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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 60
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtes Kapitel.

Von jenem Tage an war die Herzeinigkeit zwischen meinen Eltern geschwunden, und zuerst bin ich selber schuld gewesen.

Der Rittmeister kam wieder und sagte mir einmal, er wolle mir ein Geschenk zu meiner Firmelung machen, ich solle mir was wünschen. Die Mutter verbot mir, ein Geschenk anzunehmen; der Mann sei nicht verwandt mit uns und nicht mein Gevatter, und wir seien überhaupt keine Leute, die sich was schenken lassen. Der Vater sagte aber, das sei eine Ehrensache, die vornehmsten Leute nehmen Geschenke von Fürsten, und er verstehe überhaupt besser, was sich in der Welt schicke. Ich war natürlich auf seiten des Vaters, und als der Rittmeister wegen der Schwellenlieferung wieder da war, habe ich mir eine goldene Kette gewünscht, eine feine dünne, fünfmal um den Hals gewunden. Ich habe sie bekommen, und was noch das Schönste gewesen ist, daran war ein Schloß, und darauf war mein Name Brigitta mit erhabenen Buchstaben in Gold. So etwas hat kein zweites Kind gehabt, und ich war noch stolzer darauf als auf meine schönen Kleider an der Hochzeit meiner Schwester. Ich war fast bös auf meine Mutter, weil sie sagte: »Man kann einen auch mit einer goldenen Kette erwürgen.«

Und doch ist das fast wahr geworden.

Meine Mutter wurde immer mißmutiger und griesgrämiger und der Vater immer lustiger, und ich war auch gern lustig. Es war immer viel bar Geld im Haus, und bar Geld lacht, und der Vater lachte auch, wenn er Gold und Silber aufeinander häufelte. Vielleicht hat's auch die Mutter nicht erfahren, ich wenigstens weiß nicht, woher das Geld damals kam. Die Mutter wollte, er solle davon lassen, er passe nicht zum Geschäftsmann; sie meinte, man müsse dem Förster Jorns Bescheid sagen, wie versprochen worden. Der Vater meinte aber, der Staat laufe ihm nicht davon, und er verschob den Gang zu Jorns von Monat zu Monat.

Als es hieß, daß der Staat ein Hofgut weiter oben gekauft habe, sagte der Vater: »Sie müssen schon noch zu mir kommen, sie können nicht über mich hinüber, ich liege ihnen im Weg.« Das hat er uns auf einer Revierkarte gezeigt, die ihm der Rittmeister einmal gebracht hatte.

Die Mutter sagte: »Es kann dir noch gehen wie dem Aussichtler.« Das war nämlich ein kleines Männchen, das vordem brav und fleißig auf einer Anhöhe als Uhrgehäusmacher gelebt hatte, und seine Frau soll die schönste Frau weitum gewesen sein. Nun kamen mehrmals Leute zu ihm, die haben die Umgebung ausgemessen, auch vornehme Frauen sind gekommen, und alle haben gesagt, hierher müsse sich die Fürstin ein Schloß bauen, denn da sei die schönste Aussicht und die beste Luft im ganzen Land. Von da an war das Männchen närrisch geworden, hatte nichts mehr gearbeitet und immer auf die Leute gewartet, die ihm die schöne Aussicht abkaufen. Die Frau ist gestorben, und der Mann sah jeden darauf an, ob er nicht seine schöne Aussicht kaufe.

Als meine Mutter das von dem Aussichtler sagte, schlug der Vater mit der Faust auf den Tisch, plötzlich aber lachte er und sagte. »Da wär' ich ja schon närrisch, mich darüber zu erzürnen; ich hab' meinen gesunden Verstand und behalte ihn.« Ja, er hat sich viel darauf eingebildet, daß er gescheit sei, und der Rittmeister hat es ihm noch mehr eingeredet.

Der Vater ist viel hin und her gefahren, die Mutter hat ihn auch einmal begleitet; aber einmal und nie wieder. Als sie heim kam, klagte sie, das sei ja, wie wenn die ganze Welt zu verkaufen wäre und man immer nur zu schmausen hätte. Wegen des Bergschinders, den sie auch getroffen hatte und mit dem der Vater gut Freund war, hat's arge Händel gegeben. Der Vater hat gesagt, die Mutter sei zu einfältig; er verstehe jetzt, was für ein Wohlthäter der Schaller sei, der Güter und Wälder aufkaufe und die Aecker losschlage, damit die armen Leute auch zu was kommen können.

