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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band. - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Der stattliche reiche Bauer von Buchenberg mit seiner Familie und seinem eigenen Gefährte war wochenlang eine der bemerktesten Erscheinungen in Wildbad. Schon der frappante Gegensatz, den man sich von ihm erzählte, daß er sich beim Brande eine schwer zu heilende Erkältung zugezogen, machte ihn zum Gegenstand des Gespräches, dazu sein gemessenes Benehmen, weder zudringlich noch schüchtern, machte ihn zu einem Urbild jenes stolzen, selbstbewußten Bauerntums, das man sogar in der sogenannten guten Gesellschaft anziehend findet, so lange es in ästhetischer Buchferne verharrt und der eigenen Ueberhebung nicht zu nahe tritt. Martha und Fränz waren weniger bemerkt. Martha hielt sich vorzugsweise zu einigen alten Frauen, die im Armenbad eine Freistelle genossen, und ließ sich von ihnen ihre Leiden und ihre Schicksale erzählen, Fränz aber war seltsam verscheucht und zurückgezogen. Wir werden bald erfahren, warum. Wir müssen nur noch erzählen, daß Diethelm die Spitze seines Ruhmes erreichte, als eine regierende Fürstin in der Allee durch den ersten Kammerherrn ihn sich vorstellen ließ. Diethelm war beseligt durch diese Auszeichnung, er gab auf alle Fragen bescheidene, und, wie es schien, genehme Antworten; er widersprach nicht, als man ihn für einen großen Hofbesitzer hielt, und nahm sich nur vor, diese Voraussetzung zu einer Wahrheit zu machen; dabei schaute er oft wie verlegen um, er wollte sehen, ob niemand bemerke, welche Ehre ihm zu teil wurde. Es gingen aber Menschen vorüber, die ihn nicht kannten. Dennoch sah er wohl, daß sie in der Ferne stehen blieben. Als er entlassen wurde, ging er aufgerichtet durch die Alleen heimwärts, die Bäume waren noch einmal so grün, der Himmel noch einmal so blau, und die Vögel sangen so lustig, wie noch nie. Zum erstenmal spürte er die Wirkung des Bades, eine wohlthätige Wärme überströmte sein ganzes Wesen, und als er zu Frau und Tochter kam, war er glückselig und wiederholte immer und immer, daß dieser Tag sein höchstes Glück sei. Er mußte sich niedersetzen, so hatte ihm die Freude, fast wie ein Schreck, die Knie angegriffen, diese Ehre schien zu schwer für ihn, und als jetzt ein erwünschter Besuch, der Vetter Waldhornwirt eintrat, blieb Diethelm auf seinem Stuhle sitzen und sagte mit verklärtem Lächeln:

»Wärst du nur um eine Stunde früher gekommen, da hättest du sehen können, wie die Fürstin von ** mit mir gesprochen hat, grad' so, wie ich jetzt mit dir, so freundschaftlich, so herztreu. Ich hätt' einen Finger von der Hand drum geben, wenn ich ganz Buchenberg hätt' daneben stellen können. Aber erzählen mußt's. Sie müssen's alle wissen.«

Der Vetter versprach, zu erzählen, andern Tages aber wurde er auch von der Wahrheit überführt, denn vor dem Kurhause, vor allen Leuten, winkte die Fürstin den Diethelm zu sich und unterhielt sich lange mit ihm. Sie fragte nach seiner Untersuchungshaft, und Diethelm, der anfangs erschrak, richtete sich an einer alten Erinnerung auf und beteuerte, wie er ein treuer Unterthan sei und nichts von den Grundrechten wolle, aber das Schwurgericht, das sei doch gut, da werde man auch öffentlich freigesprochen. Mit einem freundlichen Lächeln entließ ihn die Fürstin, und der Vetter Trompeter, der von ferne zugesehen, faßte seine Hand, als er zu ihm trat, und rief:

»Was meinet Ihr, Vetter, wenn das Euer Vater gesehen hätt', der Krattenmacher von Letzweiler?« Diethelm schien diese Erinnerung nicht genehm, denn er erwiderte:

»Was redest du wie ein Mann ohne Kopf?« Der Vetter verstand und fuhr fort:

»Ich hab's nicht allein gesehen, dort steht der Kastenverwalter von G. Gucket, er kommt schon her und will Euch Glück wünschen.«

In der That geschah dies auch, und nicht nur der abgestellte Kastenverwalter, viele andre hohe und niedere Beamte, ja sogar Adelige behandelten Diethelm mit Auszeichnung, und zum darauffolgenden Ball im Kurhause erhielt Diethelm mit seiner Familie eine Einladung. Martha sagte sogleich, daß sie daheim bleibe, sie sei krank und nicht zum Tanzen da, Fränz aber hüpfte vor Freude, als hörte sie schon die lustigen Tanzweisen.

