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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 65
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Dreizehntes Kapitel.

O lieber Gott! Es gibt noch Unterschlupf auf der Welt, gute Menschen und warme Stuben.

Der Weger und die Bonifacia nahmen uns auf, wie wenn wir noch die fürnehmen Leute von früher, nur ein Ehrenbesuch wären. Die Bonifacia machte eine Morgensuppe und ließ mich dabei helfen, sie deckte den Tisch mit einem frischen Tuch, rückte dem Vater den einzigen Strohstuhl hin, der in der Stube war, holte aus dem Schränkchen einen silbernen Eßlöffel und sagte: »Das ist das Patengeschenk, das Ihr dem Ronymus gegeben habt.«

»Ich kann schon mit dem blechernen Löffel essen und muß froh sein. wenn was drin ist,« antwortete der Vater und stemmte den Löffel auf den Tisch; es ist ihm hart geworden, sich eine Suppe von geringen Leuten schenken zu lassen; er zwang sich aber und aß, und in den ersten geschenkten Löffel Suppe ist eine Thräne gefallen . . .

Das war das letzte Mal. daß er geweint hat, von da an nie mehr.

Als er gegessen hatte, wollte er von seinem Bruder Donatus erzählen; der Weger meinte, er solle damit warten, aber der Vater gab nicht nach und fragte am Schluß: »Weger, was sagst du dazu?« Der Weger zuckte die Achseln und sagte: »Ja, das ist nicht recht, aber du hast deinem Bruder doch auch Schlimmes angethan; es ist für einen ehrenstolzen Bauer nichts Kleines, daß er einen Bruder hat, der sein Sach . . . glimpflich gesagt, verunschickt hat.«

Der Vater seufzte: »Ja, ja, ich muß mir jetzt von jedem gute Lehren geben lassen. Von dir hör' ich's geduldig, du meinst es gut.«

Der Vater wollte nun gleich mit dem Weger hinaus und helfen, Steine klopfen; der Weger aber wehrte ab und sagte, der Vater solle sich noch besinnen. Wie der Vater sagte, er habe sich besonnen, er bleibe dabei, da schüttelte der Weger den Kopf:

»Thu's nicht, jetzt noch nicht, und ich hab' einen besondern Grund. Weißt, was das Aergste ist, wenn ein Mensch ins Elend geraten ist und das ist auch noch dabei?«

»Ein bös Gewissen.«

»Das auch, aber da ist schon jeder für sich sein eigener ausstudierter Doktor und sein eigener Apotheker. Ich hab' was anders gemeint: Kranksein zum Elend dazu, das mein' ich. Laß dich nicht krank werden, du mußt jetzt gesund sein. Geh' ins Bett, nachher ist wieder Tag, und nachher thu', was du meinst, und wenn du's mit mir beraten willst, ich bin dabei.«

Ueber das traurige Gesicht des Vaters ging's wie ein heller Sonnenblick. Er ließ sich vom Weger zu Bett bringen wie ein klein Kind, und bald kam der Weger in die Stube und sagte: »Er schläft.« Er ging an sein Geschäft und nahm den Aussichtler mit, der auch im Hause wohnte und immer Klarinett blasen wollte.

Ich suchte in meinen Taschen nach, richtig, es ist so, ich hatte die Kette verloren, die mir der Rittmeister geschenkt. Ich weiß sicher, ich habe sie in die Tasche gesteckt; ich habe sie verloren, wie ich dem Vater ein Tuch habe um den Kopf binden wollen. Es war gut so, ich sollte kein Andenken vom Rittmeister haben. Ich wollt', wir könnten alles Andenken an ihn verlieren.

Am Mittag wachte der Vater auf und war ganz frisch, er ließ sich vom Weger eine Kappe geben und einen schweren Hammer, ging mit ihm hinaus auf die Straße und half die Steine zerschellen. Am Abend fragte der Vater:

»Weger, sag' mir alles; was reden und denken die Leute von mir?«

»Was liegt dir dran? Und was die andern Leute reden und denken, weiß ich nicht. Sei jetzt um Gottes willen nicht wehleidig. Das Dummste ist, den Menschen seine Gebresten zeigen; sie haben keine Zeit und sind ärgerlich auf den, dem's schlecht geht, wenn nicht gar schadenfroh –«

»Aber du, was denkst du? Sag' alles, du meinst es gut, von dir hör' ich's geduldig.«

»Ich weiß nicht, ob's dir was hilft. Sag' mir zuerst, wem gibst du eigentlich schuld? Dir oder andern?«

