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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band. - Kapitel 42
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Bräutle lösen und Allerseelen.

Warum zögerte nur Bläsi mit der Offenbarung des Geheimnisses? Ihm bangte doch davor, denn er kannte die eiserne Härte des Vaters, er hatte auf irgend einen begünstigenden Zufall gehofft, aber der war nicht eingetreten, und wie das so geht, allmählich erwuchs ihm ein neuer Gedanke.

Viele Menschen sind oft am stolzesten auf Ereignisse und Gedanken, die ihnen im Laufe der Zeit erwuchsen, und bereden dann sich und andere, das dies ihre ursprüngliche, genau berechnete Absicht war. So beredete sich auch Bläsi, daß er die lange Verborgenheit erzielte, um den haushälterischen Sinn Erdmutes zu prüfen und in ihr zu pflanzen; denn so tief und innig auch seine Liebe zu Erdmute war, er war doch noch Gottfriedisch genug, um jede leichtfertige Vergeudung, ja sogar die bloße Sorglosigkeit als das ärgste Uebel zu fürchten, und man konnte nicht wissen, was noch Erdmute von der Gewohnheit ihres elterlichen Hauses anhange.

Erdmute hatte ihn nur das eine Mal am Morgen vor der Ernte um Lösung des Geheimnisses gebeten, sie schwieg fortan und harrte geduldig. Um so drängender war Traudle. Sie schilderte die Gefahr, daß jemand von Lichtenhardt komme und sage, daß ihre Tochter tot sei, sie schilderte ihre Qual und die Erdmutes in den grellsten Farben und wollte keinen Zweck der Zögerung anerkennen. Ja, seit einigen Wochen wuchs die Sorge, daß das Geheimnis auf ungeschickte Weise offenbar würde, das sich so wunderbar lange erhalten hatte; der lahme Klaus mußte Erdmute halb erkannt haben, denn er lauerte ihr oft auf und lief an seinen Krücken ihr nach und fragte sie, ob sie nichts von Erdmute wisse; diese wies ihn barsch ab, aber sie weinte darüber im stillen. Das Unglück kennt einander, nur Klaus hatte sie erkannt, und sie wich ihm nun aus und verbarg sich vor ihm; aber erst, als Traudle ihn bat, ihr Kind in Ruhe zu lassen, ließ er ab, sie zu verfolgen.

Die Sichelhenkete war in Lustigkeit vorüber. Gottfried hatte die Taglöhner für die bisherige Arbeit abgelohnt, und Erdmute als »Weischgefangener« noch ein besonderes Geschenk gemacht. Jetzt kam Traudle mit erneuertem Drängen, aber Bläsi ging zu Erdmute, die im Keller Kraut einschnitt, und fragte sie, was sie mit ihrem Gelde mache.

»Ich hab's bis auf zwei Gulden dem Traudle geschenkt,« erwiderte sie, und Bläsi geriet darob in gewaltigen Zorn und schalt über Verschwendungssucht und böse Gewohnheiten. Erdmute ließ ihn austoben. dann erklärte sie ihm, daß sie ebenso gern arm sein möchte, als in Reichtum kommen, und dieses sei ihr nur darum erwünscht, damit sie anderen ohne Schmälerung des Besitztumes Gutes thun könne; dürfe sie das nicht und vertraue ihr Bläsi nicht, daß sie haushälterisch sei, so verließe sie lieber in dieser Stunde das Haus und zöge wieder in die weite Welt und wolle niemand sagen, wer sie sei. Nun ging es an ein abermaliges und gründliches Erörtern der beiderseitigen Geldschätzung, und Bläsi, der Erdmute hatte bekehren wollen, mußte selber bekennen, daß bei der Art, wie man in seinem elterlichen Hause allzeit in Angst und Sorge sei, man kein Vermögen besitze, sondern davon besessen sei, und daß es ein Taglöhner besser habe als ein Reicher, der immer den Geldschlüssel ans Herz gebunden habe. Bläsi verstand diese letzte Wendung wohl, und er bat Erdmute nur, seinen Vater nichts merken zu lassen, daß er und sie andern Sinnes seien. Mit Freude gab ihm Erdmute die Hand darauf und versöhnte ihn zuletzt noch völlig, indem sie sagte:

»Ich will dir's nur gestehen, ich hab' mein Geld noch und hab' dem Traudle nur zwei Gulden geschenkt; aber weil du mich so mißtrauisch gefragt hast, hab' ich grad' umgekehrt gesagt; du mußt an mich glauben, ungefragt, wie ich an dich; ich mein', ich hab' dir's bewiesen.«

