Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 35
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

Vierunddreißigstes Kapitel.

Es war im zweiten Frühling nach dem Kriege. Die Sonne meinte es so gut mit dem Bahnhäuschen, sie schien so hell und warm, daß Magdalena alle Fenster öffnete.

Das Herz der Mutter war heute so voll und so bewegt, denn Albrecht hatte geschrieben, er sei krank gewesen, sei aber wieder wohlauf und wolle sich daheim nun ganz ausheilen. Sie rückte die Stühle und vor allem den großen Lehnstuhl, sie streichelte das Sofa glatt, als wollte sie ihnen damit sagen: Gebt unserem Sohn nur recht viel gute Ruhe. Sie ging in den Garten, aber sie arbeitete heute nichts; sie betrachtete die Frühblumen auf dem Boden, sie sah wohl Unkraut. aber sie jätete es nicht aus. Sie betrachtete sinnend die Knospen an den Bäumen, die nur die Stunde zu erwarten schienen, um hellblühend aufzubrechen. Die Bienen flogen umher und sammelten Honig und die Hummeln summten laut. Sie sah auf nach den Bergen; der Schnee war geschmolzen, nur dort das Frauenhemd lag noch ausgebreitet, ja ganz genau war's so; vom Thale aus zeigte sich eine Schneelage, die immer am frühesten da ist und am spätesten verschwindet, ganz in der Form eines Frauenhemdes mit den kurzen Aermeln hingebreitet.

Jahr um Jahr hatte das Magdalena gesehen, heute erschien es ihr wie ein Wunder, wie ein Zeichen. Sie hat gewiß keinen Aberglauben, sie hat ja bei einem freisinnigen Advokaten gedient, aber seltsam ist es doch, und doch vielleicht ein Anzeichen, daß ihr das heute so besonders auffällt.

Endlich machte sich Magdalena auf den Weg nach dem Bahnhofe. Niemand begleitete sie, der Nestling mußte daheim kochen; Jakob hatte seinen gewohnten Dienst und die Eichhofbäuerin konnte nicht von Hause weg, versprach aber das zweispännige Bernerwägelein an die Haltestelle zu schicken.

Die Lerchen sangen in den Lüften, die Finken schmetterten lustig von den Bäumen, und von fern her klang das Waldhorn Jakobs.

»Die Männchen können lustig singen, derweil die Weibchen still brüten,« sagte Magdalena vor sich hin.

Auf dem Bahnhof war es still. Jetzt sauste der Eilzug vorüber; er hält hier nicht an, er kennt nur die großen Haltestellen. Auf der leeren Lände – Perron genannt – fing der Stationsdiener den Briefbeutel auf, der vom Eilzug herabgeworfen ward. Magdalena fragte den Stationsmeister, ob kein Brief für sie da sei. »Nichts, als die Zeitung für Euren Mann,« erhielt sie zur Antwort.

»Bis wann kommt der nächste Zug?« fragte sie wieder.

Der Stationsmeister sah sie ärgerlich an, das mußte die Frau des Bahnwärters doch wissen. »In siebenunddreißig Minuten,« sagte er barsch und kramte weiter in den Briefen.

Der Nestling hatte recht gehabt, die Mutter brauchte nicht so zu eilen; aber die Mutter hatte auch recht gehabt, sie fühlte sich dem Sohne schon näher, da sie auf dem Bahnhofe war.

Die Stationsmeisterin schaute zum Fenster heraus und rief sie herauf. Magdalena erfreute sich immer der Gunst der redseligen Vorgesetzten, die wie sie selbst ihre Jugend in der Hauptstadt verbracht hatte. Heute war aber Magdalena sehr unerkenntlich, ja sie trank sogar von dem vorgesetzten Kirschengeist, ohne Dank zu sagen.

»Das Signal wird aufgezogen,« sagte sie plötzlich, denn sie hörte das Quicksen der kleinen Räder an der aufgerichteten Stange, und obgleich es dann noch zwölf Minuten dauert, bis der Zug kommt, ging sie doch hinab und war hocherfreut, Rikele, die sich doch noch frei gemacht hatte, hier mit dem zweispännigen Bernerwägelein zu treffen.

