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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 58
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Sechstes Kapitel.

Am andern Tag stand ich unter dem Vordach beim Ronymus, der das Pferdegeschirr frisch schmierte; er sagte mir, der Rittmeister habe ihm einen goldenen Dukaten als Trinkgeld beim Pferdekauf gegeben, und wenn der Rittmeister noch Soldat wäre, zu dem möchte er sich freiwillig ins Regiment melden.

Als wir noch so beisammen standen, kam der Schmaje daher, das war der Jude, zu dem der Vater gutes Vertrauen hatte, der verstand alles, und der Vater ließ ihn gern was verdienen; er wußte, was der Vater brauchte, und brachte immer das Beste. Er fragte den Ronymus, was der Rittmeister für den Rappen bezahlt habe.

»Und wenn ich mehr sage, glaubst du mir's auch?«

»Du kannst nicht mehr sagen, als wahr ist,« sagte der Schmaje, »du bist eine ehrliche Haut.«

Der Ronymus ließ sich aber zu nichts bringen, er habe keinen Auftrag, und durch Schweigen verrede man sich nicht.

»Gescheit ist er und ein ehrlicher Dienstbote,« sagte der Schmaje zu mir gewendet.

Der Vater kam herbei und fragte den Schmaje, ob er den Wechsel einkassieren wolle, den der Rittmeister da gelassen habe. Der Schmaje war bereit, gleich bar auszuzahlen, er habe Geld bei sich, und wie er den Wechsel sah, sagte er, er kaufe den andern Rappen, er brauche einen und gebe einen Karlin mehr. Der Vater schlug ein. Sie gingen miteinander in die Stube, ich ging mit. Der Schmaje sagte nun, er habe gehört, der Vater wolle den Hof verkaufen an den Staat; das Gesetz verbiete den Juden beim Güterhandel auch nur als Vermittler sich zu beteiligen; er könne aber vielleicht doch unter der Hand helfen. Freilich beim Förster Jorns sei nichts zu machen, aber vielleicht erfahre man vorher, wer das Gut abschätze, und der Staat habe ja Geld genug. Er sah den Vater dabei pfiffig an, der aber sagte nichts und deutete nichts. Nun kam die Mutter hinzu, und der Schmaje sagte, er wisse ein Gut im Breisgau, da seien, wie man im Sprichwort sagt, alle fünf W bei einander: Wasser, Wiese, Weizen, Wald und Wein, und noch ein sechstes dazu, ein großes schönes Wohnhaus, wo man keinen Nagel einzuschlagen habe, und noch ein siebentes drein, alles um den halben Wert.

»Ich verkaufe gar nicht,« sagte der Vater, »ich weiß nicht, was das ist; es ist, wie wenn die Vögel übers Land geflogen wären und überall verkündet hätten, was doch nicht wahr ist.«

»Was nicht wahr ist, kann wahr werden,« sagte der Schmaje und sah dabei die Mutter an. Diese meinte, man könne doch einmal gelegentlich nach dem Gut im Breisgau sehen. Der Schmaje bat nur noch, dabei nichts von ihm zu sagen, denn es liege schwere Strafe drauf, wenn ein Jude dabei mitthue; er glaube aber so sicher, als wenn's verbrieft wäre, daß solche Ehrenleute, wie die vom Schlehenhof, ihn dann nicht unbelohnt lassen.

Die Mutter fragte noch, wie es denn beim Rittmeister aussehe, und der Schmaje erzählte: er wohnt in einem Hause, das ist ein kleines Schloß, ein Gitter rings herum wie Lanzen, die Spitzen sind vergoldet; im Hause geht man auf doppelten Teppichen, jedes Fenster ist aus einer einzigen Glasscheibe, der gewölbte Stall ist ein wahres Meerwunder, die Gäule fressen aus Krippen von weißem Marmelstein. Der Rittmeister habe seinen Stand aufgegeben – man rede da allerlei – um die Geschäfte seines verstorbenen Schwiegervaters, des reichen Bankiers in der Hauptstadt, zu übernehmen. Die einen sagen, er habe Hunderttausende geerbt, die andern meinen, es sei gar nichts da gewesen als faule Geschäfte, die der Rittmeister jetzt wieder gut machte in Gemeinschaft mit dem ehemaligen Advokaten Schaller.

»Was? Mit dem Bergschinder läßt er sich ein?« rief der Vater, »das gefällt mir nicht.«

»Mir auch nicht,« sagte der Schmaje, »der Schaller ist der ärgste Judenfeind, ein wahrer Haman. Aber der Rittmeister ist Manns genug für ihn, der ist so durchtrieben wie vornehm.«

Als der Schmaje auf dem Rappen davonritt, sagte der Vater:

»Ich stehe fest. Es ist jetzt auf einmal, wie wenn sich die ganze Welt um mich reiße.«

Und so war's auch.

Am Samstag kam die Cordula, das Wochenblättle. Sie hatte ein Eselsfuhrwerk, und dem Esel muß es auf unserem Hof besonders gut geschmeckt haben, denn er hat immer geschrieen, daß es ist im Wald ringsum widerhallt. Die Cordula handelte mit Butter und Eiern und hatte viel mit meiner Mutter allein zu reden; sie fuhr jede Woche nach der Stadt und hat uns auch Zucker und Kaffee und Salz mitgebracht, sonst brauchten wir nichts von der Welt draußen. Sie erzählte auch, was in der Welt vorging, und jetzt berichtete sie, sie habe unterwegs im Stern-Wirtshaus eingekehrt, da sei der Rittmeister gewesen mit seiner schönen Frau, die sei daher geritten auf einem Schimmel und habe ein langes blaues Kleid an und eine Feder auf dem Hut. Man habe in der Stube vom Schlehenhof gesprochen, und da habe jedes mitgethan, den Mann und die Frau und das Kind und alles zu loben, so daß die Baronin gesagt habe: die muß ich auch einmal sehen.

An diesem Samstag ist auch was Neues geschehen. Der Barbier kam, und der Vater, der sonst ganz glatt im Gesicht war, hat sich einen Schnurrbart stehen lassen, er hat vor seinem Rittmeister wieder Soldat sein wollen.

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