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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Neunzehntes Kapitel.

Die Tage vergingen in ruhiger alter Ordnung; das einzige Kind, das noch zu Hause verblieben war, Lisbeth, der Nestling, hatte es in der Lesekunst bereits so weit gebracht, die Zeitung vorlesen zu können, aber freilich, so wie Albrecht war's doch nicht, und im Sommer 1866 brauchte man eigentlich gar keine Zeitung. Da gingen die Militärzüge hin und her, Tag und Nacht mußte man auf dem Posten sein, und Nachbar Süß bedauerte, nicht mehr Soldat zu sein, er hätte auch gern einmal gegen die Preußen drein gepfeffert. Nachbar Maier dagegen war sehr erbittert über den Krieg, er sah ihn als Krieg der Katholischen und Evangelischen an, und jetzt zum erstenmal erfuhr man, daß Süß katholisch war; er hatte nur der Frau zulieb das Kind evangelisch taufen lassen.

Jakob hatte schon lange leise empfunden, daß er zwischen zweierlei Art von Hochmut eingekeilt war. Süß hatte den soldatischen, Maier den religiösen Hochmut; Jakob mußte sich von beiden Genossen belehren und auch schelten lassen. Die Truppen und ihre Führer, die auf der Bahn hin und her geschoben wurden, konnten nicht ahnen, welche wunderlichen Gespräche, die nahezu in bittere Gehässigkeiten ausarteten, hier von den Bahnwärtern geführt wurden.

Magdalena hatte im Hause Heisters von den traurigen Zuständen im Vaterlande sprechen hören und besonders war ihr im Sinne geblieben, wie Heister gegen den Regierungsrat Hornung behauptete, daß trotz alledem doch nur von Preußen, das den Napoleon besiegt hatte, die Besserung kommen müsse. Sie teilte das Jakob mit, und die beiden Genossen staunten, wenn er derartiges vorbrachte, und er wußte auch noch gute Schlagworte aus der Zeitung drein zu mischen.

Emil war nach Landesgesetz als Lehrer frei, und Albrecht hatte sich durch das Los vom Militärdienst freigespielt.

Der Krieg war schneller zu Ende, als man geglaubt hatte, auf der Bahn Jakobs wurde keine preußische Pickelhaube gesehen.

Von Emil kam bisweilen ein Brief, aber er schrieb immer in Eile, und in diesen kurzen eiligen Briefen war überdies etwas Gezwungenes, Fremdes. Das fühlten beide Eltern, und Jakob sagte; »Er mag zu thun haben, was er will, ein Mensch, der so gut in der Feder ist, kann sich eine Stunde Schlaf abbrechen und ordentlich schreiben. Aber er hat keine Liehe zu mir. Es steht ja da.«

»Wo steht's?«

»Da, da schreibt er: Ich betrachte den Herrn Justizrat als meinen Vater. . . . Das darf man nicht, das ist zu viel, ich leb' ja noch, ich glaub' nicht, daß ich schon gestorben bin.«

»Mann, wie kannst du nur so reden? Das ist nur so gesagt, wie die Studierten reden.«

»Mag sein, aber ich bin nicht studiert und du solltest mir meinen geraden Verstand nicht verdrehen wollen.«

Er ging rasch davon, aber im Fortgehen warf er noch einen grimmigen Blick auf das Bild. »Ja, du bist der Frieder,« sagte er, aber er sagte es nur in sich hinein.

Als Magdalena allein war, gestand sie sich, ihr Mann habe recht, und es sei gut, daß er sich durch keine Einrede von seinem geraden Verstand abbringen lasse; sie selber fand auch die Briefe Emils sehr unkindlich und hart, und als Jakob am Abend heimkam, sagte sie:

»Mit dem Emil hast du leider Gottes recht. Aber sieh, da ist ein guter Brief von Albrecht.«

»Lies vor!«

Sie las und beide Eltern waren glücklich über die herzgetreue Art des Sohnes. Am Schlusse des Briefes hieß es: »Liebe Eltern, gebt acht, nächstens fliege ich an euch vorbei.«

Es klärte sich bald auf, was damit gemeint war.

Magdalena schnitt Gras am Bahndamm und sie dachte, wie schon das Gras auf dem Grabe der guten Frau Heister gewachsen, da kam ein Güterzug heran. Magdalena hatte sich dran gewöhnt, nicht mehr nach den Zügen aufzuschauen, aber heute riß etwas an ihr, daß sie sich aufrichtete und mit der Sichel in der einen und dem Grasbüschel in der andern Hand nach dem Zuge schaute, und »Mutter!« rief's von der Lokomotive und vorbei sauste der Zug; ein dreifacher schriller Pfiff, der an dieser Stelle sonst gar nicht gebräuchlich ist, tönte nach. Magdalena warf Sichel und Gras weg und eilte zu ihrem Manne an den Ueberweg.

»Hast du ihn auch gesehen?« rief ihr Jakob entgegen. »Jetzt weißt, was das zu bedeuten hat: Ich fliege an euch vorbei. Unser Albrecht ist Lokomotivführer.«

»Und er hat mir Mutter gerufen.«

Am Abend kam Albrecht, er hatte neben dem alten Führer seine Probefahrt gemacht und die Eltern waren glücklich mit dem Sohne, der es stetig immer weiter brachte. Man zeigte Albrecht die Briefe Emils und er sagte abgewendet in gezwungenem Tone: »Er ist halt ein Schulmeister und macht Redensarten.«

Albrecht hatte in der Stadt und auf der Weltausstellung, wohin er mit der Maschine geschickt war, sich bereits vielfältige höhere Kenntnisse erworben, aber es kam ihm nicht in den Sinn, vor den Eltern damit zu prahlen, oder gar sie mit unverständlichen hohen Redensarten zu beschämen.

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