»O, was für eine gute Luft ist bei uns,« sagte die Mutter zu Rikele; »wir haben doch die beste Luft und das vergißt man so oft. Wirst sehen, wenn er sich keinen äußern Schaden gethan hat, er wird bald wieder bei uns gesund; wenn er sich nur nicht, da sei Gott vor, die Hand oder den Fuß abgeknackt hat; er hätte wohl schreiben können, was ihm eigentlich gefehlt hat.«

»Mutter! An der Hand kann ihm nichts fehlen, er hat ja selber geschrieben.«

»Ist wahr, hast recht. Die Angst und die Freude macht mich dumm. Du wirst auch einmal, wenn du große Kinder hast . . . Aber horch.«

Man hörte das Rollen in den Bergen, denn man hört hier den Wiederhall weit früher, als man den Zug selbst einfahren hört.

»Sei nur recht ruhig, wenn er kommt,« sagte Magdalena zu ihrer Tochter. Diese lächelte. Die Mutter sagt ihr, was sie eigentlich sich selber sagen wollte.

Der Zug ward sichtbar, jetzt geht er langsam, jetzt hält er an. Die Schaffner riefen die Station, Albrecht stieg aus, er sah so blaß aus in dem braunen Vollbart und war abgemagert, die Narbe auf der Stirne war so rot; er reichte der Mutter die Hand, sie umarmte ihn und rief weinend:

»Gottlob! Du hast noch all deine geraden Glieder!«

Albrecht begrüßte die Schwester und dankte dem Stationsmeister und dessen Frau, die ihn willkommen hießen; seine Stimme war leise, sein Gang unsicher, als er mit den beiden Frauen nach dem Fuhrwerk ging.

»O Mutter,« sagte er, als er oben neben ihr saß, »daheim werde ich wieder gesund. Ich kann nicht sagen, wie ich im Krankenhaus nach der Luft daheim gedürstet habe.«

»Also im Krankenhaus bist gewesen? Warum hast du uns das nicht geschrieben? Die Mutter oder ich wäre zu dir gekommen.«

»Streng' ihn nicht an mit Fragen,« wehrte Magdalena der Tochter ab; dann rief sie dem Fuhrknecht zu, er solle vor dem Metzgerhause anhalten; sie stieg dort ab, kam wieder und mit einem Tone, der schon an sich etwas Sättigendes hatte, sagte sie:

»Gottlob, der Metzger hat heute grad ein Kalb geschlachtet.«

»Er hat's von uns gekauft,« schaltete die Tochter ein.

»So? Da ist das Kalbfleisch aus der Verwandtschaft.«

Albrecht lachte, aber er hielt gewaltsam an, das Lachen schien ihm weh zu thun.

»Hast guten Appetit?« fragte die Mutter.

»Nicht recht.«

»Gib nur acht, unsere Luft zehrt und nährt, wie man's will. Und ich will dir Futter geben, daß du wieder springst wie ein junges Füllen. Sei nur froh, daß du bei deinen Eltern bist.«

Plötzlich fing Albrecht laut zu weinen an, aber von Schluchzen unterbrochen, sagte er sich bezwingend: »Mutter, das ist noch von meiner Krankheit, daß ich so weichmütig hin.«

»Vor mir brauchst du dich nicht zu schämen. Laß du nur dein gutes Herz machen, was es will. ich kenn' dich ja.«

»O Mutter!« rief Albrecht, »nimm mich in den Arm. So, da laß mich den Kopf hinlegen. O, am Mutterherzen! Und die Lerchen singen am Himmel. Alles . . . O so gut!«

Er schlief ein. Der Fuhrmann lenkte die Pferde still im Schritt.

Vom Waldhornklang erweckt schaute Albrecht auf und die Mutter sagte: »Horch, wie lustig, da kommt der Vater, dort steht er und bläst auf seinem Waldhorn.«

Nicht weit vom Ueberweg stieg man ab; Rikele fuhr heim und Albrecht ging mit dem Vater langsam heimwärts. Die Mutter eilte voraus.

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.