»Ja, und jetzt ist alles gut und schön, und am Allerseelentag kommt's erst recht. Meiner Schwester hab' ich zur Vorsorge alles gesagt, und du sollst, wenn's Abend wird, zu ihr kommen. Es geht was vor. Sei gefaßt.«

Im eigenen elterlichen Hause fand sich Erdmute zuerst wieder daheim und erkannt, und es war das größte Lob, das ein Gottfriedisches aussprechen konnte, als die Schwester sagte:

»Mein Bruder macht ein größer Glück an dir, als wenn du dein Vermögen doppelt und dreifach noch hättest.«

Als andern Tages Erdmute mit vielen andern Frauen beim Hanfbrechen am Weiher war, kam auch Bläsi und bezahlte gern das übliche Lösegeld, das ein Mann geben muß, der den Frauen bei dieser Arbeit in den Weg kommt. Viele Knaben sprangen hier umher, die sich Peitschen flochten und das Bräutlelösen am Weiher spielten; als wäre er selber noch ein Kind, nahm auch Bläsi dieses Spiel auf, und alles staunte und jubelte über seine Geschicklichkeit. Im Uebermute seines beseligenden Geheimnisses und in der kecken Lust, es zu verraten, rief er:

»Das hab' ich vor vielen Jahren mit der Erdmute gespielt, sie hat lang auf dem Wasser getanzt, endlich ist sie doch untergeplumpst.«

Niemand verstand ihn als Erdmute und die Schwester, die anderen sahen einander staunend an, und ihre Blicke sagten: jetzt hat man gemeint, er wär' geheilt, und jetzt ist er doch wieder nicht recht im Kopf. –

Ein stiller, sonnenloser Tag brach an, der Himmel war weißlichgrau und die Erde auch, denn ein Winterreif lag auf Gras und Scholle und auf den Spitzen der Wintersaat. In jener Buchenumzäunung vor dem Dorfe brannten Hunderte von Lichtern auf den schwarzen Kreuzen, kein Windhauch wehte, und die Lichter brannten unbewegt; auf einem Kreuze flammten zwei Lichter, und darunter stand der Name: Erdmute. Die Lebenden gingen zwischen den Gräbern der Abgeschiedenen umher, niemand sprach ein lautes Wort, nur leise Gebete wurden gemurmelt, die Lebenden selber glichen umwandelnden Geistern, und mancher mußte denken, daß er übers Jahr vielleicht auch hier unter dem bereiften Boden liege und ein Licht brennt zu seinen Häupten. Auch Gottfried wandelte hin und her, er hatte Gräber von Eltern und Kindern und von der Schwester hier. Als er sich diesem wieder nahte, lag eine Frauengestalt auf demselben ausgestreckt und schluchzte, daß es ihr den ganzen Körper zusammenschüttete. War das nicht die Tochter Traudles, zum erstenmal barhäuptig?

»Was hast du da? Was geht dich das Grab an?« fragte Gottfried. Dringt das Antlitz der Verdorbenen aus der Erde? Mit bleichen Lippen fragte Gottfried noch einmal:

»Du bist –«

»Ja, ich bin die Erdmute, Eurer Schwester –«

Lautlos sank Gottfried auf den Boden, alles sprang herbei, man trug ihn erstarrt davon, eine Leiche vom Kirchhofe.

Weinend ging Erdmute hinterdrein, ihr entgegen kam Bläsi mit seiner Schwester, und sie sahen mit Entsetzen, was geschehen war. Bläsi hatte heute dem Vater auf dem Kirchhof alles sagen wollen, nur so glaubte er ihn erweichen zu können; Erdmute arbeitete auf dem Kartoffelfelde beim Wegweiser und sollte warten, bis man sie holt, aber es duldete sie nicht, sie lief vorzeitig hin, und so geschah, was wir erfahren.

Inmitten des Jammers um Gottfried, den jetzt wieder alles lobte, erfuhr man, daß die vermeintliche Tochter Traudles des Cyprians Erdmute sei, an die niemand mehr gedacht. Man wollte es nicht glauben, daß sie schon einen ganzen Sommer im Dorf war, das schien unmöglich, und die Gruppen der Neugierigen und Teilnehmenden wechselten zwischen dem Hause Gottfrieds und dem Cyprians, wo die Rodelbäuerin Erdmute zu sich genommen und in die Kammer eingeschlossen hatte.

