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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band. - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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8. Florian verspielt sich und gewinnt die Kreszenz.

Plötzlich blieb Florian stehen, ein Tisch mit Würfeln stand vor ihm, er ging vorbei und betrachtete sich die Pfeifen an der nächsten Bude; bald aber kehrte er wieder um und stellte sich an den Tisch mit dem Vorsatze, nur den andern zuzusehen, wie sie spielten. Einer war besonders glücklich auf Nr. 8. Florian langte in die Tasche und setzte auf die gleiche Nummer drei Kreuzer, er verlor. Schnell setzte er abermals, er verlor wieder. Er kneifte sich auf die Lippen, daß ihm das Blut in den Mund rann: schnell aber sah er sich lächelnd um, damit niemand es merke. Er setzte abermals und verlor bis auf sechs Kreuzer. Er spürte es in den Knieen, wie alle Kraft daraus wich, seine Eingeweide kochten; mit zitternder, fieberheißer Hand warf er seinen letzten Sechser hin und schaute nach der andern Seite, er gewann sein ganzes Geld wieder. Schnell raffte er es ein und dachte innerlich: »So, jetzt hast du mich gesehen, hab' ich doch mein Sach wieder;« dennoch blieb er stehen, es war,. als ob er festgebannt wäre, auch wollte er den Schein vermeiden, so schnell mit seinem Wiedererworbenen davon zu gehen.

Wiederum dachte er: »Ich muß doch dem Schlunkel das Geld wieder geben und woher nehmen? Einen Sechser will ich wagen, das andre Geld thu' ich in die rechte Tasch', da herein greif' ich gar nicht.«

Er setzte, und nach einer Weile griff er doch in die rechte Tasche und wankte endlich ganz ausgebeutelt vom Tische fort.

Mit einer Wehmut und Selbstanklage ohnegleichen lief er nun auf dem Markte umher; da waren tausenderlei Sachen ausgestellt, die für Geld zu haben waren, er aber konnte nach keiner seine Hand ausstrecken.

Ein furchtbarer Fluch gegen die Welt trat zuerst über seine Lippen, er wünschte sich, daß er alles zu unterst zu oberst kehren könnte.

Wenn man so darüber nachdenkt, möchte man fragen: Ei, warum wettert und flucht denn so ein Mensch wie der Florian? Die Welt hat ihm nichts gethan, er ist selber schuld an seinem Unglück.

Aber die meisten Menschen denken eben nichts, sowohl die leichtfertigen, welche Handschuhe anhaben, als die, welche keine anhaben; wenn's ihnen schlecht geht, sind sie eben grimmig.

Nur ein Trost blieb Florian: er gelobte sich, in seinem Leben keinen Würfel mehr anzurühren.

»Freilich,« sagte er sich wieder, »du hast jetzt gut schwören; wenn die Kuh draußen ist, macht man den Stall zu.« Dennoch fand er einen Trost in diesem Vorsatze.

Da begegnete ihm sein Vater, er sah fröhlich aus; Florian eilte auf ihn zu und sagte: »Vater, habt Ihr kein Geld?«

»Ich hab' da drei Sechsbätzner bei einem Ochsenhandel verdient, guck.«

»Gebt mir zwei davon.«

Noch ehe der alte Metzgerle ja oder nein sagen konnte, war Florian mit dem Gelde im Gedränge verschwunden.

Wohlgemut ging er nun zwischen den Buden einher, er war von dem sichern Bewußtsein des Besitzes getragen und plauderte bald mit diesem, bald mit jenem. Die Spieltische würdigte er kaum mehr eines Blickes.

Bald aber dachte er wieder: »Du hast dein' Sach' blitzdumm angefangen, bist 'rumtappt von einer Nummer auf die andre; da hat's nicht fehlen können, du hast dein Geld verlieren müssen. Soll ich's denn dem Krattenmachergesindel lassen? Ja, du hast ja geschworen, keinen Würfel mehr anzurühren. Ich halt' meinen Schwur, ich geh' dort an den Tisch, wo der Spielhalter den Würfel durch die Schlang' rollen läßt, da rühr' ich nichts an.«

Er ging abermals an einen Tisch und spielte zuerst wie die andern um Kreuzer. Er spielte erst überlegt und wich nicht von seinem Plane, behielt die Nummern im Auge, die oft herausgekommen waren, und setzte auf die andern. So spielte er eine Weile, ohne etwas zu gewinnen oder zu verlieren. Nun ward ihm dies langweilig, er setzte höher und auf mehrere Nummern und gewann; er winkte noch andre Bekannte herbei, sie sollten mitthun.

Bald aber wendete sich das Glück, und Florian verlor. Jetzt taumelte er auf dem Brette umher, fuhr unschlüssig mit dem Gelde über alle Zahlen und setzte endlich, rückte aber noch, ehe der Wurf geschah, oft wieder weg. Wenn es sich dann ereignete, daß gerade die verlassene Nummer gewann, lachte er laut auf. Das Glück ward ihm immer ungünstiger; er blieb nun wieder wie von Anfang auf bestimmten Nummern. Endlich hatte er wieder den letzten Groschen in der Hand und setzte ihn mit solchem Nachdrucke auf den Tisch, daß alles wankte – abermals verloren.

Florian sah still drein, er atmete kaum hörbar, aber in seinem Innern stürmte und tobte es gewaltig; er blieb noch eine Zeitlang am Tische stehen, um seinen Bekannten nicht zu verraten, daß er kein Geld mehr habe, und schlich sich endlich leise fort. Jetzt fluchte und gelobte er nicht mehr, kein guter und kein böser Vorsatz stieg in ihm mehr auf; er ging umher wie ein Körper ohne Seele, ohne Gedanken und Willen, dumpf, ausgebrannt und hohl.

