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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünftes Kapitel.

»Es ist ein Glück, daß man einem nicht ansieht, was man alles schon erlebt hat,« sagte oftmals die lustige, aber auch listige Nachbarin thalab von 373 und sie that, als ob sie die Vergangenheit von Jakob und Magdalena kenne und nur bescheiden darüber schweige.

»Dem Herrn sei Dank und Preis, daß er gnädig ansieht, was in unserem innersten Herzen vorgeht,« sagte die gottselige Nachbarin thalauf von 375.

Magdalena hatte Angst vor beiden, nicht eigentlich für sich, sondern für Jakob, weil sie besorgte, er möchte sich von den listigen Reden der einen und den salbungsvollen der anderen verleiten lassen, von seiner Vergangenheit zu erzählen. Sie warnte ihn und er mußte ihr heilig versprechen, sich mit keinem Laut zu verraten. Er versprach's und hielt's. Schweigen war ihm leicht, noch von der Einzelhaft her. Magdalena aber sprach gern und mit Nachdruck; sie war nicht falsch, aber sie konnte doch den Menschen zu Gefallen reden und das Gute, das sie zu sagen hatte, schön aufputzen.

Magdalena hatte aber auch noch eine geschickte Kriegsregel angewendet, denn sie heftete den beiden Nachbarinnen heimlich Unnamen an, die von unten hieß Essig und die von oben Oel.

Es steht kein Haus so einsam, es hat seine nähere oder entferntere Nachbarschaft. Und nun gar die Bahnwärterhäuschen, die stehen wie ein gekoppelter Zug, nur festgerammt; sie haben äußerlich etwas Uniformes, aber in jeder Uniform steckt doch auch ein besonderer Mensch.

Numero 374, das Haus Jakobs und Magdalenas, steht zahlenmäßig zwischen 373 unten und 375 oben. Die Männer begegnen einander täglich mehrmals beim Begehen des Bahndammes, wie Pflicht und Schuldigkeit verlangt; die Frauen aber sind meistens zu Haus, haben einander in der Entfernung aber doch im Auge. Frau 373 kann sogar von ihrem nördlichen Giebelfenster aus bis hierher sehen und sie thut das bisweilen; Frau 375 haust aber da, wo die Kurve endet, jenseits der Biegung um den Berg, sie könnte nicht hierher sehen, sie hätte aber auch keine Lust dazu, denn sie hat Tag und Nacht mit ihrem Inneren zu thun.

Frau 373 heißt mit ihrem ehrlichen Namen Frau Süß, und da war leicht Essig draus zu machen. Ihr Mann war vordem Unteroffizier gewesen und sie Kammermädchen bei der Frau Oberst. Frau Süß war eigentlich keine böse Frau, denn kann man das bös nennen, wenn eine Frau weiß und alle Welt wissen läßt, daß sie die schönste und geschickteste und allein Ansehen verdient, und alle anderen Frauen sind häßlich, tölpisch und kaum eines Blickes wert?

Frau 375 heißt mit ihrem ehrlichen Namen Maier, aber da man einmal Essig hatte, war nicht schwer Oel dazu zu finden. und diese Frau hat auch was Oeliges. Sie ist die Tochter des Kanzleidieners im Konsistorium und befleißigt sich einer salbungsvollen Frömmigkeit, der sogar der glaubensvolle Pfarrer des Dorfes nicht genügt, hat aber leider selten Zeit, sich bei den Betstündlern des Städtchens einzufinden. Ihr Mann war als Schaffner bei der Entgleisung eines Zuges verunglückt und hinkt seitdem; er hatte sich früher nicht viel mit der Religion zu schaffen gemacht, aber jetzt ist er mit seiner Frau einverstanden, nur fehlt ihm ihr Bekehrungseifer, er liest gern die Missionsblätter und gibt alljährlich einen Beitrag zur Bekehrung der Wilden und Heiden.

Frau Essig hatte sehr viel Scharfblick für alle Menschen, nur eine Person war ausgenommen, und das war sie selbst. Frau Oel dagegen hatte in Lob und Tadel für andere etwas Kindliches, sie gestand gern, sie kenne die Menschen nicht, aber einen kenne sie genau und mit dem sei sie sehr unzufrieden, und das war sie selbst.

Magdalena war auf die beiden Nachbarinnen erbost, denn sie hatten das Aergste gethan, sie hatten Magdalena verleitet, dumm zu sein und obendrein noch zu lügen.

Wenn nach dem Apfelbiß Mutter Eva noch einmal der Schlange begegnet wäre, wer weiß, was sie ihr gesagt und angethan hätte, der Verlockerin, der falschen Freundin, die an allem schuld ist.

Als Magdalena nämlich die ersten Nachbarbesuche machte, konnte sie sich nicht enthalten, mit Frau Essig über die Freuden der Hauptstadt zu sprechen. – Militär und Zivil waren schon damals nicht so geschieden, daß nicht wenigstens die Dienstboten beider Sphären mancherlei Beziehungen zu einander hatten. Es stellte sich heraus, daß Magdalena und Frau Essig mehrmals auf demselben Boden getanzt hatten. Als nun Magdalena gefragt wurde, warum sie denn ihren Platz und die Hauptstadt verlassen habe, wurde sie flammrot und wußte kein Wort zu erwidern. Frau Essig lächelte einverständlich und flüsterte, daß die Justizrätin gewiß eifersüchtig gewesen sei, und Magdalena, was that sie? Sie schwieg dazu und suchte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken. Auf dem Heimwege machte sie sich die bittersten Vorwürfe, daß sie den edlen Mann und die gute Frau so falsch vor den Augen Fremder erscheinen ließ. Sie beruhigte sich endlich damit, daß es den herrlichen Menschen freilich gleichgültig sein könne, was so eine Frau da draußen von ihnen denkt und nun gar so eine schlechte; denn schlecht ist sie, sie hat das beste Herz verführt, zu einer Verleumdung still zu sein.

