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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 72
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zwanzigstes Kapitel.

Die Art, wie mich der Professor seiner Frau und den Dienstleuten vorstellte, zeigte, was er von mir hielt. Er hat mir alles anvertraut, und ich habe sein Vertrauen nicht getäuscht, bis auf das einzige Mal . . .

Eine besondere Freude war mir, daß der Hund im Hause – ich werde noch viel von ihm zu erzählen haben, er heißt Rack – sich gleich von der ersten Minute an so zu mir hielt.

Das habe ich bald gesehen, solch eine Anstalt ist was ganz anderes als ein Wirtshaus.

Anfangs war mir's, wie wenn ich verzaubert wäre in ein unterirdisches Schloß, wie man in Märchen liest. Da sind so viel Menschen und wie gebannt, sie können sich nicht das Kleinste selber thun; da sind so viel dunkle Kammern, und man meint, die ganze Welt sei krank.

Ich habe mich aber doch bald drein gefunden, und die Kranken haben mich gern gehabt.

Wenn ich morgens zum Fenster hinaus schaue, vor mir liegt der See, stehen die Alpen so weit und so groß, und die kleine Kugel, das Auge, kann das alles aufnehmen, Berge und Thäler, die doch millionenmal größer sind – da habe ich erst recht verstanden, wenn die Kranken geloben, nie mehr über etwas zu klagen, wenn sie nur erst wieder gesunde Augen haben.

Jeden Morgen habe ich Gott gedankt, daß ich meine gesunden Glieder habe und meine guten Augen, mit denen ich anderen beistehen kann.

Ich darf sagen, ich bin nie ungeduldig oder gar bös geworden, außer dem einzigen Mal, von dem ich schon noch erzählen muß; die Kranken haben es wohl gefühlt, wie ich zu ihnen bin, nicht alle gleich, jeder eben nach seinem Verstand, und manche haben mir mehr geleistet als ich ihnen.

Ja, alle Menschenklassen, alle Stände, alle Lebensalter sind durch unser Haus gegangen; in einer solchen Anstalt, bei der Operation und nachher in der Heilung, da zeigt sich, was der Mensch inwendig ist, da kann man weder sich selber noch anderen was vormachen.

Von den Religionen muß ich gleich sagen: es ist da kein Unterschied, wie die Kranken Gott anrufen; der Charakter und die Gemütsart, die einer hat, ist die Hauptsache.

Es gibt Menschen, denen zu dienen ist eine Freude; dafür muß man wieder anderen dienen, die entsetzlich sind, immer bös, immer giftig. Man muß nur keinen Aerger merken lassen, und zuletzt hat man auch keinen mehr.

Ich habe in den nahezu sieben Jahren Katholiken und Protestanten und Juden und auch ganz Ungläubige gepflegt, fürstliche Personen, die unter seidenen Decken schlafen und Hände haben so fein wie Eierhäutchen, und dann Wildheuer, die ihr Leben lang nicht gewußt haben, was ein Bett ist. In der Dankbarkeit, wie die Menschen nach der Heilung sind und bleiben, da lernt man sie erst recht kennen, und ich muß sagen, da sind die Juden besonders gut; der Professor sagt's auch, ein Jude vergißt nicht leicht, was man ihm Gutes gethan hat. Freilich arg wehleidig sind die Juden und haben gern Mitleid mit sich selber, aber, wie gesagt, sie sind auch besonders dankbar.

Wir hatten einmal zu gleicher Zeit drei Geistliche im Haus, einen katholischen, einen lutherischen und einen jüdischen. Unser Herrgott hat's anhören müssen, wie sie so verschieden zu ihm beten. Die christlichen Geistlichen sind geheilt worden, der jüdische nicht. Als ihm das endlich gesagt werden mußte, rief er: »Gelobt sei Gott, der mich so viele Jahre hat sehen lassen; ich weiß unsere Bibel auswendig und kann ohne Augen darin lesen.« Aber er dankte herzlich für die viele Geduld und Liebe, die wir ihm erwiesen. Zu dem Professor sagte er: »Sie haben es gut gemeint, aber Gott hat gemeint, anders ist gut für mich; er wird wissen, warum.«

