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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 54
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zweites Kapitel.

Das letzte Haus im Dorfe nach unserem Hofe hin war das des Wegers – so heißt man bei uns den Straßenwärter. Um das Haus herum war alles so sauber, und in dem kleinen Gärtchen waren die frühesten und die spätesten Blumen und wohlgepflegte Gemüsebeete, und drin in den kleinen Zimmern war alles wie in einer Puppenstube. Die Bonifacia hatte immer zu allem Zeit und war immer ordentlich angezogen. Freilich, sie hatte niemand mehr zu Haus, als ihren Mann; ihr einziger Sohn, der Ronymus, war Knecht bei uns. Die Bonifacia war vordem auch Magd bei uns gewesen, und sie hatte sich zu uns gehalten, wie wenn sie noch bei uns im Dienst wäre; in Freud und Leid hat man nach der Bonifacia geschickt, und sie war hurtig da.

Die Mutter ist nie an dem Häuschen des Wegers vorübergegangen, ohne anzukehren, sie hat große Stücke auf den Weger gehalten, der gering angesehen, aber ein grundgescheiter und ehrenhafter Mann sei. Die Bonifacia hat sich nie was schenken lassen, sie hat gesagt: »Meisterin, ich laß die Gaben, die Ihr mir geben möchtet, bei Euch stehen und hole sie einmal, wenn ich in Not bin.«

Sie ist aber nie darum zu uns gekommen. Im Gegenteil.

Wie meine Schwester geheiratet hat, war die Bonifacia wieder bei uns im Hause und half alles herrichten; man konnte ihr alle Schlüssel geben, und sie wußte, wo die Sachen waren.

Meine Schwester hat jung geheiratet, viel zu jung, den Sohn vom Engelwirt im Dorf. Der Vater hat ihr eine große Aussteuer gegeben, in lauter bar Geld; ich habe das Säckchen mit beiden Händen aufgehalten, wie das Gold und Silber hinein geschüttet worden ist. Ich habe sagen hören, es bringe Glück, wenn da die Hand eines unschuldigen Kindes dabei ist.

Ich habe zur Hochzeit meiner Schwester ein neues Gewand bekommen, wie bei uns daheim die Tracht war; jetzt sieht man sie fast gar nicht mehr. Stolzer bin ich in meinem Leben nicht gewesen als damals, wie die Musik vorausging und wir hinterdrein, und die Burschen haben geschossen, daß es fort und fort von den Bergen widerhallte. Der Ohm Donatus und unsere ganze große Sippschaft war da bei einander, ich hab' aber gemeint, alles sieht nur auf mich und meine schönen Kleider.

Meine Schwester hat geweint, man hat daraus Glück prophezeit, es ist aber auch nicht so geworden.

Beim Hochzeitsschmaus ist's lustig hergegangen. Der Trompeter von der Musikbande war auch Feldjäger gewesen, und mein Vater hat sich die Tagwacht blasen lassen und hat dazu gepfiffen, so lustig habe ich ihn noch nie gesehen. Ich meine, das war auch die letzte Lustbarkeit, denn die anderen waren keine rechten. Ich erinnere mich auch ganz gewiß, daß der Vater damals von seinem Rittmeister, dem Baron Haueisen gesprochen hat; was er von ihm erzählt hat, weiß ich nicht mehr, aber der Name war mir geblieben von damals an.

Ich ging vom Hochzeitstisch weg und stand unten an der Hausthür, und da hörte ich, wie ein Mann und eine Frau – ich kannte sie nicht – miteinander redeten. Der Mann sagte: »Das ist jetzt noch das einzige Kind vom Xander, das kriegt einmal den großen Hof, das ist die Prinzeß vom Schlehenhof und kann sich den fürnehmsten Bauernprinzen holen.«

Ich bin eine Bauernprinzessin und krieg einen Bauernprinzen, das ist mir wie ein Blitz in die Seele gefahren. Ja, dort unter der Hausthüre habe ich einen großmächtigen Stolz bekommen, und als ich nun die vielen Bettler und Krüppel sah, die sich aus der ganzen Gegend um das Hochzeitshaus gesammelt haben, bin ich zu meinem Schwager gegangen und hab' ihn gebeten, er soll mir Geld geben; er hat mir's gegeben, und ich hab's unter die Armen verteilt.

Meine erste kindliche Wohlthätigkeit war Stolz.

Ich bin nun auch in die Schule gegangen, der Weg von unserem Dorfe war weit, und ich war bis in mein fünfzehntes Jahr schwächlich und klein; erst im Elend bin ich so aufgeschossen. Ich bin das erste Schuljahr bei meiner Schwester geblieben, hatte aber arg Heimweh nach unserem Hof draußen. In dem Wirtshaus, wo so viele Leute aus und ein gingen, jeder sich hinsetzen durfte, wie er mag, und schreien und johlen und aufbegehren, da war mir's nicht wohl; wenn ich nur ein Pferd von unserem Hof gesehen habe, wäre ich gern drauf zu und hätte ihm gern gesagt: Du darfst doch heut abend wieder heim.

Meine Schwester ist am ersten Kind gestorben, die Agnes, die wir jetzt bei uns haben, ist das einzige Kind meiner Schwester. Sie ist Witfrau und hat auch ein schweres Schicksal gehabt, darum ist sie so verscheucht. Sie war nur ein Vierteljahr verheiratet, aber lang genug, daß ihr Mann ihr ganzes Heiratsgut verthan hat, er ist verrückt gewesen, man hat ihn jahrelang im Irrenhaus gehabt, dann ist er gestorben.

Ja, so ist das Elend in der Welt. Wenn man nur eine einzige Familie und was drum und dran ist, heraus nimmt, da ist alles drin . . .

Als meine Schwester gestorben war, bin ich wieder heim genommen worden. Aber so ist der Mensch, nie zufrieden; jetzt war mir's zu einsam auf unserem Hof und der Weg in die Schule so weit. Es hat sich bald wieder gegeben.

Anfangs habe ich's freilich gar nicht begreifen können, daß da am Berg auf dem Kirchhof meine Schwester liegt, und sie kommt nicht und sagt nichts und thut nichts und kümmert sich nicht um ihr Kind und nicht um ihre einzige Schwester. Aber in der Jugend vergißt man alles bald wieder, und das ist gut. Ich war lustig und hab' auf dem Weg hin und her gesungen, wie eben ein Kind von zwölf, dreizehn Jahren.

Meine Mutter hat ihr Enkelchen, die Agnes, zu sich nehmen wollen, der Schwager hat es aber mit sich genommen, wie er sich wieder verheiratet hat in die Schweiz hinein.

Wer hätte damals daran denken können, daß ich auch einmal viele Jahre in der Schweiz leben soll.

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