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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 92
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Vierzigstes Kapitel.

Der Abschied von der Anstalt, von unserem herrlichen Professor, von den Kranken und auch vom Rack ist mir schwer geworden. Wenn ein Tier weinen könnte, der gute Rack hätte geweint; als ich die Kisten packte, war in seinem Auge zu lesen, daß er wisse, wir nehmen Abschied auf ewig.

Die Doktorin war zu uns zurückgekehrt, sie hatte große Freude an Ronymus, und mit dem Weger war sie, wie wenn sie von Jugend an miteinander aufgewachsen wären.

Sie machte mir noch eine besondere Freude, indem sie meine Nichte Agnes zu meiner Hochzeit kommen ließ.

Die Doktorin auf der einen und der sternkundige Professor auf der andern Seite sind mit mir zum Traualtar gegangen; mir war's, wie wenn es meine Eltern wären . . .

Der Weger und der Rittmeister sind mit uns ins Wirtshaus eingezogen.

Der Weger war sonst gut gegen alle Menschen, das heißt, er hat nicht viel nach ihnen umgesehen, aber er hat niemand was zu leid gethan und hatte auch gegen niemand was in der Seele. Nur den Rittmeister haßte er bis in den Tod hinein; er wollte anfangs nicht mit uns gehen, wenn wir den Rittmeister mitnehmen.

Ronymus wußte sich gar nicht zu helfen, aber mir ist's geglückt, ihn wenigstens zur Ruhe zu bringen. Ich hielt ihm vor, wie es ihm damals war, als er in der Furcht, das Auge zu verlieren, nach Heiden gekommen; er solle seine Dankbarkeit damit beweisen, daß er geduldig sei gegen den Blinden.

»Wenn du mich daran erinnerst, muß ich dir folgen,« hat der Weger gesagt.

Er hat aber nie dem Rittmeister nur den geringsten Gefallen gethan, und er war auch eifersüchtig, daß wir und unsere Kinder den Mann so dienstwillig und ehrerbietig behandeln. Oft hat er vor sich hingebrummt:

»Der Mensch hat sein Lebtag kein paar Sohlen zerrissen, die er mit redlicher Arbeit verdient hat. Er hat Hände, so weich wie Eierhäutchen. Wenn eins von uns blind geworden wäre, hätte der es ins Haus genommen?«

Es war eine harte Sache, den Weger immer wieder geduldig zu machen. Er hatte auch Angst, unsere Kinder werden zu vornehm, und hat ihnen deshalb oft gesagt: »Euer Großvater war Straßenknecht, und euer Vater war Hausknecht.«

Die guten Wege, die von unserem Haus über den Berg in die Felder und in den Wald führen, die hat der Schwäher hergerichtet, ganz allein. Im Haus hat er auf alles achtgegeben, und die Art, so gutes Kirschwasser zu brennen, die hat der Ronymus von seinem Vater überkommen.

Bevor ich noch das letzte erzähle, muß ich von Seridja berichten. Ich hatte sie fast vergessen; wenn ich mich aber ihrer erinnerte, gab es mir einen Stich ins Herz. Undank thut immer aufs neue weh. Nun erhielt ich nach Jahren einen Brief aus Indien, der zuerst nach Zürich gegangen war, und Seridja schrieb mir, daß sie in der schweren Stunde, da sie einen Sohn gebar, daran denken mußte, wie sie mir unrecht gethan; sie bat mich um Verzeihung und schickte mir ein schönes Andenken.

Der Rittmeister hat sich bald gut drein gefunden in das Leben bei uns. Er war säuberlich, wie sonst nie ein Blinder, er hat beim Essen nichts verschüttet und war immer angezogen, wie wenn er zur Parade müßte; man hätte glauben sollen, er hätte jedes Stäubchen auf seinem Rock gerochen. Aus Essen und Trinken hat er sich nicht viel gemacht, aber seine besondere Freude hat er an seinen Wohlgerüchen gehabt; er hat sich mit wohlriechenden Wassern bespritzt und auch immer Pflanzen auf seinem Zimmer gepflegt, sie sind ihm wohlgediehen. Stundenlang saß er drunten am Bach bei der Mühle, wo das Wehr rauscht; dieses Rauschen scheint ihm wohlgethan zu haben.

Gegen die Kinder war der Rittmeister gut, und er war auch ein Glück für sie. Es kann für Kinder nichts geben, was sie besser macht, als wenn sie Tag für Tag einem Hilflosen Dienste leisten können; das macht sie willfährig und geweckt, um Gutthaten zu thun, und das ist die beste Schule und die beste Nahrung für ein junges Gemüt.