Wir hatten auch eine Fürstin im Haus, ich glaube aus dem Thüringischen, eine mächtig große Gestalt; mit keinem Laut klagte sie je, nicht bei der Operation und nicht nachher, es ist ihr nur ein Auge gerettet worden. Wenn ich ihr etwas leistete, und sie streichelte dann mit ihrer zarten Hand meine Wange oder auch meine Hand und sagte mir ein Wort, das war so fein und gutherzig, wie nicht zu sagen. Von Stolz kein Gedanke. Wir hatten einen starblinden Hirten im Haus, der verirrte sich einmal auf dem Gang, kam in das Zimmer der Fürstin; sie führte ihn an der Hand in seine Stube. Der Alte hatte dann dem Professor gesagt: »Sie müssen mir's in mein Gesangbuch schreiben, daß eine Fürstin mich an der Hand geführt und mich lieber Mann geheißen hat.«

Ueber der Fürstin wohnte eine alte Bäuerin, die erzählte, wie sie eines Tages ihr Enkelchen hatte fallen lassen, sie nahm es wieder auf, das Kind schrie entsetzlich, die Tochter kam herein, die Großmutter hatte das Kind verkehrt auf dem Arm. Die Leute lachten darüber, daß so eine alte Frau sich noch wolle heilen lassen.

Ich bin doch auch ein Bauernkind – aber ich muß sagen, wenn ich die Vornehmen betrachtete und dagegen manche Bauersleute, sind mir diese manchmal nur wie halbe Menschen vorgekommen:, so ungeschlacht, so geizig und mißtrauisch waren sie und wußten gar nichts mit sich anzufangen.

Da hatten wir aber eine gute Seele in der Anstalt, die mich immer in allem zurecht wies.

Wenn ich von der feinen guten Pfälzer-Doktorin zu erzählen anfange, weiß ich nicht, wo ich aufhören soll. Sie hat nur ein geringes Augenlicht, aber sich so geübt, daß sie fast gar keiner Hilfe bedarf. Nur vorlesen mußte ich ihr, so oft ich Zeit hatte, und das war meine Schule; sie hat mir alles erklärt, sie versteht alles, und in ihrer Stube und in ihrem Herzen ist immer alles schön aufgeräumt. Eigentlich war sie kein Krankes mehr und wollte das Haus verlassen, um einem andern den Platz nicht zu versperren; aber der Professor und seine Frau ließen sie nicht fort; sie war eine Hilfe, wie wenn sie Arzt und Geistlicher und Hausordnerin zugleich wäre. Ja, sie war ein wahrer Segen für das Haus.

Wer sich nicht mehr zu helfen wußte, wendete sich an die Doktorin, da schlüpfte man unter wie bei einer Gluckhenne, und sie hat eine Stimme – es ist nicht recht, wenn ich sage wie eine Gluckhenne, und doch hat sie etwas davon – ich meine, so sorglich, so warm, so behütend, so mütterlich lockend.

Wie jedes seine besondere Medizin braucht, so auch seinen besonderen Mutzuspruch. Sie hat jedem geduldig seine Klagen abgenommen, und das thut schon gut, und ein einziges tröstliches Wort hilft auf.

Nicht die Schmerzen sind es oft, die die Kranken so arg plagen, die Langeweile plagt sie noch viel mehr.

Da waren kranke junge Mädchen, die wußten gar nicht, was sie mit sich anfangen sollten, und verfielen auf allerlei; diese lehrte nun die Doktorin verschiedene Handarbeiten und überhaupt sich vorbereiten und üben für den unglücklichen Fall, damit sie dann für sich selber und für andere was nutz sind und nicht hilflos sich selber und anderen zur Last.

Blind sein ist gewiß hart, aber noch härter ist die Furcht, blind zu werden. Die Doktorin hat viele gestärkt, sich ins Unabänderliche zu finden.

Vergiß nicht, Kind, sagte sie oft, die Liebe stammt aus der Geduld, wie es im Evangelium heißt. Der Augenkranke muß viel fragen, weil er nicht sehen kann, und da laß nie Ungeduld über dich kommen, der du nicht weißt, was Augenfinsternis ist, was es heißt, den Fuß nicht mehr heben, sondern immer schleichen und mit Händen und Füßen tasten zu müssen, den Bissen nicht sehen, den man zum Munde führt, keine Blume, keine Helligkeit, kein Menschenantlitz. Hab' Geduld, und du findest Liebe in dir und in anderen.

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