Fränz war, wie gesagt, während des Badeaufenthaltes noch nie zu rechter Freude gekommen, sie fühlte sich nicht recht heimisch in diesen Umgebungen, sie hatte zwar die Bauernhaube abgelegt, die kaum zu bewältigenden Haarflechten aufgenestelt und sich einen farbenschillernden Sonnenschirm angeschafft, aber erst durch einen Geistlichen erhielt sie eine gesellschaftliche Firmelung. Ein junger Missionär aus der Schweiz, der in einem zierlichen Rollwagen umhergeführt wurde, war bald der Schützling aller Frauen und Mädchen, auch Fränz wurde durch eine priesterlich zuvorkommende Ansprache in seinen Kreis gezogen und verlor bald jede äußere Schüchternheit, indem sie gleich den übrigen dem Kranken, der noch dazu ein geweihter Priester war, sich dienstgefällig erwies. Die Hilflosigkeit des Kranken ließ jede Scheu verschwinden, man durfte ihm die Hand reichen und gefällig sein wie einem Kinde. Der junge Mann, ein wirklich eifervoller Priester, mit seinem blassen Antlitze, das durch die beständige weiße Halsbinde noch gehoben wurde, war eine anziehende Erscheinung, und sein brennendes Auge, das er wundersam zu heben und zu senken verstand, zeugte von innerem Feuer, das auch hervorbrach, wenn er an stillen, schattigen Plätzen dem Frauenkreise vorlas. Er hatte eine wohltönende, ins Herz dringende Stimme. Fränz hatte in der Stadt die Kunst gelernt, Pantöffelchen zu brodieren, und sie saß nun mit den andern Frauen mit ihrer Arbeit um den heiligen Mann und hörte die ergreifenden Vorlesungen und eifervollen Vorträge; sie verstand es, wie die andern, mitunter aufzuschauen, einen verständnisreichen Blick zu thun, bedeutsam mit dem Kopf zu nicken oder gar die Hände ineinander zu legen und unverwandt auf den Redner zu schauen. Mitunter war sie auch wirklich ergriffen, und der Spruch: Rette deine Seele! schauerte ihr durch Mark und Bein. Sie erkannte mit Schrecken, wie sie ihr Seelenheil bisher verwahrlost und war geneigt, dem Jungfrauenbunde, für den schließlich geworben wurde, beizutreten, aber ein äußerlicher Grund half ihr, sich von den schweren Opfern zu befreien. Sie glaubte zu bemerken, daß einige, und zwar die Vornehmsten und Manierlichsten, von dem weihevollen Manne vorgezogen wurden, die Eitelkeit regte sich, und gewohnt, daß alles in der Welt nur zum Schein geschehe, forschte sie auch hier den Täuschungen nach und glaubte solche immer mehr zu finden. Dennoch war sie bereits so sehr im Bannkreise des jungen Priesters, daß sie ihm reuig und zerknirscht diese ihre Sünde offen beichtete, aber die Mahnung, ihre Eitelkeit zu besiegen, machte sie stumm und im Innersten widerspenstig, zumal diese Anforderung gerade mit der Ehre zusammentraf, die ihrem Vater durch die Fürstin von ** geworden war.

Die Leichtigkeit, mit der sich ein Verhältnis im Badeleben knüpft, zeigt sich auch im Lösen desselben. Fränz hatte immer mehr Abhaltungen, im Schatten der wilden Kastanien unter dem andächtigen Zuhörerkreise des Missionärs zu erscheinen. Wenn sie dorthin ging, hatte sie den stillen, bescheidenen Gang und den niedergeschlagenen Blick, wenn sie aber bei den Musiken im Freien erschien, hatte sie, man kann fast sagen, etwas schäckernd Hüpfendes, wobei sie den Kopf in den Nacken warf.

Und diese letzte Haltung gewann die Oberhand, als der Priester, bald geheilt, im blumenbekränzten Wagen abreiste.

Fränz wollte, rund heraus gesagt, sich hier einen Mann erobern..

