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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Drittes Kapitel.

Wenn man ein Vogelnest betrachtet, so kann man sich schwer vorstellen, daß da drin so viel Volk bis zur Flugreife gedeihen konnte. Aehnlich ist es, wenn man das Bahnhäuschen Nummer 374 betrachtet. Der Baumeister hat es sehr zierlich hergestellt, und er kann stolz darauf sein, die ganze Bahnreihe entlang bei jedem Häuschen ein neues architektonisches Motiv angebracht zu haben, so daß die ganze Form gut in die Landschaft stimmt. Aber freilich, auf den Raum im Inneren ist wenig Bedacht genommen. Als die Kinder kamen, war Magdalena anfangs ganz verzweifelt, und es ist gut, daß der Baumeister ihre täglichen Verwünschungen nicht hörte; sie ärgerte sich besonders über die bewegliche Treppe, die man von der Stube aus nach den oberen Räumen anlegen mußte, aber wunderlich! je mehr Kinder kamen, um so mehr schien der Platz auszureichen, man huschte eben zusammen, wie die Vögel im Neste. Das aber vergaß und vergab Magdalena dem Baumeister nie, daß er den Stall kaum für eine Ziege ausreichend hergerichtet hatte, und man hatte doch Grasland genug, um eine Kuh zu halten und »Heu fressen sollte der Baumeister müssen, und dazu noch saures, weil's ihm nicht eingefallen ist, daß man doch auch einen Platz zum Futteraufbewahren braucht.« So schimpfte Magdalena ins entfernte Oberbauamt hinein.

So oft sie in den Stall kam, sah sie die Kuh wie um Verzeihung bittend an: Ich kann nichts dafür, daß du so eng stehen mußt; ich wünsche nur, daß der Baumeister da einmal acht Tage lang stehen und liegen müßte.

Der Stall war so eng, daß die Kuh sich nicht umdrehen konnte, sondern immer von rückwärts aus demselben gehen mußte.

Man sagt im Sprichwort: man redet wie in eine Kuh hinein. Das machte Magdalena zum Wahrwort, denn wenn sie das erste Grün von den Bahnhalden heimbrachte, konnte sie der Kuh sagen: »Ja, du hast's gut, du kriegst vom jungen Wachstum, bevor für die Menschen was da ist. Ja, ja, laß dir's schmecken. Ich gunn dir's. Und sei geduldig, das Luftloch ist offen, deine Musikanten, die Schwalben, können jeden Tag kommen.«

Denn im Frühling wurden immer die Luftlöcher im Stall geöffnet und da flogen die Schwalben herein, die oben am Querbalken nisteten.

Wie gesagt, mit dem Gras von der zuständigen Bahnstrecke konnte man eine Kuh gut ernähren. Daneben hatte man einen Viertelmorgen Dienstfeld und einen halben Morgen Pacht von der Eisenbahn. Magdalena wußte jedes Schnitzelchen Ackerland auszunutzen und ihm das abzugewinnen, was die Sonne just an dieser Stelle gern zeitigte.

Jakob dagegen pflanzte Obstbäume, er verstand sogar die Kunst, einen stämmigen Ebereschenbaum mit einer guten Birnensorte zu pfropfen, und hinter dem Zaune, der als Schneeschutz am Bergeinschnitte aufgestellt, pflanzte er Himbeeren; die werden einstmals die Bretter ersetzen und obendrein gute Frucht geben.

»Du pflanzest ja,« sagte Magdalena ihm einmal in der ersten Zeit, »wie wenn wir ewig dableiben sollten.«

Jakob sah sie groß an und that eine große Rede, die größte vielleicht, die aus seinem Munde gekommen; er sprach sie, während er auf dem Boden kniete und gute Walderde um die Wurzel des jungen Kirschbaumes legte, und die Worte, die halb in die Erde gesprochen waren, gingen auch in ein offenes Herz; denn er sagte:

»Frau, du bist doch so gescheit –« das war ein geschickter Anfang, denn die Augen Magdalenas glänzten und sie hörte willig alles, was nun noch kommen konnte, und er fuhr fort: »wie kann nur so eine Rede aus deinem Munde kommen? Wissen wir denn, wie lang wir überhaupt da sind, ich mein' auf der Welt? Und man schafft und muß schaffen. Ich wünsch' mir weiter nichts, als daß wir unser Leben lang hier bleiben, just wie der Baum da, der auch nicht fort mag. Und wenn's doch sein muß, wenn wir an einen anderen Ort müssen, so soll, der nach uns kommt, rechtschaffene Bäume haben.«

Aufschauend sagte er: »O Mutter! Da bin ich unter Gottes freiem Himmel auf Gottes grüner Erde und da muß ich denken: jetzt sitzen so viele Menschen dort im Strafhaus. Warum muß das sein, daß die Menschen schlecht sind und andere sie strafen müssen? Ich kann's oft gar nicht glauben, daß ich so frei herumlaufen darf, und besonders der Traum, der ist mein ärgster Feind, der sperrt mich ein und da ist mir's, wie wenn ich plötzlich in einen Eiskeller hinunter fiele und ich ersticke unter den Eisschollen, die über mir knarren und knirschen. Heute nacht war's wieder so, und wie ich erwache und dich sehe und den blauen Himmel, da hab' ich mir vorgenommen, ich pflanze Bäume, und ich meine, es geht weg von mir, wenn sie wachsen.«

Magdalena kam lange nicht zu Wort, sie schaute wie hilfesuchend umher, und eine Goldammer auf einem Erlenbaum half endlich, denn Magdalena sagte mit heiterer Miene:

»Schau den Vogel, da kann man was lernen. Sieh, der Wind kommt von oben und da sitzt er so, daß ihm der Wind die Federn nicht aufbläst. Verstehst? So müssen wir's auch machen. Nicht immer . . . Verstehst?«

»Ja, ja. Ist gut.«

Magdalena nickte lange still und endlich sagte sie:

»Du hast recht. Ich will mich nicht mehr versündigen, ich bin es sonst nicht wert, daß . . .«, sie stockte und schaute innig auf Jakob, dann schloß sie: »ich verdien' es sonst nicht, daß wir so ein Daheim haben.«

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