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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 64
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zwölftes Kapitel.

Es wurde Nacht, wir nahmen uns an der Hand und gingen, ich sagte dem Vater, wir müßten jetzt stark und fest sein und nicht mehr zurückdenken und zurückschauen; er gab mir keine Antwort und drückte mir nur die Hand, dann ließ er mich los.

Von jener Minute an hab' ich's gespürt, man muß sich selber aufrecht halten, und ich glaub', ich bin dabei geblieben.

Der Hund kam uns nach, der Vater jagte ihn fort und sagte: »Hab' selber nichts mehr zu essen.«

Wir gingen durch den Wald, das ist kein Wald mehr, nichts als tausend und tausend Baumstümpfe, und überall sitzen Raben drauf; man hat gar nicht gedacht, daß es bei uns soviel Raben gibt.

Die Sonne ging unter, die Raben flogen auf und krächzten.

»Er darf mir keinen Vorwurf machen,« sagte der Vater. »Niemand hat ein Recht dazu als du. O, ich möcht' nicht zu ihm, lieber betteln gehen von Haus zu Haus, und du kannst sagen: das ist mein Vater, der war einmal ein stolzer reicher Bauer mit hundert und hundert Morgen Wald, und jetzt ist nichts mehr sein eigen als der Bettelstab in der Hand. O Kind, so alt bin ich geworden, so alt, fünfzig Jahre war ich alt, und da hab' ich erst gelernt, daß es grundschlechte, verlogene Menschen auf der Welt gibt.«

Ich tröstete den Vater, so gut ich konnte. Der Vater sagte nur: »Ich rauche nicht mehr.«

Wir gingen fürbaß, es war noch ein weiter Weg bis zum Ohm. Plötzlich erhob sich ein scharfer Wind, und der Vater rief:

»Wind, was willst du von mir? Such' dir den Rittmeister, heb' ihn vom Boden, laß ihn zappeln und dann zerreiß ihn in tausend Stücke.«

Der Wind riß dem Vater den Hut vom Kopf, und er lachte: »Nimm den Kopf auch mit.« Wir suchten den Hut, fanden ihn aber nicht, barhaupt ging der Vater dahin, er litt es nicht, daß ich ihm ein Tuch über den Kopf binde, er sagte, er habe dem Wind den Weg aufgemacht da herein.

Wir hörten Hunde bellen von weit entfernten Höfen. Der Vater sagte: »Sie bellen alle auf mich los. So lang noch mein Wald da war, hat man die Hunde nicht gehört.«

Mir zitterte das Herz im Leib, und ich war froh, als wir endlich Licht sahen am Hause des Ohms.

Wir kamen gegen das Haus, die Hunde bellten, ein Fenster ward aufgemacht, und der Ohm fragte: »Wer ist da?«

»Ich bin's, ich will in mein Elternhaus.«

»Dein Elternhaus? Es ist nichts mehr dein. Aber komm meinetwegen nur herauf.«

»Komm du herunter und hol' mich.«

»Da kannst du lang warten.«

»Komm fort, komm fort . . .« sagte der Vater zu mir und riß mich fast um. Wir wendeten uns wieder thalab, ich wagte nicht, dem Vater dreinzureden, und er sagte auch:

»Red' nichts, kein Wort! Da drüben liegen meine Eltern – so wenig die aus dem Grabe steigen und wieder ins Haus kommen, so wenig trete ich je wieder über die Schwelle.«

Wir wandern und wandern, und was kommen für Gedanken! Mir fällt jetzt ein, tief drin in dem Elend fällt mir jetzt ein, wie ich einmal die Prinzessin vom Schlehenhof geheißen, ich höre die Musik von der Hochzeit meiner Schwester und die Reitersignale, und mein einziger Wunsch war jetzt nur, daß ich einmal an dem Verderber Rache nehmen könnte.

Wir kamen endlich an unser Dorf, und da draußen saßen wir, bis es Tag ward. Wir zählten die Stunden, die es vom Turme schlug; dort lag die Mutter und die Schwester im Grab. Gottlob, daß sie das Elend nicht erlebt haben.

Da in den Häusern ruhen jetzt die Menschen, da sind so viele aufgerichtete Betten, die Bäuerinnen thun stolz damit, keine sagt: kommt herein und wärmt euch und ruhet aus. Keins denkt, daß da draußen zwei verlorene, verlassene Menschen sitzen. O, die Welt ist unbarmherzig!

Nein, es hat doch Menschen gegeben, die an uns dachten.

Der Vater sagte: »Mir ist so kalt, ich wollt', ich wäre ganz kalt.«

Da rief eine Stimme: »Gottlob, daß ich euch endlich finde,« es war der Weger, der auch vom Berg herabkam in seinem alten Soldatenmantel; er nahm schnell die Enzianflasche aus der Tasche und sagte:

»Vor allem trinken, hat jener Bauer gesagt, wie er sich besinnt, was er in der Stadt zu thun hat. Da, trinket, und jetzt noch einen Schluck. Hat sie wieder einmal recht gehabt, die Bonifacia, hat mir keine Ruhe gelassen, muß vor Tag zu euch da hinauf zum Donatus und sehen, wie's euch geht. Ja, ich möcht' nicht der Donatus sein . . . Aber jetzt wird nichts weiter geredet, kommt mit heim.«

Wir sind mit dem Weger gegangen.

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