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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band. - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Achtzehntes Kapitel.

Die Wintertage waren so kurz, und der junge Amtsverweser, der bald seinen Fehler erkannte, daß er die erste Anklage gegen Diethelm in dessen Beisein vernommen, wollte ihm nicht Zeit lassen, sich ein Gewebe von Aussagen zu knüpfen. Er nahm den Gefangenen daher noch am Abend ins Verhör, und Diethelm war es allerdings schauerlich, als er durch matterleuchtete schallende Gänge nach der Verhörstube geführt wurde. Hier war es noch leer. Diethelm erhielt vom Landjäger den Befehl, sich auf einen Stuhl an der Wand zu setzen, wo gerade hüben und drüben Wandleuchter mit brennenden Kerzen ihren Lichtschein ihm ins Gesicht warfen; er wollte wegrücken, erhielt aber die Weisung, just hier sitzen zu bleiben. In der Stube waren nur noch zwei Lichter, am Sitze des Aktuars hinter dem Aktengestelle. an dem langen grünen Tische, und der Schatten des Gestelles breitete sich weithin in die Stube. Diethelm wollte dem Landjäger neben ihm sagen, daß er seinen Vater wohl gekannt habe, aber der Landjäger wendete sich ab und winkte ihm mit der Hand, nichts zu reden. So saß denn der Angeklagte, die Hände gefaltet, stumm vor sich niederschauend. Endlich näherten sich Schritte aus der Nebenstube, der Amtsverweser und der Aktuar traten ein, ihnen folgten die beiden Gerichtsschöppen, und diese waren niemand anders, als der alte Sternenwirt und der pensionierte Kastenverwalter. Diethelm war aufgestanden und sagte, mit dem Kopfe nickend: »Guten Abend.« Er erhielt keine Antwort; krampfhaft faßte er die Stuhllehne, und seine Zähne klapperten, aber er biß sie aufeinander, und als der Amtsverweser ihm mit den Worten zuwinkte: »Setzt Euch,« that er dieses, räusperte sich und rieb sich hastig die Hände. Nun begann ein kluges Verhör von Kreuz- und Querfragen, und Diethelm war es, als umgäben ihn von allen Seiten scharfe Schwertspitzen; aber er hielt sich ruhig, er antwortete ohne Hast, aber auch ohne Zögern, es war fast, als ob er dem schreibenden Aktuar Zeit lassen wolle, genau seine Worte aufzuzeichnen. Auf manche Fragen antwortete er sogar mit spaßigem und herausforderndem Lächeln, und die Anwesenheit des Kastenverwalters gab ihm den glücklichsten unvorhergesehenen Entlastungsbeweis an die Hand. Alles, was er so klug vorher bedacht hatte, war minder durchschlagend als das, was ihm eine unbedachte Vergeßlichkeit in die Hand spielte; der Kastenverwalter mußte bezeugen, daß er Diethelm für sechshundert Gulden inländische Staatspapiere geliehen habe; diese nun nebst einem Hypothekenschein auf das Wirtshaus zum Waldhorn waren verbrannt.

»Ich weiß wohl,« schloß Diethelm, »daß das Verbrennen der Hypotheke nichts schadet, sie ist im Hypothekenbuch eingetragen; aber die Staatspapiere sind verloren, und diese hätte ich doch gewiß leicht gerettet, wenn ich den schlechten Gedanken an Anzünden nur eine Minute gehabt hätte.«

Als der Amtsverweser erklärte, daß man die Nummern der Staatspapiere, die der Kastenverwalter noch in seinem Buche verzeichnet hatte, in den Zeitungen bekannt machen und die etwaigen Besitzer bei Vermeidung der Amortisation auffordern werde, da sagte Diethelm:

