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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

»Ich hätt' dir gestern abend noch gern was erzählt,« sagte Jakob andern Morgens, »die Tochter von unserm Nachbar Maier wird Braut mit dem Missionär, der im Pfarrhaus wohnt; er ist deswegen kommen.«

»So? Und ich hätt' dir gestern noch gern grad das Gegenteil erzählt.«

Sie berichtete vom Pfarrhause und was sie vermute, sie ging in ihrem Eifer bereits so weit, alles als sicher darzustellen.

Jakob war ein geduldiger Zuhörer, zumal wenn er Kartoffeln schälte, und heute war noch ein besonderer Tag, es gab von heute an keine Kartoffeln mehr, bis man neue austhat. Endlich sagte er:

»Das Rikele ist mir gestern begegnet und hat mir gesagt, der Eichbauer habe noch gute Kartoffeln. Was meinst, sollten wir nicht noch ein Simri kaufen oder entlehnen, bis wir neue haben?«

»Mann!« rief Magdalena – wenn sie Mann sagte, war sie immer ärgerlich – »Aber Mann, hast denn nicht gehört, was ich erzählt hab'?«

»Freilich.«

»Und was meinst?«

»Das Kind ist noch zu jung, und ich glaub' auch nicht, daß ein Kind von uns zu dem heiligen Geschäft paßt.«

»Die Lena ist in allem unterwiesen wie eine Pfarrerin. Und eine besonders schöne Sache ist noch dabei: der Missionär, ich hab' ihm das vornehme Wesen gleich angesehen, ist von adligem Geschlecht, vom vornehmsten. Baron von Drachenstein heißt er.«

»So? Das gilt aber da nichts. Unser Heiland und die Apostel sind, soviel ich weiß, nicht von Adel gewesen. Hab' noch nie gehört, daß man vom Baron von Paulus und vom Graf von Petrus predigt.«

»Aber Vater, du bist ja ein wahrer Heid', ein Ketzer; dich sollt' man zuerst bekehren.«

Jakob wischte sich den Mund und sah pfiffig drein, er war heute besonders gut aufgelegt; er nahm wieder auf:

»Wenn so ein Missionär von den Menschenfressern verspeist wird, ich glaub' nicht, daß ein Adliger anders schmeckt wie unsereins.«

»Aber Mann, woher kommst du zu solchen Redensarten?«

»Meine Zeitung ist mein Lehrmeister, und ich sag' dir, wenn's damals Zeitungen gegeben hätt', die Apostel hätten auch Zeitungen –«

»Jetzt genug! Ich will nichts weiter hören. Halt dich bereit, wenn ich dich rufen lasse.«

Jakob ging schmunzelnd davon, er ist zufrieden mit sich, er hat seiner Frau die Flausen zerstreut.

Magdalena mußte sich besinnen, was sie denn eigentlich für heute Besonderes vorhatte; ja, jetzt fiel's ihr ein, die Kleider der Frau Justizrätin müssen gesonnt werden. Sie hatte sie bisher noch nicht ans Tageslicht gebracht, weil sie den Neid der Nachbarinnen nicht erregen wollte, aber jetzt kommt der Neid doch und da geht's in einem hin.

Als sie die Kleider im Garten aufhing, besonders die schwarzseidenen und auch die von grauem Barege, sagte sie in sich hinein: die passen für eine Missionärin und für eine Baronin. Wer weiß, ob die Selige nicht geahnt hat, was kommen wird; nicht umsonst hat sie gesagt: die Kleider sind einstmals für deine Töchter.

Die Nachbarinnen bemerkten nichts, nur die Sonne sah die schönen Kleider und den großen Shawl, der auf der Wiese lag.

Die Sonne stand hoch und stieg nieder, der Missionär kam nicht und auch keine Botschaft aus dem Pfarrhause. Dafür aber kam etwas, woran man nicht mehr gedacht hatte. Der Hilfswärter brachte von der Station eine kleine Kiste. Die Frau Justizrätin ist ja tot, wer kann denn was schicken? Magdalena öffnete, und aus vielen Umhüllungen blinkte es ihr golden entgegen: ein schönes Waldhorn, und in der Mundspitze lag ein Zettel mit den Worten:

»Meinem lieben Vater zur Lustbarkeit, von seinem Sohne Albrecht.«

Magdalena wartete ab, bis Jakob mit seiner Tafel bahnaufwärts die Strecke beging, dann eilte sie in das Wartehäuschen am Ueberweg und legte das Waldhorn mit dem Zettel auf den Stuhl; schnell versteckte sie sich im Hopfengarten, von wo sie alles übersehen und hören konnte.

Weit drüben über den Vogesen ging die Sonne hinab und vergoldete die Schienen hier, und aus dem Bahnhäuschen tönte es wunderbar, bis der Eilzug kam. Als der Zug vorüber war, eilte Jakob ins Haus:

»Das hast du mir hingelegt, du Wetterhex! Ja, es macht mich glücklich und wieder ganz jung, und ich kann noch blasen. Der Bub ist brav, er hat's behalten, daß ich ihm vor Jahren einmal das Verlangen ausgesprochen.«

Magdalena nickte still. Als der Mond heraufkam, blies Jakob abermals, daß es weit hinausschallte, bis ins Dorf hinein, wo die Menschen verwundert fragten, woher der längst verklungene Waldhornklang ertöne.

Jakob mochte das ahnen, denn er sagte:

»Ja, Mutter, das kann auch bös sein. Die Menschen werden jetzt fragen, woher kann er denn so blasen? und da werden sie nachforschen nach dem, was vergangen ist.«

»Verdirb dir deine Freude nicht,« tröstete Magdalena, »sie wissen alle, daß du Postillon gewesen bist, und weiter ist's nichts.«

Jakob blies abermals, und sie hörten nicht, daß zwei Menschen gekommen waren, die plötzlich vor ihnen standen.

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