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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Dreizehntes Kapitel.

Eine Landschaft, durch welche die Eisenschienen gestreckt werden, verwandelt sich durch Ausgrabungen und Ausböschungen, und alles rings umher – die Einwohner und die Früchte des Feldes – wird in eine neue Beweglichkeit versetzt. Aehnlich ist es in einem Hause, in das zum erstenmal eine Zeitung kommt und nun täglich sich einstellt.

Die Zeitung, die Jakob jeden Abend beim Begehen seiner Bahnstrecke von Nachbar Süß erhält, ist schon von fünf Teilnehmenden gelesen und schon mehrere Tage alt. Aber was thut's? Jakob hat weder Lust noch Fähigkeit, mit drein zu reden oder gar mit zu thun in den Welthändeln, und er erfährt zeitig genug von allem. Schön aber ist's, daß alle Welt ihm berichtet, und der Herausgeber scheint es besonders darauf abgesehen zu haben, Jakob zur Übereinstimmung mit seinen Ansichten zu bekehren. Jakob nickte oft: der Mann ist gescheit und brav und meint's gut.

Nirgends aber, so weit auch die Zeitung verbreitet war, wurden die »Briefe aus Aegypten von Emil Heister« mit solcher Andacht aufgenommen, wie im Bahnhäuschen Numero 374.

»Ich höre seine Stimme,« sagte Magdalena. »und noch was, das gar nicht dasteht. Ich höre, daß es der lieben Frau gut geht, denn so munter könnt' er sonst nicht alles hergeben.«

Einmal aber entstand ein Schreck, als wenn der Bahnzug mitten durchs Haus gefahren wäre, denn Heister schilderte einen braunhäutigen ägyptischen Bahnwärter und fügte hinzu: »Ich konnte dem Mann von einem braven Freunde, der sein Berufsgenosse ist, erzählen und von dem ganzen gesegneten Hausstand.«

Hast es denn nicht gelesen? Es steht von uns in der Zeitung, hatte Jakob auf den Lippen, als er Nachbar Süß begegnete; da dieser aber nichts davon sprach, schwieg auch er. Magdalena aber legte das Zeitungsblatt zu ihrem Brautkranz.

Es war eine behagliche Abendstunde und Magdalena machte sich immer fertig, um auch dabei zu sein, wenn Albrecht die Zeitung vorlas, denn der Knabe las sehr deutlich und mit heller Stimme, und wenn auch der jungen Seele nicht alles verständlich war, so empfand sie doch einen Anhauch des höheren Denkens, der zum Lebensatem wurde.

»Vater! Wer sind denn die Arbeiter, denen die Zeitung so ins Gewissen redet?« fragte Albrecht einmal, und Jakob erwiderte:

»Arbeiter? Das weißt du nicht? Arbeiter, das sind alle Menschen, die nicht faulenzen.«

Anderen Tages, als wieder vorgelesen wurde, sagte Jakob, der sich inzwischen mit Nachbar Süß besprochen hatte, zu dem Knaben:

»Ich hab' dir noch sagen wollen, Arbeiter – damit meint die Zeitung die Fabrikarbeiter. Jetzt lies.«

Eine Abteilung mußte Albrecht immer überschlagen, das waren die Gerichtsverhandlungen. Er erklärte dem Knaben, daß da Dinge vorkämen, von denen er nichts zu wissen brauche, und Albrecht war folgsam genug, diese Sachen nicht heimlich zu lesen. Zu Magdalena aber sagte Jakob: »Was sind doch die Menschen so schadenfroh. Da lesen sie gewiß gern von Schelmen und armen Teufeln, die sich vergangen haben, und freuen sich, daß sie selbst brav sind und ihnen so was nicht passiert. Meinst du, daß unsere Sach' auch so in der Zeitung gestanden hat?«

»Aber Jakob! Was plagst du dich wieder?«

»Ja, du mußt mir's abnehmen. Erinnerst dich, daß vorlängst in der Zeitung gestanden hat von den Leuten, die an einer Felswand gewohnt haben, die einstürzen will, und endlich ist sie eingestürzt? Grad so ist mir's, und die Frau Süß – du hast recht, sie sollte Frau Essig heißen – hat nichts Eiligeres, als mir allemal von Gerichtsverhandlungen zu erzählen, und dabei guckt sie mich so an, weißt, so blinzelig. wie ein Fuchs. Meinst du, sie weiß was?«

»Ich glaub' nicht.«

»Wenn man's nur herauskriegen könnt'!«

»Das war' leicht.«

»So? Wie denn?«

»Fang' Händel mit ihr an, oder ich will's, dann kommt's heraus.«

Das wollte Jakob doch nicht, und jetzt, da er sein Herz erleichtert hatte, ging er gern auf die Tröstungen Magdalenas ein und versprach abermals, sich die Sache aus dem Kopf zu schlagen.

Es war fast verwunderlich, daß Frau Essig der aufgefangenen ersten Spur nicht weiter nachging, aber sie hielt sich davon zurück, nicht bloß, weil sie es ihrem Manne versprochen hatte, wie sie ihm oft wiederholte, sondern auch in der Erwägung, daß sie, nach Offenlegung des Geheimnisses, mit der Nachbarin in Unfrieden leben müsse; denn das war sicher, Magdalena ließ sich nicht in Unterwürfigkeit gefangen halten, und unfehlbar trieb sie dieselbe zum Anschluß an Frau Oel.

Daneben hatte sie eine besondere Liebe zu Albrecht gewonnen, der ein gar schöner aufgeweckter Knabe war, und jeden Tag ihr einziges Töchterchen, Viktoria benannt, zur Schule abholte und wieder heim brachte. Der wird was Tüchtiges, und das gibt einmal ein schönes Paar, sagte sie jetzt schon vor sich selber, ja sie sagte es sogar einmal zu Jakob, der in großer Lustigkeit jetzt schon sein Jawort gab; denn dieser scherzhafte Vorschlag gab ihm die Sicherheit, daß die Nachbarin nichts wisse, sonst spräche sie ja auch im Scherze nicht von einer Verschwägerung.

Sagt, was ihr wollt, es ist doch so: kein Gemüt ist so arm und verbost, daß nicht auch einmal Gutes und Freundliches in ihm aufgeht. Seht nur die Brennessel an, sie blüht auch einmal, und im Gemüte der Frau Süß blühte es von dem Gedanken, daß Albrecht einstmals Mutter zu ihr sagen werde und daß ihr Kind glücklicher und höher gestellt werden sollte, als sie es war.

Sie brachte es dahin, daß Albrecht ihr anhing, wie einem nächsten Angehörigen, und lächelnd sah sie, wie die kleine Viktoria den Knaben beherrschte; er fügte sich dem eigensinnigen Kinde und lachte dazu, auch wenn es ihn mißhandelte.

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