»Was das ist, ich weiß es nicht, ich frag' auch nicht darnach, es wird sich alles zeigen; wie es scheint, glaubt man mir ja nicht mehr.« Und das, daß man ihm das Wahrhafte an seinen Angaben bezweifelte, gab ihm immer mehr den Mut, mit kecker, herausfordernder Zuversicht aufzutreten. Zuletzt faßte er seine Aussagen dahin zusammen, daß er mindestens zehn Stunden abwesend war, als der Brand ausbrach, daß er gerade jetzt in der besten Lage war, da er nicht nur einen schicklichen Verkauf machen konnte, sondern auch durch den Tod seiner Stieftochter ihm eine reiche Erbschaft ins Haus kam, er habe daher nach der Hauptstadt reisen wollen, um den Handel abzuschließen und seine Fränz heimzubringen, damit die Mutter in ihrem Schmerz doch auch ein Kind um sich habe. Dem Vorhalt, daß er über den Aufenthalt Medards widersprechende Aussagen gemacht und wohl mit ihm im Einverstande gewesen sei, setzte Diethelm die Beteuerung entgegen, daß er im Gegenteil dem Knaben gesagt habe, der alt' Schäferle möge zu seinem Sohn hinaufgehen, da er daheim bleiben müsse und an seinem Beinbruche leide. An dieser letzten neuen Zuthat fand der Richter eine Handhabe, um Diethelm noch eine geraume Weile hin und her zu zerren, aber Diethelm riß sich endlich gewaltsam los und sagte aufstehend mit mächtiger Zornesstimme:

»Ein Ehrenmann wie ich braucht sich eigentlich gar nicht zu verteidigen. Ich bin seit fünfzehn Jahren Waisenpfleger und habe für die Waisen gesorgt wie ein Vater und nie auf meinen Vorteil gesehen –«

Diethelm hielt plötzlich mit einem Schrei inne, denn von der Höhe senkte sich eine Flamme und brannte ihm ins Gesicht.

»Was macht Ihr?« schrie er plötzlich laut auf und fuhr weit zurück, sank auf den Boden und starrte drein, als sähe er ein Gespenst.

»Was macht Ihr?« schrie er nochmals.

Der Richter sprang schnell von seinem Stuhl auf, faßte Diethelm an der Schulter und fragte mit gebieterischem Tone:

»Habt Ihr mit solch einer Kerze das Haus angezündet?«

»Ich weiß nicht, was Ihr wollt. Ist das erlaubt? Ich will das zu Protokoll genommen. Darf man mich brennen?« schrie Diethelm sich aufrichtend.

Der Richter befahl dem Kanzleidiener, die Kerze, die Diethelm beim raschen Aufstehen von dem Wandleuchter gestoßen, wieder aufzustecken, und gebot Diethelm, ruhig auf seinem Stuhl zu bleiben und sein Handfuchteln zu lassen.

Sich am Stuhle aufrichtend, setzte sich Diethelm auf denselben und atmete laut.

»Warum seid Ihr wegen der Kerze so erschrocken?« fragte der Richter nochmals, rasch und nahe auf Diethelm zutretend und die Hand gegen ihn ausstreckend.

»Nur gemach, nur gemach,« wehrte Diethelm ab, »sind Sie vielleicht feuerfest, Herr Amtsverweser? Thut's Ihnen nicht weh, wenn Ihnen ein Licht ins Gesicht brennt und noch dazu den Tag, nachdem so ein Unglück über Sie kommen ist und man jedem Licht bös ist, weil es so was anrichten kann? Sie können, nein, beim Teufel, Sie müssen mich freisprechen, Herr Amtsverweser, aber die Schande, daß ich eingesperrt gewesen bin, ich, der Diethelm von Buchenberg, und die Qualen, die man mir anthut, die könnet Ihr mir nicht wieder gut machen. Mich tröstet nur eins: ich bin zu stolz gewesen, ich hab' mir auf meinen Ehrennamen vielleicht zu viel eingebildet, ich hab' gedemütigt werden müssen; aber so viel weiß ich, so gut gegen die Menschen bin ich nicht mehr, wie ich gewesen bin. Fraget in Letzweiler nach mir, fraget überall nach mir, und man wird Euch sagen, wer der Diethelm ist. Ich soll geholfen haben anzünden? Ja, das Beste vergess' ich ja. Der Kastenverwalter da, und der Sonnenwirt und der Kaufmann Gäbler, die können mir alle bezeugen, daß sie mich überredet haben, zu versichern, ich hab' nicht gewollt. Thut das ein Brandstifter? Thut das ein Mordbrenner?«

