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Schwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band.

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band. - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
yearca. 1893
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleSchwarzwälder Dorfgeschichten - Vierter Band.
created20030404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Sechzehntes Kapitel.

Lautlos und regungslos, weiß überschneit, stand die Menschenmasse am Berge versammelt, und wie sie vom roten Glutschein übergossen war, erschien sie wie von einem Zauber festgebannt. Keine Menschenstimme ward hörbar, nur vom Turme dröhnte die Sturm- und Sterbeglocke, die sogenannte alte Kathrin', und aus der Flamme, die breit und still, von keinem Winde bewegt, hochauf schlug, tönte ein tausendstimmiges Wehklagen, so dumpf und tief und wiederum so gräßlich röchelnd, als hätten die auflodernden Flammenzungen markerschütternde Stimmen gewonnen, und über der Flamme glitzerte der fallende Schnee und verdampfte in seltsame Luftgebilde.

»Zu Hilfe! Rettet! Rettet!« schrie Diethelm vom Schlitten springend, »was steht ihr so müßig da? Rettet!«

Wie aus dem Zauberbann erlöst, wendeten sich alle plötzlich nach ihm und umringten ihn.

»Es ist nichts zu helfen,« sagte der Schmied, »dein Haus ist an allen vier Ecken angegangen, eh' man's gewußt hat, und kein Mensch als dein Medard hat die Kloben aus der Spritze da 'rausgenommen. Wir können nichts machen.«

»Wo ist der Medard?« fragte Diethelm.

»Das weiß kein Mensch, er hat sich heut vor niemand sehen lassen, der hat gewiß angezündet und ist vielleicht im Haus verbrannt; die wo zuerst kommen sind, sagen, sie hätten ihn schreien gehört.«

»Rettet! Rettet!« schrie Diethelm und eilte nach dem Hause, aber von dorther kam eine Rachegestalt mit weißen Locken und zerfetzten Kleidern und warf sich auf Diethelm und wollte ihn erdrosseln.

»Mordbrenner! Mordbrenner!« kreischte der alte Schäferle mit schäumendem Munde, »wo hast du mein Kind? Wo? Gib mir mein Kind. Mordbrenner! Mein Kind! Mein gutes, braves Kind!«

Mit Gewalt wurde der rasende alte Mann von Diethelm losgerissen, er hatte mehr als jugendliche Manneskraft und hielt Diethelm wie mit eisernen Banden umklammert, und Diethelm ächzte laut auf, denn der Schäferle hatte ihn gerade an der Armwunde gefaßt, und als fräßen sich tausend schneidende Spitzen durch Mark und Knochen ein, so schmerzte bei der Berührung der Vaterhand der vom Sohne eingepreßte Biß. Das Blut rann Diethelm von der Hand herab, als er losgemacht war, er taumelte halb besinnungslos umher, aber der Vetter stand ihm getreulich bei. Jetzt hörte man deutlich, woher das Wehklagen kam: die Schafe im Stall, dessen Eingangswand bereits in Flammen stand, blökten so schmerzvoll klagend, daß es das Herz im Leibe erschütterte, es war nicht anzuhören. Diethelm brachte es mit dem Vetter und dem Schmiede dahin, daß sie eine Feuerwand einbrachen, um durch die Oeffnung die Schafe zu retten, und so viel auch die Umstehenden abwehrten, Diethelm konnte es nicht ertragen, daß auf einmal so viel Leben, und sei es auch nur das der Tiere, draufging. Er drang selber durch die eingerissene Wand ein: wie in einen Knollen zusammengepreßt, standen die Tiere, und von denen, die der Flamme nahe waren, sprang bald eines, bald das andere wie aufgeschnellt mitten in die Flamme hinein, that noch einen jämmerlichen Schrei, und die unversehrten blökten vor sich nieder. Mit Gewalt drängte sich Diethelm in die Mitte der Tiere und suchte sie hinauszutreiben, aber sie preßten sich immer wieder zusammen, und plötzlich fiel er nieder, und die Tiere standen auf ihm und um ihn, und mit halb ersticktem Schrei konnte er nur noch um Hilfe rufen. Es gelang dem Vetter, ihn zu retten, und bewußtlos, aus unsichtbaren Wunden blutend, wurde Diethelm nach dem Dorfe in das Waldhorn getragen, während gerade das Haus zusammenkrachte und der Dachstuhl in die Umfassungsmauern stürzte. Ein unerträglicher Geruch benahm allen Menschen fast den Atem, so daß keiner ein Wort sprach. Nur der alte Schäferle rief dem Davongetragenen nach: »Mordbrenner! du darfst nicht sterben. Du mußt noch am Galgen verfaulen.«

