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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Am Sonntag wurde der Hilfswärter zur Vertretung eingestellt, denn Jakob und Magdalena wollten in der Kirche sein, wo Lena aufgeboten wurde.

Jakob sammelte mit Behagen die Glückwünsche ein, die ihm am Ausgange der Kirche und dann im Wirtshause dargebracht wurden. Nur her damit! sagten seine Mienen, ich kann aufladen, so viel es gibt, und schön ist die Welt, man weiß gar nicht, wie viele gute Freunde man hat, wenn man im Glück ist, und wie viel guter Wein im Keller auf uns wartet, wenn man Geld hat.

Des Lobes und des Weins voll ging er heim, aber festen Schrittes, denn wie gesagt, er kann von beidem viel vertragen, und daheim sagte er zu Lisbeth, dem jüngsten Kinde, das auch bereits erwachsen war: »Nestling, wie alt bist denn?«

»Bald sechzehn.«

»Sag': erst fünfzehn, wird grad so gut sein. Weib, Mutter,« rief er und seine Mienen waren stolz von der Weisheit, die er nun darbringen werde. »Mutter! Die Krämer auf dem Jahrmarkt halten besonders drauf, wer der erste Kunde ist. Jetzt unterm Grafen geb' ich keine mehr her. Was meinst, ich bin heute frei, wollen wir nicht eine Ausfahrt machen?«

»Nein. Wir müssen daheim bleiben, es kommen noch Leute zum Glückwünschen.«

»Ist mir auch recht. Sieht der Lehnstuhl da nicht aus, wie wenn er die Arme ausbreiten thät? Ist recht. Ich komm' schon.«

Er setzte sich in den von Heister geschenkten Armstuhl, Magdalena setzte sich ans Fenster und sagte, in die weite Welt hinaus schauend: »Weißt noch? Damals hinterm Hag hast du dir gewünscht, in einen Wald von Familienverwandten hinein zu heiraten. Jetzt haben wir einen Schwiegersohn und wir selber sind ein Wald mit Ablegern und wer weiß . . .«

»Mutter! du hast Gedanken wie . . . ich weiß nicht wie . . .«

Jakob suchte nicht mehr lange nach dem Vergleich, denn er war im Reden eingeschlafen.

Nicht nur das Glück des Kindes machte Jakob so froh, er war von aller innern Beschwernis entlastet, seitdem er als ehrlicher Mann dem Missionär gebeichtet hatte, und heute war etwas vom alten lustigen Gesellen in ihm aufgewacht.

Es war aber, als ob die Last sich jetzt auf Magdalena gewälzt hätte; der Missionär war ein vornehmer Mann und ein Gelehrter und Frommer, der alles versteht, aber der Eichhofbauer, wenn er dem letzten Wunsche seiner Frau nachkommen will – und daran ist nicht zu zweifeln – da kann's bös werden.

Magdalena war beim Begräbnisse der Eichhofbäuerin gewesen; sie hatte die Tochter täglich besucht, aber von dem, was die Sterbende geäußert, hatte sie Jakob nichts mitgeteilt.

Magdalena ging nun vors Haus, um die Besuche abzufangen, damit der Vater ruhig ausschlafen könne. Sie sah, wie der Nestling mit dem Hilfswärter, der für heute eingestellt war, dort am Ueberweg scherzte. Das wäre schön, wenn die jetzt auch schon anfinge. Sie hätte Lisbeth gern gerufen, aber damit weckte sie den Vater, sie winkte heftig: komm heim! Aber das Kind sah sie nicht. Jetzt endlich kam es mit dem Eichhofbauern, der langsamen Schrittes daher wandelte.

Der Bauer wurde herzlich gegrüßt; er brachte einen Gruß vom Rikele. Jakob, der inzwischen erwacht war, schaute hemdärmelig zum Fenster heraus und rief: »Ei der Bauer! Kommet nur herein!«

Drin in der Stube gab Magdalena zuerst ihrem Manne den Rock zum Anziehen, dann mußte der Bauer den Ehrenplatz im Lehnstuhl einnehmen. Er gab etwas unbehilflich seinen Glückwunsch ab, und Jakob erteilte ihm den väterlichen Rat, sich sein Leben nicht zu vergrämen, man müsse sich in alles finden.

Magdalena erklärte mit großer Ruhmredigkeit die Bilder vom Justizrat Heister und dessen Frau und Jakob fügte hinzu: »Da muß nun bald auch das Bild von meinem Schwiegersohn dazu.«

Der Bauer ließ sich herbei, das Glück zu preisen, da ging die Thüre auf und herein trat Frau Süß; ihre funkelnden Augen schweiften unruhig hin und her und an der Art, wie Magdalena erschrak, merkte sie, daß hier etwas vorgehe.

Ohne an das Leid des einen und die Freude der andern zu erinnern, verkündete sie, daß sie vor allem hierher geeilt sei, um die Nachricht zu geben, daß ihr Mann endlich zum Bahnmeister im Unterland ernannt worden sei, und Viktoria sei bereits abgereist, um telegraphieren zu lernen. Sie schien ihre Lust daran zu haben, auch Magdalena zum Heucheln zu zwingen, denn sie konnte dem Bauern nicht genug darlegen, welche innige Freundinnen sie seien. Dazwischen fragte sie stets Magdalena: Nicht wahr? so daß diese bejahen mußte. Sie hatte aber auch, wie sie erklärte, heute schon sich als Freundin bewiesen, sie hatte den Leuten die Mäuler gestopft, die in Neid und Unverstand allerlei munkeln, daß die Heirat mit dem Missionär so schnell gehe und daß er nicht wieder komme und Lena ihm nachreisen müsse.

