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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Draußen auf der Bank saßen die beiden Männer. Jakob fuchtelte mit der rechten Hand in der Luft, mit der linken faßte er die Bank. Er schien das erste Wort nicht finden zu können. Der Missionär begann daher:

»Ich hab's Euch an den Augen angesehen, daß Ihr schon Schweres erlebt habt.«

»So? Sieht man mir's an den Augen an?«

»Ja, aber nicht jeder, denn noch niemand hat Euch so angesehen, wie ich. Eure Augen sprechen, daß sie schon im bittersten Harm feucht geworden sind.«

»Herr! Was sind Sie für ein Mensch, der das so sieht?«

Er hielt wieder an, und der Missionär bat ihn, offen alles zu sagen, was er auf dem Herzen habe.

»Ja, ja,« nahm Jakob auf, »aber sagen Sie mir zuerst: Haben Sie sich nach mir erkundigt?«

»Nein.«

»Auch bei unserm Herrn Pfarrer nicht?«

»Nein.«

»Ich glaube auch nicht, daß er weiter von mir und von der Mutter weiß. Herr! Wir . . . wir haben im Zuchthaus gesessen.«

»Unschuldig?«

»Die Mutter unschuldig, ganz unschuldig, aber ich . . . schuldig.«

»Das ist schon brav, daß Ihr das gradaus sagt.«

»Ja, Herr! Ich wollte, der Herr Justizrat wär' da, aber er ist in Frankreich und da muß ich selber berichten. Also: es war eine Nacht wie heute, da hat's angefangen, und es war eine Nacht wie heute, da hat's geendet.«

Jakob preßte beide Hände zwischen die Kniee, beugte den Kopf und erzählte wie in den Boden hinein, wie er gesündigt und wie er gebüßt, und er schloß:

»Herr! Ich spür's noch oft, wie wenn mir Ketten an die Füße angeschmiedet wären, die keine Feile abthun kann. Der Herr Justizrat hat mir gesagt, gerichtlich sei alles ausgelöscht, aber was ich gelitten habe, das kann ich in hundert Nächten nicht sagen, und das kann keine andere Menschenseele ausdenken –«

»Doch, doch,« fiel der Missionär dem Stöhnenden in die Rede. »Doch, ich weiß. Das wilde Heer ist durch Eure Seele gezogen, Wölfe, Drachen, Hundehetzen, Peitschen. Oft habt Ihr gewünscht: wenn ich nur unter den Rädern der Lokomotive läge – und dann hat das Denken an Eure Kinder Euch am Leben erhalten –«

»Ja, so war's.«

Der Missionär fuhr fort: »Ich sehe, ich höre, wie Ihr beim Erwachen spracht: Warum kann man nicht aufwachen und alles ist nicht wahr, man hat das Schreckliche nur geträumt, und oft hast du gemeint, die Erde weicht, der Himmel stürzt ein, in jedem Trunk Wasser, in jedem Bissen Brot hast du Bitternis verspürt –«

»O Himmel! Haben Sie denn auch einmal so was begangen, daß Sie das alles so wissen?«

»Nein, dem Herrn sei Dank, es ging an mir vorüber, und im Namen unseres Gottes und unseres Erlösers sage ich dir: du bist hoch begnadigt, daß du aus der Zerknirschung dich aufgerichtet hast –«

Jakob war an der Bank auf die Erde gesunken und kniete. Der Missionär richtete ihn auf und rief:

»Komm zu mir, Bruder! Vater der mir von Gott Beschiedenen! Ich danke dir, du Weltenschöpfer, du Weltenversöhner, daß du mich nach deinem unerforschlichen Ratschlusse hierhergeführt.«

Der Missionär umarmte Jakob und küßte ihn, dann rief er:

»Laß diesen Kuß dir ein Bürge sein, daß du die Liebe verdienst, daß du die Liebe hast von einem Diener des Herrn, und, wie ich in innerster Seele weiß, rein dastehst vor Gott dem Herrn.«

Jakob faßte mit Kraft die Hand des Mannes, aber sein ganzes Wesen zitterte.

»Die Weibsleute haben lang gewartet,« sagte er endlich; »komm, jetzt wollen wir ihnen die frohe Botschaft bringen.«

Und es war eine frohe Botschaft. Der Missionär küßte der Mutter die Hand. Das war vielleicht doch noch ein Rest aus früherer Gewöhnung, und Magdalena rief: »Meine Hand ist noch nie geküßt worden. Lena,« fügte sie dann hinzu, rasch einen heitern Ton anschlagend, »Lena, gib du ihm einen rechtschaffnen Kuß von mir auf den Mund.«

Magdalena umhalste und küßte Jakob. Noch nie hatte ein Kind solche Zärtlichkeit der Eltern gesehen, und Jakob, sich aus den Armen seiner Frau losmachend, sagte schmunzelnd und feuchten Auges: »Ist gut, Mutter. Es ist noch eine Flasche Wein da, die die Frau Justizrätin das letzte Mal hier gelassen hat, ich hab' sie eingegraben, jetzt soll sie auferstehen.«

Die beiden Paare stießen an und das Brautpaar war's zufrieden, daß man nicht aufstand, bis die Flasche leer war.

Jakob begleitete noch das junge Paar bis zum Dorfe und als er heimkam, saß Magdalena schlafend im Heisterschen Lehnstuhl.

Mit leisem Tritte holte er sein Waldhorn, setzte es an die Lippen und blies einen Choral. Magdalena erwachte und Jakob rief, das Waldhorn absetzend, mit heller Stimme: »Mutter! Der jüngste Tag ist da, wir sind auferstanden in Seligkeit.«

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