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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band. - Kapitel 35
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Die Sonne geht nieder.

Ein lustig grünender Baum, dem plötzlich und auf immer der Bach abgegraben wird, der seine Wurzeln tränkte, kann von seinem Schmerze nichts kundgeben, und er verdorret still; der Mensch aber, auch der an die Scholle gebundene, kann doch klagen und schelten, wenn er verkümmert, und kann einen Versuch machen, ob er neuen Boden gewinne.

Die Eisenbahn, die durch das Schwabenland gezogen wurde, beschäftigte alle Gemüter landauf und landab; man schalt darüber, man stritt hin und her, und die Klügeren lachten ob der neuen Mode, die auch wieder aufhören würde, wie viele andre. Die Eisenbahn wurde vollendet, allerlei Fabelhaftes ward erzählt, und es zeigte sich, daß sie einen guten Teil des Verkehrs auch der weit abgelegenen, durch Leutershofen führenden Landstraße entzog. Der Vorspann wurde geringer, aber Cyprian fand ein neues Mittel, er kaufte einen im Ort nie gesehenen Stellwagen und ließ ihn jede Woche zweimal regelmäßig nach der Hauptstadt gehen; er sicherte sich dadurch seinen stetigen Verdienst und eine nicht unergiebige Einkehr in seinem Wirtshause; aber kaum ein Jahr war vorüber, als neues Mißgeschick sich an ihn herangrub. Die ganze neue Straßenbaukunst gewann durch die Erfahrungen bei der Eisenbahn eine veränderte Gestalt; hatte man ehemals die Straßen über Berge geführt, so scheute man jetzt einen Umweg nicht, wenn man nur die Straße möglichst eben legen konnte. Die neue Welt will im Trabe fahren und nicht mühselig über Berge kriechen. Die Jahrhunderte alte Heerstraße wurde brach und eine neue im Thale gelegt und durch Dämme geschützt. Ganz Leutershofen, besonders aber der Sonnenwirt, empfand die unausweichliche Brache, und doch mußte man noch alles in stand halten, um plötzlich aufzuhören. An den Tagen des Kornmarktes äußerte sich die neue Gestaltung der Verhältnisse besonders in hässigen Neckereien mit den Einwohnern von Bieringen, Isenburg u. s. w.; das waren Dörfer, die man ehemals gar nicht oder nur mit Spott über ihre Abgelegenheit genannt hatte, aber die neuen Weltmänner ließen es an überhebenden Anzüglichkeiten gegen die vormals stolzen Dörfer an der Landstraße nicht fehlen. Cyprian suchte aus seinem Mißgeschick den letzten Vorteil zu ziehen, er übernahm mehrere hundert Klafter Steinfuhren in Accord für den Straßenbau und rüstete dazu Knechte, Roß und Wagen; aber es scheint oft, als ob sich eine Tücke des Schicksals, wenn es sich einmal feindlich gestellt, in allem erweise: Cyprian erlitt so viel Schaden an Pferden, Wagen und Geschirr, daß er sich einen namhaften Verlust zuzog. Nun dachte er daran, sein Anwesen zu verkaufen und sich im Thale anzusiedeln, aber es wollte sich für beides kein sogenannter Schick finden. Endlich wollte er wieder ganz Bauer werden und ging mit Eifer ins Feld, aber er war, wie er sonst oft neckend eingestanden hatte, »zu mast« geworden; bei der kleinsten Hantierung versetzte es ihm den Atem und rann ihm der Schweiß von der Stirne. Nun ließ er endlich alles kommen, wie es kommen mag.

Die Thalstraße war fertig, und in dem Sonnenwirtshause mit den weiten, zur Aufnahme vieler Menschen hergerichteten Räumen war es doppelt öde. Das Sprichwort sagt, daß man sich ob der leeren Krippe leicht zankt; das bewährte sich nun. Der Sonnenwirt hatte aber manchen Tröster im unterirdischen Dunkel, der ihm die Zeit kürzen und vergessen half. Stunden-, ja tagelang lag er im offenen Fenster, das rote Taschentuch als Polster untergeschoben, und schaute träumend hinaus ins Freie; er hoffte, es müsse endlich ein schicklicher Käufer kommen, denn er hatte das Anwesen wiederholt in den Zeitungen ausgeboten, um es aus freier Hand zu verkaufen. Was er dann beginnen wollte, das überließ er der Zukunft. Wie öde und leer war jetzt der große freie Platz vor dem Hause! Man hörte nichts als das Plätschern des allzeit rinnenden großen Röhrbrunnens, die fliegenden Krippen, ehedem den Fuhrleuten zur schnellen Fütterung bereit, lagen wie müde und mancher Beine beraubt bei zerbrochenen Flaschen in einem Winkel, und das ganze Dorf war still, am hellen Tag wie eingeschlafen. Jetzt gab es keinen Kornmarkt mehr, jetzt bekam man nicht mehr täglich frisches Brot, kein Posthorn schallte mehr unter jauchzenden und springenden Kindern durch die Gassen.