Er wurde erst ruhiger, als eben Frau Martha kam . . . .

Es war Tag, als Diethelm erwachte, und vor ihm stand seine Frau und hob die gefalteten Hände zum Himmel, als er die Augen aufschlug.

»Du da?« fragte Diethelm, »ist sie tot?«

»Ach Gott, ja, und sie hat noch im Sterben das Unglück gesehen.«

»Wer hat mir meinen Arm verbunden? Bist du schon lang da? Hab' ich im Schlaf was geredet?« fragte Diethelm wieder in fast zornigem Tone.

»Der Doktor ist mit mir herüber vom Kohlenhof, und der hat dir deinen Arm verbunden. Du bist von einem Schaf gebissen, ich bin grad kommen, wie sie dich fortgetragen haben. Du hast nicht im Schlaf geredet, als ein paarmal Medard gerufen.«

»Weiß man nichts von Medard?«

»Ach, lieber Gott, nein, der ist gewiß verbrannt.«

Diethelm schloß noch einmal die Augen und schärfte still die Lippen, dann begehrte er aufzustehen, er sei wohl und müsse nach dem Schutthaufen sehen. Die Frau suchte ihm einzureden, daß er noch krank sei, und als er dies streng abwehrte, erklärte sie ihm, daß er dann vielleicht verhaftet und nach der Stadt abgeführt würde.

»Ist mir recht,« sagte Diethelm trotzig, »dann nimmt die Geschichte bald ein Ende. Sie können mir nichts thun. Wer klagt mich an?«

»Der alt' Schäferle.«

»Da hilft kein' Sympathie.«

»Wie ich hör',« sagte die Frau zögernd, »will auch die Brandversicherung dich anklagen.«

»Hoho!« lachte Diethelm, »denen will ich's schon zeigen, die müssen mir blechen. Ich steh' auf, ich bin hechtgesund.«

Trotz aller Widerrede vollführte Diethelm seinen Ausspruch und zankte mit seiner Frau, daß sie so eine herzbrechende Miene mache. Erst als sie mit halbunterdrücktem Weinen sagte, sie habe ja auch gestern ihr Kind verloren, erwiderte er:

»Ja ja, das ist wahr. Zum Teufel, daß ich das auch immer vergeß. Ich will gleich einen Boten an die Fränz schicken, sie muß heimkommen.«

Martha stand am Fenster und weinte in den schneeigen Tag hinaus. Erst als Diethelm leise vor sich hinpfiff, wendete sie sich um und sagte:

»Um Gotteswillen, Diethelm, was machst? Wie kannst du nur auch so sein? Was müssen die Menschen von dir denken, wenn du nach so einem Fall jetzt gar noch lustig thust?«

»Hast recht, hast recht, red' weiter nichts, hast recht,« sagte Diethelm hastig. Er erkannte schnell, daß seine Frau ihn auf das Entsprechende hinwies; allzuviel Gleichmut war wiederum verdächtig.

Eine gewaltige Veränderung war in Diethelm vorgegangen. Nun die That geschehen war mit all' ihrem Schrecken, galt es, mit gefestetem Mute ihr standzuhalten. Er verbannte alle Weichherzigkeit, und als er vor dem kleinen Spiegel stand und sein flockseidenes Halstuch umthat, hielt er die Zipfel desselben eine Weile ruhig in der Hand und betrachtete die stolzsichere Miene, die er allen Vorkommnissen gegenüber bewahren wollte.

