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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band. - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Eine Nacht im Freien.

Es geht ein tiefes Wehe durch das Herz der Menschheit, daß es erzittert in namenlosen Schauern. Es ist kein Mensch auf Erden, der das Heiligtum seines Wesens rein und frei und ganz hinwegtrüge über diese kurze Spanne Zeit. Abfall und Schmerz ist sein Los, und aus ihnen steigt er aus, ringt nach Wiedervereinigung, nach seligem Leben. Das Menschentum wird aus Schmerzen geboren. Muß das sein? Sollen wir nicht aus den lichten Höhen der Freude und des Einklangs eingehen in die Ewigkeit, als ganze, volle, reine Menschen? Die Flammen der Liebe und der Begeisterung! Sie haben Genien gezeugt und Ungeheuer. Wir alle, die wir hier sind und waren, wir sind schon hinabgestiegen zur Hölle in der Tiefe unsrer Brust, und wohl uns, wenn wir wieder erstanden sind zum freien, heitern Licht; aber mitten im Anschauen des Lichts hüpfen noch oft schwarze, nächtige Schlangen vor unserm Auge – wir können nicht fassen das volle Licht.

Da sitzt ein einfältiger Knecht, und auf ihn hat sich die ganze Schwere des Menschentums gelagert.

Der Himmelsbogen spannt sich so glänzend über die weite, reiche Erde, ihr Saft nährt von Geschlecht zu Geschlecht, und da und dort in allen Winkeln sitzen die Menschen und trauern, und ihre Brust hebt ungestillte Sehnsucht.

Sehen wir, wie es Jakob ergeht.

Er sitzt auf dem Stein vor dem Stalle. Er, der sonst so Ruhelose, kann jetzt oft stundenlang hinsitzen und nichts thun und nichts reden; aber es ist nicht mehr die alte Schwermut, die träg und eintönig seine Seele erfüllte: alles hüpft in ihm vor Freude, und er sitzt still, wie magnetisch festgebannt, und läßt es in sich walten wie eine stille Musik. Er ist glücklich. Er hat sich selber wieder, indem er ein andres Herz gefunden, er lebt in sich vergnügt, denn er lebt für ein andres.

Es ist Samstag abend. Der Sommer ist heiß, das ist ein Jahr, in dem die Schlehen reif werden. Auf dem ganzen Dorfe liegt's wie der heiße Atem eines Ermüdeten. Die Sonne stieg purpurn hinab und schaute noch einmal in die glühroten Angesichter der Menschen; es war, als ob auch sie, müde nach sechs Tagewerken, sich des kommenden Tages freue, da sie allein draußen über Feld und Wald stehen und keine undankbaren Klagen von Menschenstimmen hören solle. Durch die Gassen jauchzen und jubeln die Kinder und sind unbändig. Wenn die Sonne hinabsinkt, verspürt das junge Erdenkind eine wundersame Erregung, als ob es mitfühlte den Schauer, der über die Erde zittert, wenn sie den letzten Sonnenstrahl in sich saugt. Männer und Frauen sitzen vor den Thüren und lassen die arbeitsschweren Hände rasten; um so behender aber regen sich die Zungen zu allerlei Gerede, gutem und bösem. Aus den Ställen vernimmt man abgerissenes Brummen der Tiere, das ist ihr Abendgespräch.

Neben Jakob streckt der Rappe den Kopf zum Stallfenster heraus, horcht still hinein in die Nacht und bläst die Nüstern weit auf. Aus dem obern Dorfe herab hört man das Singen der Burschen. Sie gehen noch gemeinsam und lassen noch gemeinsame Worte erschallen, aber bald zerstreuen sie sich, denn es ist heute Samstag abend, und an manches Fensterlein wird geklopft, und da findet schon jedes die Worte, die ihm allein taugen.

Still und immer stiller wird es aus den Gassen, die Menschen sind schlafen gegangen. Droben wölbt sich der sternglitzernde Himmel, und still fließt das Mondlicht von der Blechkuppel des Kirchturmes. Drunten aber sitzt ein Mensch, und sein Herz pocht einsam, und um ihn wehen Gedanken, die nicht die seinen, sie kommen von fern und weben um ihn, wie der Mond in sein Antlitz strahlt, still erglänzt auf Stirn und Wangen und wieder abgleitet.

Droben funkeln die Sterne, frei hinausgestellt von Gottes Hand, und sie wandeln unhörbar ihre gemessene Bahn. Millionen Augen, längst geschlossen, schauten hier hinauf; Millionen werden aufschauen, und keines dringt in den Grund. Die Erde lebt, die Sterne leben, ihre Worte sind glitzernde Strahlen, Lichtboten rauschen durch die Welten. Willst du sie fassen, du lallendes Kind an der Mutterbrust? Willst du verstehen den Blick des Vaters und seine strahlenumwundenen Gedanken? – Laß ab, o Erdenkind, dein Zagen und Bangen; über eine Weile öffnet dir der Tod die Pforten des Wunders.

