Veränderungen in einem oder zwei Jahren – während Mr. Gradgrind selbst in seiner Laufbahn stehen blieb und keine Veränderung erlitt.

Mit Ausnahme von einer einzigen, die nicht zu seinem notwendigen Prozesse in dem Mühlwerk gehörte.

Die Zeit drängte ihn in eine geräuschvolle und ziemlich schmutzige Maschine, in einen Winkel, und machte ihn zum Parlamentsmitglied für Coketown – zu einem der geachteten Mitglieder für Maß und Gewicht – zu einem der Repräsentanten für die Multiplikationstafel – zu einem der für alles übrige tauben ehrenwerten Gentlemen, blind ehrenwerten Gentlemen, krumm ehrenwerten Gentlemen, tot ehrenwerten Gentlemen. Wozu lebten wir denn sonst in einem christlichen Lande, achtzehnhundert und so und so viel Jahre nach unserem Heiland!

Während dieser ganzen Zeit entwickelte sich Luise so still und verschlossen und hatte sich sehr der Beobachtung der funkensprühenden Asche ergeben, wie sie in der Dämmerung in den Kaminrost hinunterfiel und erlosch, daß sie von der Zeit, wo ihr Vater gesagt hatte, sie reife beinahe zur Jungfrau heran – was erst wie gestern schien – kaum seine Aufmerksamkeit wieder erregt hatte. Nun sah er sie auf einmal wirklich als vollendete Jungfrau vor sich.

»Eine ganze Jungfrau!« sagte Mr. Gradgrind nachsinnend. »Du lieber Himmel!«

Bald nach dieser Entdeckung ward er mehrere Tage hindurch nachdenklicher als gewöhnlich und schien von einem Gegenstande vollständig eingenommen zu sein. Eines Abends, als er eben im Begriffe war auszugehen und Luise vor seinem Weggehen gute Nacht sagen wollte – da er erst spät nach Hause kommen wollte und sie ihn nicht bis zum nächsten Morgen sehen würde –, hielt er sie in den Armen, beobachtete sie in seiner wohlwollendsten Weise und sagte:

»Meine liebe Luise, du bist eine Jungfrau.«

Sie antwortete mit dem alten, flüchtigen und forschenden Blick von jenem Abend, wo sie beim Zirkus getroffen ward; dann schlug sie die Augen nieder. »Ja, mein Vater.«

»Meine Liebe«, sagte Mr. Gradgrind, »ich muß mit dir allein und ernsthaft sprechen. Morgen nach dem Frühstück komm zu mir auf mein Zimmer. Willst du?«

»Ja, mein Vater.«

»Deine Hände sind ja so kalt, Luise. Bist du unwohl?«

»Ganz wohl, mein Vater.«

»Und frohen Muts?«

Sie blickte ihn abermals an und lachte in ihrer eigentümlichen Weise. »Ich bin so frohen Mutes, mein Vater, wie ich es gewöhnlich bin und wie ich es gewöhnlich gewesen bin.«

»Das ist recht«, sagte Mr. Gradgrind, damit küßte er sie und ging fort.

Luise kehrte zu dem heiteren Gemach, das wie eine Friseurstube aussah, zurück und sann, indem sie den Ellbogen auf die Hand lehnte, den versprühenden Funken nach, die sich so rasch in Asche verwandelten.

»Bist du hier, Lu?« fragte ihr Bruder, indem er zur Tür hereinguckte. Er war nun ganz ein junger Herr nach der Mode, aber nicht ein ganz einnehmender.

»Lieber Tom«, antwortete sie, sich erhebend und ihn umarmend, »wie lange ist es her, seit du mich nicht gesehen hast!«

»Nun, ich bin in den Abenden anderweitig beschäftigt gewesen, Lu, und während des Tages werde ich von dem alten Bounderby ziemlich streng gehalten. Aber ich ziehe ihn mit dir auf, wenn er mir zu arg kommt, und so bewahren wir ein gutes Einvernehmen. Hör mal! Hat Vater dir heute oder gestern etwas Besonderes mitgeteilt, Lu?«

»Nein, Tom. Aber er sagte mir heute abend, daß er es morgen tun wolle.«

»Ah, das meine ich«, sagte Tom, und mit einem bedeutungsvollen Ausdruck: »Weißt du, wo er heute abend ist?«

»Nein.«

»Dann will ichs dir sagen. Er ist beim alten Bounderby. Sie plaudern regelmäßig zusammen, oben in der Bank. Warum in der Bank, fragst du? Nun, ich will dir auch das sagen. Um Mrs. Sparsits Ohren so fern wie möglich zu halten, glaube ich.«

Die Hand auf die Schulter ihres Bruders legend, stand Luise noch immer da und betrachtete das Feuer. Ihr Bruder sah ihr mit mehr Teilnahme als gewöhnlich ins Gesicht. Er legte seinen Arm um sie und zog sie freundlich an sich.

»Du hast mich recht lieb, Lu, nicht wahr?«

»Das ist wirklich der Fall, obgleich du eine so geraume Zeit dahingehen lassen konntest, ohne mich zu besuchen.«

»Nun gut, meine liebe Schwester«, sagte Tom, »wenn du so sprichst, so kommst du meinen Gedanken nahe. Wir könnten um so viel öfter beisammen sein – nicht wahr? Beinahe immer beisammen – nicht wahr? Es würde für mich von großem Nutzen sein, wenn du dich, ich weiß recht wohl zu was, entschließen würdest, Lu. Das wär was Herrliches für mich. Das wäre ganz prachtvoll.«

Ihre Nachdenklichkeit vereitelte all sein schlaues Forschen. Er konnte aus ihrem Gesicht nichts herauslesen. Er umarmte sie und küßte sie auf die Wangen. Sie erwiderte den Kuß, blickte aber immer ins Feuer.

»Hör mal, Lu! Ich dachte, es sei gut, hierher zu kommen und dir eben einen Wink zu geben von dem, was vorgeht. Ich nahm allerdings an, daß du es wahrscheinlich erraten würdest, selbst wenn du es nicht weißt. Ich kann nicht bleiben, weil ich heute abend mit einigen Kameraden zusammenkomme. Du wirst doch nicht vergessen, wie lieb du mich hast?«

»Nein, lieber Tom, ich werde es nicht vergessen.«

»Du bist ein famoses Mädchen«, sagte Tom.

Sie wünschte ihm herzlich gute Nacht und begleitete ihn bis zur Tür, von wo man die Lichter von Coketown sehen konnte, was der Entfernung einen dunklen Anstrich gab. Sie stand da, blickte diese unverwandt an und horchte auf seine davoneilenden Schritte. Sie waren rasch, als wären sie froh, sich von Stone Lodge zu entfernen – sie aber stand noch immer da, als er bereits fort und alles ruhig war.

Es schien als ob sie – zuerst aus dem Feuer an ihrem eigenen Herd und dann aus dem dichten, feurigen Nebel von draußen – herauszugrübeln versuchte, was für ein Gewebe der alte Zeitengott, dieser größte und von allen am längsten etablierte Weber, aus den Fäden weben würde, die er bereits für ein Frauengemüt gesponnen. Aber seine Faktorei ist ein geheimnisvoller Ort, sein Arbeiten geräuschlos und seine »Hände« sind stumm.


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