In der Wirtsstube, wo der junge Amtsverweser mit seinem Aktuar und zwei Landjägern und noch viele aus dem Dorf sich befanden, schaute alles verwundert auf, als Diethelm freundlich grüßend und mit dem Ausspruche eines schmerzlichen Bedauerns eintrat. Diethelm wollte dem Amtmann, mit dem er am Markttag an einem Tische gesessen, die Hand reichen, aber der Amtmann wußte gewandt seine Hände mit einem großen vor ihm liegenden Bogen zu beschäftigen, und Diethelm zuckte mit den Achseln, als er die dargebotene Hand leer wieder zurückziehen mußte.

»Ihr seid gekommen,« nahm Diethelm das Wort, »um mein Unglück in gerichtlichen Augenschein zu nehmen. Helfet nur auch untersuchen, wie das Feuer ausgekommen. Es ist leider nichts gerettet.«

Der Amtmann erklärte, daß alles das späteren Verhandlungen vorbehalten bleibe; er schickte einen Landjäger nach dem alten Schäferle und ersuchte die Anwesenden, außer dem Schultheißen, das Zimmer zu verlassen.

»Ich hätt' eine Bitt', die Ihr mir wohl willfahren könnet, wenn's nicht gegen das Recht ist,« sagte Diethelm mit ruhiger und doch weicher Stimme, »ich möcht', daß meine Mitbürger mit anhören dürften, worauf ich angeklagt bin. Das öffentliche Gericht, das uns versprochen worden, ist noch nicht eingesetzt; drum möcht' ich bitten, wenn's möglich wär', daß alle da blieben.«

Der Amtmann willfahrte mit der Bemerkung, daß nur ein vorläufiges Protokoll aufgenommen werde. Ein jeder suchte sich nun einen guten Platz, und mancher sagte leise zu seinem Nachbar, wie der und jener sich ärgern werde, daß er nicht auch dabei sei und das mit anhören könne.

Der alte Schäferle trat ein, bleich, mit weißen Haaren und eingefallenen Wangen, eine bejammernswerte Gestalt. Alle Blicke waren auf Diethelm gerichtet, und dieser wußte, daß dies geschah; mit ruhigem Auge betrachtete er den Mann, in der Wunde am Arme zuckten Pulse, als spürten sie die Nähe des Rächers; in dem Gesichte Diethelms wollte sich's regen, aber er beherrschte seine Züge, er sah gewaltsam starr drein, und kein Nerv bebte.

»Sagt, was Ihr habt?« ließ sich Diethelm nach einer lautlosen Pause vernehmen, in der man nichts als das Winseln von Medards Schäferhund vor der Thüre vernahm.

»Das ist meine Sache,« fiel der Amtmann ein, und oft von Weinen und Schluchzen unterbrochen, erklärte der alte Schäferle, wie sein Medard ihm schon im Herbst gesagt habe, der Diethelm habe nur eingekauft und versichert, um anzuzünden, er habe sichere Anzeichen davon; wie der alte Mann jetzt klagte, daß er nicht einmal die Leiche seines Sohnes habe, um sie zu bestatten, fuhr sich mancher mit der Hand über das Gesicht; auch Diethelm wischte sich die Augen. Als aber der alte Schäferle schloß:

»Wenn der Hund da draußen reden könnte, der wüßte mehr, was vorgegangen ist,« da spielte ein Lächeln auf dem Antlitze Diethelms. Wieder entstand eine Pause, in der man nichts als das Federkritzeln des Protokollanten und das Winseln des Hundes hörte.

»Soll ich was drauf antworten?« fragte Diethelm in höflich stolzer Weise den Amtmann, und dieser erklärte, daß er vorerst gar nichts zu sagen habe. Der Schäferle erwähnte nun noch, daß ihm Diethelm beim Wegfahren einen Knaben geschickt habe, mit der Weisung, er habe Medard über Feld geschickt, und der Vater möge ihn nicht besuchen, während Diethelm doch beim Bahnschlitten gesagt habe, Medard müsse zu Hause bleiben.

