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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band. - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Die Sonne geht auf und steht im Mittag.

In der Sonne zu Leutershofen schien Cyprian erst recht zu blühen und sich zu entfalten. Er hatte trotz aller Verzögerung doch noch immer einen schicklichen Kauf gemacht, die weiten Räume des Hauses thaten ihm wohl und das allzeit rührende Leben darin noch mehr. Die ganze Art des lebhaften gewerbsamen Ortes sagte ihm zu, und er beteuerte oft, hier wisse man doch auch, daß man auf der Welt sei; in einem Dorfe wie Hollmaringen sei man schon bei lebendigem Leib halb gestorben. Hier bekam man jeden Tag bei mehreren Bäckern frisches Brot. Jeden Abend Schlag acht Uhr und jeden Morgen punkt halbsechs rollte der Eilwagen durch den Flecken, und an Sommerabenden, besonders aber am Samstagabend, blies der Postillon jedesmal durch den ganzen Ort, denn die Kinder liefen behende neben ihm her und ließen nicht ab, bis das Posthorn ertönte und jauchzten und hüpften bei den Klängen, und die Eltern, die vor dem Hause sitzend Feierabend hielten, schauten fröhlich auf. Leutershofen war nicht nur ein Marktflecken an der Staatsstraße mit einer Schranne von nicht geringer Bedeutung, es war auch glücklich zwischen zwei Bergen gelegen; kamen die Fuhren vom Thal herauf, so mußten sie hier neuen Vorspann nehmen, vor dem Hause standen fast allezeit mehrere mit Blahen überzogene Frachtwagen, und während die Pferde an den fliegenden Krippen fraßen und die Sperlinge bei ihnen schmarotzten, saßen die blauhemdigen Fuhrleute in der Wirtsstube und labten sich an Speise und Trank, und Cyprian that ihnen Bescheid; den roten sogenannten Weiberzorn ließ Cyprian nie ausgehen. Die Frau erwies sich als emsige Wirtin, und Traudle war bald die beliebteste und gesprächsamste Kellnerin, soweit eine dem Fuhrmann beim Eintritt Peitsche und Hut abnimmt und im Aufsagen der vorrätigen Speisen und Getränke dieselben lobend schmackhaft machen kann. Auch Kutschen mit vornehmen Reisenden wurden bisweilen von der Sonne, die Cyprian hatte neu vergolden lassen, angezogen, und Cyprian verstand es, die Landeszeitung mit einigen Worten zu bringen, die den Mitteilsamen leicht zu einem Gespräche anregten. Die Haupternte der Woche war aber immer am Tage des Kornmarktes; da war am Tag ein Lärmen und Rufen in der großen Wirtsstube, lauter als auf dem Markte selber, und waren die Kornpreise hoch gestiegen, hörte das Schlemmen bis tief in die Nacht nicht auf, der einfache Landwein galt nichts mehr, warmer Würzwein mußte her und oft sogar Ueberrheiner und Champagner. Cyprian ließ es natürlich nicht fehlen, sich auch bisweilen als uneigennütziger Wirt zu zeigen, und kaum ein Jahr war vergangen, als sein Gesicht so breit war wie die Sonne in seinem Schilde. Er lachte viel und besonders, wenn man ihn wegen seiner Breite neckte, und sagte dann oft: das käme nicht vom Essen und Trinken. sondern davon, daß er den Mauskopf – diesen Unnamen hatte Gottfried – nicht mehr vor Augen sehe. In der That kamen die Hollmaringer wenig und, was Gottfriedisch war, gar nicht in die Sonne, sondern hielten ihre Einkehr im Ochsen. Cyprian hatte fast allezeit sechs Roß auf der Straße als Vorspann, und drei Jahre lang übernahm er die Haberlieferung für die Kavallerie zweier Garnisonsstädte; er mußte aber seine Rechnung nicht dabei gefunden haben, denn er wollte nichts mehr davon wissen.

Erdmute war in dieser steten Fürsorge für andre wenig beachtet der Schule entwachsen, nur Traudle nahm sich ihrer an und tröstete sie oft, wenn sie darüber klagte, daß der Ohm Gottfried und Bläsi ohne Gruß am Hause vorüberfuhren und sich gar nicht um sie kümmerten; sie selber durfte sich ihnen nicht nahen, denn der Vater hatte ihr das Härteste angedroht, wenn er solches erführe, und der Vater war doch nächst Traudle ihre einzige Stütze und gab ihr verstohlen manchmal ein gutes Wort. Sonst wurde sie viel gescholten, denn sie sollte jetzt die Gäste bedienen helfen, sie aber war schüchtern und verscheucht, wurde über und über rot bei jedem Wort, das ein Fremder ihr sagte, und doppelt, wenn er dann erklärte, daß dieses Erröten sie noch schöner mache, was sie eigentlich schon sei. In der Angst vor den Fremden und vor den eigenen Angehörigen ließ sie oft volle Gläser und Flaschen aus der Hand fallen und hatte darob böse Zeit. Traudle tröstete sie wohl beim Schlafengehen, indem sie ihr alte Märchen erzählte von Kindern, die viel hätten leiden müssen und dann eine Krone errungen. Erdmute wußte zwar nicht, woher die Krone kommen sollte, aber diese Geschichten trösteten, ein unnennbarer Zauber stieg aus diesen Wundermären in das Herz, und wie ein kleines Kind bat sie oft Traudle am Abend, ihr noch mehr solcher Geschichten zu erzählen. Der Vater erlöste sie endlich aus der Wirtsstube und dem unmittelbaren beständigen Verkehr mit der harten Mutter. Eines Sonntags, nachdem Erdmute den Weiberzorn zu einer Wahrheit gemacht, da sie eine Flasche des roten Weines einer fremden Dame über das weiße Kleid schüttete, sagte der Vater am Abend im Familienrate: »Ich sehe schon, Erdmute, du bist Gottfriedisch, was denen nachschlagt, paßt nicht unter Menschen, nur unter Vieh, und aufs Feld. Von morgen an hast du nichts mehr in der Stube zu thun, du versorgst mit dem Knecht und der Magd unser Bauernwesen. Ist dir's recht?«