Den Munde bei seinen Schafen hatte sie längst vergessen, ja, sie sah jetzt, daß er nie zu ihr gepaßt habe; aber hier that ihr die Wahl weh zwischen dem Rautenkranzsohn, der hier Kellner war, und dem Amtsverweser. Der Kellner war eine gutartige und heitere Erscheinung, aber es hatte doch etwas Abstoßendes, daß er hier jedermann bediente und gegen alle Welt freundlich und unterwürfig sein mußte. Das behagte dem hoffärtigen Wesen der Fränz durchaus nicht. Wenn er ihr bei Tafel eine Schüssel reichte und dabei einige freundliche Worte sprach, schämte sie sich fast, ihm zu antworten; zwar erinnerte sie sich wieder, was er daheim zu bedeuten habe, und wie er mehr sei, als viele, die er hier bediente; aber eben dieses Bedienen gefiel ihr nicht, und dann konnte der Kellner nie einen Spaziergang, viel weniger eine Ausfahrt mitmachen, er mußte froh sein, wenn er eine Stunde von fünf bis sechs Uhr nachmittags erübrigte, um, an den Hauspfosten gelehnt, eine Cigarre zu rauchen, die er schnell verbarg, wenn ein Gast kam. Dennoch hatte Fränz nicht recht den Mut, sich von ihm abzuwenden, ja sie dachte sich aus, wie alles schon anders würde, wenn sie einmal ein eigenes Wirtshaus hätten. Der Amtsverweser war äußerst zurückhaltend, obgleich er mit an derselben Tafel speiste; er schien mehreren Damen den Hof zu machen, die er oft auf Spaziergängen begleitete. Glücklicherweise aber – man konnte nun nicht sagen, daß die Ansprache der Fürstin von ** daran schuld sei – hatte der Amtsverweser sie und den Vater just den Tag vorher begleitet und viel mit Fränz gelacht; er setzte nun diese Annäherung mit großer Beständigkeit fort, überbrachte selbst die Einladung zum Kurhausball und schickte am Abend desselben den erlesensten Blumenstrauß, eine Aufmerksamkeit, mit der ihm jedoch der Rautenkranzsohn zuvorgekommen war. Es waren beide wohl zu beachtende Bewerber. Der Rautenkranzsohn war jünger und farbiger, in seinem vollen, wohlgekämmten braunen Haar sah man stets die frischen Furchen der Bürste und den weißen Scheitel; der Amtsverweser war blasser und mit einer avancierenden Glatze versehen. Fränz hielt die beiden Sträuße der Bewerber in der Hand und betrachtete sie lang, sie überlegte, welchem Strauß und welchem Geber sie den Vorzug gönnen solle, ihre Wangen glühten, sie war nicht dem Zufall ergeben genug, um eine Blume mit »Liebt mich« und »Liebt mich nicht« zu zerzupfen, sie bedachte, daß der Rautenkranzsohn allerdings seine Vorzüge hatte, er stand ihr näher, sie kannte seinen Lebenskreis genau und konnte sich frei darin bewegen, auch war er gut geartet und leicht zu beherrschen, nicht so sehr wie Munde, aber doch lenksam genug, und sie hatte sich's ja einst als schönstes Ziel gedacht, Frau Rautenwirtin zu werden; aber Frau Amtmännin und in Zukunft Frau Regierungsrätin – das ist doch schöner, und ein Narr ist, wer das Höhere erreichen kann und sich mit Geringerem begnügt. Fränz war entschlossen, den Blumenstrauß des Amtsverwesers zu nehmen; aber während des langen Besinnens hatte sie vergessen, ob der in der Rechten oder in der Linken von ihm kam, sie waren so ähnlich. Jetzt erinnerte sie sich, daß der in der Rechten der gültige war, aber in der Verwirrung hatte sie die Sträuße niedergelegt und dieses Merkmal zerstört. Wenn aber kein rechtes Kennzeichen war, so konnte ja der Amtsverweser nichts merken? Wer weiß indes, ob er nicht doch ein geheimes Kennzeichen hat. Fränz war ganz berauscht von der blumenduftigen Werbung, sie eilte die Treppe hinab und wollte den Kellner fragen, welcher Strauß von ihm sei, aber nicht der Gedanke, welch eine tückische Härte hierin lag, hielt sie plötzlich fest, sondern die Erinnerung, daß sie ja dann eine offenbare Entscheidung machen müsse und einen Freier aus der Hand gebe, bevor sie des andern gewiß sei, und jetzt that sich ein neuer und glücklicher Ausweg auf, sie wollte gar keine Blumen mitnehmen und dem Amtsverweser sagen, sie habe deren so viele von unbekannten Verehrern bekommen, daß sie alle daheim gelassen. Das wird ihn kirren und rasch zugreifen machen, und dann ist die Entscheidung da.

Und so geschah es auch.

Wieder unter rauschender Musik wurde Fränz zum zweitenmal verlobt. Der Amtsverweser hatte in unerklärlicher Zaghaftigkeit gewünscht, daß die Verlobung noch einige Zeit geheimgehalten werde, mindestens bis er seine täglich erwartete Bestallung als stellvertretender Staatsanwalt erhalten habe, aber Diethelm war nicht gewillt, nur einen Tag der Ehre verlustig zu gehen, die ihm aus dieser Verlobung seiner Tochter entsprang; er faßte den Einwand seines Schwiegersohns, daß er wegen des neu zu übernehmenden Amtes vor kommendem Frühling nicht heiraten könne, dahin fest, daß Fränz während dieser Zeit noch in ein Erziehungsinstitut, eine »Schnellbleiche«, wie er es spöttisch bezeichnete, gethan werde, um ihrer neuen Stellung gerecht zu werden. Bis dahin wollte er auch sein neues Anwesen in Buchenberg verkaufen und, wie er doch schon lange vorhatte, nach der Kreisstadt ziehen.

Die warme Quelle hatte weder Diethelm von seinem Froste, noch seine Frau von der Abgestorbenheit ihrer Finger befreit, man getröstete sich der Nachwirkung.

Nur Fränz hatte erreicht, was sie wollte, und die Eltern erfreuten sich bei der Heimfahrt im Sprechen über das Glück ihres Kindes und vergaßen darüber alle Körperleiden und alles Leid in der Seele.

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