Jakob seufzt tief auf, er geht in den Stall, gibt den Pferden über Nacht, und jetzt steht er an die Thürpfoste gelehnt, er findet keine Ruhe.

Leichtbeschwingter Geist! Flieg auf und wiege dich frei über Berg und Thal, über Wald und Bach, schwimme hin in die Wellen des Mondlichts und schau in die Wipfel der Bäume, wo die Vögel wohlig ruhen, und in den Spiegel des Sees, drin die Sterne sich beschauen. Sei selig und frei.

O! wie schwer haftet die Sohle am Boden!

Mitternacht ist nahe, Jakob geht durch das Dorf; wohin – er weiß es selber nicht, nur soviel ist gewiß, daß er sich nach nichts sehnt; er ist nicht mehr er selber, er ist wie aufgelöst in das All.

Der Mond zieht allewege mit, immer voller, immer tiefer. Wie lautlos ringsum, wie eine Pause in dem endlosen Rauschen der Weltakkorde, drin das Herz aufatmet und sich sammelt. Träume steigen unhörbar aus und ein über den Hütten. Dort stöhnt eine Brust von Qual, und dort lächelt ein Antlitz von Wonne. Bald stöhnt deine Brust, bald lächelt dein Antlitz nicht mehr – es kommt der ewige Schlaf.

Jakob ging immer weiter und weiter. Er schaute sich nicht um, er gedachte der Nächte, die er im Kerker verbracht, in denen er eingesargt, abgestorben war in der großen weiten Welt; er streckte die Arme weit aus, als wollte er tasten, ob nirgend eine Wand wäre; er wandelte jetzt frei umher, und doch zog es ihn fast willenlos fort. Als fühle er's, daß er jetzt am letzten Hause sei, schaute er auf. Oben zur Dachkammer in des Hennenfangerles Haus grinste ein teuflisches Angesicht in die Nacht hinein. War das nicht Frieder? Jakob eilte, wie von Dämonen gegeißelt, weiter.

Dort an dem Weiher steht die einsame Pappel, ihr Stamm ist gebeugt, als wollte sie sich niederlegen zur Erde. Welch seltsame Zeichen dort im Schatten? Wird ein Geist heraustreten und alle Lohe des Herzens löschen oder hellauf lodern machen? Wo seid ihr, wundersame Gestalten, die ihr den nächtlichen Reigen tanzet?

Weiter schreitet Jakob durch die Wiesen ins Feld. Der Sturm hat das Korn niedergetreten, und es dorrt demütig geduldig, bis der Herr der Erde, der Mensch, die Sichel anlegt und es einheimst.

Ein rötlicher Schimmer liegt auf den Kornhalmen, gleich als funkelten die eingesogenen Sonnenstrahlen fort und fort. Wie nächtig ragen die Bäume hinein in den blaugeschliffenen, glitzernden Krystall des Himmels. Die Wolken, vom Monde durchströmt, ruhen angeglüht zwischen Sonnenaufgang und Niedergang. Wo ist die Nacht? . . . Dort im dunkeln Walde, dort hat sie sich niedergesenkt und ruht.

Wie schlüpfen die Mondstrahlen durch das Gezweige und ruhen auf den Blättern und gleiten hinab auf den Boden und schlummern auf weichem Moose. Tief unten aber gräbt der Baum seine Wurzeln hinab und saugt den Saft und schickt ihn hinauf in die Blätter, drauf die Strahlen ruhen, daß sie miteinander kosen in lautloser Verschwiegenheit, was im Dunkeln geschlummert und was im Lichte herniederstieg; und jedes Blatt ist ein Hochzeitsbette.

Jakob legte sich unter die Buche an der Halde. Er will die Augen schließen, und es ist ihm, als läge er tief unten im Meeresgrunde, und über ihm rauschten die Wellen und schwämmen Geschöpfe ohne Zahl.

Welch ein Klingen in den Lüften, Himmel und Erde liegen in stiller Umarmung; welch flüsternde Lebensstille im Aether. – Eine Blume verwelkt, eine andre springt auf, ein Mensch ist geboren, ein Mensch ist vergangen.

Jakob richtet sich auf, rückt rasch seine Mütze zurecht: er gedenkt, den Kopf wieder auf die Hand niedergesenkt, wie einsam er ist. Er will fort; was zögert er? Die Augen gehen auf und zu, die Arme heben sich und sinken nieder . . . .

Am Fenster Magdalenens pocht es leise.