Cyprian sah dem Zerfall des ganzen Hauswesens mit einer Gleichgültigkeit entgegen, wie sie Uebertäubung und das dämmernde Bewußtsein des unabänderlichen Einsturzes so oft erzeugt. Die Frau, von jeher leichtfertigen Sinnes, machte sich von den guten Tagen noch zu nutze, so viel man vermochte, und da Schelten und Zanken mit ihrem Manne nichts half, wollte sie noch mitgenießen, solange sich etwas vorfand; von Fässern und Bütten waren die Reifen gesprungen, und sie kochte mit den bequemen Brettern. Zwei Aecker waren verkauft, andre verpfändet, man zehrte sich auf, solange etwas da war. Cyprian redete sich noch ein, daß er freiwillig verkaufen wolle, während er täglich mehr dem Schicksal entgegenging, von Haus und Hof gesetzt zu werden. Er gab die Gastwirtschaft nicht auf und bezahlte die Steuern dafür, ohne so viel einzunehmen, als diese betrugen; er glaubte des künftigen Verkaufes wegen das Gewerbe, wenn auch nur notdürftig, erhalten zu müssen. Mitunter bekam er noch ein Fäßchen Branntwein oder halbsauren Wein zu hohen Preisen geborgt, in der Regel aber war der Keller leer, und wenn ein Handwerksbursche, der ab der Straße durch die Dörfer zog, in der Sonne einkehrte, wurde Traudle zu dem Ochsenwirt geschickt, um von dort unter der Schürze verborgen das Verlangte zu holen, und Cyprian sagte dem Harrenden, wie sich selbst verhöhnend: »Mein Keller ist ein bißle weit weg.«

Nach und nach ging Cyprian weiter und verkaufte, was nicht niet- und nagelfest im Hause war: Gestern verspeiste man einige Stühle, heute einen Tisch, morgen Gläser, Pfannen, Pferdegeschirr u. s. w. Oft mußte Traudle, meist aber Erdmute, wenn es Nacht war, vom Vater begleitet, kleinere Gegenstände und Bettstücke nach der Stadt tragen. Das waren schwere Gänge, der Vater jammerte allzeit und wünschte sich den Tod, und war er auch auf dem Heimwege nach der Einkehr im Wirtshause wohlgemuter, bei der geringsten Anregung konnte er über sein Schicksal weinen und ließ sich nur mit Mühe beruhigen.

Seltsamerweise, aber nicht ohne Grund, hatte Erdmute seit dem Zerfalle des Hauses lauter gute Tage, selbst die Mutter schalt sie selten und war oft freundlich gegen sie. Diese Frau war immer wieder heiter, wenn zeitweilig Fülle in das Haus einzog. Erdmute empfand die ökonomische Auszehrung im Hause oft schwer, und es war ihr, als müßte die Decke über ihr einstürzen; aber das Gefühl, daß sie nun liebreich gehegt und die erste im Hause war, ließ sie manchmal wieder alles vergessen.

An dem Tage, als von Obrigkeits wegen das goldglänzende Schild am Hause eingezogen und die Gant verkündet wurde, weinte alles, groß und klein, und ließ sich den ganzen Tag nicht am Fenster und nicht auf der Gasse sehen, und zum erstenmal hörte Erdmute, daß sie allein die Stütze und Hoffnung des Hauses sei. Am Abend erklärte ihr Traudle, was das zu bedeuten habe, und warnte sie, sich auch zu Grunde zu richten, sie könne doch den andern nicht helfen.

Schon bevor die Ganterklärung eingetreten war, hatte Erdmute sich dazu verstehen müssen, zur Nachtzeit viele Habseligkeiten aus dem Hause zu schaffen und bei Bekannten unterzubringen; jetzt, nach dem Ganterkenntnis, ging es im Hause erst recht an ein Ausrauben desselben, als wäre es ein fremdes und feindliches. Die Behörde hatte zwar aufgeschrieben, was sich vorfand, aber es gab doch noch manches beiseite zu schaffen, und endlich wurden sogar auf dem Speicher die Böden ausgehoben und die Bretter verkauft. Cyprian hatte es klug dahin gebracht, daß sich die Gant in die Länge zog; und er schien nie glücklicher gelebt zu haben als eben jetzt, seine Gläubiger mußten ihn erhalten, er zehrte, wie man es nennt, von der Masse, er lebte fast wie ein Beamter von seiner Besoldung; aber auch dies nahm ein Ende, und im Frühling, als Erdmute zwanzig Jahre alt wurde, mußte sie mit den Eltern und Geschwistern in eine kleine Leibgedingwohnung ziehen.

Cyprian wollte Traudle aus dem Dienst entlassen, aber auf die Bitte Erdmutes behielt er sie, er sprach es aus und zeigte es auch, daß er Erdmute zulieb alles thue.

Man riet Cyprian, er möge sich doch mit Gottfried in Hollmaringen aussöhnen und nachgeben; wenn man Feuer wolle, müsse man es in der Asche suchen; aber Cyprian wollte davon nichts wissen, er sagte, daß er übers Jahr in die neue Welt auswandere.

Der Ohm Gottfried von Hollmaringen kam einmal und ließ Erdmute zu sich ins Wirtshaus rufen. Cyprian stellte ihr jetzt frei, oh sie einen Mann besuchen wollte, der ihren Vater keines Wortes würdige und eigentlich an seinem Unglück schuld sei, wobei er den Verlust, den er bei seinem Umzug gehabt, noch sehr vergrößerte. Erdmute verneinte, und nun kam Gottfried zu Cyprian in seine Stube, er schaute sich hin und her um und sagte zu Erdmute, ohne Cyprian zu grüßen, er habe kein Geheimnis vor dem Vater und wolle sie nur fragen, ob sie zu ihm ziehen wolle, seine zweite Tochter verlasse nun auch das Haus. Erdmute erklärte, daß sie bei ihrem Vater bleibe, und als Gottfried sie zur Hochzeit seiner jüngsten Tochter einlud, lehnte sie auch dies ab; sie war dem Manne gram, der ihrem Vater kein Wort gönnte, weil er jetzt in Armut war.

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