Alle Zuhörer in der Stube nickten einander zu und deuteten sich mit den Fingern, wie wichtig das sei.

»Soll ich darauf auch nichts sagen?« fragte Diethelm, den Kopf zurückwerfend, »man soll den Buben holen lassen, er soll sagen, was ich ihm aufgetragen hab', und da mein Vetter war bei mir im Schlitten, der hat alles gehört.«

»Ich hab' nichts gehört,« platzte der Vetter heraus.

»Ruhe!« gebot der Amtmann, »ich weiß schon selbst, wen ich zu verhören habe.«

Er verkündete nun Diethelm, daß er verhaftet sei und nach der Stadt abgeführt werde.

»Gut,« sagte Diethelm aufstehend, »darf ich in meinem Fuhrwerk fahren? Ich hab' einen bösen Arm.«

Der Amtmann bewilligte dieses, und jetzt trat Martha vor, die allem still zugehört hatte, und sagte:

»Ich weiß von allem so gut wie mein Mann, ich will mit in den Turm, ich bleib' bei dir, Diethelm. Wir sind von Gott zusammen gegeben, kein Mensch kann dich von mir trennen.«

Jetzt erst sah Diethelm tief traurig drein, wie seine Frau seine Hand faßte. Eine tiefe Bewegung bemächtigte sich aller, und der Amtmann erklärte, daß Martha nicht bei ihrem Manne bleiben, daß sie aber mit ihm selbst nachfahren könne, da man ihrer nur als Zeugin bedürfe.

Als Diethelm von dem Landjäger abgeführt wurde, legte er an der Thüre die Hand auf die Schulter des Schäferle, sah ihn durchbohrend an und sagte:

»Du bist ein Vater, ich nehm' dir's nicht übel, was du thust, aber du wirst's bereuen, was du an mir gethan. Wenn ich mit meinem halben Leben deinen Medard wieder aufwecken könnte, ich thät's; und da schwör' ich's vor allen Leuten, ich laß dir's nicht entgelten, ich will dir helfen, wo ich kann, du hast ja deinen Sohn verloren, und du könntest ja mein Vater sein; ich will mich dünken lassen, mein Vater lebt noch einmal.«

»Friedle, was hast du an uns than?« klagte die Frau, und der Schäferle weinte, man sah es ihm an, wie weh es ihm that ob dem, was er angerichtet, zumal um den Schmerz der Frau Martha.

Selbst der Landjäger behandelte Diethelm mit Freundlichkeit und redete ihm Trost zu, daß alles bald wieder aus sei.

Als Diethelm an dem Berg vorüberfuhr, auf dem nur noch ein Schutthaufen rauchte, stieß er einen Schmerzensschrei aus; dann schloß er die Augen wie zum Schlafe, aber seine Lippen bewegten sich stets, als spräche er; in der That stand er auch in Gedanken dem Untersuchungsrichter Red' und Antwort, und manchmal zuckte etwas wie ein Lächeln um seine Mundwinkel, wenn ihm eines der Beweismittel einfiel, das jeden Verdacht abwälzen mußte. Der Landjäger schaute oft verwundert in das Antlitz des Schlafenden, der nach so grauenvollen Ereignissen unter peinlicher Anklage so ruhig träumte. Als man der Stadt nahe war, schlug der Landjäger den Mantelkragen Diethelms höher hinauf, setzte ihm die Pelzmütze tiefer ins Gesicht, und Diethelm dankte herzlich für die gutmütige Vorsorge des gegen Mitleid abgehärteten Landjägers. Erst am Gefängnisthor öffnete er die Augen, und jetzt erst merkte er, daß der Paßauf, Medards Schäferhund, ihm gefolgt war; der Landjäger scheuchte den Hund zurück, der Diethelm in die Stube des Gefangenwärters folgen wollte.

Zwei Stunden nach ihm fuhr der Amtmann mit Martha im verschlossenen Wagen nach der Amtsstadt.

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