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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Zwanzigstes Kapitel.

Albrecht, der sonst so viel gute Ruhe mitbrachte. schien heute etwas von der Unruhe der Lokomotive an sich zu haben; er hörte kaum zu, wie die Mutter sagte, die Lokomotivführung sei doch eine gefährliche Sache. Jakob dagegen belehrte: »Gefährlich just nicht besonders, aber gar verantwortlich. Die Hauptsache ist, nicht schlafen; ich mein', nicht mit offenen Augen schlafen.«

»Hörst, was dein Vater sagt?« stieß Magdalena ihren Sohn an, der unachtsam drein starrte.

»Jawohl! Jawohl!« sagte Albrecht sich aufraffend. »Ihr habt beide recht.«

Er wollte nach der Station, um mit dem Nachtzuge nach der Hauptstadt zurückzufahren; dazu hatte es noch lange Zeit, aber er machte sich rasch auf den Weg.

Magdalena begleitete ihn.

»Ich geh' zu Nachbar Süß,« erklärte Albrecht.

»Da begleite ich dich.«

Die Mutter hatte wohl gemerkt, daß zwischen Albrecht und Viktoria etwas vorging, das ihn bestimmt hatte, so schnell nach einer Versorgung auszuschauen; sie war entschlossen, zeitig einzugreifen. Ihr Stolz, ihr Lieblingssohn, sollte Besseres haben auf der Welt. Sie war eine gute Mutter an allen Kindern, das ist keine Frage, aber so schön und, was noch mehr ist, so grundgut und, was noch mehr ist, so bedachtsam war keines ihrer Kinder. Magdalena war voll Bangen, denn wenn ein Kind eine feste Neigung hat, wie soll man dagegen wirken? Es kann sein, daß man gerade dadurch eine mißliche Sache erst recht fest macht.

Noch nie waren Mutter und Sohn so lange schweigend nebeneinander gegangen, wie jetzt, denn jedes wartete auf das Wort des andern. Endlich begann doch die Mutter und fragte, wie hoch der Gehalt des Sohnes sei; er nannte die Summe und fügte halb zaghaft hinzu, daß er nun schon eine Frau ernähren könne.

Magdalena sagte nur: »Du hast Schwestern, die älter sind als du, und du thust gewiß gern etwas für sie, wenn sich ein Schick gibt, zur Aussteuer.«

»Gewiß, Mutter! da soll's nicht fehlen.«

»Auf den Emil zähl' ich in nichts.«

»Ich auch nicht.«

»Du könntest deinem Vater jetzt gleich eine große Freude machen, von dir thät er's annehmen.«

»Saget nur, was es ist.«

»Schau, dein Vater ist gar oft von schwerem Gemüt, er hat schon Schweres erlebt.«

»Was denn? Darf ich's nicht wissen?«

»Wir wollen später einmal darüber reden. Du weißt, dein Vater ist ein Mann – von Wien bis Paris ist da noch kein besserer gefahren und wird kein besserer fahren, solang das Eisen hält. Ich hab' dir nur sagen wollen, man kann deinen Vater mit einer Kleinigkeit glücklich machen, mit einem halben Nichts.«

Albrecht lachte laut und die Mutter fragte: »Was lachst?«

»Ja, Mutter, das erzähl' ich meinem Lehrer in der Mathematik: Meine Mutter ist so genau und sparsam, daß sie noch ein Nichts teilen kann.«

»Jetzt genug, ich will dir nur sagen: kauf deinem Vater ein neues Waldhorn aus deinem Geld, sag aber nichts davon, daß ich dich ermahnt hab'.«

Mit diesem Plan, das spürte Magdalena, war der Sohn wieder heimgezogen; die Süß mitsamt ihrer Tochter kriegt ihn noch nicht.