Magdalena haßte die Frau Essig und sie haßte sie immer mehr, weil sie sich vor ihr fürchtete und schön gegen sie thun und sich gut Freund stellen mußte.

Die schlimme Erfahrung wollte sie zur Lehre nehmen, um bei Frau Oel wenigstens gescheiter zu sein. Sie wurde hier mit liebreichen Segenswünschen empfangen, die Beziehung zum Hause des Justizrats Heister war hier schon bekannt, aber offenbar noch nichts von dem traurigen Ereignisse. Frau Oel lobte Heister und dessen Frau, soweit eben Menschen Lob verdienen, die das einzige Heil nicht kennen wollen. Wäre das anders, so hätten sie auch nicht solches erleben müssen, wie damals an dem Dienstmädchen. Die Amtswohnung des Vaters Kanzleidiener war gerade gegenüber vom Hause des Justizrats Heister, und Frau Oel erzählte, wie entsetzlich es gewesen sei, als eines Tages das Dienstmädchen von drüben in Begleitung eines Polizeidieners über die Straße geführt wurde, denn es hatte gestohlen. Frau Oel setzte hinzu, sie habe für die arme Verlorene gebetet, und sie hoffe, das Gebet sei von Gott erhört worden.

Sie erzählte das alles mit großer Ruhe und nicht ohne Selbstzufriedenheit. Magdalena hatte Kraft genug, ihre Mienen zu beherrschen und unbewegt dreinzuschauen. Sie blieb länger als sie beabsichtigt hatte, um noch recht unbefangen von allerlei anderem zu reden und sich Unterweisungen geben zu lassen über den hierländischen Brauch.

Es war zu verwundern, daß die ersten Anläufe, die so gefahrdrohend waren, nicht weiter führten. Wie sollte es werden, wenn die beiden in der Hauptstadt nachforschten?

Es geschah wohl nicht, denn Magdalena wurde oben und unten mit allen Ehren empfangen, so oft sie zu Besuch kam, was aber so selten als möglich geschah. Sie hatte Selbstbeherrschung genug, Jakob nichts von den Aengsten zu erzählen, die sie ausgestanden hatte; er war ohnedies schon selbstquälerisch genug.

In den ersten Jahren kämpften Essig und Oel um die Herrschaft über Magdalena. Frau Essig hatte mehr Zeit, sich um andere zu kümmern, denn sie hatte nur ein einziges Kind; Frau Oel hatte daheim genug zu thun, nicht nur mit sich und ihren religiösen Anliegen, sie hatte auch ein halb Dutzend Kinder.

Frau Essig hatte bei Albrecht, dem zweiten Sohne, Gevatter gestanden, Frau Oel war Gevatterin der ältesten Tochter, die auch Magdalena hieß, aber nur Lena gerufen wurde.

Es gelang keiner der beiden Nachbarinnen, die Herrschaft über Magdalena zu gewinnen, oder gar sie zur Darlegung ihres Lebens zu bringen. Frau Essig versuchte es mit Selbstbekenntnissen, sie klagte, daß sie ein Leben, wie sie es jetzt führen müsse, nicht gehofft und nicht verdient habe, und ihr Mann lache sie dazu noch aus, wenn sie klage und ihn ermahne, eine höhere Stelle zu erringen.

Magdalena erwiderte leichthin, Eheleute müßten eben Geduld miteinander haben.

Frau Süß schien das nicht zu hören, denn sie sagte: »Ja, hätte mich mein Vater zum Theater gehen lassen, ich führe jetzt im Eisenbahnwagen erster Klasse da vorüber und hätte meine Kammerjungfer bei mir.«

Für Frau Süß waren die Vorüberfahrenden Gegenstand des Neides, und sie sagte, sie meine es im Spaß, es war aber Ernst – sie wünschte, daß wenigstens im Winter einmal ein Unglück geschehe oder doch ein Zug stecken bleibe, dann pflegte sie die Verwundeten und käme aus dem Elend hier heraus.

»Haben Sie nicht auch schon solches gedacht?« fragte sie.

»Nein, für mich sind die Züge eine richtig gehende Uhr.«

Diese einfältige Zufriedenheit verdroß Frau Süß und sie wollte Magdalena wenigstens neidisch machen.

»Haben Sie sich nicht schon gewundert, daß ich ›unsere Eisenbahn‹ sage?«

»Ich sag' ja auch so.«

»Ja, aber ich hab' noch ein besonderes Recht, so zu sagen.«

Sie zeigte nun ihren geheimen Schatz, sie hatte einen Prämienanteil der Eisenbahn und sie klagte nur, wie sie sich jetzt schon über ihren Mann ärgere für den Fall, daß sie das große Los gewinne; mit ihrem Manne sei nichts anzufangen, der bleibe ein stockiger Feldwebel, der seinen schlechten Tabak raucht und weiter nichts von der Welt will und weiß.

Auch hierauf dankte Magdalena nicht mit Klagen über ihren Mann.

Frau Oel sagte, es sei noch gut, wenn ein Mann einen äußeren Fehler habe, den man sehe, aber man müsse auch mit inneren unfaßbaren Geduld haben. Magdalena ließ sich auch damit nicht ködern. Sie lachte innerlich die beiden aus, diese aber hofften doch noch eine Herrschaft, die eine wartete geduldig, die andere wartete ungeduldig, bis einmal etwas käme, das die Entscheidung bringt.

Sie schien endlich sich einzustellen, denn Justizrat Heister und seine Frau kamen zu Besuch.

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