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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtzehntes Kapitel.

»Den großen Lehnstuhl schickt dir der Herr Justizrat zum Ausruhen,« sagte Magdalena nach ihrer Heimkehr, als ein großer Wagen voll Hausrat, Kleider und Linnenzeug ankam. Schmerzlich lächelnd fügte sie hinzu: »Und auf einen Wagen geht nicht alles, was ich zu erzählen habe.« Sie berichtete viel, sie war aber bedachtsam genug, nichts von der Anspielung des Pfarrers in der Leichenrede zu erzählen; sie hütete sich wohl, das schlummernde Leid in Jakob zu wecken.

Sie ahnte nicht, daß auch der Vater etwas verbarg, das nahe daran war, unwillkürlich sich kundzugeben. Denn Magdalena hatte auch eine große eingerahmte Photographie – Herrn und Frau Heister darstellend – mitgebracht, sie wurde sofort an die Wand gehängt über der Kommode, auf welcher zwei gläserne Leuchter mit unversehrten Wachskerzen standen. Zaghaft brachte sie eine andere Photographie herbei, die ebenfalls angebracht werden sollte; es war das Bild Emils mit dem schnell angewachsenen Vollbart, den er sich in seiner kurzen Freiheit erzogen hatte. Als Jakob das Bild sah, schrak er zusammen und schaute betroffen auf Magdalena.

»Also findest du es auch?« sagte sie, »der Herr Justizrat und ich haben's im selben Augenblick gesagt, er sieht ihm gleich; das sieht man erst jetzt und im Bild.«

Sie nannte Frieder nicht, und Jakob preßte die Lippen zusammen und nickte. Magdalena fuhr nach einer Weile fort: »O du himmlischer Vater! Es kann doch nichts Aergeres geben, als wenn ein Kind jedesmal mit einem Stich im Herzen an den Vater denken muß.

»In den Nächten, wo ich jetzt in der Stadt war, habe ich mir Mühe gegeben, alles aufzuschreiben, und ich glaube, ich habe alles gesagt, was wir auf dem Herzen haben; es liegt bei meinem Brautkranz, und da werden die Kinder erfahren, daß wir unschuldig sind, wenn wir auch haben schwer büßen müssen, und wie wir als Eheleute gewesen sind, das haben sie gesehen.«

Jakob nickte wieder stumm, er fuhr nur mit der Hand über das Bild des Sohnes, wie wenn er ihn streicheln oder auch die Aehnlichkeit wegwischen wollte, dann ging er still hinaus und sah nachdenklich auf die Schienen; die hängen mit denen zusammen, auf denen jetzt sein Sohn in die Ferne zieht, wer weiß, was aus ihm wird. Aber ein gesetztes Amt läßt nicht lange über den wunderlichen Zusammenhang aller Weltdinge grübeln, das Signal ertönte, Jakob stand stramm auf seinem Posten.

»Auf dem nächsten Jahrmarkt lassen wir uns auch abphotographieren,« sagte Jakob mit ungewöhnlich heller Stimme, als er heimkam, »und alle Kinder. Wer weiß, wo sie noch hinkommen. Und jetzt will ich dir was sagen,« fuhr er fort, als er sich den Teller voll herausgeschöpft hatte und den Schöpflöffel Magdalena zuschob, denn er war nicht höflich und nahm sich stets zuerst, »ich sag' dir: keine Stunde Kummer mehr.«

»Ja, und wenn doch einmal eine grüne Latern' für uns käm', wir sind auch noch da.«

Aus den Tagen der Entfernung, aus den Stunden des Schmerzes heraus gewannen Jakob und Magdalena ein neues Glück, als hätten sie erst jetzt einander voll und ganz errungen.

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