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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band. - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zweiter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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9. Wie ein Thunichtgut und wie ein liebendes Mädchen werden kann.

Der zehnte Mensch weiß nicht, wie der elfte lebt. So konnten sich die Leute auch gar nicht denken, wovon der Florian zu essen und zu trinken hatte; er hatte aber auch in der That wenig und ging nun den Studentle um ein Darlehen an.

»Ja,« sagte dieser, »Florian, du solltest eben anders leben; das ist kein' Art, so kann das nicht gehen, du mußt dich ändern.«

»Das ist jetzt nicht am Ort,« erwiderte Florian. »sag mir das ein ander Mal, wenn ich nicht in Not bin, da geht's eher an; jetzt hilf mir und mach mir keine Vorwürf'.«

Die zur Unzeit gemachten Ermahnungen prallten ab und verursachten gerade die entgegengesetzte Wirkung, Florian erschien sich dadurch mehr bemitleidens- als scheltenswert, mehr unglücklich als schlecht. Mit einem gewissen Stolze des Verzeihens wiederholte er seine Bitte, worauf der Studentle erwiderte:

»Das geht nicht. Wenn man sich bald verheiratet, ist's aus mit dem Geldverzetteln; du mußt halt allein sehen, wie du's machst.«

Der Studentle war nämlich mit des alten Schultheißen Bäbele Bräutigam geworden, obgleich wir uns noch aus der Geschichte des Ivo her erinnern, daß er nicht gar hoch vom Bäbele dachte.

Er hatte um des Buchmaiers Agnes gefreit, und, wie vorauszusehen war, einen Korb bekommen; er erzählte nun dies offenkundig. »Denn,« berechnete er, »du mußt bei den Leuten ja als ein Hauptkerl gelten, weil du die Kurasche gehabt hast, um das erste Mädle anzuhalten; drum sollen sie's alle wissen, da werden die reichsten gesprungen kommen.« Sie kamen aber nicht, und er begnügte sich mit dem Bäbele.

Bei dem Studentle ging es nun wie bei gar vielen verschwenderischen Menschen: wenn sie auf eigene Strümpfe kommen, werden sie geizig und hart.

Es war für Florian allerdings ein Unglück, daß gerade der Studentle sein Hauptkamerad war; er sagte sich nun oft: »Der ist doch kein bißle besser als du, und warum geht's ihm besser?« Er grollte dann immer mehr mit dem Schicksal, ward unglücklich und schlaff.

Kreszenz aber war indessen ganz glückselig; so sehr sie auch ihr Vater mißhandelte, weil sie den Geometer aufgegeben, war sie doch durch letzteres eben gerade recht glücklich; ihr Wesen war nicht mehr geteilt, sie gehörte ganz dem an, den sie stets im Herzen getragen. Die traurige Lage Florians blieb Kreszenz nicht verborgen, sie sah kein Verbrechen darin, ihm auf allerlei Weise Hilfe zu verschaffen. Sie entwendete Tabak und andere Sachen aus dem Laden und drang es heimlich dem Florian auf. Anfangs schämte er sich zwar, es anzunehmen, nach und nach aber lehrte er sie, wie sie ihm immer mehr verschaffen sollte, denn er hatte durch den Schlunkel Absatzwege gefunden. Kreszenz gehorchte ihm in allem; es war ihr oft, als hätte ihr Florian über die ganze Welt und alles, was darauf und darin sei, zu gebieten, als müßte ihm ein jedes unterthan sein; es war ihr, als ginge er nur einstweilen so machtentblößt einher, als würde er bald allen zeigen, was er zu bedeuten habe. Sie hoffte, daß der Augenblick bald kommen werde, da er in seinem vollen Glanze dastehe; sie hoffte das so zuversichtlich und vertrauensvoll wie den morgenden Tag, und doch wußte sie nicht, auf was sie hoffte. – Bald aber wurde sie wieder aus ihren Träumen geweckt. Der Schneiderle kam hinter die Entwendung seiner Tochter, und in einer stürmischen Nacht, als der Wind den Regen jagte, verstieß er sie aus dem Hause und drohte ihr, sie den Gerichten zu übergeben, wenn sie wieder käme. Die Mutter lag todkrank danieder und konnte nicht abwehren.

Kreszenz wußte sich nicht zu helfen. Sie eilte zum Florian, er war nicht zu Hause. Sie weinte laut, als sie hörte, mit welchem nächtlichen Kameraden er weggegangen war.

Sie zog vor dem platzenden Regen den obern Rock über den Kopf, sie hätte sich gern in sich selbst verkrochen; und nachdem sie lange umhergelaufen, ohne es zu wagen, in ein Haus zu gehen, suchte und fand sie endlich bei des Melchiors Lenorle Unterkunft.

Alle Versuche, wieder nach Hause zurückkehren zu dürfen, waren vergebens. Kreszenz strickte und taglöhnerte nun für fremde Leute, auch Florian brachte ihr hin und wieder etwas, er war wieder bei Geld. Der Kreszenz aber schauderte es vor jeder Münze, die er ihr gab, als ob Blut daran hinge; sie meinte, aus jedem Gesichte der geprägten Herrscher sähe der Schlunkel heraus.

Das Lenorle erlauschte immer die Zeit, wann der Schneiderle mit seinem Zwerchsack nach Horb ging, dann durfte Kreszenz nach Hause schleichen und sich mit allerlei versehen.

Auch Florian war oft auf der Lauer, um zu erschauen, wann niemand in der Nähe war, so daß er, seiner Ehre unbeschadet, zu dem Schlunkel schleichen konnte. Ein unvermuteter Widerstand zerriß aber bald diese trübselige Kameradschaft.

Der Schlunkel hatte dem Papierer von Egelsthal zwei Hämmel gestohlen. Als nun Florian eines Tages bei ihm war, verlangte er von ihm, daß er die Tiere schlachten und herrichten solle. Sein Stolz, seine Krone war für Florian bisher sein Handwerk gewesen; diese Zumutung beleidigte ihn im Tiefsten, er sagte daher:

»Eher schneid' ich dir und mir die Gurgel ab, ehe ich gestohlene Hammel im geheimen schlacht'.«

»O du Trallewatsch,« sagte Schlunkel, mit einem gewandten Griffe dem Florian sein Messer aus der Tasche ziehend, »du kommst nicht lebendig aus der Stube, wenn du nicht die Hämmel metzgest oder mir meine zwei Kronenthaler bezahlst.«

»Wart, ich will dir!« knirschte Florian, den Schlunkel umfassend, und suchte ihm das Messer zu entreißen. Beide rangen aus aller Macht miteinander, aber keiner wollte unterliegen; da hörte man Geräusch, Florian ließ los und sprang schnell zum Fenster hinaus.

Betrübt kam er zu Kreszenz und gestand ihr alles.

Ohne ein Wort zu reden nahm sie ihre Granatenschnur samt dem Anhenker vom Halse, zog ihren silbernen Ring von der Hand und reichte es hin.

»Was soll ich damit?« fragte Florian.

»Du sollst's versetzen oder verkaufen und den schlechten Menschen bezahlen.«

Florian umarmte und küßte sie und sagte dann:

»Thu du's und bezahl ihn dann; versetz es nur, kannst dich darauf verlassen: ich schaff' dir's wieder.«

Kreszenz that, wie ihr befohlen, und brachte das Messer wieder. Florian untersuchte es genau und fand, daß kein Blut daran gewesen; er freute sich innerlich, daß sein Ehrenschmuck nicht mißbraucht worden war.

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