»Zu was ist das gut, daß wir das alles wissen müssen?« platzte Jakob heraus. Frau Süß erwiderte mit spitzigem Tone: »Ehrenleute wie ihr dürfen alles wissen, und man darf auch alles von ihnen wissen.«

Magdalena sah, wie die Zornesader ihres Mannes schwoll, sie legte ihm die Hand auf die Schulter, um ihn zu mahnen, ruhig zu bleiben, aber er wehrte ab.

»Jawohl!« rief er mit heiserer Stimme; der Zorn schien ihn heiser gemacht zu haben und der verschlafene Weingeist schien aufzuwachen. »Jawohl! Lustig ist's. Frau Nachbarin! Mit Ihnen will ich den Kehraus tanzen, ohne Musik . . .« Er streckte die Hand nach ihr aus.

Wie vom Himmel gesendet, trat da plötzlich Albrecht ein und seine Erscheinung, voll Anmut und Kraft, veränderte die Mienen aller und lenkte einen Ausbruch bittern Streites ab. Nur Jakob hatte noch ein Wort, das man ihm vielleicht nicht zugetraut hätte, denn er sagte mit ruhiger Ueberlegenheit:

»Ja, Frau Nachbarin, mir thut's im Herren leid, daß wir Ihren Mann verlieren, der ist ein rechtlicher, herzbraver Mann und hat nichts Verstecktes und nichts Boshaftes.«

Nach diesen Worten wendete er sich an seinen Sohn und schüttelte ihm tapfer die Hand.

Frau Süß wäre gern mit dem Eichhofbauer davon gegangen, um ihn auszuhorchen, der aber setzte sich nochmals und ließ sich Feuer geben für seine Pfeife. Er schien auch besonderes Wohlgefallen an Albrecht zu haben.

»Der Schlag Menschen ist gut. Das ist ein prächtiger Schwager,« sagten seine Mienen, mit Worten sprach er nicht viel. Er ist der Eichhofbauer, hat so viel Aecker und Wiesen und Wald und vier Rosse im Stall, da braucht man nicht reden, die Welt weiß, wer man ist und was man zu sagen, oder eigentlich ungesagt zu bedeuten hat.

Die Eltern hatten anfangs nicht die gewohnte Freude von Albrecht, denn er sagte:

»Ehrlich gestanden, ich habe keinen Gefallen am Missionswesen.«

»So? Und warum nicht?«

»Man sollte nur dahin Religion tragen, wo noch keine ist, denn im Grund sind alle Religionen gleich gut; es gibt in jeder gute und schlechte Menschen, und die Indier sollen eine ganz gute Religion haben und die Chinesen und die Japanesen sind so geschickt und in manchem noch geschickter wie wir.«

Noch ehe Albrecht sich erklären konnte, fragte Magdalena:

»Seit wann bist denn du so gottlos und schimpfst auf unsere heilige Religion? In deinem Elternhaus bist du zu so was nicht angelernt worden,« schloß sie mit einem Seitenblick auf den Bauern. Sie war aber nicht wenig erstaunt, als der Bauer sagte:

»Ich geb' auch keinen Kreuzer zu den Missionen. Ich bin da ganz mit dem Sohn einverstanden. Ich hab' ein Buch daheim, wo das auch drin steht und noch mehr, Payne heißt es, es ist aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, mein Schwager hat mir's aus Amerika überschickt. Daneben aber ist der Missionär gewiß ein Mann, der es gut meint und gewiß auch Gutes thut, und eine Ehre für die Familie ist er allweg.«

Wenn der Stuhl plötzlich zu tanzen angefangen hätte, man hätte sich nicht mehr darüber gewundert, als daß der schweigsame, still seinen Weg gehende Bauer so redete.

In guter Verständigung saß man noch lange beisammen. Der Bauer besprach mit Albrecht, wie schwer es sei, heutzutage Dienstboten zu bekommen und zu behalten, und ob denn das Zudrängen zu den Fabriken nicht bald aufhöre.

Albrecht gab ausführlichen Bescheid, und der Bauer nickte wohlgefällig, als Albrecht in großen Zügen darlegte, wie ein Umschlag eintreten müsse, so daß die Leute den ruhigen und stetigen Erwerb, zumal in der Feldarbeit, wieder neu schätzen lernen.

Es kamen noch viele Glück wünschende Besuche, zuletzt auch noch die Braut, und um Frau Süß ganz sicher zu beschwichtigen, zeigte ihr Magdalena die von Frau Heister vererbten und für Lena bestimmten Kleider und eins davon, das für Viktoria paßte, wurde der lieben Nachbarin um ein Geringes überlassen.

Frau Süß war aber doch noch tückisch genug, beim Abschied zu sagen: »Ich bin froh, daß ich von dem Haus Gottverlassen wegkomme. Wenn andere zufrieden sind, so aus der Welt draußen zu sein, werden sie wissen warum.«

Sie ging triumphierend davon, da sie das gesagt hatte. Der Bauer begleitete Albrecht, der zur Station mußte, eine gute Strecke Weges und Magdalena sah noch von ferne, wie sie still standen und einander beide Hände reichten; der Bauer hatte offenbar jetzt Albrecht gesagt, daß sie Schwäger würden. Und jetzt sah sie, wie beide lachten. Sie hat's richtig erraten warum, denn Albrecht hatte dem Schwager erzählt, daß vor Jahren, vom Einzuge nach der Hochzeit her, seine Schwester den Scherznamen Schmalzrikele bekommen habe.

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