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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band. - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Jakob im Dorfe.

Es ist eine seltsame Empfindung, wenn man in einen Ort kommt, wo man keinen Menschen kennt, wo man aber selber von allen gekannt ist, und zwar wie Jakob nicht von der vorteilhaftesten Seite. Berühmte Männer können sich vom Gegenteil aus eine Vorstellung davon machen.

Still und emsig vollführte Jakob die ihm obliegenden Arbeiten, fast immer noch mit eingekniffener Unterlippe. Nie sah man ihn lachen, nie nahm er zuerst das Wort. Wenn er ins Feld ging, bot er niemand die Zeit, und wenn die Leute ihn grüßten, dankte er kaum hörbar. Nach und nach verbreitete sich das Gerücht, es sei im Oberstüble bei Jakob nicht recht geheuer; doch hatte noch niemand etwas Närrisches an ihm gesehen, er verrichtete die Feldarbeit und versorgte das Vieh pünktlich, ließ kein Löckle Heu und kein Körnle Hafer verloren gehen. Nie gesellte er sich abends zu den singenden und scherzenden Burschen. Selbst wenn er allein war, hörte man ihn nicht singen und nicht pfeifen, was doch jeder thut, der nicht einen Kummer im Herzen oder schwere Gedanken im Kopfe hat.

Die Frühlingssonne hatte den im Kerker Gebleichten bald wieder gerötet. Die Mädchen bemerkten im stillen unter sich, daß des Adlerwirts Knecht fünf rote Bäckle habe, zu den gewöhnlichen noch eins auf dem Kinn und zwei an den Stirnbuckeln.

Bei alledem blieb sich Jakob in seiner sonstigen Art gleich.

Der Buchmaier, dem das verschlossene Wesen des Unglücklichen sehr zu Herzen ging, gesellte sich mehrmals zu ihm und suchte ihn auf allerlei Weise redselig zu machen. Jakob aber gab nur knappe Antworten und blickte dabei immer wie verstohlen und zusammengeschreckt auf den Buchmaier. Auch der Pfarrer konnte mit seinen liebreichen und eindringlichen Ermahnungen nicht viel aus Jakob herauskriegen. Auf eine lange Rede von Vergebung und Gnade, die der Pfarrer einst auf seiner Stube an ihn gehalten, erwiderte Jakob nichts, sondern ging an den Tisch, nahm die Bibel, blätterte darin und hielt endlich den Finger starr auf eine Stelle. Der Pfarrer las, es waren die ersten Worte im Evangelium Johannes: »Im Anfang war das Wort.«

Jakob schlug sich auf den Mund und sah den Pfarrer fragend an, dieser verstand: man hatte dem Armen das Wort entzogen, jenes edle Band, das die Menschen miteinander und mit Gott vereinigt. Jede freie Rede seiner Lippen erschien ihm wie ein Hohn gegen den Armen, und er gedachte zum erstenmal recht lebendig jener empörenden Tyrannei, da man das öffentliche Wort bindet und fesselt.

Jakob wendete sich ab und that, als ob er sich mit seinem Tuche den Schweiß abtrockne, in der That aber wischte er sich die Thränen ab, die er zu verbergen trachtete. Der Pfarrer stand vor ihm und betrachtete ihn mit thränenerfüllten Augen; er faßte seine Hand und sprach ihm Mut und Trost zu.

Jakob gestand zum erstenmale in Worten, wie beklommen seine Seele sei. Das erleichterte ihn. Er ging befreiter von dannen und grüßte den Schullehrer, der ihm auf der Treppe begegnete, aus freien Stücken.

Im Adler war Jakob auch oft Gegenstand des Gesprächs, und der Buchmaier bemerkte:

»Man mag mir sagen, was man will, man hat kein Recht dazu, einem Menschen, und wenn er auch das ärgste gethan hat, das Sprechen zu verbieten. Weiß wohl, die Leute meinen's gut, sie wollen die Menschen bessern, aber das heißt man zu Tod kurieren.«

»Herr Gott!« rief Matthes, »wenn ich dran denk', daß mir's so gehen könnt', ich thät an jedem, der mir unter die Händ' käm', einen Mord begehen, daß man mir den Hals abschneiden thät'; nachher wär's ja ohnedem aus mit dem Schwätzen.«

Noch viel andre derartige Reden fielen, und Jakob war lange der Gegenstand des Gesprächs, bis man sich an ihn gewöhnte und nicht mehr an ihn dachte.

Desto mehr aber dachte Jakob für sich, so wenig das auch früher seine Gewohnheit war. In der ersten Zeit nach seiner Befreiung war er sich wie betäubt vorgekommen; er griff sich oft nach der Stirn, es war ihm, wie wenn man ihn mit einem schweren Hammer auf den Kopf geschlagen hätte. Er träumte wie halb schlafend in die Welt hinein.

