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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band. - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Zehnter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Elftes Kapitel.

Emil war in der Fremde und Magdalena konnte nicht ruhig an ihn denken, die bittere Sorge verfolgte sie, daß etwas über ihn gekommen, das verderblich werden könne. Jakob indes schaute so glückselig drein und pfiff so lustig auf Weg und Steg, daß sich Magdalena wohl hütete, ihn mit ihren trüben Gedanken zu stören, und sie tröstete sich schließlich, daß die Kinder ja so guter Art seien, daß sie wohlgeraten müssen. Jetzt zeigte sich eine gute Wirkung von der Lobgier Magdalenas. Jakob hatte die Gescheitheit der Kinder gelobt, und daß sie der Mutter nacharten; das war ein Festkuchen, von dem sich lange abbrocken ließ, und es war einer von jenen feinen Kuchen, die Tag für Tag mit dem Aelterwerden immer besser schmecken.

Auch draußen in der weiten Welt wurde gut von Magdalena und den Ihrigen gesprochen.

Frau Heister redete auf der Reise nach Aegypten fort und fort davon, wie glücklich es sie mache, einen Einblick in das schöne Heim Magdalenas gewonnen zu haben, und wie es keine Täuschung sei, daß Menschen, die in Schweres verfallen waren, durch redliches Bemühen ein Leben voll Tugend und Glück gewinnen.

»Du hast recht gethan,« sagte sie dann ihrem Manne, »daß du die guten Menschen nicht durch unsern Plan beunruhigt hast. Wir aber halten ihn fest. Wenn ich gesund zurückkehre, ziehen wir uns auf ein mäßiges Landgut zurück, nehmen die ganze Familie zu uns, daß sie das Gut bewirtschaften, und wir haben stets ein gedeihliches Leben von Natur und Menschen vor Augen.«

Heister ließ seine Frau dies nach Belieben noch weiter ausmalen, ja er phantasierte noch dazu, denn es machte ihn glücklich, daß die so schwer Kranke sich an diesen Ausmalungen erquickte.

Hätte Magdalena gewußt, mit welchen schimmernden Zukunftsplänen ihr Name an Orten genannt wurde, die sie nie gehört hatte, sie hätte hochbeglückt die starken arbeitsamen Hände ineinander gefaltet. Aber es ist gut, daß man nicht weiß, was in weiter Ferne und in nächster Nachbarschaft vorgeht; denn ebenso betrübt hätte sie's, in welchem Ton und mit welchen Beiwörtern ihr Name im Bahnhäuschen Numero 373 hin und her geworfen wurde.

»Schrei nicht so! ich bin nicht taub,« rief dort der Bahnwart Süß.

»Ich?« entgegnete die Frau höhnisch. »Ich hab' keine Feldwebelstimme, wie du. Aber freilich, gegen mich kannst du deinen Kommandierteufel loslassen, gegen die heilige Magdalena bist du sanft und so süß –«

»Sie ist nicht heilig aber brav, und macht ihren Mann glücklich –«

»Sie wird wissen warum. Aber ich krieg's heraus, sie hat was, das Gethue mit dem Justizrat ist nicht sauber –«

»Frau, bist du des Teufels?«

»Ich bin des Bahnwarts Süß; wenn der jetzt Teufel heißen und Teufel sein will, ich kann's ihm nicht wehren.«

Der Mann lachte grimmig und nach einer Weile fuhr die Frau fort: »Wenn du nur hättest sehen können, wie du jetzt gelacht hast. So lacht nur ein Teufel. Und da meinen die Menschen, der Mann da sei gutmütig. Heuchelei! Feigheit!« Die Stimme versagte ihr und der Mann nahm das Wort:

»Sprich nur weiter. Hast nichts mehr?«

»Und ich sag' dir, ich krieg's heraus; ich muß wissen, was er für Akten hat, die er gern aus der Welt schaffen möchte. Unterducken müssen die da drüben, ums Gnadenbrot bitten.«

»Und ich sag' dir, ich leid's nicht. Du sollst mich noch anders kennen lernen, wenn du da was aufrührst. Er ist ein Ehrenmann, ein rechtschaffener, und wenn er auch was gethan hat, ich weiß vom Militär her, wie leicht man in Strafe kommen kann – Herr Gott! mit deinem Gezank hab' ich jetzt den Zug versäumt, da ist er; die Note, die ich jetzt bekomm', kannst du auf deine Rechnung schreiben.«

Der Bahnwart Süß eilte davon, rückte noch vor dem Hause sich die Mütze zurecht und öffnete die Uniform, er fühlte, daß er fieberisch heiß war. Langsam, zur Erde schauend, beging er seine Bahnstrecke, bis ihn Jakob anredete:

»Du siehst ja heute gar nicht auf.«

»Ich hab' den Zug versäumt. Hat der Zugführer bei mir hüben oder drüben gestanden?«

»Nicht auf deiner Seite, er hat's gewiß nicht gesehen. Aber woher hast du versäumt?«

In Nachbar Süß kämpfte es, endlich klagte er sein Leid, was er bisher nie gethan hatte. Er fand in Jakob einen guten Tröster, der zu Friede und Verträglichkeit ermahnte. Süß staunte, wie beredsam der wortkarge Jakob war, und ihm ins Antlitz schauend, rief er: »Ich meine, du hast ganz andere Augen.«

»Kann schon sein.« Aber Jakob konnte nicht ahnen, in welcher Weise er den Nachbar beschwichtigte, indem er hinzufügte: jeder Mensch habe sein geheimes Uebel im Körper oder in der Seele und da müsse man eben Geduld haben.

Das Angesicht des Nachbars veränderte sich, denn er dachte: die Frau hat doch recht, aber freilich, eingestehen darf man's ihr nicht. Wer so redet, wie der Jakob, der muß einen argen geheimen Schaden haben. Gescheit ist die Frau eben doch.

Als Nachbar Süß heimkam, sagte er: »Frau, du hast recht,« ihr Antlitz wurde hell glänzend, »und jetzt, weil du recht hast und gescheit bist, sei auch gut. Verfolg' die Sache nicht weiter, thu' es mir zu Gefallen.«

»Wenn du so redest, da hast du meine Hand, kein Wort mehr davon.«

Und Friede war von allen Seiten.

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