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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 79
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Am Mittag fährt ein Wagen vor. Ich schaue aus dem Fenster, ein großer stattlicher Mann wird aus dem Wagen gehoben. Ich meine, ich muß aus dem Fenster stürzen, ich meine, ich muß rückwärts fallen. O lieber Gott! das ist ja der Rittmeister! Und den soll ich pflegen und warten? Den? Nein, das thue ich nicht, ich bleib' nicht im Hause, mit dem Mann bleib' ich nicht unter einem Dach.

Er wird heraufgeführt, er trappst in der Nebenstube, ich höre seine Stimme, ich habe mich nicht geirrt, er ist's.

Unser Professor öffnete die Zwischenthür und sagte zu mir:

»Komm herein.«

Ich weiß nicht, woher ich die Kraft hatte, ins andere Zimmer zu gehen. Da saß der Rittmeister mit verbundenen Augen im Lehnstuhl und hatte die Hände ineinander gefaltet. Der Professor sagte:

»Das ist dein neuer Pflegling. Ich weiß, du bist geduldig, sei es ganz besonders mit diesem Herrn.«

Ich konnte nicht einmal ein Ja vorbringen, es schnürte mir die Kehle zu. Der Rittmeister frug:

»Wie heißen Sie?«

Ich brachte meinen Namen nicht heraus, und der Professor sagte:

»Sie wird Gitta gerufen. Warum bist du so starr? Du bist doch sonst –«

Der Rittmeister unterbrach ihn und fragte:

»Ist sie alt oder jung?«

»Jung.«

»Wo steht sie?«

Ich konnte nicht von der Stelle. Der Professor sagte zu mir:

»Was bist du plötzlich so kindisch?«

Kindisch sagte er – ich meinte, ich müsse aufschreien und sagen: ich bin das Kind von dem, der durch diesen Mann zu Grunde gerichtet und in den Tod gejagt wurde.

Ich brachte aber kein Wort heraus, und der Rittmeister sagte:

»Tritt näher! Komm her!«

Es klang befehlerisch, er that den Handschuh ab, streckte die Hand aus, und der Professor führte mich am Arm zu ihm hin.

Ich mußte dem Räuber, dem Mörder die Hand geben. Er sagte:

»Warum zitterst du? Hast nichts von mir zu fürchten, bin ein armer, verlassener, blinder Mann.«

Dabei schluchzte er, daß es ihm Herzstöße gab. Ich hatte kein Mitleid mit ihm, mir ballten sich beide Hände, ich hätte ihn gern noch mit beiden Fäusten auf die Brust gestoßen und ihm dabei zugerufen: Du Räuber an meinem Vater! Du Mörder meines Vaters!

Unser Professor redete dem Rittmeister zu, er müsse stark und mannhaft sein, er dürfe nicht weinen, das verzögere die ohnedies so schwierige Operation um Tage, vielleicht um Wochen.

Der neue Assistent kam herzu, er war erst seit kurzem bei uns, er war Militärarzt in Deutschland gewesen. Die beiden Aerzte schickten mich fort, sie nahmen nun nochmals eine Untersuchung vor.

Da stand ich nun draußen auf dem Flur. und wieder kam mir der Gedanke, ich bleibe keine Stunde mehr im Hause; ich kann nicht. Unserm Professor sage ich, warum ich fort muß, und er soll den schändlichen Menschen nicht heilen, der soll keinen Baum mehr sehen, keine Blume, kein Menschengesicht; blind soll man ihn in die Grube einscharren bei lebendigem Leibe . . .

Unser Prozessor kam heraus und sagte mir:

»Dein neuer Patient ist das gerade Gegenteil von dem Sternkundigen, der lauter Gutherzigkeit war; dieser ist voll Bosheit und Giftigkeit auf die Welt, weil das Leiden über ihn gekommen. Ja, Kind, wir dürfen nicht fragen, ob einer gut oder schlecht; wir wissen nur, er ist krank, und wir müssen helfen, so viel wir können. Ist dein neuer Patient bösartig, so muß er gerade um so mehr gutartig behandelt werden; ich habe das Vertrauen zu dir, daß du das kannst.«

Er ging mit dem Assistenten die Treppe hinab, und ich hörte noch, wie der Assistent sagte: »Nennen Sie dem Manne meinen Namen nicht. Ich kenne ihn von früher, ich stand bei seiner Schwadron.«

»So? Da müssen Sie mir von ihm erzählen. Er war offenbar ein gewalttätiger Mensch, ich habe das auch an mir erfahren. Ich habe ihn eigentlich nicht ins Haus aufnehmen wollen und habe es nun doch gethan.«

Er nannte auf lateinisch eine Krankheit.

Die Schritte der beiden Männer verhallten, ich stand am Treppengeländer und mußte mich dran festhalten, so schwindelte mir. Jetzt aber kam über mich, was die Doktorin gesagt hat: »Man kann sich nicht zwingen, seinen Feind zu lieben, aber man kann sich zwingen, ihm zu helfen und ihm Gutes zu thun.«

Das muß ich, das kann ich, das will ich.

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