Nach einer Stunde, in der Erdmute die höchsten Qualen ihres Lebens durchmachte, kam die Rodelbäuerin zu ihr und verkündete, daß man den Vater wieder zum Leben gebracht habe, daß ihm aber die Stimme versage. Bald darauf kam auch Bläsi mit der Nachricht, daß der Vater spreche, nur sage er, er müsse sterben, weil seine Schwester ihm erschienen sei. Erdmute war trostlos, weil sie nicht aus dem Hause durfte und nichts thun konnte zur Abwendung des großen Leids, das sie über die Familie gebracht, aber Bläsi tröstete sie und sagte:

»Wir haben's verschuldet, ich besonders, es ist sündlich gewesen, dich so lang hinzuhalten. Mach dir nur keine Vorwürfe, und niemand soll sie dir machen.«

Die Rodelbäuerin ging wieder hinab ins Elternhaus, und bald kam an ihrer Stelle die Schultheißin und umarmte Erdmute innig, und seltsam äußerte sich ihr Herz, indem sie Erdmute schalt, daß sie sich nicht schon lang zu erkennen gegeben; sie könne nichts dafür, daß sie sie als Taglöhnerin behandelt habe.

Das erste, das wieder Heiterkeit gewann, die Ohnmacht Gottfrieds für vorübergegangen ansah und sich an der Wichtigkeit seiner Bedeutung freute, war Traudle, und sie wiederholte oft, ihr wäre jetzt so leicht, als wenn eine schwere Last von ihr genommen wäre. Der lahme Klaus saß auf der Steinbank vor dem Hause und rühmte sich seiner Klugheit, daß er allein Erdmute erkannt habe. Er beklagte sich bitter, daß man nie genug anerkenne, wie er gescheiter sei als alle im Dorfe; aber als der erste Schreck vorüber war, neckte und hänselte man ihn nur über seine Weisheit. Erdmute indes ließ ihn zuerst vor allen zu sich heraufrufen und reichte ihm die Hand, und nun hatte er doch noch seinen Lohn.

Man konnte dem alten Gottfried nur schwer begreiflich machen, daß, die er gesehen, die lebendige Erdmute sei. Er schüttelte immer mit dem Kopfe, endlich schien er es doch zu fassen, denn er sagte:

»Ich hätt' eher geglaubt, daß die Tote wieder aufersteht, als daß die aus Amerika kommt.«

Er verlangte, Erdmute zu sehen, aber man willfahrte ihm erst andern Tages, und er selber befahl, daß man ihr das alte Ehrenkleid bringe, sie solle in diesem zu ihm kommen. Das ganze Dorf lief zusammen, als Erdmute mit dem Ehrenkleid ihrer Mutter angethan und mit dem Halsgeschmeide geziert, das sie treulich bewahrt hatte, nach dem Hause Gottfrieds ging. Sie küßte die zitternden Hände des Oheims, der lange nichts reden konnte; endlich sagte er, auf die siebenfache Granatenschnur mit dem Schwedendukaten deutend:

»Wer hat dir das geben?«

»Mein Vater.«

»Hast du sonst noch was von deinem Muttergut gerettet?«

»Nein.«

Gottfried legte die Augen zu und schwieg, da trat Bläsi vor und sagte:

»Sie braucht jetzt nichts mehr, sie hat wieder Vater und Mutter am Leben; es fehlt ihr nichts mehr –«

»Als ein Mann,« ergänzte Traudle.

»Und den hat sie auch,« begann Bläsi wieder, »den Ring da an der Hand trägt sie von mir, der ist auch aus dem Grab auferstanden.«

Er erzählte, wie er den Ring vergraben gehabt, Gottfried nickte still . . .

Sobald der Dispens eingetroffen war, noch vor der Fastenzeit, wurde die Hochzeit Erdmutes und Bläsis gefeiert, und Gottfried, der viel daheim sitzen mußte, hatte es am liebsten, wenn Erdmute bei ihm blieb; er sprach wenig, aber ihre Nähe that ihm wohl.

Im Frühling wurde das Hans neu verputzt und wenigstens ein Eisengitter abgethan. Gottfried gab Erdmute recht, daß er so besser auf die Straße sehen könne.

Ein Brief an Gottfried aus der neuen Welt von Cyprian vollendete noch im zweiten Sommer die Sühne. Cyprian klagte bitterlich um das verlorene Kind, beteuerte seine Unschuld und zwar, wie er oft wiederholte, im Angesicht des Todes. Er mußte im Innersten zerbrochen sein, denn er bat Gottfried um Verzeihung für all die Unbill, die er ihm angethan, und immer wieder sprach er von seinem nahen Tode. Gottfried schrieb selbst einige Worte zu dem Brief Erdmutes, worin sie alles Geschehene erzählte. Es ist aber nicht bekannt worden, ob der Brief Cyprian noch am Leben traf.

Am Wegweiser unter dem Apfelbaum errichtete Bläsi eine Steinbank und ließ den Namen Erdmute darauf eingraben, und an sommerlichen Sonntagsnachmittagen erschallt es allzeit hier von Lachen und Singen der jungen fröhlichen Welt.

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