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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band. - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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12. Neue Stiefel, die gewaltig drücken.

Florian gedachte mit dem Gelde zu entfliehen und Kreszenz nachkommen zu lassen, aber seine Stiefel hielten keine Reise mehr aus. Er ging daher nach der Stadt und kaufte sich ein Paar neue.

Wie wohl war es nun Florian, nachdem er lange in zerrissenen Stiefeln umhergegangen, mit niedergekehrtem Blicke jeder kleinen Pfütze ausgewichen war, jetzt wieder einmal aufrecht und trockenen Fußes die schlüpfrigsten Straßen zu wandeln; ein unnennbares behagliches Wohlgefühl durchwärmte ihn, als er scharf auftretend heimkehrte.

Nicht lange aber sollte er so sicher auf freiem Fuße einherwandeln. Er hatte zufälligerweise einen durchlöcherten Kronenthaler bei dem Kaufe ausgegeben; ein solcher war von dem Bestohlenen als entwendet bezeichnet worden, und gegen Abend kam der Schultheiß mit dem Schützen und einem Landreiter, um Florian zu verhaften.

Der Buchmaier willfahrte ihm, daß man ihn hinten durch die Gärten führte.

Auf dem Wege beklagte er sich über sein Unglück und beteuerte seine Unschuld.

Die meisten Verhafteten, Schuldige wie Unschuldige, klagen den Polizeiverordneten ihr Leid und beteuern ihre Schuldlosigkeit. Es ist so natürlich, das Menschengefühl derer anzurufen, die wie wandelnde Mauern den Gefangenen umschließen, bis er sich zwischen den feststehenden Mauern von Stein eingeschlossen sieht. Wenn dann der Bedrängte ausgewinselt hat, lautet gewöhnlich die Antwort: das wird sich alles zeigen, das geht uns nichts an.

Mit Schmerz sieht der Unglückliche, daß er den von fremder Kraft bewegten Stein gefragt: warum schlägst du mich? daß er das Netz gebeten: hab Erbarmen und laß mich los.

Florian hatte zuerst im reinen Naturdrange gesprochen, nach und nach ward er darauf aufmerksam, daß er das Gleiche auch vor dem Richter vorbringen wolle. Er redete daher sehr ausführlich, denn eine Lüge, die man einmal ausgesprochen, bringt man zum zweitenmal um so fertiger und sicherer vor.

Man hatte bei Florian bloß ungefähr fünfzig Gulden an Geld gefunden; er wollte dies auf dem Horber Markt im Spiele gewonnen haben.

Nächst dem verausgabten durchlöcherten Thaler bildete das im Hofe des Bestohlenen gefundene Stück Hochzeitkuchen die Grundlage der Anschuldigung Florians; mehrere Mädchen hatten zugesehen, als die Braut ihm den Leckerbissen gab.

Florian leugnete alles, denn: »Leugnen gilt bei Württemberg«, in diesem allbekannten Satze bestand seine ganze Rechtskunde.

Viele Leute im Dorfe, die früher nicht gewagt hätten, etwas Böses von Florian zu denken, berühmten sich jetzt, es schon vor zehn Jahren gesagt zu haben, daß er ein Nichtsnutz sei, und wärmten allerlei Jugendstreiche auf.

Florian dachte indes im Gefängnisse auf seine Flucht. In einer Nacht brach er den Ofen ab und schlüpfte durch das Ofenloch hinaus.

Auf dieselbe Weise, wie er das Verbrechen begangen, sollte er gerettet werden.

Jetzt stand er auf dem Gange; er war verschlossen, und es war lebensgefährlich, so hoch aus dem Fenster zu springen. Er gewahrte einen Besen, der an der Wand stand. Schnell entschlossen öffnete er das Fenster, drückte den Besen in die Ecke, wo der Turm mit dem Nebenhause zusammengebaut war, schwang sich auf den Stiel und rutschte so hinab.

Der Nachtwächter hatte es wohl bemerkt, aber er bekreuzte sich dreimal und flüchtete die Staffeln hinauf, denn er hatte den leibhaftigen Teufel auf einem Besen durch die Luft reiten sehen.

Florian war nun frei. Er rannte die Straße hinauf, kroch in ein Gewölbe, das zum Abflusse des jenseitigen Bergwassers dient, grub mit den Händen den Boden auf, fand das Geld und eilte damit durch den Wald.

Während der Gefangenschaft Florians war die Mutter der Kreszenz gestorben. Alle Leute bestürmten nun den Schneiderle, bis er seine Tochter wieder ins Haus aufnahm.

In derselben Nacht, als Florian aus dem Gefängnisse entflohen, erwachte Kreszenz in plötzlicher Angst aus dem Schlafe; sie hatte geträumt, Florian rufe sie zum Tanze, und sie konnte doch ihren Strumpf nicht anziehen, so sehr sie sich auch abmühte.

Weinend saß sie nun in ihrem Bette und sprach das Gebet für die armen Seelen im Fegfeuer. Es schlug vier Uhr; sie stand auf und verrichtete alle Hausgeschäfte. Als es kaum tagte, ging sie hinaus in den Wald, um Holz zu sammeln. Seit ihrem Unglück war ihre Thätigkeit übermäßig, es war, als wollte sie das müßiggängerische Leben Florians einbringen. Sie hatte für alle ihre Arbeiten keinen Dank, und doch war fast kein leeres Plätzchen mehr im Hause, so fleißig hatte sie Holz und Tannenzapfen gesammelt.

Als sie nun zum Walde kam, fand sie am Saum desselben einen weißen Knopf; sie erkannte ihn, daß er von dem Wamse Florians war; sie verbarg ihn still in ihrem Busen; hinausschauend über die Berge und das Thal, sagte sie so vor sich hin: »Mein Kreuz ist groß, und wenn ich auf den höchsten Berg steig', ich kann's nicht übersehen.«

Ohne Holz gesammelt zu haben, kehrte sie wieder heim. Sie weinte und freute sich, als sie Florians Flucht vernahm; sie weinte, denn sie wußte nun, daß er ein Verbrecher war, und sie freute sich, daß er jetzt doch gerettet sei.

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