»Sprecht nur leiser,« ermahnte der Richter, und Diethelm fuhr fort:

»Sie haben recht, ja, aber ich möcht laut' schreien, daß es die ganze Welt hört, was man mir anthut. Jetzt will ich aber nicht mehr reden. Fragen Sie noch, was Sie zu fragen haben.«

Der Richter stellte fast nur noch der Form wegen einige Nachforschungen an, dann fragte er Diethelm zuletzt, ob er in Bezug auf seine Haft noch etwas zu wünschen oder zu klagen habe. Diethelm erwiderte, daß er den Advokat Rothmann sich zum Rechtsbeistand nehmen wolle. Als der Richter hierauf entgegnete, daß dieser im Auftrage der Fahrnisversicherung sein Ankläger sei, schloß Diethelm:

»Dann will ich gar keinen Advokaten. Ich hab' aber noch eine Bitt', ich schäm' mich fast, sie zu sagen; man hat mir die Hosenträger genommen, damit ich mich nicht dran aufhänge, und ohne die Hosenträger ist mir's immer, als ob mir der Leib auseinanderfallen thät.«

Der Richter klingelte dem Amtsdiener und befahl ihm, das Gewünschte Diethelm wieder zurück zu geben. Der Amtsdiener meldete leise etwas, und der Richter sagte:

»Diethelm, Ihr könnt Eure Frau und Eure Tochter sehen, wenn Ihr versprecht, nichts von Eurer Anklage mit ihnen zu reden.«

Diethelm versprach und blieb auf dem Stuhl sitzen. Mit scheuen Bücklingen trat Martha ein, Fränz aber drang ihr vorauf und streckte dem Vater beide Hände entgegen. Diethelm schüttelte sie wacker und reichte dann die andre Hand seiner Frau, die er aber bald zurückzog. um sich eine Thräne abzutrocknen. Fränz berichtete, daß sie mit der Mutter in der Post wohne. Der Richter befahl, daß Diethelm abgeführt werde. Er sprach kein Wort mit den Seinigen und ging von dannen.

Der Richter sagte nun Martha, daß er sie auch gleich verhören wolle, da sie nun da sei; er bot ihr den Stuhl an, den Diethelm soeben verlassen, sie setzte sich und legte die Hände in einander. Sie bat, ob nicht ihre Fränz bei ihr bleiben dürfe, der Richter verneinte dies mit Bedauern, Fränz könne indes im Vorzimmer warten.

Martha preßte die gefalteten Hände wie zu einem Dankgebet zusammen, als ihr der Amtmann die schönmenschliche Gesetzesbestimmung erklärte, daß ein Angehöriger keinen Zeugeneid zu leisten habe und es überhaupt seinem Belieben anheimgestellt sei, Zeugnis abzulegen oder zu verweigern. Martha erklärte sich für ersteres, teils in der Hoffnung, ihrem Manne zu nützen, teils auch, weil sie den Mut nicht hatte, ohne Red' und Antwort das bestellte Gericht zu verlassen.