»Wer ist da?«

»St. Jakob.«

»Um Gottes willen, was willst du?«

Er antwortete nicht und stieg durch das geöffnete Fenster, er hatte die Mütze tief in die Stirn gedrückt; er gab Magdalene keinen Kuß und schlich leise durch die Kammer die Treppe hinab. Nach geraumer Weile kam er wieder und verließ lautlos die Kammer auf dem Wege. wo er gekommen war.

Magdalene schaute hinaus in die Nacht. Ein Wimmern und Wehklagen zog durch die Luft, und nach einer Weile schlich eine schwarze Katze oder ein Marder über die Dachfirste am Hause gegenüber . . . .

Die Lerche hatte schon längst den ersten Sonnenstrahl gegrüßt und sich ihm entgegengeschwungen, die Vögel jubilierten schon lange in den Zweigen, die Käfer summten, die Bienen und Schmetterlinge flogen umher – endlich erwachte Jakob. Er rieb sich verwundert die Augen, er konnte sich nicht entsinnen, wo er war, wie er daher gekommen. Nach und nach wurde es ihm klar, und sein Auge glänze so hell wie die Tautropfen auf Blatt und Halm. Jeder Nerv in ihm spannte sich in Frohmut, etwas von der allbelebenden, geheimnisvollen Kraft der Mutter Erde durchströmte ihn. Er war wie neugeboren und sprang mutig hinein in den jungen Tag.

Wenn man nach einer solchen Nacht und einem solchen Morgen nur etwas Außerordentliches vollbringen könnte, eine That für die Ewigkeit. Wie klein und zerstückelt ist da all das gewöhnliche Thun und Treiben!

Jakob eilte mit Herzklopfen nach Hause, er wußte nicht, welche Stunde am Tag es war. Erst als er sich dem Dorfe näherte und die Ziffer an der Turmuhr erkennen konnte, ging er langsam, still und fromm.

Am ersten Hause des Dorfes schreckte er zusammen.

»Guten Morgen, Jakob, woher schon so früh?« rief eine gellende Stimme, es war die des Hennenfangerle, das zum Fenster herausschaute. Jakob antwortete nicht und ging rasch. Die Hexe hatte ihn zuerst gegrüßt, das gab einen bösen Tag.

Zu Hause traf Jakob große Verwirrung. Ein Fuhrmann wartete schon seit einer Stunde auf Vorspann; der Adlerwirt, aus seinem Schlafe gestört, schalt mit allem Nachdrucke. Der Rappe hatte sich über Nacht im Stalle losgerissen und hatte den Braunen geschlagen, neben dem er sonst friedlich an der Deichsel ging, hatte den Futterkasten zertrümmert und allerlei Untereinander angerichtet.

Das war ein schöner Morgen nach einer solchen Nacht.

Eben als Jakob vorspannen wollte, kamen der Schultheiß und der Schütz und verhafteten ihn. Dem Bäck wären heut nacht achtzig Gulden aus dem Eckschrank gestohlen worden. Der Nachtwächter hatte jemand zu Magdalene hineinsteigen sehen, das Bett Jakobs war unberührt – er war der Dieb.

Anfangs lachte Jakob aus vollem Halse. Man hatte ihn noch nie lachen gehört, und das klang jetzt wie der teuflischste Spott. Bald aber lachte er nicht mehr, sondern schlug mit Riesenkraft um sich, als man ihn packen wollte; er hatte die Kraft eines Rasenden. Er faßte den Schütz und den herbeigekommenen Kilian am Halstuch und würgte sie, daß sie kirschbraun aussahen; er hätte sie erdrosselt, wenn nicht neue Hilfe gekommen wäre. Nur mit Mühe gelang es fünf Mann, ihn niederzuwerfen und zu binden.

Jetzt war er im Stall eingesperrt und gebunden.

Magdalene wußte nichts von alledem. Sie war betrübt aufgestanden und wollte eben die Hühner herauslassen; keines kam hervor, der Marder hatte sie allesamt erwürgt. Sie konnte nicht ins Haus eilen und die Unglücksbotschaft verkünden, denn auch zu ihr kamen der Schultheiß und der Schütz und verhafteten sie. Sie folgte still der Weisung.

Das ganze Dorf war in Alarm, alles schimpfte und fluchte über das fremde Gesindel, das nur ein Ableger einer großen Bande sein sollte; wo etwas fehlte, sollten es die beiden entwendet haben.

Jakob und Magdalene wurden von den herbeigeholten Landjägern zur Stadt geführt. Sie waren zehn Schritte voneinander getrennt. Jedes hatte seinen besondern Begleiter. Drinnen im Dorfe läuteten die Glocken zum erstenmal zur Kirche, sie klangen so hell, als ginge es zum Traualtare – das sind böse Brautführer zur Seite.

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