Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 61
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.

Der Vater hat sich eine Kutsche angeschafft, die Mutter hat sich nie hineingesetzt, manchmal hat der Ronymus kutschiert, meist aber der Vater. Zuweilen hat er auch mich mitgenommen; er ist, wie es scheint, doch nicht gern allein gewesen. Als wir an dem Weger vorbeifuhren, der auf der Straße Steine klopfte, that er, als ob er die Mütze abziehen wollte, er kratzte sich aber nur hinterm Ohr und glotzte uns verwundert an.

An der Straße, hoch oben gegen den Bodensee, steht im Wald ein einsames Wirtshaus, dort trafen wir den Rittmeister, bald kam auch der Schaller. Er grüßte den Rittmeister sehr unterthänig, meinen Vater nur so leichthin, er ging in der Stube auf und ab, fuchtelte mit seiner Reitgerte und schlug sich auch manchmal damit auf seine hohen Stiefel. Er hatte ein ehrbares Ansehen, rund und behaglich, er war schon bei Jahren, aber noch hurtig; er schmatzte immer, wie wenn er einen Leckerbissen auf der Zunge hätte. Als er mich sah, sagte er zum Vater:

»Das ist also Ihr einzig Töchterle? Ich wollt', ich hätt' auch so eins. Verheiraten Sie sie nicht, bis mein Sohn wieder aus Amerika heimkommt, dann soll sie meine Tochter werden.«

War das nicht ein prächtiger Mann? Ein Wohlthäter? Und auf diesen Mann hat die Mutter alle Schimpfworte geworfen! Ja, dachte ich, der Vater versteht die Menschen viel besser als die Mutter.

Der Schaller erkundigte sich beim Wirt, ob niemand nach ihm gefragt habe. »Ja, der Geldwälzer,« hieß es, und man rief einen verkommenen Bauer, der immer gern schmarotzte, wo es was zu essen und zu trinken gab. Man sagte ihm nach, er habe sein Gütchen für bares Geld verkauft, für lauter harte Thaler, die hat er auf den Boden gestreut und sich darauf herumgewälzt. Daher hatte er den Namen, aber vom Geld hatte er nichts mehr.

Ich hörte nicht, was die Männer miteinander redeten, aber der Vater stand auf und sagte:

»Da bin ich der Mann. Zu der Haue kann ich den Stiel finden. Ich bin mit dem Heckenbauer weitläufig verwandt. Was da zu machen ist, mach' ich.«

Als der Rittmeister den Vater lobte, lachte der Vater übers ganze Gesicht und ging davon. Ich wollte mit ihm, aber er nahm mich nicht mit; ich mußte allein in dem einsamen Wirtshaus warten.

Ich ging vor das Haus, saß auf der Bank und hörte die drei Männer drin lachen und lärmen.

Ich sitze da und sehe neben mir eine große Spinne, sie hockt mitten im Spinnweb, eine Fliege kommt daher, sie ist gefangen; sie hat wohl gemeint, da sei nur Luft, da sind aber feine Fäden. Die Fliege zappelt, kann aber nicht los; sie greift mit den Füßen um sich und über sich, sie kommt nicht los. Die Spinne spürt gewiß, daß sie was gefangen hat, es zittert ja alles, und wer weiß, was sie denkt, sie wartet aber still; die Fliege ist ruhig, die Spinne kommt auf einem Leitseil daher, die Fliege fängt wieder an zu zappeln, die Spinne macht sich fort und wartet wieder und wartet, bis die Fliege sich kaum mehr regt, dann umspinnt sie sie, saugt sich an ihr fest und saugt sie aus.

Damals auf der Bank ist mir's auf einmal aufgegangen: der Rittmeister oder der Bergschinder, das ist die Spinne, und mein Vater ist die Fliege.

Als ich noch so dachte, kam mein Vater daher, und bei ihm war der Heckenbauer und der Schmaje. Ich ging auch mit ihnen in die Stube. Als wir hinein kamen, jagte der Schaller den Schmaje fort und rief: »Wenn du nicht gehst, zeig' ich dich an, du Jud' darfst nicht beim Güterhandel sein.«

Der Schmaje ging und murmelte etwas wie einen Fluch; der Schaller lachte – er machte immer die Augen ganz zu, wenn er lachte – und erklärte, das sei ein Hauptspaß, den Schmaje könne man hin und her zwacken, wie man wolle. Die Männer gingen mit dem Heckenbauer in eine Nebenstube, ich hörte Hände zusammenschlagen; die Sache schien fertig. Die Männer kamen wieder heraus, der Schaller steckte ein großes Papier in die Brusttasche, und jetzt ward Weinkauf getrunken. Der Geldwälzer trank am meisten.