Der Weger und der Rittmeister sind bald nacheinander gestorben, ohne daß sie eigentlich krank waren.

Eines Abends kam der Weger heim und sagte zum Ronymus:

»Ich hab' Hammer und Schaufel und Harke droben am Wald liegen lassen, es ist mir gar nicht gut; ich will mich niederlegen. Bring mir einen Schluck Kirschwasser.«

Er ging in seine Kammer, und bald darauf, wie der Ronymus nachkam, fand er seinen Vater tot.

Er muß leicht gestorben sein.

Wir gaben uns alle Mühe, daß der Rittmeister nichts vom Tod und Begräbnis des Schwähers merke, aber er hat es doch gemerkt und ist mit zum Leichenbegängnis gegangen, von der Agnes geführt. Das war sein letzter Ausgang.

»Dein Vater hat Wege gemacht, daß andere darauf laufen können,« hat er bei der Heimkehr zum Ronymus gesagt. Weiter kein Wort, überhaupt hat er von da an wenig mehr gesprochen.

Sonst hatte er die Kinder viel um sich, jetzt hat er immer nur mich um sich haben wollen.

»Du bist noch einmal Tochter geworden, jetzt ist das auch vorbei,« sagte er eines Tages, »zu mir, zu mir nicht . . .«

Ich habe wohl verstanden, was er meinte, aber ich konnte nicht lügen, ich konnte ihm nicht sagen, daß ich ihn lieb habe: es war nicht.

Eines Tages kam ein Brief aus Paris, ich mußte ihn vorlesen; der Brief war von seiner Frau, und es standen gar entsetzliche Worte darin.

Der Rittmeister lag lang still, dann sagte er:

»Zünd' ein Licht an! Verbrenne den Brief. Verbrennen . . .«

Ich willfahrte ihm. Ich mußte daran denken, wie mein Vater seinen Namen verbrannte.

»Gib mir die Asche in die Hand,« sagte der Rittmeister. »So. Vorbei. Das thut sie mir, der ich nur Gutes gethan, alles geopfert, alles. Ich war an die Unrechte gekommen. Du . . . dir . . . An dir hab' ich nur Böses gethan, und du, du hast Liebe zu mir. Sag', hast du Liebe? Du schweigst? Ist recht, ist ehrlich . . . Du hast mir Gutes gethan . . . Gutes . . .«

Er murmelte noch Worte, die ich nicht verstand. Mir ward angst und bang, ich rief den Ronymus, er kam; der Rittmeister atmete schwer, ich sank in die Knie, und der Ronymus drückte ihm die Augen zu, die toten Augen.

Der Rittmeister ist neben meinem Schwäher, dem Weger, begraben . . . .

So, nun bin ich fertig.

Ich weiß nicht, ob jemand anders von sich sagen kann, er habe den Spruch erfüllt: »Liebet eure Feinde« – ich von mir kann's nicht sagen.

Das goldene Lamm

im Wirtsschilde war in der Frühe bereits mit einem weiß schimmernden Dufte überhaucht, als Brigitta in ruhig gesammelten Morgenstunden ihre Geschichte erzählt hatte.

Der Herbst nahte sich dem Winter. Auf den Grabkreuzen des Wegers und des Rittmeisters lag dicker Reif. Der Röhrbrunnen am Hause wurde in Stroh eingewickelt, auf der Hausflur hingen die gelben Maiskolben, und in den Gastzimmern waren Aepfel aufgehäuft, die das ganze Haus durchdufteten. Die große Wirtsstube war wohl durchwärmt.

Als ich Abschied nahm, gab mir Brigitta das Geleit bis auf die Freitreppe; sie verläßt das Haus fast nie, Ronymus aber ging mit bis zum Bahnhofe. Als ich ihm berichtete, daß Brigitta mir alles genau erzählt habe, sah er mich mit strahlenden Augen an und sagte: »Habe ich nun nicht recht, daß ich sie die Prinzeß vom Schlehenhof heiße?«

Eben als der Schaffner »Fertig« rief, legte mir Ronymus noch einen Krug Kirschwasser neben den Sitz und sagte: »Das ist von meinem ältesten, aus unserem ersten hiesigen Jahre.«

Der Bahnzug brauste am Wirtshaus zum goldenen Lamm vorbei, von der Freitreppe grüßte Brigitta.

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