Jahrelang in einsamer Zelle sitzen, ohne eine Menschenseele, der man die flüchtigen und unscheinbaren, wie tieferen Regungen der Seele mitteilt – das ist eine Erfindung, würdig einer lendenlahmen Zeit, der das Verbrechen über den Kopf wächst und die es zu ausgemergelter Frömmelei zu verwandeln trachtet. Drängt die quellende Thatkraft zurück, sperrt die scheußlichen Dämonen ein in die Brust eines Menschen, daß sie sich ineinander krallen, sich zerren und rufen; gebt acht, daß ja keiner entkommt und in eure mit Latten umfriedete Welt eindringt, – schickt dann euren Pfaffen, sein Opfer ist bereit, wenn ihm nicht der gütige Dämon des Wahnsinns zuvoreilt.

Jakob war ein Mensch leichten Sinnes gewesen, sein Kopf war nie zu eng für seine Gedanken, er wußte kaum, daß er solche hatte; er sprach sie bald aus oder zerstreute sie. Jetzt aber hatte er jahrelang still in einsamer Zelle gesessen, und Geister kamen, von denen er nie gewußt, und grüßten ihn wie alte Bekannte und tanzten einen tollen, sinnverwirrenden Reigen. Was nützte es ihm, daß er sorgfältig die Borsten zählte, die er bei seinem neuen Handwerke verarbeitete, daß er die Zahlen laut hersagte, daß er betete, daß er mit dem Hammer aufschlug? Die flüchtigen Dämonen wichen nicht und waren nirgends zu fassen. Sie lugten in der Dämmerung fratzenhaft unter dem Stuhle hervor, kollerten auf dem Bette, kletterten an den Wänden hin und spielten mit dem Gepeinigten und nährten sich mit dem Angstschweiß auf seiner Stirne.

Die gesunde Natur Jakobs hatte den Verderbern standgehalten. Als Jakob aus dem einsamen Gefängnisse zuerst wieder in die Gesellschaft seiner Schicksalsgenossen gebracht wurde, war er traurig und blöde. Die lebendigen Menschen erschienen ihm lange wie Geister mit erlogener Lebensgestalt. Und als er zu den freien Menschen zurückkehrte, war ihm die Welt: wie aufgelöst, wie chaotisch ineinander zerflossen; er konnte sich nicht drein finden und lebte einstweilen so in den Tag hinein und arbeitete ohne Unterlaß. Er kam sich wie ein längst Verstorbener vor, der unversehens wieder in die Mitte der Lebenden versetzt wird, der sich die Augen reibt und nicht fassen kann, wozu die Menschen rennen und jagen, was sie zusammenhält, daß sie nicht feindselig auseinanderstieben. Er hatte ehedem nach Neigung und Lust, und von den Pflichten des Tages gehalten, im Zusammenhange der Welt gelebt; er war durch ein Verbrechen schmerzhaft ausgejätet worden, er konnte nirgends mehr recht einwurzeln. Das Rätsel des Weltzusammenhanges stand hier vor der Seele eines Menschen, der nie etwas davon geahnt.

Mehrmals kam Jakob der Gedanke des Selbstmordes, der plötzlich aus all dem Wirrwarr lostrennt; aber so oft ihm der Gedanke kam, ballte er beide Fäuste, knirschte vor sich hin und sagte: »Nein!«

Wohl hatte ihm der Pfarrer den weltbezwingenden Spruch ins Herz gelegt und gedeutet: Gott ist die Liebe! Er ist jener geheimnisvolle Punkt, der jedes Wesen zwingt, in sich fest zu stehen und zu leben, der alle Kreaturen in sich und miteinander zusammenhält, der mitten in Kampf und Not die ewige Harmonie zeigt, in die wir einst alle aufgehen. – Jakob hörte die ausführliche Deutung beruhigt an, sie that ihm wohl, aber er konnte sie nicht auf sich anwenden, nicht die Welt um sich her damit beherrschen und verklären. Wo zeigte sich ihm diese Liebe in den Thaten der Menschen?

Jakob hatte einst in seiner Kindheit gehört, wie wilde Männer, in Bärenhäute gehüllt, zuerst in diese Gegend gekommen und sie angebaut hatten. Wenn er jetzt ins Feld ging, war es ihm sonderbarerweise oft, als sähe er einen jener ersten Wilden mit der Bärenhaut und der unförmlichen Axt in den Wald schreiten und die Bäume fällen; er sah ihn bei hellem lichtem Tage und in seinen Träumen. Welch ein tausendfältiges Leben bewegte sich jetzt auf dem kleinen Raume, den einst nur die Tiere des Waldes beherrscht hatten! Er sah, wie nach und nach die Söhne und Töchter sich ansiedelten, Fremde herzukamen; sie nahmen Steine und setzten sie als Markzeichen zwischen ihre Felder, sie bauten ein großes Haus und stellten einen Mann hinein, der mit lauten Worten ihr Gewissen wach erhalte, sie setzten einen andern hin zum Richter über ihren Streit, und diese beiden behielten fortan allein das Wort, – aus dem Ofenloch, in das man das unartige Kind sperrte, ward ein großes Gefängnis . . .

Jakob war auf einem Umwege in die wirkliche Welt zurückgekehrt; sie wird ihn bald wieder fassen und festhalten.

Wer mag es aber den Leuten verdenken, daß sie den Kopf über einen Menschen schütteln, von dem sie kaum ahnten, wie er in Gedanken weit weg von ihnen allein war?

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