»Beides.«

»Ist auch so. Natürlich schreibst du dir nur den kleineren Teil zu. Ich sag' nicht, daß du einfältig gewesen bist, im Gegenteil, zu pfiffig. Ja, mit einem Wort, der Grundteufel heißt Ungenügsamkeit. Sitzt da ein Bauer auf seinem Hofgut wie ein König und macht Geschäfte, und warum? Er hat das schöne Gut von der Frau, und er ist stolz, er möcht' aus ihm selber noch ebensoviel dazu erwerben. Er hat sich das lange nicht eingestanden, bis ein Verschmitzter kommt und es ihm sagt, und es ist, wie wenn er aus dem Schlaf aufgeweckt wär' –«

»So ist's,« rief der Vater, »woher weißt du denn das alles?«

»Woher? Die Vögel an der Straße pfeifen mir's. Von damals an hat's bei dir geheißen: Raffen, Einheimsen, Vorteil gewinnen. Du hast gemeint, dich dreht niemand über den Daumen; du bist nicht dumm gewesen, nur eben nicht gescheit genug für deine Kameraden, besonders den Rittmeister.«

»Dem sagst doch nicht Gutes nach?«

»Nein, mit meinem Hammer könnte ich dem die Hirnschale spalten, der hat das Aergste verdient.«

»Und glaubst du nicht, daß es ihm noch so ausgehen wird?«

»Was ein Mensch für ein Schicksal kriegt und was es übermorgen für Wetter gibt, darüber läßt sich nicht reden. Ob er noch an dich denkt? Ja, wer Räuber sein kann, kümmert sich weiter nichts drum, wie der Ausgeraubte dran ist.«

Der Weger war gar bedachtsam, der Vater nahm alles gut von ihm an, weil er eben auch den Grimmzorn gegen den Rittmeister hatte wie wir.

In dem kleinen Häuschen draußen vor dem Dorf haben fünf Menschen um den Tisch gesessen, und Supp und Kartoffeln und Kartoffeln und Supp gab's Tag für Tag, aber die Genügsamkeit hat alles geschmälzt und gewürzt.

Auf der Straße, wo der Vater mit der Kutsche dahin gefahren war und wo unsere acht Rosse das Holz geführt haben, da hat der Vater jetzt Steine geklopft. Die Menschen, die ins Feld gingen, blieben eine Weile stehen, manche gingen auch dem zulieb auf den Weg, um den Schlehhofbauer zu sehen; er hat sich nichts drum gekümmert.

Anfangs hat er mir freilich gestanden, er glaube nicht, daß ihn sein Bruder da lasse, und auch die andern Großbauern thäten das nicht; sie kommen gewiß und holen ihn ab und helfen ihm wieder auf. Als aber Tag für Tag verging und niemand kam, da sagte er, es sei jetzt eins; er sei nur froh, daß er noch so viel arbeiten könne, um sich dafür satt zu essen. Es ist ihm aber doch schwer geworden, sich an die Armut zu gewöhnen. Wie er zum erstenmal Holzschuhe anziehen mußte, sagte er:

»Manchmal meine ich noch, es sei alles nicht ernst, unser Herrgott macht einen Spaß mit mir. Aber unser Herrgott ist kein Spaßmacher. Im Schlaf schlag' ich den Rittmeister fast jede Nacht tot, auf allerlei Arten, und da werde ich dann vors Hochgericht geschleppt. Wenn ich aufwache, bin ich froh, daß ich doch noch Steine klopfen darf. Ich möcht' nur wissen, wie es der Rittmeister macht, daß er schlafen kann.«

Unser Elend wurde immer wieder neu durch das Gedenken an den Rittmeister.

Der Vater hat sich vor keinem Wetter gescheut und sich nie darüber beklagt, nur über den Wind hat er oft gescholten. Ein Herzeleid war ihm auch allemal der Sonntag, da mußte er in die Kirche und durfte sich nicht mehr in die Gemeinderatsbank setzen; er stand eben auch bei den armen Leuten. Wie ich einmal mit ihm heimging – wir waren jetzt im Wegerhäuschen daheim – sagte er:

»Das sollt' nicht sein, daß es in der Kirche einen Ehrenplatz gibt; vor Gott sind wir alle gleich.«

Ich half dem Vater auch Steine klopfen, aber nach ein paar Tagen litt er es nicht mehr; ich dürfe ihm nicht die Schande auferlegen, daß er sein einzig Kind nicht mehr ernähren könne. Ich mußte ihm gehorchen, denn er drohte mir, wenn ich das nicht thue, gehe er ins Elsaß und werde Fabrikler. Wenn er damit drohte, gab ich ihm in allem nach.

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