Von da an hat die Mutter nichts mehr drein geredet.

Der Vater, der sonst monatelang nicht vom Hof weg kam, ist nun keine drei Tage nacheinander mehr daheim gewesen, da ist immer gefahren und geritten worden. Sonst sagte der Vater kein Wort über das Essen, jetzt hat's ihm daheim nicht mehr geschmeckt, und die Mutter war darüber so traurig, daß sie selber kaum mehr was über den Mund brachte.

Sonst hatten wir kaum vom Landbriefboten gewußt, jetzt kamen Boten mit Briefen und Telegrammen, täglich zweimal, auch dreimal. Anfangs bewirtete die Mutter die Boten, wie es der Brauch ist; nachher hat sie's unterlassen, die Leute kamen zu oft, da müßte man's ja haben wie in einem Wirtshaus, und der Vater hat auch gesagt, das Aufwarten sei nicht nötig.

Wenn der Vater daheim blieb, war er nicht recht daheim, er ist unruhig in der Stube hin und her gegangen, hat das Fenster auf- und zugemacht, ist vor das Haus und wieder hinein, er hat eben immer auf etwas gewartet.

Im Winter haben wir so viel Holz geschlagen wie noch nie, die Leute aus der Umgegend haben viel Geld verdient, der Aussichtler war auch dabei, man ließ ihm gern was zukommen; aber auch viel Leute aus der Fremde hatten wir bei der Arbeit, Männer aus allen Ländern, mit Weibern und Kindern, die im Sommer an der Eisenbahn gearbeitet haben. Sie haben in unsern Scheunen und Ställen gewohnt, es war viel wildes Volk, und auf unserm Hof war's wie in einem Zigeunerlager.

Ringsum krachte und polterte es immer, und auf dem Schnee wurden die Stämme zu Thal geschleppt, hundert und hundert, mit unsern eigenen Rossen; das ging vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, und aus dem Mund des Vaters hörte man nichts als Befehlen und Rechnen.

Die Mutter fragte, freilich gar scheu, wie es denn sei, ob der Förster Jorns dazu gestimmt habe, und ob nicht bald mit ihm abgeschlossen werde.

»Ja,« sagte der Vater, »jetzt braucht man die Forstleute noch nicht zu fragen; aber sie wollen ein Gesetz bei den Landständen machen, daß wir nicht mehr Herr über unser Eigentum sind. Sie sollen's machen, derweil schlage ich meinen Wald, und der Staat muß nachher doch kommen und mir den gleichen Preis für den leeren Boden geben, den er mir mit samt dem Wald dafür hat geben wollen.« Er erklärte des weiteren, wie später nach dem Gesetz das Holz viel teurer werde; drum schlage man's jetzt, und das Holz werde nicht altbacken, im Gegenteil immer besser.

»Nimm es geduldig auf, wenn ich einfältig frag',« entgegnete die Mutter, »da könnte man jetzt das Holz auch stehen lassen, es bleibt im Wert und wächst noch zu.«

»So fragen viele Leute, die sich noch für viel gescheiter halten als du. Später darf man nur so viel schlagen, als eben die im grünen Rock einem zumessen. Wer dann Vorrat hat, ist oben aus.«

Die Mutter war zufrieden und fragte nur noch:

»Traust du dem Rittmeister in allem?«

»So gut wie dir. Dem kann man blindlings folgen, der hat die Augen offen. Sei nur ganz ohne Sorge und laß dir von niemand was einreden.«

»Du bist der Meister,« sagte die Mutter, »ich red' nichts drein.«

Und so hat sie's gehalten.

Im Frühling war viel Geld in unserm Hause, aber der Vater hat's nicht brach liegen lassen, er hat mit dem Rittmeister einen Wald im Bayerland gekauft, durch den die Eisenbahn kommen muß. Der Rittmeister hatte das ausgekundschaftet. Es hat geheißen, man muß nur warten.

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