Es war bald Nacht, unser Fuhrwerk war angespannt, und als wir aufsteigen wollten, kam der Rittmeister und sagte dem Vater, er habe nun teil an dem Geschäft mit dem Heckenbauer, er wolle ihm den Gewinnteil abkaufen und bar zahlen. Der Vater dankte und sagte, er sei der Mann, um in Gewinn und Verlust voll mit dabei zu sein.

Wir fuhren fort, und der Vater pfiff unterwegs seine Soldatensignale vor sich hin. Plötzlich wurden wir angehalten, der Schmaje stand da. Er sprach ganz eindringlich in den Vater hinein und warnte ihn vor der Räuberbande, in die er geraten sei.

»Der Schaller besonders,« sagte er, »spottet über dich, er heißt dich nur die Geiß, die so mager aussieht und doch viel Fett im Leib hat; er sagt, er wolle dich ausschlachten mit samt dem Stall. Und der Rittmeister – er hat sich ausgerittmeistert – der ist grad so schlecht. Mach dich los! Das sind Blutegel, das sind Spinnen, die dich aussaugen!« – »Ja, Spinnen,« rief ich, und mir fiel ein, was ich heut gesehen. Der Schmaje sagte:

»Da hörst du's, dein Kind, dein unschuldig Kind sagt's auch.«

»Und versteht grad so viel wie du; ich muß doch auch dabei sein, wenn ich betrogen werde.«

»O Xander, guter Kerl,« rief da der Schmaje und weinte fast dazu. »O Xander! Du bist ein aufrichtiger Mensch, dein Vater war ein aufrichtiger Mensch, dein Bruder Donatus ist ein aufrichtiger Mensch, ich geh' schon bald dreißig Jahr in eurem Haus aus und ein. Hier dein Kind auf Erden und dein Vater im Himmel sind Zeugen, daß ich dich gewarnt hab'. Ich will keinen Stern mehr sehen, ich will mein eigen Kind nicht mehr sehen, wenn ich nicht die Wahrheit rede. Du willst es mit dem Schaller aufnehmen? Weißt du, was der Schaller dir gethan hat?«

»Mir? Was?«

»Bei dem können sieben Teufel in die Schule gehen. Er hat, um dich kirre und zahm zu machen, sich von dir betrügen lassen. Er hat –«

»Genug! Genug!« unterbrach ihn der Vater, »ich betrüge nicht. Aber sag', was muß ich dir geben? – ich biete dir hundert Gulden –, wenn du das, was du da sagst, vor dem Schaller und dem Rittmeister wiederholst?«

»Ein Soldat und ein Advokat auf einmal? Das ist mir zu viel,« jammerte der Schmaje, »aber nenn' doch den Menschen nicht mehr Rittmeister, er ist mit Schimpf und Schand durch ein Ehrengericht ausgestoßen worden.«

Ohne dem Schmaje weiter eine Antwort zu geben, peitschte der Vater den Gaul und fuhr davon; ich sah noch zurück, und da stand der Schmaje und hob die Hände zum Himmel auf. Wir fuhren fort, der Vater pfiff nicht mehr, und ich sagte, der Schmaje meine es doch gewiß gut. Der Vater erklärte mir, der Schmaje sei bei all seinem herzlichen Gethue doch eigennützig und habgierig, er wolle ihn doch nur abspenstig machen, weil er keinen Vorteil bei diesem Geschäfte habe und solchen anderen nicht gönne. Der Vater schärfte mir ein, ich solle der Mutter nichts von dem Vorgefallenen erzählen. »Du bist schon gescheit genug,« sagte er, »dir will ich's anvertrauen, ich hab' auch im Sinn, mich von den Sachen los zu machen und wieder im alten weiter zu leben; ich muß nur noch das große Geschäft in Bayern und zwei andere abwickeln. Sag' aber der Mutter nichts von allem, sie ist gar ängstlich, und ganz wohl ist sie auch nicht.«

In der Nacht hat mich die Mutter geweckt und gescholten: »Was schreist du denn immer von der Spinne? Es ist ja keine da.«

Ich mußte von der Spinne geträumt haben.

 << Kapitel 60  Kapitel 62 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.