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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 90
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtunddreißigstes Kapitel.

Ich saß in der Nebenstube, da wurde mir gemeldet, ein Mann aus meiner Heimat lasse sich nicht abweisen, er müsse mich sprechen. Wer kann das sein?

Ich eilte auf die Hausflur, da stand der Weger, der Vater vom Ronymus.

»Kennst mich noch?« schmunzelte er, »nicht wahr, ich sehe ganz anders aus? Der Ronymus hat mich so hergerichtet, er hat mich herbestellt, hat mir das neue Gewand machen lassen. Aber komm in die Stube, ich hab' dir was zu sagen, was Gutes.«

Drin in der Stube konnte sich der Weger nicht genug verwundern, wie ich so anders geworden, und das eine Mal sagte er, ich sehe ganz meinem Vater gleich, das andere Mal ganz meiner Mutter. Endlich kam er zu dem Beschluß, die Gestalt habe ich vom Vater und das Gesicht von der Mutter; nur die Stirn, die Nase und den Mund habe ich vom Vater. Ich mußte lachen und war ganz verwundert, daß ich noch lachen konnte.

Ich bat ihn, leise zu reden, denn ich habe einen Kranken in der Nähe, der jetzt schlafe.

»Ja, ist recht, daß du mich auf die Hauptsache bringst. Mit dem Krankenwarten muß es ein Ende haben. Wir lassen dich nicht länger dabei, du, des Schlehhofbauern Tochter! Nein, das darf nicht länger sein. Wenn sie nur das auch noch erlebt hätte. Sie hat dich so gern gehabt, wie wenn sie dich unter dem Herzen getragen hätte. Laß mich nur weinen, das schadet nichts. Ich will, man soll mir auch einmal nachweinen. Ja, daß ich's nicht vergesse, noch vor ihrem Tod hat sie mir's auf die Seel' gebunden, daß ich dir das Geld einhändige von deiner halben Geiß und von deinen drei halben Gänsen. Ich hab's bei mir. Und von deinen Hühnern ist Nachzucht da, die bringe ich mit zu euch in das Lamm-Wirtshaus.«

Ich verstand nicht, was das alles sein sollte, und es war schwer, den guten Weger zurecht zu bringen. Wie ich also fragte, was denn das mit dem Lamm-Wirtshaus sei, rief er:

»So? Das weißt du noch nicht? Du mußt es doch kennen, das große Einkehr-Wirtshaus drüben im Thal? Der Schmaje hat das ausgekundschaftet, es war sein letztes Geschäft. Und es sind Aecker und Wiesen dabei und auch ein Stück Weinberg und ein Stück Wald, alles, alles, und der volle Hausrat ist auch da, man braucht gar nichts anzuschaffen; da werdet ihr schön und gut miteinander leben. So? Also der Ronymus hat dir noch nichts davon gesagt, daß er das Lamm gekauft hat und daß ihr da miteinander wirten werdet? Aber ich bin auch dabei, ich gehe mit. Ich kann schon noch so viel arbeiten, daß ich mein Brot verdiene, und ein Eigenes in einem Wirtshaus kann auf alles achtgeben, daß nichts verschleudert und nichts veruntreut wird. Die Dienstboten sind heutigestags auch nichts mehr nutz, aber ich will den eurigen schon aufpassen.«

Der Weger sah das Bild von dem großen Doktor an der Wand und rief ihn an wie einen Heiligen:

»Du Augenretter! Du wirst auch deine Freude dran haben, wenn du uns bei einander siehst. Brigitta, dem Bilde da geben wir den besten Platz im Haus, und die Kinder sollen den Mann auch kennen lernen.«

Ich ließ den guten Mann so weiter reden, und war mir's vorher, wie wenn der Rittmeister aus der Hölle heraus spräche, so war es jetzt, wie wenn der Weger vom Himmel herunter redete. So kam's über mich. Der gute Mann meinte, es könnte alles noch gut gehen. Aber es war zu spät, es war vorbei.

Ich fragte nach Ronymus, und der Weger lachte:

»Ja der, der ist ganz närrisch, heißt das, er ist sonst ganz gescheit, das zeigt sich ja, er hat gut gespart, aber er ist närrisch verliebt in dich; es ist so bei uns in der Art, ich hab's mit meiner Bonifacia auch so gehabt. O, lieber Gott, warum hat sie das nicht erlebt, daß sie eure Kinder in Schlaf singen kann? Du weißt ja, sie hat so gut singen können, aber sie singt vom Himmel herunter.«

Der Weger weinte, daß er kein Wort mehr vorbringen konnte; ich sagte:

»Ja, Weger!«

»Sag' nicht Weger, sag' Schwäher.«

»Weiß der Ronymus, das vom Rittmeister?«

»Gewiß. Geschieht dem Kerl ganz recht, daß er blind ist.«

Aus der Nebenstube rief der Rittmeister:

»Wer ist da? Wer sagt, daß mir recht geschieht?«

Ich bat den Weger, daß er jetzt gehe und mir zum Abend den Ronymus schicke. Ich ging zum Rittmeister. Ich mußte ihm erzählen, wer da sei, und er sagte leise:

»Jeder Straßenknecht ist jetzt über mir.«

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