Martha war so offenbar ein Bild des aufrichtigen Jammers, daß der Richter sie nicht mit verwickelten Fragen quälen wollte. Sie konnte mit Fug beteuern, daß sie von der Handelschaft ihres Mannes fast gar keine Einsicht hatte, und als auf ihren Ehezwist wegen der Großthuerei und Verschwendung Diethelms die Rede kam, glaubte sie, daß Gott es ihr verzeihen müsse, wenn sie das nicht unter die Welt kommen lasse; sie bestritt daher jeden ehelichen Zwist und lobte ihren Mann aus Herzensgrund. Der Richter ging bald hiervon ab und fragte:

»Ist nie zwischen Euch und Eurem Manne davon die Rede gewesen, daß er brandstiften will?«

Martha war's, als schlügen ihr Flammen ins Gesicht. Was sollte sie darauf antworten? Zwar hatte damals am Versicherungstage Diethelm die Sonne zum Zeugen angerufen, daß sie ihn nie mehr erwärmen solle, wenn er einen solchen Gedanken habe, aber wenn sie das bekannte, wer weiß, was daraus gemacht wird? Aber sie hat doch versprochen, die Wahrheit zu bekennen. Zweimal ließ sich Martha die Frage wiederholen, und schon stand ihr das Bekenntnis auf der Zunge, aber sie schluckte die Worte hinab, und matt die Hände in den Schoß sinken lassend, sagte sie:

»Nein, nie, niemals.«

Ueber Medard befragt, erklärte sie, daß er ihrem Mann schon lange gram war, weil er ihm manchmal im Zorn das Zuchthaus vorgeworfen, und der Medard sei ohnedies aufsätzig gegen den Meister gewesen, weil er seinen Bruder, den er lieb hatte, wie sein eigen Kind, nicht vom Militär losgekauft habe; gegen sie aber sei er immer gut gewesen, er habe zwar manchmal Veruntreuungen gemacht, aber die könnten einmal die Schäfer nicht lassen. Martha unterschrieb das Protokoll und wankte hinaus zu ihrer Tochter. Im Amthause sprach sie kein Wort mehr, auf der Straße aber sagte sie:

»Das sind Seelenverderber, die Amtleute, da droben haben sie mir das Herz ausgeschnitten.«

Fränz suchte die ungemein erregte Mutter zu beruhigen, so gut sie konnte, aber noch im Schlafe schrie Martha oft wild auf und warf sich im Bette hin und her.

Diethelm war indes mit triumphierendem Stolz in sein Gefängnis zurückgekehrt. Von aller Unthat war keine Erinnerung in ihm; er gedachte nur seines Sieges, wie es ihm gelungen war, sich so hinzustellen, daß der Richter ihm fast Abbitte thun mußte. Seine Verteidigung war nun festgegründet, dort stand sie verzeichnet und konnte nicht mehr ausgelöscht werden. Diethelm freute sich über sich selbst, er hatte gar nicht gewußt und erst jetzt erfahren, welch eine Macht ihm innewohnte. Du wärst ein großer Mann geworden, sagte er sich, wenn du auf dem rechten Platz stündest, es haben andre schon viel Aergeres gethan und sind doch ruhmvoll durch die Welt gegangen. Jetzt fang' ich das Leben von vorn an. Ich will ihnen zeigen, wer der Diethelm ist.

Der Amtsdiener, der das Gewünschte Diethelm übergab, freute sich ob seines Frohmutes und erklärte schlau:

»Ich hab' Euch nur wie einen gemeinen Verbrecher behandelt, damit man kein Mißtrauen in mich haben soll, weil wir so nah verwandt werden. Ich hab's wohl gewußt, daß Ihr ein unschuldiger Ehrenmann seid, auf den wir stolz sein können. Im Gesicht vom Amtsrichter ist deutlich geschrieben gestanden: der ist freigesprochen. Es kann noch ein paar Tag dauern, aber gewiß ist's, da verlaßt Euch drauf. Ich versteh' das.«

Wie nach einer vollbrachten Großthat streckte sich Diethelm auf die Pritsche, er befahl noch, tüchtig einzuheizen, denn es fror ihn noch immer so mörderlich; wollte ihm auch manchmal ein Gedanke dessen kommen, was er gethan, er verscheuchte ihn und schlief ruhig ein.

Tief in der Nacht aber wurde er aufgeweckt, und im Scheine einer Blendlaterne standen zwei Männer vor ihm.

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