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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 87
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Der Rittmeister steht aufrecht mitten in der Stube und schreit:

»Gitta! Gitta! Wo bist du?«

»Da bin ich.«

»Es sticht wie tausend Nadeln. Mach schnell, lockere mir den Verband.«

Er setzt sich, ich stehe vor ihm, ich kann kein Wort hervorbringen, es würgt mich am Hals, aber ich lockere den Verband, und er sagt:

»Wenn ich gesund bin, kriegst du ein großes Geschenk von mir.«

»Ich nehme nichts, von Ihnen gewiß nicht.«

»Von mir nicht? Warum nicht? Von mir nicht?«

»Meine Mutter im Himmel hat recht gehabt, man kann einen mit einer goldenen Kette erwürgen.«

»Was redest du? Was soll das heißen?«

»Ich will dir's sagen. Ich bin die Tochter des Xander.«

Ich halte den Verband in der Hand, er schreit und schlägt auf mich los, ich schreie, und der Hund stürzt auf den Rittmeister los. Ich reiße ihm den Verband ab: »Da sieh mich, mich zuerst.«

Er schreit: »Blind! Blind! Xander!« und stürzt auf den Boden.

Ich lasse ihn liegen und renne davon. Wohin, ich weiß es nicht. Ich höre noch hinter mir schreien: »Xander! Xander!«

Ich renne die Treppen hinab und verberge mich zuerst im Holzschuppen.

Wohin will ich? Ich weiß es nicht. Blind! Blind! Xander! Xander! ruft's aus allen Steinen in der Wand.

Was ist geschehen? Was hab' ich gethan? Ich habe Rache genommen, ich habe den Feind geblendet. Ich liege auf den Knieen, und mir ist, als wäre ich in eine tiefe Schlucht geschleudert, und unter mir gurgeln die Wasser, und die Felsen über mir fangen an zu rollen.

Ich höre Rennen und Rufen im Hause.

Ja, es ist vorbei. Ausgelöscht alle die Gutthaten der vielen Jahre, ich habe Aergeres gethan als eine Mordthat, ich darf nicht mehr leben.

Ich kenne den Ausweg vom Holzschuppen auf die Straße, ich reiße die Thür auf und renne hinaus.

Da drunten ist der See. In den See mit dir, du Mörderin, du mehr als Mörderin!

Ich renne die Straße hinab. An der elektrischen Uhr halte ich an und verschnaufe. Es ist fünf Uhr, meine letzte Stunde.

Wie ich so fort renne, hält mich ein Mann auf und sagt:

»Freut mich, daß ich dich wieder sehe, Gitta. Aber was siehst du so verloren drein? Was ist dir? Kann ich dir mit etwas helfen?«

Es ist der sternkundige Professor, er hält mich am Arm fest. Ich will mich losreißen, er aber sagt:

»Kind, gutes Kind« – o wie mich das packt! – »gutes Kind, denk', ich wäre dein Vater.«

»Mein Vater! Mein Vater! Ich habe Rache für ihn genommen.«

»Was redest du?«

»Lassen Sie mich los.«

»Kind, ich bin alt. Laß mich nicht auf der Straße mit dir ringen. Schau, die Leute sehen auf uns.«

»Was gehen mich die Leute an?«

»Du thust mir weh, ich bin nicht stark genug.«

»Ich will Ihnen nicht wehthun. Leben Sie wohl.«

Ich reiße mich los und renne davon, erst drunten in der Ebene halte ich still. Da gehen jetzt am Sonntag so viel Menschen, Männer und Frauen, und lustwandeln, ich will ihnen ihre Freude nicht zerstören; wenn ich hier ins Wasser springe, wird man mich wieder herausziehen, nein, dort am Schänzeli, dort springe ich übers Geländer, wenn das Schiff abgeht, und die Wellen sollen mich gleich begraben.

Auf dem leeren Krahnen beim Winkelriedhaus sitzen Knaben und drehen sich lustig im Kreise; da draußen glänzen die weißen Häuser und die grünen Weinberge, helle Segel schwimmen auf dem See, Lustfahrende lassen sich hin und her treiben. Ich sehe das alles und denke doch ganz anderes, bin an einem ganz anderen Ort. Ich bin dort im ausgehauenen Wald in jener Nacht mit meinem Vater. Wir sitzen vor dem Dorfe, bis es Tag wird, und frieren . . .

Damals habe ich mir gewünscht, Rache zu nehmen, jetzt hab' ich sie genommen, jetzt ist's genug, aus, vorbei mit dem Leben –

Ich komme auf die Brücke zum Schänzeli, da ruft mir der Ronymus entgegen:

»Das ist schön, daß du auch einmal frei bist. Ich muß nur noch ans Schiff. Sei so gut und halte mir meine Handtasche, es sind große Wertsachen drin. Ich komme gleich wieder.«

Fort ist er, und ich habe die Tasche in der Hand. Ich stehe da und sehe, wie das Schiff abstößt, drauf sind so viel Menschen in Sonntagskleidern, und lustige Musik spielt. Sind dort auch Menschen, die das gethan haben, was du? Fort mit dir, du Augentöterin! Die Wellen klatschen ans Ufer, warum springe ich nicht in die Wellen? Was geht mich die Tasche mit den Wertsachen an? Was geht mich die ganze Welt an? Wem gehört das Gold und Silber und die Wälder und Felder und Häuser auf der Welt? Sie sollen sich drum streiten, wenn ich tot bin . . .

Ich sehe den Ronymus kommen, und jetzt fährt mir's wie ein Blitz in die Seele. Sterben – das ist nichts. Nein, du hast gewollt, er soll wieder gut machen, der Schlechte, – und du? Du willst davon? Nein, zurück mußt du und büßen und gut machen mußt du . . .

Ich werfe dem Ronymus die Tasche hin und renne zurück in die Anstalt, ich muß durch die vielen Menschen, die mir entgegenkommen, wie wenn ich mich durch die Wellen am See durcharbeiten müßte.

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