Die Musik, die jetzt zum Ohre Florians drang, erweckte ihn erst wieder zum Leben, er stand vor dem Wirtshaus zur Rose. Unter der Hausthüre stand der Franzosensimpel, der auf einen Freihalter wartete. » Drenta marioin!« rief er Florian entgegen, das Zeichen des Trinkens machend, Florian aber schob ihn beiseite und ging hinauf zum Tanze.

Von allen Seiten wurde es ihm zugebracht, er nippte nur am Glase und wollte es wieder hinstellen. »Es ist in guter Hand,« rief man ihm zu, was so viel hieß, als: du mußt austrinken. »Hinten hoch! sagen sie drunten am Rhein,« erwiderte dann Florian, auf einen Zug das Glas über dem Kopfe leerend.

Durch diese oft wiederholte Ladung fühlte er wieder neues Leben in sich, die verschiedenen Weine regten ihn auf, und er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Endlich sah er den Peter, der auf ihn zukommend sagte: »Hast du die Kreszenz gesehen? Drüben im Ritter sitzt sie bei dem Geometer.«

Florian leerte schnell noch das Glas seines Freundes und eilte fort. Er freute sich, nun doch etwas zu haben, an dem er seinen Grimm auslassen konnte; er wollte ein Verbrecher sein, sich und alles zu Grunde richten.

Auf Nebenwegen, an der alten Apotheke vorbei, wo kein Marktgedränge war, eilte Florian zum Ritter; er rannte die Staffeln hinan und nahm immer drei auf einmal.

Wenn nur die Menschen zum Guten auch so rennten wie zum Bösen! Wie oft gehen sie durch Wind und Wetter, über Stock und Stein ihren niederen Gelüsten nach; gilt es aber, die Pflicht oder sonst etwas Gutes zu thun, ist ihnen jedes Windchen zu rauh und jedes Steinchen eine unübersteigliche Mauer.

Tief atmend kam Florian im Ritter an.

Als Kreszenz ihn sah, eilte sie freudestrahlend auf ihn zu, faßte mit beiden Händen seine zitternde Rechte und sagte:

»Gott Lob und Dank, daß ich dich wieder hab', jetzt bin ich wieder ganz dein, grad hab' ich dem Geometer ein für allemal aufgesagt. Es hat schon lang in mir kocht. Jetzt ist's übergelaufen. Guck, ich bin froh, ich weiß mir gar nicht zu helfen, jetzt weiß ich doch wieder, wem ich bin, und dein bin ich, mag daraus werden, was will. Warum machst du denn so ein Gesicht? Bist du denn nicht auch froh, daß das Lugenleben ein End' hat?«

Sie rückte ihm das Kappenschild, das ihm in der Aufregung auf die Seite gekommen war, wieder zurecht in die Mitte der Stirne. Florian ließ alles an sich hinreden und mit sich geschehen, es war ihm zu Mute wie einem, der von Lastern und blutigen Greueln geträumt und sich nun plötzlich an der Seite der Liebe und des seligen Friedens erwacht sieht. Er schreckte fast zusammen vor dieser innigen Liebe, die ihn mitten in seiner Verworfenheit begrüßte. Nichts nannte er jetzt mehr sein, als sein armes Leben, das er gern von sich geschleudert hätte; nun ward es ihm wieder etwas wert, da ein andres Leben es so warm umfing. Er lächelte schmerzlich froh und sagte endlich:

»Komm, Kreszenz, wir wollen fort.«

Kreszenz willfahrte ihm gern, sie schaute aber nochmals lächelnd und fragend auf, als eben ein frischer Walzer gespielt wurde; sie hätte trotz ihrer innigen Freudigkeit doch auch noch gern getanzt, sie wollte es aber nicht aussprechen, nicht sowohl aus Furcht vor Mißverständnis, als weil sie eigentlich froh war, ganz nach dem Willen Florians leben zu können.

Nicht weit von der Thüre saß der Schlunkel einsam bei seinem Schoppen, er hatte keinen Kameraden; er brachte es nun dem Florian vertraulich zu, der zu der betroffenen Kreszenz sagte:

»Geh einstweilen voraus, ich komm' gleich nach.«

Betrübt ging Kreszenz weiter und harrte auf der Treppe, drinnen aber sagte der Schlunkel:

»Nun, gib mir jetzt mein Geld.«

»Ich kann nicht, ich kann mir's ja nicht aus den Rippen schneiden.«

»So gib mir das Messer, das du da stecken hast, zum Pfand.«

»Ich bitt' dich, wart nur noch bis morgen abend; wenn du's da nicht hast, bezahl' ich dir's doppelt.«

»Du hast gut doppelt versprechen, aber wer gibt mir's?«

»Ich.«

»Willst du morgen abend zu mir kommen?«

»Ja.«

»Nun, so meinetwegen.«

Florian ging schnell weg, als ihn aber Kreszenz fragte: »Was hast du mit dem schlechten Menschen?« ward er so rot wie ein Feuerdieb und erwiderte:

»Nichts, er hat mir mein Messer ahhandeln wollen.«

»Hast recht, daß du's ihm nicht geben hast, der hätt' einen Mord mit begangen.«

Florian schauderte zusammen, es that ihm tief wehe, daß Kreszenz ihm so treuherzig glaubte.

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