Im Hause des Nachbars Süß war alles wohl aufgeräumt, die Stube und die Menschen, besser als je; Albrecht war offenbar erwartet worden. Mutter und Tochter waren überrascht, daß Magdalena mitkam; aber sie thaten, als ob das ein besonderes Glück wäre, und Viktoria war heute sehr zutraulich und auch ehrerbietig gegen sie, wie noch nie. Magdalena konnte, wenn es darauf ankam, doch auch falsch oder wenigstens höflich sein. Warum nicht? Man muß alles können. Als Frau Süß mit ständigem Lachen sagte, die neue Beamtung Albrechts sei gewiß nur eine Durchgangsstation – sie wiederholte das Wort oft, sie war stolz darauf – er käme von da aus zu Höherem, stimmte Magdalena bei.

Eine Flasche Wein war bereit gehalten; man stieß an, man trank, und Frau Süß lachte hellauf, als Viktoria von ihrem Wein verschüttete. »Das ist ein gutes Zeichen!« rief sie und lachte nochmals.

Als man Abschied nehmen wollte, gingen Frau Süß und Viktoria noch mit. Vor dem Hause sagte Magdalena: »Geh du voran mit Viktoria, aber nicht zu schnell, wir kommen nach.« Sie wollte nicht, daß die beiden hinter drein gingen.

Nach einer Weile wendete sich Albrecht um und fragte:

»Mutter! Wollet Ihr nicht umkehren? Wird's Euch nicht zu weit und zu spät?«

»Nein. Du mußt noch auf einen Sprung mit mir ins Pfarrhaus zu deiner Schwester.«

»Die Frau Maier erzählt, es sei ein Besuch im Pfarrhaus, ein Missionär von den Menschenfressern,« berichtete Frau Süß lachend; sie lachte immer, auch jetzt, wo sie doch sehr ärgerlich war, und auch wenn sie von Menschenfressern sprach.

Nicht weit vom Dorfe kehrten Frau Süß und Viktoria um.

Magdalena hatte ihren Zweck erreicht, sie nicht allein mit ihrem Sohne zu lassen, und es war ein übermütiger Ton darin, als Magdalena beim Abschied für die gute Bewirtung und gute Begleitung dankte.

Wieder gingen Mutter und Sohn still dahin; am ersten Hause des Dorfes hielt Albrecht an und fragte:

»Mutter, meinet Ihr, daß was zwischen mir und der Viktoria ist?«

»Du hast mir noch nichts davon gesagt.«

»Und was haltet Ihr von ihr?«

»Wenn du mich ernstlich fragst, will ich dir ernstlich antworten; wenn du aber fragst und schon beschlossen hast –«

»Es ist noch nichts beschlossen.«

»So rat' ich dir: nimm drei Lokomotiven und fahr davon. Soviel Sterne als da über uns sind, so vielmal dank' ich Gott, daß du noch frei bist und keine falschen Versprechen gemacht hast.«

Nicht heftig und mit keinem bösen Worte, sondern ruhig und klar setzte Magdalena ihrem Sohne auseinander, wie er sich für sein ganzes Leben unglücklich mache, wenn er sich mit Viktoria verbinde; sie sprach so eindringlich, daß ihr Albrecht endlich die Hand gab und sagte: Mutter, es ist nichts und wird nichts. Ich bring' Euch keine Frau, die Ihr nicht auch von Herzen gern haben könnt.«

»Meinetwegen allein sollst du's nicht aufgeben, es ist deinetwegen. Ich weiß, es thut dir jetzt weh, aber es wird dir später wohlthun und du hast kein gebrochenes Wort auf deinem Gewissen.«

Der Atem Albrechts ging rasch und schwer, Magdalena nahm wieder auf.

»Ich kenn' dich. Du hast gemeint, du hättest da Pflichten, und hast dich zwingen wollen, denen nachzukommen. Es ist nicht möglich, daß du da mit ganzer froher Seele dabei bist. Drum ist's jetzt besser so.«

Die Mutter hatte vollkommen recht. Albrecht hatte sich mit großem Eifer Kenntnisse zu erwerben gesucht, hatte sich einen höheren Lebensplan gestellt und denselben wegen Viktoria wieder aufgeben wollen. Jetzt war er frei.

Mit beruhigtem Gemüte kamen Mutter und Sohn heim Pfarrhaus an, wo mehrere Stuben hell erleuchtet waren.

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