»Ja. Ich dank', Vater.«

Die Frau wollte diese neue Anordnung nicht gestatten, man würde es ihr aufbürden, daß sie das Kind gegen die ihrigen zurücksetze, aber Cyprian blieb fest.

Von nun an war Erdmute überaus heiter, der Knecht und die Magd berichteten, man habe gar nicht gewußt, welch ein lustiger Vogel die Erdmute sei; sie trällere den ganzen Tag und wisse beim Ausruhen gar wunderbare Geschichten zu erzählen, daß man sich wie in einer andern Welt vorkäme, und jede Arbeit gehe ihr so flink von der Hand, als hätte sie schon jahrelang die schwersten Geschäfte verrichtet.

Erdmute wurde sonnverbrannt, aber dabei stark und groß, sie hatte gar nichts vom Vater als die braunen Augen mit dem breiten stillen Feuer, im übrigen schien sie ganz der Mutter nachzuarten. Am Markttage, wenn's im Hause lustig herging, war Erdmute fast immer betrübt. Es waltete ein eigener Zufall, daß, sowie sie einen Schritt ans dem Hause ging, sie immer Bläsi begegnete, er fuhr, ritt oder ging immer an ihr vorüber, als ob es ihm ein Geist verraten hätte, daß sie kommen würde; Die beiden gingen rasch aneinander vorüber, ohne zu grüßen; anfangs war es das strenge Verbot des Vaters, was Erdmute davon abhielt, bald aber setzte sich eine selbständige Feindseligkeit in ihr fest und ebenso in Bläsi. In Hollmaringen sagte dann Bläsi am Abend zu seiner Schwester, die einen Sohn des Rodelbauern geheiratet: hatte und im Hause Cyprians wohnte: »Es ist doch unerhört, die Erdmute ist doch meine einzige Verwandte und geht an mir vorüber wie an einem Stock; ich sag's ihr aber nächstens einmal, sie geht mich gar nichts an, sie ist meine Verwandte nicht.« Fast ganz dasselbe sagte dann Erdmute am Abend dem Traudle, und wenn diese dann eine künftige Liebe daraus deuten wollte, wehrte sie sich mit aller Macht dagegen und beteuerte, ihr nie mehr von Bläsi zu sprechen; dennoch konnte sie sich nicht enthalten, ihr oft und oft zu erzählen, wie grimmig sie heute den Bläsi angesehen, daß er die Augen habe niederschlagen müssen. Einmal erzählte sie sogar, daß Bläsi ihr habe zusprechen wollen, sie aber sei davon. gelaufen und habe sich nicht an ihn gekehrt

Cyprian war oft unwirsch, er mußte mancherlei geheimen Kummer haben, und nur einen sprach er laut aus: es ärgerte ihn, daß er sein ältestes Kind, das er innig liebte, aus seiner Nähe hatte verdrängen lassen und manche üble Nachrede sich dadurch zugezogen hatte. Er wollte Erdmute wieder im Hause um sich haben, aber sie willfahrte ihm nicht. Hinter dem Schenkgitter suchte er über mancherlei Vergessenheit zu trinken und brachte dadurch neues Ungemach zu Tage. Das Gelübde, daß der Rausch beim Weinkauf des Hauses der allerletzte sein sollte, war schon längst übertreten und nicht mehr in Erinnerung. Erdmute sah den Zerfall im Hause wohl, und so wehe es ihr that, den Vater sich allein zu überlassen, sie hielt sich jetzt doppelt gern in Feld und Stall auf, und selbst im Winter saß sie meist still in der Stube an der Kunkel. Es kamen manche Freier, die um Erdmute anhielten, der Vater wies sie alle ab, und wenn sich einer dem Mädchen selber näherte, wußte der Vater so viel Verdorbenheit und Schlechtigkeit von einem jeden zu sagen, daß Erdmute gern darein willigte, jeden von sich zu entfernen. Auch Traudle half dem Vater dabei, denn sie nährte unablässig die Hoffnung, daß Erdmute den Bläsi heiraten und sie wieder nach Hollmaringen zurückbringen müsse.

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