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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 75
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Der Professor ging fort, und auf der Flur sagte er, es sei gescheit von mir gewesen, daß ich so zu dem Kinde geredet habe. Es war aber gar nicht gescheit von mir, es war mein voller Ernst, und wenn's das nicht gewesen wäre, hätte es auch nichts genützt.

Das Kind ist nicht gleich vom ersten Tage an zahm geworden, aber wenn ich gesagt habe, ich gehe fort, da hat es mich um Verzeihung gebeten und mir alles schenken wollen.

Ich darf sagen, ich hab' mit der Seridja Geduld gehabt, wie man mehr nicht haben kann; ich hab' auch der Mutter geholfen, die gar nicht mehr mit ihrem Kinde hatte auskommen können. Lieber Gott! Das ist ein lebenslustiges übermütiges Geschöpf, das möcht' gern springen und hüpfen und muß nun so daliegen, kann mit nichts spielen, hat nie was Ordentliches gesehen und kann sich an nichts erinnern und weiß nicht, ob es in Rom, in Konstantinopel oder in Zürich ist. Das Kind ist in den dreizehn Jahren seines Lebens in allen Ländern gewesen, kennt alle Sprachen, weiß, wie man Hund in allen Sprachen sagt, weiß aber kaum mehr, wie ein Hund aussieht. Das ist ein bitteres Elend.

Die Mutter hatte es jetzt besser; stundenlang und auch halbe Tage durfte sie von dem Kinde fort und sich wieder auffrischen; sie war ganz herabgekommen gewesen.

Als der Professor wiederkam, sagte ich ihm, daß man dem Kinde unsern braven Hund, den Rack, geben müsse. Er fragte mich, ob das Kind selber den Wunsch nach einem Hunde geäußert habe; ich sagte, daß es nur mein Gedanke sei, das Kind müsse etwas Lebendiges zum Spielen haben. Der Professor brachte nun unsern Rack. Das gute Tier blinzelte mir zu mit seinen so herzgetreuen, grundehrlichen Augen, wie wenn es mir sagen wollte: ich weiß auch, daß das arme Kind blind ist, und wir zwei lassen uns von ihm zerren oder liebkosen, wie es eben mag.

Seridja war auch ganz glückselig mit dem Rack, ich habe ihr sagen müssen, wie der Hund aussieht; es war ein schöner schwarzer Hühnerhund mit langen Ohren, weißer Schnauze, weißem Bleß und weißen Füßen. Das Kind hat Stunden mit Rack plaudern können, und das hat die Mutter noch viel erleichtert.

Ich mußte neben Seridja schlafen und ihr erzählen, bis sie einschlief. Ich habe dem Kinde alle Geschichten erzählt, die ich wußte; auch Stücke aus meinem Leben. Wie ich von unseren verlorenen Gänsen erzählte, die wieder gekommen sind und schnattern und plaudern und basen, da hat das Kind mit mir den Gänsen nachgeahmt, und ich hab' ihm das noch oft und oft vormachen müssen.

Von unserm reichen Leben habe ich nichts erzählt, aber davon, daß ich auch Steine geklopft habe an der Straße, und da rief das Kind: »Mutter, die Gitta hat noch ärgere Proben bestehen müssen, als die Prinzessin im Märchen; die hat doch nur Gänse gehütet und Beeren gesammelt im Wald, aber Steine hat sie nicht geklopft. Gitta, du wirst noch viel mehr als Königin!«

Wir lachten über das Kind, und gescheit, wie es war und stark in Fragen, wollte es wissen, ob die Steine sich leichter bei Regen oder bei Sonnenschein zerspalten; alles wollte es wissen.

Ich erzählte auch, daß dem Weger ein Steinsplitter ins Auge geflogen sei – o weh! das Kind schreit wie besessen, es spürt den Steinsplitter in seinen Augen und schreit wie toll: »thu mir ihn heraus! heraus!«

Jetzt war auf viele Tage wieder alles verdorben; die Mutter zankte mich, weil ich dem Kinde solcherlei erzählt habe, und ich machte mir auch Vorwürfe. Ich habe aber nichts mehr zu erzählen gewußt, und das Kind wollte sich nicht aus Büchern vorlesen lassen. Ich habe mir also viele Geschichten auswendig gelernt.

Etwas anderes wachte auch wieder bei mir auf. Ich wußte ja von den Eichenschälerinnen und von der Bonifacia viele Lieder. Ich sang also dem Kinde vor, und es lernte alle Lieder schnell; es hatte eine schöne Stimme, und wir sangen miteinander, es ging wie zusammengepaßt.

Heiter sein, das ist besonders gut für die Heilung.

Der Professor hatte alles Vertrauen für das Gelingen der Operation, aber das Kind mußte ruhig und geduldig sein lernen für die Zeit der Heilung, sonst war alles vergebens, ja noch schlimmer als vorher.

Ich war manchmal bös auf die Mutter; solch eine feine vornehme Frau hätte bei alledem das Kind nicht sollen so verwildern und unbändig werden lassen. Das Kind war ein wahrer Tyrann; vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hat man ohne Unterlaß ihm immer etwas erzählen oder mit ihm treiben müssen. Ich habe oft nicht mehr gewußt, wo aus noch ein.

Nun hat sich aber etwas Gutes gefunden. Ich bat das Kind, mich Englisch zu lehren. Das hat ihm wohlgefallen. Ich habe Tag für Tag so und so viel Worte und Redensarten lernen müssen, und das Kind war ganz glücklich, Schulmeister zu spielen. Ich habe geläufig englisch sprechen können, jetzt freilich hab' ich's wieder verlernt.

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